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Ein ständiger Anstoß für die Ökumene
Botschaft von Kardinal Kasper an die 2. internationale Weltkonferenz konfessionsverbindender Familien
Gnade und Friede euch allen im Vater, der die Ehe zu einem Lebens- und Liebesbund gemacht hat, und in unserem Herrn Jesus Christus, der in dieser Liebe gegenwärtig ist, und im Heiligen Geist, der die menschliche Liebe in das göttliche Leben der Dreifaltigkeit emporhebt.
Ich wünschte, ich hätte bei euch sein können, um euch zu begrüßen, aber das ist mir leider nicht möglich. Ich muss euch gratulieren zu eurem Mut für euer Vorhaben, denn nur mutige Seelen kommen nach Rom um die Hitze im Juli zu ertragen.
Ich habe in eurem Vorbereitungspapier das Statement gelesen, dass „in der Vergangenheit konfessionsverbindende Familien oft als Problem betrachtet wurden“. Vielleicht kennt ihr das berühmte Zitat von Gabriel Marcel: „Das Leben ist nicht ein Problem, das gelöst werden muss, sondern ein Geheimnis, das gelebt werden muss“. Ich versichere euch, dass ich euch heute nicht als solche begrüße, die in ihrer konfessionsverbindenden Ehe ein Problem sind, sondern als Menschen, die in ihren Ehen auf verschiedenen Wegen eine konkrete Erfahrung leben, eine Erfahrung des Austauschs in der Verbindung von Mann und Frau, die euch immer tiefer in einer Einheit verbindet, während ihr gleichzeitig etwas von der schmerzlichen Spaltung der Christenheit in dieser Einheit erlebt.
Einerseits ist jede eurer Familien eine Liebes- und Lebensgemeinschaft, eine Schule der Einheit, der primäre Ort, an dem die Einheit jeden Tag geformt oder geschwächt wird. Viele von euch haben Anteil an dem, was die Katholische Kirche unter sakramentaler Ehe versteht. In dieser habt ihr Anteil an dem großen Geheimnis, das die Liebe Christi zu seiner Kirche als Braut zum Ausdruck bringt, die berufen ist, die Botschaft Christi erstrahlen zu lassen. Anderseits wurden in euren Ehen Mann und Frau in unterschiedlichen kirchlichen Gemeinschaften geprägt, die nicht in voller Gemeinschaft miteinander leben. Ihr selbst seid kein Problem, aber ihr lebt inmitten des ernsten Problems der Spaltung der Christenheit. In euren Ehen seid ihr mit diesem Problem täglich konfrontiert und müsst euch ernstlich damit auseinandersetzen.
Ich weiß, dass diese Erfahrung, die ihr lebt, beides enthält, Chancen und Konflikte. Wo beide, Mann und Frau, danach streben, ihren christlichen Gemeinschaften treu zu bleiben, werden die Bedeutung, die Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften einander näher zu bringen, den Schmerz unserer Trennung, das Gespür für die Dringlichkeit der Wiederherstellung der vollen sichtbaren Einheit und die Hoffnung und das Gebet, welche die ökumenische Bewegung unterstützen, in ihrer Tiefe erfahren.
Papst Johannes Paul II hat in seiner Apostolischen Ermahnung Familiaris Consortio (n. 78) geschrieben, dass „die Ehen zwischen Katholiken und anderen Getauften ...... zahlreiche Elemente aufweisen, die es zu schätzen und zu entfalten gilt, sei es wegen ihres inneren Wertes, sei es wegen des Beitrags, den sie in die ökumenische Bewegung einbringen können. Dies trifft insbesondere zu, wenn beide Ehepartner ihren religiösen Verpflichtungen nachkommen“. Wenn man auch nicht blind ist gegenüber den ernsten Herausforderungen, mit denen konfessionsverbindende Familien konfrontiert werde können, so richtet sich das Hauptanliegen dieses Textes auf den inneren Wert eurer Ehen und lädt dazu ein, zu überlegen, welchen Beitrag ihr in den jeweiligen Kirchen, denen ihr angehört, einbringen könnt, indem ihr bleibt, was ihr seid und indem ihr diese Identität treu und kreativ lebt.
Euer Vorbereitungspapier spricht von einer „Liebe, die sich nicht einfach zufrieden gibt mit einer parallelen getrennten Existenz, sondern sich sehnt, immer tiefer in die Einheit hinein zu wachsen und sie deshalb auch vorantreibt.“ Konfessionsverbindende Familien sind für die ökumenische Bewegung ein ständiger Anstoß und bewahren uns davor, dass wir uns mit unseren Unterschieden abfinden. Konfessionsverbindende Familien spielen eine bedeutende Rolle für die ökumenischen Beziehungen im Leben unserer Kirchen.
Das Ökumenische Direktorium (n.66b) spricht von konfessionsverbindenden Familien als jenen, die „die nicht leichte Aufgabe haben, für die Einheit der Kirche zu wirken“. In Bezug darauf erlaubt mir, drei kurze Gedanken auszudrücken:
Erstens scheint mir, dass wir von konfessionsverbindenden Familien etwas über den ökumenischen Austausch von Gaben lernen können. Der Katechismus der Katholischen Kirche (n. 1634) spricht von der Wichtigkeit, der Allgemeinheit zu vermitteln, was man von den jeweiligen Gemeinschaften empfangen hat, und von einander zu lernen, wie jeder einzelne seine Treue zu Christus lebt. Ihr seid in der einmaligen Lage, den Kirchen zu helfen, ihre wahren Gaben besser zu erkennen, die gegenseitig entdeckt und aufgenommen werden können.
Zweitens könnt ihr einen bedeutenden Beitrag zu einer ökumenischen Spiritualität leisten, die das Herzstück der Ökumene ist. In seiner Ansprache an die Interchurch Families bemerkte Papst Johannes Paul II. 1982 bei seinem Besuch in England: „Ihr lebt in eurer Ehe die Hoffnungen und Schwierigkeiten auf dem Weg zur christlichen Einheit. Drückt diese Hoffnung im gemeinsamen Gebet und in der Einheit der Liebe aus. Ladet gemeinsam den Heiligen Geist der Liebe in eure Herzen und eure Wohnungen ein.“ Das gemeinsame Gebet, das Lesen und Betrachten der Bibel wird, wenn man auch andere dazu ermutigt, das zu tun, eine Wirkung haben in euren Familien und darüber hinaus.
Drittens ist in unserem gegenwärtigen ökumenischen Zusammenhang, in dem wir während der vergangenen 40 Jahre viel erreicht haben, trotzdem noch viel zu tun. In der Wiederherstellung der sichtbaren Einheit sprechen wir immer wieder von der Bedeutung des gemeinsamen Handelns in der Mission in dem Maß, in dem sie unser gemeinsamer Glaube ermöglicht. Als konfessionsverbindende Familien seid ihr bereits in der gemeinsamen Mission engagiert, in der Sendung, die eheliche Liebe, die euch aneinander bindet, tiefgreifend zu leben. Weil Kirchen und kirchliche Gemeinschaften sich immer mehr bemühen, sich zunehmend in der gemeinsamen Mission zu engagieren, können wir viel lernen, wenn wir eure gemeinsame Sendung in euren Ehen und Familien betrachten.
Schließlich will ich die Gelegenheit wahrnehmen, ein besonderes Wort der Ermutigung auszusprechen, speziell für jene konfessionsverbindenden Familien, in denen entweder der Mann oder die Frau katholisch ist. Ich kann euch versichern, dass der Päpstliche Rat für die Einheit der Christen für euch alle ein dauerndes herzliches Mitgefühl hat. Der Abschnitt über konfessionsverschiedene Ehen im Ökumenischen Direktorium, der in den früheren Ausgaben fehlte, ist ein Ausdruck dieser Sorge. Treue den Richtlinien gegenüber, die darin festgelegt sind, speziell für die eucharistische Gemeinschaft, bedeutet gelegentlich, dass ihr den Schmerz der Trennung intensiver spüren werdet. Dieser Schmerz kommt aber nicht von den derzeit geltenden Normen, sondern von der Tatsache, dass die Trennung der Christen bis heute nicht überwunden ist. Unsere ständigen Dialoge geben uns jedoch Grund zur Hoffnung. Wenn sie die Fundamente unseres gemeinsamen Glaubens erweitern können, wird uns das helfen, weitere Schritte zur vollen sichtbaren Einheit, die wir suchen, zu gehen. Während wir andauernd nach der Einheit streben, ist es unsere Hoffnung und unser Gebet, dass euer Glaube, eure Geduld und eure Bemühungen ein integrierender Bestandteil des Heilungsprozesses der Versöhnung sind, zu der uns Christus aufruft und die er ersehnt.
Wir schätzen es, dass es eines der Ziele der Vereinigung konfessionsverbindender Familien ist, mit den Kirchen für die Einheit der Christen zusammenzuarbeiten, und sind dadurch ermutigt, dass ihr euch berufen fühlt, Zeichen und Werkzeug der sichtbaren Einheit zu sein, die wir erstreben. Im Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen wären wir erfreut, einen Bericht von eurer Versammlung zu bekommen und werden die Probleme und Beschlüsse sorgfältig studieren.
Mit freundlichen Grüßen in Christus
Walter Kardinal Kasper
(Präsident)
Übersetzung: Klemens Betz ARGE Österreich 
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