Kritik an der Praxis auf dem Kirchentag: Entwertung des Abendmahls gefährdet Ökumene
Konfessionsverschiedene Paare erwarten gemeinsame Teilnahme an Eucharistie und Abendmahl
"Wer willkürlich im Zusammenhang mit dem Abendmahl die biblische Überlieferung abändert, gefährdet den ohnehin steinigen Weg zur Gemeinschaft aller Christen und insbesondere der konfessionsverbindenden Paare am Tisch des Herrn." Dies betont das Netzwerk konfessionsverbindender Paare und Familien nach einer Analyse des evangelischen Kirchentages 2001 in Frankfurt. Die bundesweite Initiative innerhalb der Arbeitsgemeinschaft Ökumenischer Kreise (AÖK) e.V. fordert die Konfessionen auf, "alles zu unternehmen, um beim ökumenischen Kirchentag 2003 gemeinsame Mahlfeiern zu ermöglichen".
Kritik an der Praxis in Frankfurt
Anlass zur Kritik ist die Praxis einiger der sogenannten 'Feierabendmahle' in Frankfurt. So wurde in mindestens fünf Gottesdiensten der biblische Text für die Einsetzungsworte 'Das ist mein Leib, der für Euch gegeben wird' durch den Satz 'Mein Leben für Euch' ersetzt. Ein derart beliebiger Umgang mit biblischen Texten und konfessionsübergreifenden Glaubensinhalten ist ein schwerer Rückschlag, insbesondere für die Ökumene. Diese kann nur im gemeinsamen neuen Entdecken der biblischen Grundlagen und in der Bewahrung bereits gefundener Gemeinsamkeiten zur Einheit führen. Deshalb sollte generell eine Praxis vermieden werden, bei der Abendmahl und Sättigungsmahlzeit miteinander verwechselt werden können. Denn dies ist durch die biblische Abendmahls-Überlieferung (1) ausdrücklich ausgeschlossen. Werden diese beiden Elemente innerhalb einer Feier verbunden, müssen Abendmahls- und Sättigungsteil deutlich von einander getrennt werden. Schließlich wurde in Frankfurt durch den Verzicht auf die biblischen Einsatzungsworte ein eindeutiger liturgischer Rahmen verlassen, der bisher die Christenheit verbunden hat. Eine leichtfertige, gedankenlose oder gar mutwillige Zerstörung dieser verbindenden Brücke rückt das Ziel vieler ökumenischer Initiativen, die gemeinsame Feier des Herrenmahles, in weite Ferne.
Lieblosigkeit gegenüber katholischen Christen
Derzeit ist, so die Ansicht vieler Theologen beider Konfessionen, vom Abendmahlsverständnis her eine gemeinsame Feier der Eucharistie möglich. Die Frage des Amtes ist dagegen noch nicht geklärt. Trotzdem wächst vielerorts eine Praxis, einander zum Tisch des Herrn einzuladen, was insbesondere konfessionsverschiedenen Paaren zugute kommt. Sie müssen so nicht länger 'Ehescheidung am Tisch des Herrn' erleben. Die Frankfurter Feierabendmahle sind, wo sie unbiblische Einsetzungsworte verwenden oder die Grenze zwischen Abendmahl und Sättigungsmahlzeit verwischen, - gewollt oder nicht gewollt - ein antikatholischer Affront. Antiökumenischen katholischen Kräften werden so unnötige Argumente gegen ein gemeinsames Mahl gegeben und Katholiken, die in dieser Frage nicht entschieden sind, von der evangelischen Praxis abgeschreckt.
Eine unevangelische Position...
Einige Feierabendmahle betonten den Charakter eines normalen Abendessens in einer Weise, die die Feier der Gegenwart des Auferstanden Christus an den Rand rückt. Dies ist aber weder mit den Grundlagen der Reformation noch mit den neueren evangelischen Bekenntnissen vereinbar. So heißt es in der Leuenberger Konkordie von 1973, die die Grundlage der Abendmahlsgemeinschaft der verschiedenen europäischen Konfessionen der Reformation ist: "Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein. Er gewährt uns dadurch Vergebung der Sünden und befreit uns zu einem neuen Leben aus Glauben. Er lässt uns neu erfahren, dass wir Glieder an seinem Leibe sind. Er stärkt uns zum Dienst an den Menschen." Und die evangelische Theologie sieht im Abendmahl neben der Taufe eines von zwei ganz besonderen, 'heiligen' Zeichen, zu denen wir den biblischen Auftrag haben. Auch die katholische Theologie sieht im Abendmahl ein Sakrament. Dies hat auf dem Kirchentag auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, betont. Er verwies darauf, dass der Glaube an die Gegenwart des auferstandenen Jesus Christus unverzichtbar ist.
... auf Kosten konfessionsverschiedener Paare
"Eine Praxis, die sich unnötig vom biblischen Text entfernt, ist aus evangelischer Sicht bedenklich, aus Sicht der Ökumene aber unverantwortlich", betont das Netzwerk. "Wenn sich so die offizielle Zulassung konfessionsverbindender Paare am Tisch des Herrn weiter verzögert, ist es eine seelsorgerliche wie theologische Katastrophe. Dabei müssen wir uns bewusst machen, dass inzwischen ein Drittel der christlichen Ehen in Deutschland konfessionsverschieden sind." Die Gemeinschaft am Tisch des Herrn ist eines der Grundanliegen des Netzes. Denn konfessionsverschiedene Paare müssen sich nicht bei den Konfessionen für ihr Dasein entschuldigen, da sie eine ganz normale christliche Ehe leben. Die Konfessionen aber leben entgegen dem biblischen Auftrag zerstritten und gespalten und erschweren so den konfessionsverschiedenen Paaren Alltag und Glaubensleben. Es ist deshalb notwendig, dass die Verantwortlichen in den Konfessionen ihre Schuld gegenüber diesen Ehen erkennen, eingestehen und Konsequenzen daraus ziehen: Die Konfessionen haben zu Recht zugestimmt, das konfessionsverbindende Ehen möglich sind. Daraus folgt als eines der wichtigsten Ziele, dass endlich ein Recht konfessionsverbindender Paare auf die gemeinsame Teilnahme bei Eucharistie und Abendmahl anerkannt wird. Denn "was vor Gott eins ist, darf am Tisch des Herrn nicht geschieden werden." Dabei sind die evangelischen Christen innerhalb des Netzes überzeugt, "dass die Freiheit eines Christenmenschen nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden darf."
Erwartungen an die Konfessionen
Damit trotz der Irritationen im Umfeld des Frankfurter Kirchentags und trotz der starren römischen Haltung beim Amtsverständnis auf dem ökumenischen Kirchentag 2003 die Ehescheidung konfessionsverbindender Paare am Tisch des Herrn beendet wird, richtet das Netz folgende Erwartungen an die Konfessionen: "Von den Konfessionen der Reformation erwarten wir, dass eine Praxis, die die biblischen Einsetzungsworte zum Abendmahl abändert oder zur Verwechselung mit einer Sättigungsmahlzeit führen, ausdrücklich als 'nicht evangelisch' bezeichnet wird. Als Alternative ist auch an Agapefeiern zu denken, die sich ausdrücklich vom Sakrament des Abendmahls unterscheiden. Von der römischen Konfession erwarten wir, dass zu aller mindest eine Praxis beendet wird, in der die Schuld der Spaltung auf dem Rücken einzelner Ehen abgeladen wird. Das Argument, man bräuchte dafür Zeit, wird seit den sechziger Jahren ständig wiederholt. Die Zeit ist reif im Jahr 2003 auf dem ökumenischen Kirchentag im Berlin."
Das Netz
Das Netzwerk konfessionsverbindender Paare und Familien wurde 1999 gegründet. Es fasst als bundesweites Forum die Erfahrungen von Initiativen, Kreisen und Gruppen zusammen, in denen sich konfessionsverbindende Paare und Familien treffen. Es berät und begleitet Betroffene und vertritt ihre Ansprüche gegenüber den Konfessionen. Außerdem steht es in Kontakt mit vergleichbaren Initiativen anderer Länder. In diesem Zusammenhang wird für 2003 das zweite Welttreffen konfessionsverbindender Paare in Rom vorbereitet. Das Netz wird von einem siebenköpfigen Team geleitet: Rosmarie und Prof. Dr. Rudolf Lauber sind für die Koordination und als zentrale Ansprechpartner verantwortlich. Die Initiatoren des Netzes stammen aus Weil der Stadt bei Stuttgart und sind im Leitungsteam der 'Tage für konfessionsverschiedene Paare' in Neresheim/Dornstadt, auf Kirchentagen und im internationalen Austausch aktiv. Nicole und Dr. Bertram Huber aus Backnang übernehmen die Herausgabe von Informationsmaterial. Gudrun Steineck aus Murnau in Bayern hat als Vorsitzende der AÖK eine beratende Stimme in der Bundes-ACK und ist Ansprechpartnerin für den Kontakt zu den Konfessionen und anderen offiziellen Stellen. Beate und Jörg Beyer aus Tübingen leiten die Bereiche Theologie und Öffentlichkeitsarbeit. Die katholische Religionspädagogin und der evangelische Theologe sind Autoren des Buches "konfessionsverbindende Ehe" und seit vielen Jahren bundesweit als Referenten tätig.
Die Arbeitsgemeinschaft Ökumenischer Kreise
»Als Sammlungsbewegung aller ökumenisch engagierter Christen wollen wir ein sichtbares und konkretes, kirchlich und gesellschaftlich erfahrbares Zeichen der Einheit des Leibes Christi sein. Wir rufen deshalb alle ökumenisch engagierten Gruppen und Einzelpersonen zur Kontaktaufnahme und Mitarbeit auf.« Mit diesem Anspruch vertritt die AÖK seit 1969 ökumenische Basisgruppen. Seit 1982 ist die AÖK offiziell ständiger Gast in der Bundes-ACK, der offiziellen Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen.
(1)1. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 11, Verse 17 bis 34. Dort heißt es unter anderem (zitiert nach der Einheitsübersetzung): "Könnt ihr nicht zu Haue essen und trinken" und "Wer Hunger hat, der soll zu Hause essen" 
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