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"Count your blessings" - Zählt euren Segen und gebt Ihn weiter

Eine Erntedank-Predigt vom 3.10.04 über 2. Korinther 9, die danach fragt, was eigentlich noch sicher ist

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Predigttext : 2. Kor 9, 6-15

Paulus schreibt: Ich meine aber dies: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. Ein jeder, wie er's sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Gott aber kann machen, daß alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk; wie geschrieben steht: »Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.« Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Einfalt, die durch uns wirkt Danksagung an Gott. Denn der Dienst dieser Sammlung hilft nicht allein dem Mangel der Heiligen ab, sondern wirkt auch überschwenglich darin, daß viele Gott danken. Denn für diesen treuen Dienst preisen sie Gott über eurem Gehorsam im Bekenntnis zum Evangelium Christi und über der Einfalt eurer Gemeinschaft mit ihnen und allen. Und in ihrem Gebet für euch sehnen sie sich nach euch wegen der überschwenglichen Gnade Gottes bei euch. Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!

 

„Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein.“ Liebe Gäste, liebe Geschwister im Herrn, so lautete seit den fünfziger Jahren eine Parole, ein Lied in der früheren DDR, als die Bauer enteignet wurden und ein sich allmächtig gebärdender Staat meinte, er könne in den LPGs, den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften durch guten Willen, durch Dünger, Unkrautvernichtungsmittel und Technik alles erreichen. Doch die Christen sind seinerzeit auch nicht maulfaul geblieben. Sie konterten: „Ohne Sonnenschein und Gott geht die LPG bankrott.“ Und so ist es auch gekommen.

Wir sind hier zusammengekommen, weil wir wissen: Ohne Gott, den Schöpfer, kann Leben nicht gelingen. Ohne ihn ist nicht eine Scheibe Brot selbstverständlich. Und seine Schöpfung, die Natur, ist Voraussetzung dafür, dass die Saat wächst und die Menschen von der Ernte leben können. Denn bislang kann die Menschheit das Wetter nur negativ beeinflussen, wenn sie mit der Schöpfung umgeht, als habe sie noch eine zweite im Reserve-Kanister. So ist das Wissen darum, dass Sattsein nicht ohne Gott zu haben ist, etwas was alle Christen verbindet – auch in der Bitte des Vater Unser: Unser täglich Brot gibt uns heute.

Was Martin Luther in den Worten seiner Zeit zu dieser Bitte geschrieben hat, das kann uns bis heute die Augen dafür öffnen, für was wir Erntedank-Fest danken. (Wer mitlesen möchte, kann dies im württembergischen Gesangbuch unter 834,3) Unser täglich Brot: Was ist das? Gott gibt täglich Brot auch wohl ohne unsere Bitte allen bösen Menschen; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er uns lasse erkennen und mit Danksagung empfangen unser täglich Brot.

Was heißt denn täglich Brot? Alles was zur Leibes Nahrung und Notdurft gehört, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromm Gemahl, fromme Kinder, fromm Gesinde, fromme und treue Oberherren, gut Regiment, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.

An all dies wollen wir heute dankbar erinnern, denn Erntedank heißt nichts anders, als dafür zu danken, dass Gott die Bitte des Vater Unser erhört hat. In welcher Vielfalt dies geschieht, hat uns Ruth Alber ihrer Aktion gezeigt: Wir haben also auch in Zeiten, in denen das Jammern leicht fällt, ja geradezu modern ist, allen Grund für den Segen Gottes zu danken.

Doch – und erst hier kommen wir vom allgemeinen Reden über Erntedank zu unserem Predigttext – Paulus stößt uns auf eine Grundvoraussetzung für Erntedank: Wer ernten will, muss säen. Und damit kann unser Blick auf uns und unsere Zeit nur sehr nachdenklich ausfallen: Wo wird denn gesät? Auf dem Gebiet des neuen Messegeländes hier auf den Fildern in Zukunft nicht mehr. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, mit weinerlicher Stimme in den Hit von Gänsehaut aus den achtziger Jahren einzustimmen: „Karl, der Käfer wurde nicht gefragt – man hatte ihn einfach fortgejagt.“ Nein: Plattes Gutmenschtum hilft uns nicht bei der Frage, wo wir säen, damit wir ernten können. Doch es geht darum, die Scheuklappen abzulegen: Wenn es dieses Jahr schon bei der Hannover-Messe Industrie, der früheren Weltmesse, nicht mehr möglich war, die leeren Hallen zu verbergen und Microsoft heute überlegt, nicht mehr auf die CeBit zu kommen: Warum dann mit noch einem Messegelände die Natur versiegeln, das voraussichtlich mit viel Geld gefördert werden muss, um wenigstens ein paar Messen heran zu holen, Geld, das für Kinder und Familien fehlt, eigentlich der Acker, der in einer vergreisenden Gesellschaft die Saat braucht.

So ist gerade die Politik in ihrer von Wahl zu Wahl und von Flickschusterei zu Flickschusterei hechelnden Kurzatmigkeit oft ein Beispiel: Wir wollen ernten, ohne zu säen. Hier in Baden-Württemberg sollen 200 fürs nächste Schuljahr vorgesehen Lehrerstellen erst ein Jahr später eingerichtet werden, soviel zu Pisa. Und nur der öffentliche Aufschrei verhinderte, dass ausgerechnet in Bayern, wo die Familie so auf das Podest der heilen Welt gehoben wird, die Lehrmittelfreiheit abgeschafft wird. Es gibt ganz unterschiedliche Gründe für Kinderlosigkeit, hier lässt sich ganz gewiss nicht einfach die allgemeine Kinderpflicht einführen. Doch wir wollen ernten, ohne zu säen, wenn in Deutschland die Eltern die warmen Worte und die Kinderlosen die geldwerten Vorteile haben. Kinder zu haben, lässt sich nicht mit Geld aufwiegen – doch für unsere Gesellschaft ist dies die faule Ausrede, auf Kosten der Eltern zu leben. Denn der Streit geht nur noch darüber, ob trotz Kindergeld und so der Schaden für Eltern pro Kind 200.000, 500.000 oder eine Million Euro beträgt.

Und die wichtigste politische Aussaat innerhalb einer Demokratie, die in das Vertrauen der Bevölkerung, scheint völlig vergessen zu sein: Wenn es plötzlich heißt: Upps, wir haben dieses Jahr 44 Mrd. Euro Neuverschuldung statt der versprochenen knapp 30 – fast 50 % mehr und obendrein verfassungsrechtlich bedenklich. Es ist sicher zur Zeit extrem schwer, verantwortungsbewusste Politik betreiben und – angefangen bei einer im Vergleich zur Wirtschaft erschreckend niedrigen Bezahlung – im höchsten Maße undankbar. Auch hier stellt sich die Frage: Wo säen wir? Säen wir genug?

Doch jammern wir mal nicht nur über das, worauf wir angeblich keinen Einfluss haben: Das Genöle: Ich kann ja doch nicht ändern, ist einer Demokratie unwürdig. Und wir sollten Gott gewiss dafür danken, dass wir die Früchte der Freiheit in einer Demokratie ernten dürfen, seit 14 Jahren sogar in jenem ganzen Deutschland, das sich heute am Tag der Einheit jammervoll und überheblich zugleich selbst hochleben lässt.

Wer unter uns hat eigentlich zu Anfang dieser Predigt geschmunzelt ... ohne Gott und Sonnenschein? Haben wir gemerkt, dass wir über uns selbst gelacht haben? Verlassen wir uns nicht auch auf die falschen Werte, kommt nicht in dieser Zeit ans Licht, dass wir uns viel zu sicher fühlen? Bei der Vorbereitung dieses Sonntags ist mir ein Liedvers wichtig geworden: „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit, dass sie deine Stimme hört, sich zu deinem Wort bekehrt.“ Denn welcher Christ im Schwabenland strebt nicht nach einer Immobilie und einer Lebensversicherung, damit er später anderen nicht zu Last fällt. (Am Rand bemerkt, auch wir haben ein Haus und eine Lebensversicherung.) Denn bekanntlich ist ja die Rente nicht mehr sicher. Doch was wird ein Haus wert sein, wenn die Bevölkerung weiter abnimmt? Werden nicht in einigen Jahren vielleicht auch im Großraum Stuttgart Häuserblocks abgerissen, in denen keiner mehr wohnen will, wie jetzt schon im Osten unseres Landes? Und was wird aus Lebensversicherungen, wenn die Versicherungsunternehmen bei den Auszahlungen berücksichtigen müssen, dass viele Geschäftsgebäude immer weniger Wert sind, weil immer mehr Büroflächen leer stehen? In den Städten Berlin, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt und Hamburg standen Ende 2002 durchschnittlich zehn Prozent der Büros leer, zur Zeit geht’s in Richtung 15 %. Und in Leipzig kommt auf drei vermietete Quadratmeter Bürofläche ein Quadratmeter ohne gewerblichen Nutzer. Und schließlich ist eine einigermaßen ernst zu nehmende Lebensversicherung durch Harz IV gefährdet, in einer Zeit, in der in einem Alter von 55 nur noch jeder zweite Mann und jede dritte Frau erwerbstätig ist – von wegen längere Lebensarbeitszeit!

Also doch Geld unter der Matratze oder Goldbarren im Garten vergraben? Geld ist, gut neudeutsch gesagt, ein virtueller, ein nur möglicher Wert, solange eine leistungsfähige Gesellschaft seinen Wert sicher stellt. Also: In welche Werte investieren wir – investieren heißt ja säen!

„Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit, dass sie deine Stimme hört, sich zu deinem Wort bekehrt.“ Es geht nicht darum, blindlings von der Hand in den Mund zu leben, die Verantwortung für Familie und Kinder aufzugeben. Aber wir müssen uns fragen lassen: Was säst du? Lebenszeit, Geld, Kräfte, Herz und Verstand. Lebenszeit, Geld, Kräfte, Herz und Verstand: Wir wären Narren, wollten wir all das ausschließlich in die so wackeligen Werte dieser Welt investieren, die seit Jahrtausenden nichts sind, als der immer währende Tanz um das Goldene Kalb.

Noch einmal: „Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit, dass sie deine Stimme hört, sich zu deinem Wort bekehrt.“ Natürlich müssen wir für unser Überleben und Leben einsetzen, doch sollten wir auf Gottes Stimme hören, wenn wir Lebenszeit, Geld, Kräfte, Herz und Verstand aussäen – damit man auch über uns sagen kann: „Denn für diesen treuen Dienst preisen sie Gott über eurem Gehorsam im Bekenntnis zum Evangelium Christi und über der Einfalt eurer Gemeinschaft.“ Das Vertrauen in den Gott, der Mensch geworden ist, der für uns am Kreuz starb und auferstanden ist, das ist die Investition von Lebenszeit, Geld, Kräfte, Herz und Verstand wert. Und das heißt nicht nur, beten und fromm sein. Das bedeutet vielmehr beitragen zur Gerechtigkeit, denn Gerechtigkeit ist das, was Paulus Frucht des Glaubens nennt.

Denn unser Predigttext zum Erntedank-Fest ist der Aufruf zu einer Spendensammlung für die Not leidende Gemeinde in Jerusalem: Es geht ganz konkret darum, wo Christen Lebenszeit, Geld, Kräfte, Herz und Verstand säen, investieren, einsetzen. Das ist Ernte-Dank, etwas abgeben von dem, was vorhanden ist. Und bei aller Sorge um die Zukunft fehlt unserer Gesellschaft im Allgemeinen und uns Christen im Besonderen eine Kultur der Dankbarkeit. Wenn wir uns fragen, was wir alles von dem haben, was Martin Luther als täglich Brot bezeichnet, dann hat wohl beinahe jede und jeder unter uns Grund zur Dankbarkeit – gerade auch wenn wir nach all jenen Gütern fragen, die wir nicht kaufen können: Gesundheit, Frieden, gute Ehen und Familien, gutes Wetter und gute Regierung. Und in vielen wesentlich ärmeren Ländern mit einer deutlich geringeren Lebenserwartung herrscht mehr Dankbarkeit für all das, was Menschen ernten und als Ausgleich dafür weniger Neurosen, weniger Zukunfts-Angst und weniger Sucht, den materiellen Stand der Dinge auf dem Stand von heute zu fixieren und auszubauen.

Wo wir aber Dankbarkeit neu entdecken, da können wir anders säen: In Gemeinden, in die Mission, in die Diakonie. Da können wir wie ein kluger Bauer einen Teil der Ernte dankbar in eine Zukunft investieren, die über diese Welt hinausreicht: durch unseren Glauben und durch all das Gute, das wir ungezwungen aus dem Glauben heraus tun können. Denn Paulus ist keiner von jenen, die einen Eimer durch die Gemeinde kreisen lassen und den Menschen so lange ein schlechtes Gewissen einreden und entsprechenden psychologischen Druck aufbauen, bis der Eimer mit Scheinen gefüllt ist. So werden Menschen nicht zu fröhlichen Gebern. Paulus weiß, dass Ernte-Dank auch ganz materiell durch fröhliche Geber ein Weg zur Gerechtigkeit ist, ein Weg, der auch andere ansteckt, der andere zur Dankbarkeit und so zum Glauben führen kann.

Als Christen haben wir die Chance, aus dieser Logik eine wahre Alternativ-Gesellschaft zu leben: In unseren Familien, in unseren Hauskreisen, in unseren Gemeinden, in unseren Konfessionen und in der ganzen Kirche unseres Herrn Jesu Christi. Einer Kirche, die immer die Versammlung der Sünder ist und der Christus trotzdem zutraut, sein Leib zu sein. Dankbarkeit kann der Schlüssel sein, damit eine solche Alternativ-Gesellschaft entsteht und zusammen wächst und die sichtbar unter reichlicher Gnade Gottes steht, weil die Früchte der Gerechtigkeit erkennbar werden.

Als wir an Pfingsten in Taizé waren, sprach ich lange mit einem anglikanischen Theologen. In England gibt es jetzt eine Aktion, die unter dem Slogan „count your blessings“ steht. Zähle den Segen, den Gott dir gegeben hat:

Denke einmal nach: Wenn man die Weltbevölkerung auf 100 Menschen reduzieren könnte, dann wäre sie folgendermaßen zusammengesetzt:

57 Asiaten

21 Europäer

14 Amerikaner

8 Afrikaner

Es gäbe:

30 Weiße und 70 Nicht-Weiße

30 Christen und 70 Nicht-Christen

80 lebten in maroden Häusern

70 wären Analphabeten

50 würden an Unterernährung leiden

- einer wäre gerade dabei zu sterben, und einer würde gerade geboren werden

- einer hätte einen Universitätsabschluß

 

Du kannst auch Folgendes bedenken:

- Wenn du Essen im Kühlschrank, Kleider am Leib, ein Dach über dem Kopf und einen Platz zum Schlafen hast, bist du reicher als 75 % der Menschen dieser Erde.

- Wenn du Geld auf der Bank, in deinem Portemonnaie oder im Sparschwein hast, gehörst du zu den privilegiertesten 8 % dieser Welt.

- Wenn du noch nie in der Gefahr einer Schlacht, in der Einsamkeit der Gefangenschaft, im Todeskampf der Folterung oder im Schraubstock des Hungers warst, geht es dir besser als 500 Millionen anderen Menschen.

- Wenn du wie an diesem Sonntag zur Kirche gehen kannst, ohne die Angst bedroht, gefoltert oder getötet zu werden, hast du mehr Glück als 3 Milliarden Menschen.

Und dann darfst du auch noch wissen, dass Gott dich liebt, dir in Jesus Christus eine Zukunft geben will:

- Eine Zukunft, die trotz allem zur Gerechtigkeit in dieser Welt beiträgt.

- Eine Zukunft, die ewige Gemeinschaft mit diesem menschenfreundlichen Gott gibt: Über unseren Tod hinaus in der kommenden Welt.

Darum: „Count your blessings“. Zähle den Segen, den Gott dir gegeben hat, gib anderen etwas von diesem Segen ab - auch in Euro und Cent - und lebe voller Gottvertrauen aus dieser Dankbarkeit.

AMEN


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