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Wird die Gnade abgeschafft?

Predigt über ein nicht zeitgemäßes Wort - Epheser 2, 4-10

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

Eph 2,4-10 (Einheitsübersetzung):

Gott aber, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet. Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben. Dadurch, dass er in Christus Jesus gütig an uns handelte, wollte er den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum seiner Gnade zeigen. Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft - Gott hat es geschenkt -, nicht aufgrund eurer Werke, damit keiner sich rühmen kann. Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im Voraus bereitet hat.

Kanzelgebet

Liebe Geschwister im Herrn: Die Gnade wird abgeschafft! Ich möchte hier nicht die Frage danach stellen, ob und welche Alternativen es vielleicht gibt oder nicht. Doch in Politik, Justiz und Wirtschaft, aber auch im ganz persönlichen Miteinander der Menschen, scheint Gnade ein Auslaufmodell zu sein – falls sie überhaupt jemals ernsthaft ein Ziel war. Da steht die Welt mit Islamismus und Amerikanismus zwischen zwei Polen, die sich an Gnadenlosigkeit überbieten. Da wird der 42jährige Informatiker mit kleinem Kind als altes Eisen fortgeschickt und arbeitslos, während sich im selben Alter mancher mit der Sozialhilfe und Schwarzarbeit gemütlich einrichtet. Da wird in der Justiz der Ruf nach höheren Strafen aller Orts laut. Und während Harz IV und die Senkung des Spitzensteuersatzes mangels Alternativen festzustehen scheinen, müssen wir feststellen: Immer mehr Menschen werden ärmer – besonders wenn sie Kinder haben. Aber eine kleine Gruppe der besonders Reichen sammelt immer mehr auf dem Konto. Der Gipfel jetzt in Holland: Bereits jetzt würden 80 bis 100 schwer behinderte Kinder jährlich nach der Geburt von den Ärzten auf Verlange der Eltern getötet. Jetzt wird von Ärzten auch noch Straffreiheit dafür geforderdet, damit Kinder, die nicht den Maßstäben der Gesellschaft entsprechen, straffrei umgebracht werden können. Die dunkelsten Kapitel in der Geschichte des 20. Jahrhunderts in Deutschland lassen mit ihrer Gnadenlosigkeit grüßen.

Aber auch ganz persönlich: Wenn der pubertierende Nachwuchs provoziert, dann reagiere zumindest ich nicht nur immer gnädig. Und es gibt Bekannte, von denen man sich irgendwann mit dem Gefühl „hoffnungslos“ oder „das tue ich mir nicht mehr an“ zurück zieht. Aber auch unter uns Christen kann es gnadenlos zugehen, wenn einer nicht die Erwartungen der Anderen erfüllt. Und im Geschäftsleben darf ich nicht nur ständig Gnade mit der Konkurrenz walten lassen: Ob ich nun Öffentlichkeitsarbeit betreibe, Autos oder Sportartikel verkaufe, Computer programmiere, als Schreiner oder Klempner tätig bin: Ich lebe davon, dass ich zumindest ab und zu Aufträge bekomme und eben nicht mein Konkurrent.

Schauen wir uns diese Welt an: Es ist die Welt, in der der Tod regiert. Denn das Lamm lebt nicht lange in der Welt der Wölfe. Wehe denen, die schwach sind. Wehe denen, die Fehler machen. Wehe denen, die nicht auf Kommando funktionieren. Wehe denen, die Schuld auf sich laden. Wehe denen, die in dieser Welt das Lebensglück nicht finden.

Unser heutiger Predigt scheint und ist aus einer anderen Welt. Einen schärferen Gegensatz könnte Gott nicht aufstellen: Voller Erbarmen in einer zunehmend erbarmungslosen Welt. Voller Gnade in einer gnadenlosen Welt. Voller Leben in einer Welt, in der alles auf den Tod hinausläuft. Nicht bewaffnet mit jenen Strichlisten, die menschliches Miteinander so oft bestimmen: Der eine hat noch etwas gut bei mir, der andere hat meine Geduld eh schon überstrapaziert. Das „do ut des“, ich gebe, damit du gibst, berechnend in allen Lebenslagen. Klüngelei und Lobbyismus nach dem Motto: Eine Hand wäscht die andere zwischen Politikern, in Wirtschaft und Beruf, im Verein und im Stadtteil, aber zu oft auch in den Gruppen und Parteien der Kirche. Noch einmal: Es geht hier nicht darum, in dieser Predigt für die uns so plagenden Fragen unserer Zeit Patentrezepte zu bieten, die gibt es nicht. Es ist vielmehr für das Verständnis unseren Text wichtig, in welcher Welt wir leben. Denn mitten hinein in dieses Hauen und Stechen kommt die Nachricht Gottes: „Ich verlange nichts – und gebe alles“.

Das ist allerdings Rettung: Rettung davor, selbst zum Wolf zu werden bei der Gier nach Macht, Besitz, Anerkennung. Rettung davor, von dieser Welt alles zu erwarten und bei dem Versuch, alles aus dem Leben dieser Welt herauszuholen, es zu verdünnen. In dem Buch „Der Herr der Ringe“ gibt es einen alten, gutmütigen und klugen Hobbit, der durch die Macht jenes Rings des Bösen viel länger lebte, als es so ein Hobbit üblich ist – und der letztlich darunter leidet. Eines Tages fasst es dieser Bilbo Beutlin so zusammen: „Ich komme mir ganz dünn vor, gewissermaßen ausgemergelt! Wie Butter, die auf zu viel Brot verstrichen wurde. Das kann doch nicht richtig sein!“

Tolkien, der Schriftsteller jenes Werkes, hat mit diesen Worten sehr deutlich gemacht, wie die Menschen unserer Zeit mit dem Leben umgehen. Krankheit, Leid und Tod werden systematisch aus der Gesellschaft verdrängt. Es werden unglaubliche Energien und Kräfte mobilisiert, um bei Menschen, deren Lebenszeit abgelaufen ist, mit einer Aparte-Medizin irgendwie Herz und Lunge weiter funktionieren zu lassen. Denn jeder Abschied von dieser Welt erscheint als Niederlage. Und das Ziel ist es, möglichst viel in den Sarg mitzunehmen: Früher in Form jener Grabbeigaben, die wir heute noch bei archäologischen Ausgrabungen finden. Heute stehen wir in einer Schlacht um Wohlfühlen, Gesundheit, Sex, Besitz, Erlebnissen. Alles nichts Schlechtes, solange es nicht zum Götzen wird, an dem unser Herz hängt. Doch wenn Leben daraus besteht, diese vermeintlichen Werte zu raffen und möglichst viel davon mit ins Grab zu nehmen, dann ist das wie die Butter, die wir aus Gier und Hoffnungslosigkeit auf zu viele Scheiben Brot verteilen.

Davor möchte Gott uns retten! Denn das ist die Sünde der Welt, die in den Tod führt. Gott dagegen schenkt die Rettung vor dem Tod dieser Welt: Denn sein Geschenk ist das ewige Leben, das aus den Verstrickungen dieser Welt hinausführt, das Gemeinschaft gibt mit dem Gott der Gnade.

Dieses Erbarmen, diese Gnade, diese Liebe Gottes aber hat einen Namen: Jesus Christus. Denn Gott hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben. Das ist nicht irgendeine diffuse Zukunft, das ist bereits heute im Leben als Christ Wirklichkeit, Leben der kommenden Welt, das in unserem Dasein in dieser vom Tod geprägten Welt bereits Wirklichkeit ist. Denn die Gnade Gottes reicht so weit, dass er, der Schöpfer und Allmächtige selbst das Lamm gewesen ist, das in die Welt der Wölfe gekommen ist. Diese Wölfe waren sich sicher, dass sie gesiegt hatten, nachdem das Lamm tot war. Und sie haben immer wieder mit wölfischem Lächeln das Totengeheul auf die Gnade angestimmt – und wurden durch den lebendigen Gott der Gnade überwunden.

Der Nationalsozialismus meinte, er habe über die Christen triumphiert, er könne ihre Weichheit und Sanftmütigkeit überwinden. Der Kommunismus fühlte sich dem Opium fürs Volk überlegen und scheiterte doch ebenso an einem katholischen Papst aus Polen wie an einer evangelischen Kirche in der DDR, die den Menschen Lebensraum schenkte. Immer wieder wurden Christen missbraucht, sei es in dümmlicher Naivität derer, die meinten Frieden und Gerechtigkeit zu wollen reicht, um eine Welt zu überwinden, die vom Tod gezeichnet ist. Immer wieder wurden Christen bekämpft, wurde und wird auf allen Kontinenten versucht, sie mundtot zu machen, weil sie den Tanz um die vielen Goldenen Kälber bloß stellen, weil sie sich nicht vereinnahmen lassen, weil sie den Menschen als Wesen erkennen, dass in seiner von Gott geschenkten Freiheit eben auch zum abgrundtief Bösen fähig ist. Und weil sie trotzdem an die Gnade glauben und eben nicht vor denen kriechen, die das Geld, die großen Worte oder das Schwert haben. Daran wird sich nichts ändern, auch wenn gerade wieder viele das Totenglöckchen der Kirche läuten, denn wir leben als Christen alle miteinander aus jener in der Bibel so eindrücklich betonten Wirklichkeit, die die Reformatoren allen Christen gemeinsam ins Stammbuch geschrieben haben: “Aus Gnade seid ihr gerettet. Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz im Himmel gegeben“. Es sind eben nicht unsere Strichlisten, unsere Gerechtigkeiten oder Selbstgerechtigkeiten, unsere Leistungen oder Gebete, unser Engagement oder das, was man so Frömmigkeit nennt, die uns einen Platz im Himmel sichern. Es ist allein Gott, der Mensch wurde, als Mensch lebte, als Lamm unter Wölfen als wirksames Zeichen für uns starb und der dann auferstanden ist. Dieser Jesus Christus ist die Brücke zu Gott und nur auf dieser Brücke können einen Weg zu Gott finden. Nur auf diese Brücke können wir Menschen einladen. Denn wo gibt es unter den Göttern und Götzen, die von den Menschen angebetet werden, einen Gott, der vergibt, der unverdiente Gnade schenkt, der so liebt, dass er selbst in die Welt hineingeht mit all Ihren Leiden bis hin zum Tod am Kreuz. Es gibt Menschen, die daran glauben, und die in diesem Glauben über alle Konfessionsgrenzen hinweg eine umfassende Gemeinschaft geschenkt bekommen haben – ob sie diese Gemeinschaft wollen oder nicht. Und es gibt Menschen, die nicht an den gnädigen Gott glauben können, der ans Kreuz ging und auferstanden ist. Mit Ihnen haben Christen die grundlegende Gemeinschaft in Jesus Christus eben nicht. Leider! Wo der Glaube an Leben, Tod und Auferstehung endet, da endet die Kirche, da endet die Ökumene und da endet die Hoffnung einer kommenden Welt, die wir ohne moralischen Hochleistungssport erreichen dürfen – immer in dem Wissen, dass es für eine Medaille doch nicht reicht.

Nein, bei Gott gelten andere Maßstäbe: Aus Gnade sind wir durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft - Gott hat es geschenkt -nicht aufgrund unserer Werke, damit keiner sich rühmen kann. Wo ich diese Gewissheit habe, dass ich mit Jesus Christus in der Auferstehung Gemeinschaft habe, da ist das kein Grund zu offener oder versteckter Hochnäsigkeit. Viele Christen versuchen ja so eine gewisse Aura um sich zu verbreiten, so demütig und doch so von oben herab als etwas Besseres! Es ist eine Einstellung, die zeigt, dass die Botschaft der Rechtfertigung aus dem Glauben zumindest im Herzen noch nicht angekommen ist.

Das gilt gerade auch, wo wir uns Christen gegenseitig den Glauben mit allen möglichen Attributen absprechen: Bist Du auch wirklich ein erlöster, wieder geborener, Geist getaufter, berufener, wirklich gläubiger Christ, der der echten Kirche angehört? Manchmal kommt mir unser Reden über den Glauben vor, wie eine Tür an der steht: „Eintritt kostenlos und ohne Vorbedingungen.“ Nach dem Öffnen dieser Tür stehen wir dann vor der nächsten und da steht dann Werke, Wiedergeburt, Geistestaufe, Kircheverständnis, Sozialismus, Weltabgewandheit oder was auch immer. Die grenzenlose Gnade Gottes wurde nicht begriffen. Und genau diese Spannung des Glaubens betont unser Predigttext: Es gibt keine Vorbedingung, ich muss den Weg zum Leben nur gehen, denn Gott ist gnädig.

Aber: der Weg zum Leben verändert Menschen, denn die Erfahrung der Gnade und der Barmherzigkeit Gottes macht gnädig, das Wissen um die Zukunft der Auferstehung ändert meine Sicht auf diese Welt. Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im Voraus bereitet hat. Durch den Glauben erkennen wir, dass Gott uns geschaffen und jeden auf seien Weg berufen hat. Und hier kommt der Teil, der das katholische Anliegen ebenso betont wie das pietistische: Glauben heißt nicht, dass wir uns in den großen Lehnstuhl setzen und voller Inbrunst stöhnen: „Christus hat mich gerettet, Ja, Ja!“ Glauben heißt, dass uns Gott durch Christus aus Gnade vom Tod befreit und uns so zu Menschen macht, die in der Welt wirken. Dieses Wirken, diese Werke geschehen aber nicht nach einem Standard-Schema, dass jeder dieselben diakonischen oder missionarischen Institutionen unterstützt, nur in Lobpreisgottesdienst geht oder in einem bestimmten Rahmen sein Leben Jesus übergibt, in dieser oder jener Partei politisch handelt oder dieses und jenes Engagement der Nächstenliebe praktiziert, jene Form des Gebetes pflegt oder nur mit oder ohne Liturgie Gottesdienst feiert. Denn Gott hat jeden Einzelnen im Voraus zu guten Werken bereitet, im Altenheim, im CVJM, bei Freizeiten, durch Spenden, für ein Engagement in der Politik, sei es in dieser, jener oder gar keiner Partei, im Gottesdienst, durch Mitarbeit oder Mission. Es ließe sich hier eine beinahe unendliche Vielfalt aufzählen, die wir im Glauben als Berufung und Lebensweg erkennen können und nicht als Pflichtenkatalog mitnehmen müssen. All dies mag anstrengend, belastend und manchmal gefährlich, ja lebensgefährlich sein, es ist aber nicht noch ein Abstrampeln vor einem Pflichtenkatalog sondern Leben aus der Gnade und der Gewissheit, dass uns Leben in dieser und der kommenden Welt geschenkt wird: Aus Gnade und Barmherzigkeit. Und wer Gnade und Barmherzigkeit erfahren hat, der kann im Alltag nicht aus dieser Welt aussteigen. Er kann aber aus der Erfahrung einer anderen Welt anders handeln: In Wirtschaft, Politik, Juristerei, besonders aber im persönlichen Umfeld der Arbeit, der Familie und in der Gemeinde: Oft nicht sensationell, revolutionär oder öffentlichkeitswirksam - und doch im Großen und Kleinen anders. So haben Christen immer wieder ihre kleine und große Welt aus der Sicht der Gnade geprägt und verwandelt – weil ihnen die Gnade Gottes in der Auferstehung eine neue Sicht schenkt.

Zu einem solchen Leben aber können wir, kann ich nur einladen. Du kannst nicht früh genug damit anfangen, die Gnade Gottes anzunehmen, Dich auf sie einzulassen und sie weiterzugeben. Und Du kannst dir nicht oft genug deutlich machen, was Gott Dir geschenkt hat. Dass er Dir Gnade und Barmherzigkeit schenkt und Dich so zu Werken der Gnade und Barherzigkeit beruft. Nicht weil er Dir und mir Strichlisten auferlegt, sondern weil wir in einer Welt der Gnadenlosigkeit des Todes Zeugen des Lebens sein sollen und sein dürfen! Dazu hat Gott uns berufen!

AMEN

 


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