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Eine bemerkenswerte Zumutung

Mel Gibsons Passion of Christ

Weniger wäre an einigen Punkten mehr gewesen, in dem Film „The Passion of Christ“ von Mel Gibson. Dies gilt etwa für zu Hollywood-technisierte Blutfontänen oder für Wunden, denen man die Schminke ansieht. Dies gilt auch für manches, was über die Bibel hinaus gezeichnet wurde, etwa die Personifizierung eines Satans, dem eine Made aus der Nase kriecht, die Schäden im Tempel oder die – für einen Katholiken verständliche – Überzeichnung der im übrigen hervorragend gespielten Mutter Maria. Trotzdem ist es Gibson letztlich gelungen, ein zu glaubwürdiges Bildwerk zu schaffen, dem man ohne weiteres abnimmt, dass es zuerst einmal um seiner selbst willen entstand. Es ist ein Werk, dass verstört – und das ist gerade eine Stärke in einer Zeit, in der die christliche Verkündigung zunehmend dem Druck ausgesetzt ist, ihren Glauben in kleine Wohlfühlhäppchen zu verpacken, die den Ansprüchen des globalen Disneylands Genüge tun. Dabei gelingt es, die biblischen Berichte Ernst zu nehmen und so das ins Bild zu setzten, was nach Paulus für die Juden ein Skandal und für die Nichtjuden eine Narretei ist: Das Zeugnis vom gekreuzigten Gott, der so eben das Zeichen setzt, wie weit seine Liebe reicht – und das ist das Originäre des christlichen Glaubens überhaupt. Und die Handelnden sind eben durch das historische Umfeld des Neuen Testaments römische Soldateska und Machthaber, jüdische religiöse Nomenklatura und eine manipulierbare Masse. Es sind Archetypen, die wir bis heute immer wieder finden: zynische Machthaber, deren Menschlichkeit endet, wo ihre Macht bedroht ist – von Berlin über Washington bis Moskau. Eine religiös-kulturelle Elite, die auf Tabubrüche mörderisch reagiert, wie bei den Hexenverbrennungen, in der französischen Revolution oder in der islamischen Scharia. Und es gibt Menschgruppen, die zum fanatisierten oder zynischen Mob werden – in Auschwitz, im Gulag oder in Ruanda. Wer sich all dies vor Augen hält, kann den Film nicht ins Irreale abrücken, sondern höchstens kritisieren, dass er durch die genanten Überzeichnungen den Eindruck der Authentizität verliert, die im Medium des Spielfilms immer eine Fiktion bleiben muss. Dieses Fiktive und Spekulative muss am Ende jeden Filmes stehen, der sich biblischer Themen und ihrer transzendierenden Thematik annimmt. Und doch tut Gibson gut daran, zu verstören – nur ist er nicht unbedingt das breite, konsumorientierte allgemeine Kino-Publikum und schon gar nicht für ins Kino pilgernde Jugendgruppen geeignet. Sie sind bei einem Film wie „Luther“ weit besser aufgehoben. Doch der Film hat Zielgruppen: Jene, die ein Christentum light mit der Parole „passen Sie gut auf sich auf“ propagieren. Jene, die aus dem Kreuz im Zuge eines volkstümelnden Populismus eine Art kulturelles Maskottchen machen. Jene, die in billigem Triumphalismus die Expressroute vom Leben Jesu zur wie auch immer verstandenen Auferstehung suchen. Zu diesem Zweck ist eine weitgehende Reduzierung auf die namensgebende Passion legitim auch wenn der Film dadurch eindimensional wird. Denn durch kurze Einblendungen aus dem Leben Jesus und einen knappen Verweis auf die Auerstehung wird sehr wohl der Gesamtzusammenhang von Leben, Kreuz und Aufestehung dargestellt. Darüber hinaus kann sich jeder verstören lassen, der über das Kreuz neu nachdenken möchte – er muss sich aber darüber im Klaren sein: Ohne Bibel-Kenntnisse ist das Werk kaum zu verstehen und die Lektüre des Neuen Testamentes ersetzt es nicht. Und: Dieser Film ist eine Zumutung – letztlich aber eine bemerkenswerte.

 

Jörg Beyer


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