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Es gibt ein Amt der Ordnung und ein Amt des Charismas

Predigt über 1. Timotheus 1, 12-17 am 27.6.2004 in Bernhausen

Predigtgruß:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

1. Timotheus 1, 12-17

Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist. Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.

Anlass zur Dankbarkeit, liebe Geschwister im Herrn, hat Paulus gewiss. Ausgerechnet er, der Christenverfolger, wird zu der Person, welche die erste Christenheit prägt wie keine andere. Doch was für eine Gnade ist es, die Paulus einmal so beschreibt: Fünfmal 39 Geißelhiebe, dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt, dreimal Schiffbruch, in Gefahr durch Flüsse, unter Räubern, unter Juden, unter Heiden, in Städten, in Wüsten, auf dem Meer, unter falschen Brüdern, in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße. Ist das Gnade? Ist das Barmherzigkeit? Ist das Amt?

Wer mit unserem Predigttext nach der diakonia, nach Amt, Auftrag, Dienst fragt, der erlebt Überraschungen, ob er nun eher katholisch, reformiert, lutherisch, pietistisch oder pfingstlerisch orientiert ist. Wer die Bibel genau liest, kann entdecken, dass es eben nicht DAS biblische Amtsverständnis gibt. Aber es gab eine Kirche, die für alle Welt sichtbar war und die die Menschen zum Glauben eingeladen hat: Manchmal im Streit, aber immer als Einheit nach außer erkennbar. Da gab es keine reine Hierarchie, in der alle Entscheidungen aus einer Amtspyramide kamen. So konnte Paulus, obwohl Petrus die Leitung der ersten Christenheit hatte, berichten: „Ich widerstand ihm ins Angesicht!“ Und sein Vorwurf war kein geringerer, als der der Heuchelei. Und die ersten Christen wählten Ihre Diakone.

Es gab aber auch keine X-Beliebigkeit, in der selbst eine Synodaltagung nicht in der Lage ist, in unserer Landeskirche auch nur noch ein gemeinsames Wort über die Bedeutung des Kreuzes zu finden. Es gab keine weltliche Macht, der man als Fürstbischöfen die oberste Macht einräumte. Es gab keine Parteien, die sich wie bei einer Bundestagswahl wählen ließen. Es gab keine kirchlichen Behörden, die Macht durch Verwaltung ausübten. Es gab nicht jene Theologen, deren Grundbekenntnis lautet: „Das kann man auch alles ganz anderes sehen“ und die deshalb jeden mit dem vermeintlichen Kains-Mal der Unwissenschaftlichkeit belegen, der sich zu Leben, Tod und Auferstehung des Gottes-Sohnes bekennt.

Die selben, die noch vor Jahren die Amtskirche stürmten, heben jetzt das Amt so hoch, dass es möglichst keiner erreicht, der nicht die eigene Relativität und Ratlosigkeit versteckt hinter Wissenschaftlichkeit für das einzig Absolute erklärt. Es gab kein Kirchenrecht und keine Verwaltung. Und jenen Schwärmern, die sich nur einen Aspekt aus der Guten Nachricht herauspickten oder die einen Personenkult trieben, um Gemeinde und Kirche zu spalten, denen zeigte gerade Paulus die Rote Karte. Eine schöne heile Welt war dies nicht. Es gab Streit, seit allzu kurz nach Pfingsten jener christusgemäße Zustand endete, den die Apostelgeschichte im 2 Kapitel so beschreibt: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ Nein, Paulus weint viele Tränen über die Zerstrittenheit der ersten Christen. Und doch dankt er für die Gnade seines Amtes.

Welches Amt hatte Paulus? Obwohl er Christus vor der Auferstehung nie begegnet war, nimmt er für sich das Amt eines Apostels in Anspruch – nicht auf Grund eines Apostelkonzils, nicht durch eine Synode, nicht durch Wahl, nicht einmal durch Einsegnung, sondern aus der perönlichen Begegnung mit Christus, der sich sein Leben nimmt: „Saul, warum verfolgst Du mich?“ Die Aufgabe des Heidenapostels, der den Erdkreis verändert, reißt Paulus aber nicht ungestüm an sich, er wächst im Lauf von Jahren hinein und wird so auch von den anderen Aposteln anerkannt, etwa auch dem Apostel-Konzil, bei dem die Entscheidung über die Mission bei den Nicht-Juden getroffen wird.

Doch gerade hier wird deutlich, dass Paulus nicht selbstherrlich das Steuer an sich reißt, sondern die Autorität des Petrus annimmt – nicht weil dieser unfehlbar ist, sondern weil christliche Gemeinschaft notwendiger Weise Freiheit aus dem Geist und Ordnung um der menschlichen Schuld Willen miteinander vereint. So haben Ritual und Spontaneität, Tempel und Synagoge, zentrale Orte wie Jerusalem, Konstantinopel oder Rom und Versammlungen der Gläubigen an jedem Ort – bis hin zur schäbigsten Garage, Amt aus Charisma und Amt der Ordnung ihren Platz nebeneinander.

Es gibt kein Schema F, dass sich in einer juristisch geordneten Kirchenverfassung letztgültig einordnen ließe. Denn die reine Herrschaft des Charismas führt ins Chaos, zur Selbstherrlichkeit von Sektierern, die sich selbst für die einzig legitimen Ausleger Christi halten, statt zu erkennen, dass selbst Paulus bekennt: „Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“

Und eine reine Macht- oder Ohnmacht-Ausübung mit Denkschriften, Verlautbarungen oder Enzykliken ersetzt den Lebensraum der Christen durch totes Papier. "An Pfingsten ist der Heilige Geist nicht in Form von Papier sondern in Form von Feuerzungen erschienen, und Feuer verbrennt zum Glück unnützes Papier", so sagte es auf dem Katholikentag in Ulm vor einigen Tagen der frühere Bischof von Rottenburg und jetzige römische Kurienkardinal Walter Kasper treffend. Ob auf diesem Papier die neuesten Vorschriften über die Heilige Messe stehen oder wachsweiche Formulierungen über Glaubensverbindlichkeiten ändert an dieser Analyse nichts.

Was zählt, ist: Für uns entdecken, dass die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe reich geworden ist, die in Christus Jesus ist. Was zählt, ist die Gewissheit, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen auch wir nicht die Letzten sind. Was zählt, ist daraus für uns zu entdecken, dass Gott gnädig ist. Was schließlich zählt, ist: Diesem Wort Glaubwürdigkeit zu verleihen, denn nicht wir müssen glaubwürdig sein, sondern wir sollen so glauben und handeln, dass wir den Menschen nicht den Blick auf die Glaubwürdigkeit des Wortes von Kreuz und Auferstehung verstellen. Und das setzt Lebendigkeit voraus, in unserem Leben, in unseren Familien, in unserer Gemeinde, in der ganzen Gemeinschaft des Gottesvolkes – Lebendigkeit, die nicht an den Buchstaben des Gesetzes und der Ausübung von Macht erstickt, Lebendigkeit, die nicht zu unglaubwürdiger Spaltung oder zum Chaos führt.

So bleiben drei Herausforderungen:

1.Die eigenen Aufgaben entdecken und als Gnade verstehen

2.Die Gnadengaben in der Gemeinde entfalten

3.Zum gnädigen Gott miteinander einladen

1.Die eigenen Aufgaben entdecken und als Gnade verstehen: Auch wenn wir nicht so direkt Christus begegnet sind, wie dies Paulus geschah: Der Mensch gewordene Gott will uns in Bewegung setzen mit all unseren Fähigkeit und Gaben. Er will uns begegnen in seinem Wort, mit seinem Geist, im Gebet, durch andere Christen, durch seine Führung in unserem Leben – selbst da, wo wir sie nur schwer entdecken können. Diese Begegnung ist Anfang des Glaubens und zugleich Ausgangspunkt unserer Aufgabe, unseres Amtes, unserer diakonia. Wer aus der Christus-Begegnung nicht auch die Frage mit nimmt: „Wo ist meine Aufgabe“, der hat nicht genügend auf Gott gehört. Denn unsere diakonia ist zugleich Gnade, auch wenn sie uns zu einer großen Last werden kann. Dabei heißt diakonia nicht, dass jeder von uns als Missionar in fremde Länder ziehen muss, um dort als unter Einsatz von Leib und Leben mit Wort und Tat zu helfen. Denn die Gaben, die jeden von uns zur diakonia befähigen, sind vielfältig: Dank, Lob, Fürbitte, helfende Hände, helfende Worte, Begleitung, ein leises oder lautes Zeugnis mit Herz und Händen: So unterschiedlich, wie Gott uns geschaffen hat, so unterschiedlich sind unsere Gaben – und Aufgaben: Auf-Gaben, das, was uns auf-gegeben ist.

2.Diese Gnadengaben sollen sich in der Gemeinde entfalten. Die Gemeinschaft der Christen, die an einem Ort leben, haben die Aufgabe, mit der Vielfalt ihrer Gaben einander zu tragen und zu stärken und miteinander zum Glauben einzuladen. Dass wir gemeinsam andere ermutigen, dass an uns deutlich wird, was es heißt: „Uns ist Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus auch an uns Geduld erwiesen hat, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.“ Das heißt: eine Kultur der Barmherzigkeit zu entdecken und leben: Einander annehmen mit allen Schwächen und Gaben, auch solchen, die uns fremd sind.

Denn wir wissen, wie barmherzig Gott uns gegenüber ist. Wo Gemeinde aus der Christus-Begegnung lebt, da ist es möglich, uns in Verschiedenheit anzunehmen, ohne dass wir dabei in Beliebigkeit ersticken. Denn was uns leitet und zusammenführt, ist die Dankbarkeit gegenüber Christus. So stellt beispielsweise der Katechismus der reformierten Christen, der Heidelberger Katechismus, den dritten Hauptabschnitt über das menschliche Handeln unter die Überschrift: „Von des Menschen Dankbarkeit“. Aus dieser Dankbarkeit, die Paulus uns so deutlich mit auf den Weg gibt, kann Gemeinde wachsen und gedeihen – so lange mit der Dankbarkeit nicht wieder Gesetz und Strichlisten-Denken durch die Hintertür Einzug halten. So kann Gemeinde einladend werden.

3.Denn wir dürfen miteinander zum gnädigen Gott einladen, weil wir Gnade erfahren haben: Gott hat es uns geschenkt und er traut es uns, dass wir andere zur Begegnung mit Christus einladen: Übrigens nicht nur diejenige, die bereits schon in unserem direkten Umfeld eine Heimat haben. Es geht nicht darum, noch irgendwo selbst einen letzten Kick zu finden oder anderen dazu zu verhelfen. Es geht darum, uns zu fragen: Wann haben wir zuletzt einen Nachbarn, einen Freund, ein Familienmitglied in die Gemeinde eingeladen? Wann haben wir zuletzt deutlich gemacht, uns selbst und anderen, dass sich durch die Begegnung mit Christus in Wort, Gebet, in unseren Mitchristen, in unserem Alltag etwas in unserem Leben verändert hat? So sehr, dass wir auch dann von Herzen einladen können, wenn wir manches durch andere Christen und durch die Welt erleiden. Denn: die Begegnung mit Jesus Christus lohnt sich.

Für diese Begegnung müssen wir uns auf den Weg machen oder auf unserem Weg wachsam sein. Wir müssen bereit sein, unseren Weg zu ändern, wo wir Christus begegnen, um uns von ihm berufen zu lassen. Und das kann unbequeme Änderungen in unserem Leben mit sich bringen: Wegänderungen, die Haus, Geld, Beruf, Freundeskreis, Freizeitverhalten, Familie, also unser ganzes Leben betreffen. Doch ein solcher neuer Weg lohnt sich für uns ebenso wie er sich für Paulus gelohnt hat: Denn auf diesem Weg befreit uns Gott durch Jesus Christus vom Ballast der Sünde und der Schuld in unserem Leben – auch wenn wir keine Christen mit dem Tod bedroht haben. Wer neue Wege mit Jesus geht, darf den Ballast des Lebens abwerfen und andere mitnehmen auf dem Weg, der die Wahrheit und das Leben ist. Auf dem Weg, der Leben gibt in dieser und der kommenden Welt: Ewiges Leben aus der Gnade Gottes.

AMEN


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