Konfessionsverbindende Ehen und Familien sind kein Problem - Sie sind die Lösung
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Präses Kock: Welche Wege führen zur Einheit
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Präses Kock bei der Netzwerktagung in Braunfels |
Einleitung: Die Vision wach halten, das Ziel glauben
Die ökumenische Bewegung lebt von der Vision der wachsenden Einheit der Kirchen. Diese Vision ist geboren aus dem Gebetswunsch Jesu Christi: „Heilige sie in der Wahrheit ... damit sie alle eins seien“ (Joh17, 17.21.). Wir leben gemeinsam in einer Welt und glauben die eine heilige, allgemeine, apostolische Kirche. Wo immer Christinnen und Christen danach streben, die Trennung der Kirche Jesu Christi in Konfessionen und nationale Kirchen zu überwinden, wirkt ihre Vision auf die bestehenden kirchlichen Verhältnisse ein. Die Phantasie des Glaubens weitet den Blick über die spröde Gegenwart hinaus. Zukunftsbilder scheinen auf, die Mut machen, die eine Kirche zu glauben.
Mag die gegenwärtige Wirklichkeit bisweilen kümmerlich erscheinen, mag der Ökumenische Rat der Kirchen gegen Widerstände zu kämpfen haben, mögen Sie als Menschen, die in ihrem persönlichsten Lebensbereich diese Spaltung besonders zu spüren bekommen und angesichts der amtlichen Realitäten verzagen, mögen unsere Einheitsgebete wie Stimmen in der Wüste verhallen, mögen wir uns, wie wirkliche Geschwister das ja zuweilen auch tun, in den Haaren liegen - die ökumenische Bewegung selber ist seit über 100 Jahren unaufhaltsam und insgesamt erfolgreich, denn sie bezieht ihre Dynamik aus der Kraft des Glaubens und des Geistes. Sie versetzt Berge und wirkt Wunder, gegen den Augenschein. Sie überwindet Beschränktheiten und Intrigen, für die auch Christen von je her anfällig waren.
Wer von der Ökumene spricht, redet von einem schöpferischen Handeln Gottes: „Siehe, ich mache alles neu.“ Apk 21, 5
Diese göttliche Verheißung verbietet nicht, von den Schwierigkeiten in der Ökumene zu sprechen. Nur sind sie nicht Ausdruck einer ultimativen Krise.
An der Vision der Einheit des Leibes Christi teilzuhaben, das bedeutet in Spannungen zu leben zwischen Begeisterung und Nüchternheit, Erfolg und Scheitern, Versöhnung und Streit, Schuld und Vergebung, Zweifel und Glauben.
Die Wege zur Einheit der Kirche:
1. Für das Erreichte danken
Wenn man auf die Geschichte des ökumenischen Gedankens blickt, kann man mit Staunen und großer Dankbarkeit feststellen: Was sich hier ereignet hat, ist so kraftvoll, so verheißungsvoll, dass Schwierigkeiten und Probleme auf dem Wege kein Argument dagegen bilden können. Was seit Stockholm 1925, der Weltkonferenz „On Life and Work“, und seit Lausanne 1927, der Weltkonferenz „On Faith and Order“, geschehen ist, was die Una-Sancta-Bewegung zwischen den Konfessionen geleistet hat, was sich seit Amsterdam 1948, dem Jahr der Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen, gestaltet hat, ist eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen. Es sind ja nicht nur und nicht vor allem die verfassten Kirchen, die diese Bewegung tragen. Schon vor den großen Weltkonferenzen haben die christlichen Jugendbünde, die Evangelische Allianz, die Missionskonferenzen Wege geebnet. Und in den Jugend-, Männer- und Frauenwerken der verschiedenen Kirchen, in den Friedens- und Entwicklungsdiensten lebt der Gedanke ebenso fort. Ja, hier liegen wichtige Triebkräfte, ohne die die Kirchen selber wohl nicht so leicht in Bewegung zu bringen gewesen wären.
Auf die Ökumenischen Beziehungen zu den Orthodoxen Kirchen, zu den Altkatholiken, den Anglikanern und den sogenannten Freikirchen kann ich aus Zeitgründen heute nicht eingehen. Die Entwicklungen sind im Einzelnen unterschiedlich, aber insgesamt doch erfreulich.
Eine atemberaubende Wende nahm auch die römisch-katholische Kirche im Blick auf die Ökumene. Es ist heute kaum noch vorstellbar, dass Pius XI. in seiner Enzyklika „Mortalium animos“ von 1928 den Katholiken die Teilnahme an Tagungen der Nichtkatholiken strikt verboten hat: „Man darf auf die Einheit der Christen nicht anders hin arbeiten als durch Wirken für die Rückkehr der Getrennten zur wahren Kirche Christi, von der sie ja seinerzeit unglücklicher Weise abgefallen sind. ... In dieser Kirche Christi kann niemand sein und niemand bleiben, der nicht die Autorität und die Vollmacht Petri und seiner rechtmäßigen Nachfolge anerkennt und gehorsam annimmt.“ Von daher ist es ein qualitativer Sprung, wenn das II. Vatikanische Konzil im Jahre 1964 in „Lumen gentium“ (Nr. 8) mit dem berühmten Wort „subsistit“ zum Ausdruck bringt, die Kirche sei zwar „verwirklicht“ in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird, dann aber fortfährt, „... das schließt nicht aus, dass außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen“. Und im Ökumenismusdekret „Unitatis redintegratio“, ebenfalls von 1964, wird noch deutlicher gesagt: „Nichtsdestoweniger sind sie, die Christen anderer Konfession, durch den Glauben in der Taufe gerechtfertigt und im Leibe Christi eingegliedert, darum gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit Recht werden sie von den Söhnen der katholischen Kirche als Brüder im Herrn anerkannt.“ Dieser Weg der römisch-katholischen Kirche setzt sich fort in der Enzyklika „Ut unum sint“ des gegenwärtigen Papstes Johannes Paul II. von 1995. Er sieht die ökumenische Bewegung als im Plan Gottes selbst begründet. Von wieder entdeckter Brüderlichkeit ist die Rede (Ziff. 41f), von verwirklichter Zusammenarbeit (Ziff. 74ff). Ja, der Papst stellt sein Amt selber als „universales Dienstamt der christlichen Einheit“ zur Debatte und lädt dazu ein, zu prüfen, inwieweit ein solches Petrusamt auch für die „getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften“ von Bedeutung sein könnte.
In unserem Land hat sich auch im Miteinander der Konfessionen viel getan. Ich erwähne nur die Einstellungen zur Eheschließung „konfessionsverbindender Paare, wie Sie das nennen. Ich selber habe eine katholische Großmutter gehabt, deren Ehe mit meinem Großvater zunächst auf Druck des katholischen Pfarrers nicht zustande kommen durfte, weil die Familie meines Großvaters auf einer evangelischen Trauung bestand. Auch die sich ankündigende Schwangerschaft änderte daran nichts, denn der Pfarrer sagte dem Vater meiner Großmutter: „Dat Kind kricht Ii woll graut, wenn et blooß kien Evangelsken wet,“ Erst als die Großmutter volljährig war, hat sie sich durchgesetzt, wobei der Druck der Familie nachgelassen hatte, weil mein Vater noch vor der Hochzeit katholisch getauft worden war. Später, unter dem Einfluss der evangelischen Familie ist er dann in die evangelischen Schule geschickt worden, hat Konfirmandenunterricht erhalten und ist mit der Konfirmation dann evangelisch geworden, Seine Großmutter wiederum, die katholische, war bezaubert von dem real existierenden Kind, der kleine Protestant war ihr ans Herz gewachsen, das hatte die konfessionelle Spalterei nicht verhindern können. Meine katholische Großmutter aber, die einzige Fromme in der evangelischen Familie, war exkommuniziert und wurde erst zu Beginn des Krieges, als sie fast sechzig war, von einem einfühlsamen Priester wieder zur Kommunion zugelassen. Welche Rechtsvorschriften das möglich machten und was das für ein Ritual war, dem sie sich im Gespräch mit dem Priester unterzogen hat, war ihr unklar geblieben. Wichtig war nur, dass die wieder am Sakrament teilnehmen durfte.
Möglich, dass es hier und da noch vergleichbar starre Haltungen praktiziert werden, es sind Ausnahmen. Für eine von beiden Kirchen akzeptierte Trauung gibt es Regeln, und die meisten Seelsorger auf katholischer Seite, lassen auch die gemeinsame Teilnahme an der Eucharistie zu, sofern es nicht zu offensichtlich und zu öffentlich geschieht.
Die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ (GE), die zum Reformationstag 1999 in Augsburg feierlich unterzeichnet wurde, war ein ökumenischer Meilenstein. Auch die Tatsache, dass sie durch die „Gemeinsame Offizielle Feststellung“ (GOF) gerettet werden musste, bedeutet nicht, dass die Verständigung über die Rechtfertigungslehre gescheitert ist. Denn zum ersten Mal seit der Reformationszeit ist es gelungen, dass die seit damals getrennten Kirchen gemeinsame Aussagen zu jener Lehre machen, die einst zum Zerbrechen der Einheit der westlichen Kirche führte. Die früheren gegenseitigen Lehrverurteilungen treffen die Lehre der Dialogpartner, wie sie in der Gemeinsamen Erklärung dargelegt wird, fortan nicht mehr.
Beide Traditionen, die römische und die reformatorische, füllen wichtige Lehrbegriffe mit unterschiedlichem Bedeutungsgehalt. Darum muss, wer einer Verständigung über Lehrfragen auf der gemeinsamen Grundlage der Heiligen Schrift näher kommen will, der jeweils anderen Seite genügend Spielraum geben für die Vergewisserung in der jeweiligen Tradition.
Darum freilich geht es: Verständlich zu formulieren, was Rechtfertigung für den modernen Menschen heißt, denn die Frage nach dem christlichen Menschenbild ist hochaktuell, wie wir es gerade in der Diskussion um die Genforschung erleben. Wert und Würde des Menschen sind im Rechtfertigungshandeln Gottes begründet und darum unverfügbar. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Stärken und Schwächen, seiner Taten und Untaten. Seine Würde ist unabhängig von seiner genetischen Vollkommenheit. Und darum darf menschliches Leben nicht zur willkürlichen Manipulationsmasse erklärt werden. In den Fragen nach den ethischen Konsequenzen aus der Rechtfertigungslehre für den Schutz des Lebens sind die beiden Kirchen trotz teilweise unterschiedlicher theologischer Begründungswege recht nah beieinander.
So ist die Geschichte der „Gemeinsamen Erklärung“ ein Lehrbeispiel dafür, dass Ökumene weitergeht, selbst wenn bei einzelnen Akteuren auf beiden Seiten der Mut zu wirklich entscheidenden Schritten nach vorne noch fehlt.
2. Rückschläge klar sehen
Ich selber bin nicht pessimistisch. Ich weiß, dass es Rückschläge und Enttäuschungen gibt, aber ich nenne sie die „retardierenden Momente“. So wie in jedem guten Drama gibt es eine Verzögerung, bevor das Ziel der Handlung erreicht wird. Dieser Augenblick eröffnet die Möglichkeit, dass die Ereignisse einen ganz anderen Ausgang nehmen könnten, als der bisherige Gang der Dinge hätte erwarten lassen.
Das Bild vom retardierenden Moment hat den Vorteil, dass man Verzögerungen im ökumenischen Prozess auch in ihrer konstruktiven, Identität stiftenden Funktion würdigen kann. Die in einem solchen Fall zutage tretenden Verwerfungen zu benennen, ist der Wahrheitsfindung vielleicht dienlicher als manche allzu glatte, aber in ihrer Substanz bisweilen doch oberflächliche gemeinsame Verlautbarung.
Wenn das nach wie vor Kontroverse, Trennende benannt wird, bedeutet das nicht das Ende der ökumenischen Höflichkeit. Es kann nicht schaden, wenn sich herausstellt, dass wir noch einmal und noch gründlicher nachdenken müssen und noch intensiver miteinander reden müssen. Je gründlicher das Gespräch geführt wird, desto haltbarer werden die Ergebnisse sein, mögen sie angesichts der hohen Erwartungen und der glühenden Visionen auch zunächst eher bescheiden ausfallen.
Eines der „retardierenden Momente“ ist die Erklärung der römischen Kongregation
für die Glaubenslehre „Dominus Iesus. Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche“ .
Diese Schrift ist von prominenter katholischer Seite „ein sperriger Text aus Rom“ genannt worden. Dem wird man nicht widersprechen wollen. So sehr man den ersten Kapiteln zustimmen kann, die die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi darstellen, so unbehaglich wird einem, wenn man sieht, wie dieses nahezu im Maßstab 1:1 auf die Einzigkeit und Heilsuniversalität der römisch-katholischen Kirche übertragen wird. In der Kundgebung der EKD-Synode von November 2000 heißt es: „Es betrübt uns, dass die römisch-katholische Kirche sich selbst als die einzig vollkommene Realisierung der Kirche Jesu Christi versteht und damit bestreitet, dass sich der Leib Christi in einer Vielzahl von Schwesterkirchen verwirklicht und dass sich die Treue Gottes auch darin bewährt.“ Die Synode berief sich auf die wichtigste Bekenntnisschrift der Reformation, nämlich die Confessio Augustana. In deren siebtem Artikel heißt es „Das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden“. „Wer mehr will, will zu viel“, heißt es in der Kundgebung der EKD-Synode 2000. Eine bestimmte Amtsstruktur und -hierarchie gehört nicht - etwa auf einer Ebene mit Wort und Sakrament - zu den Wesensmerkmalen der Kirche. In der Tat ist der Satz in „Dominus Iesus“ ein Stein des Anstoßes: „Die kirchlichen Gemeinschaften hingegen, die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben (damit sind wir Evangelischen zweifellos gemeint!), sind nicht Kirchen im eigentlichen Sinn“. (Ziffer 17).
Ein anderes „retardierendes Moment“ will ich nennen: die kleine EKD-Schrift
„Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis“.
Der Text - ein Votum der EKD-Kammer für Theologie, das sich der Rat der EKD zu Eigen gemacht hat - ist nicht von allen ökumenischen Partnern freudig begrüßt worden. „Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis“ fasst die evangelische Position knapp - an einigen Punkten sehr knapp und damit für manche ökumenischen Gesprächspartner ungewohnt kantig - zusammen.
Es ist nicht zu übersehen, dass insbesondere das dritte Kapitel mit seinen kurz gefassten Konkretionen bei manchen ökumenischen Partnern Irritationen ausgelöst hat. Über den Abschnitt, der die Beziehung zur römisch-katholischen Kirche umreißt, hat sich der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Kirche Walter Kardinal Kasper in einem Festvortrag im November 2001 in Berlin nachdrücklich beschwert. Es heißt im EKD-Text, „dass die Notwendigkeit und Gestalt des ‚Petrusamtes’ und damit des Primats des Papstes, das Verständnis der apostolischen Sukzession, die Nichtzulassung von Frauen zum ordinierten Amt und nicht zuletzt der Rang des Kirchenrechts in der römisch-katholischen Kirche Sachverhalte sind, denen evangelischerseits widersprochen werden muss“. Dazu sagt Kasper: „Das ist so schroff, aber auch so undifferenziert und ohne Berücksichtigung von Dialogergebnissen gesagt, dass ‚Dominus Iesus’ dem gegenüber geradezu als ein freundlicher ökumenischer Text erscheint.“
Dem Vergleich mit „Dominus Iesus“ kann ich so nicht zustimmen. Schließlich haben wir mit unserer Schrift das Kirche-Sein der römisch-katholischen Kirche nicht in Frage gestellt. Aber dass wir an ihre Struktur und an ihr Selbstverständnis, wie es sich in offiziellen Äußerungen Roms darstellt, Anfragen haben, das bitte ich uns zugute zu halten.
Dennoch muss uns die Kritik von römischer Seite aufmerken lassen, und wir wollen alles daran setzen, dass diese Schrift das ökumenische Gespräch nicht abbricht, sondern es aufnimmt und fortsetzt. Das kann deshalb gelingen, weil bei den Ausführungen in unserem Votum es sich nicht um eine jeweilige vollständige Zustandsbeschreibung des Standes der entsprechenden bilateralen Dialoge handelt. Es werden lediglich notwendig zu klärende Fragen genannt. Gerade weil die ökumenischen Beziehungen inzwischen einen Stand erreicht haben, der ein offenes Miteinander möglich macht, ist es möglich, sich auch die strittigen Themen gegenseitig zuzumuten.
3. Die Voraussetzungen für die Einheit klären
Nach evangelischem Verständnis gehört eine bestimmte Amtsstruktur und -hierarchie nicht - etwa auf einer Ebene mit Wort und Sakrament - zu den Wesensmerkmalen der Kirche. In der Tat ist der Satz in „Dominus Iesus“ ein Stein des Anstoßes: „Die kirchlichen Gemeinschaften hingegen, die den gültigen Episkopat und die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben (damit sind wir Evangelischen zweifellos gemeint!), sind nicht Kirchen im eigentlichen Sinn“. (Ziffer 17)
Kardinal Kasper hat in dem schon erwähnten Vortrag die „sperrige“ Aussage von „Dominus Iesus so erläutert: „Gemeint ist: Sie sind nicht Kirchen in dem Sinn, wie die katholische Kirche sich selbst als Kirche versteht. ... Das auszusprechen kann nicht beleidigend sein.“ Diese Erläuterung ist sympathisch. Kasper ist überhaupt dafür zu danken, dass er die gewachsene Gemeinschaft zwischen Rom und den Reformationskirchen hervorhebt: „Wir befinden uns bereits in einer realen tiefen, wenngleich noch nicht vollen Gemeinschaft“. Der Unterschied zwischen der Formulierung in „Dominus Iesus“ und der freundlichen Interpretation des Präsidenten des Einheitsrates ist allerdings der: Mit der Formulierung „keine Kirche im eigentlichen Sinn“ nimmt Rom die Definitionsvollmacht für Kirche in Anspruch. Die Umschreibung „nicht Kirchen in dem Sinn, wie die katholische Kirche sich selbst als Kirche versteht“ umschifft die Klippe römisch-katholischen Exklusivverständnisses von Kirche. Ad bonam partem interpretiert bedeutet dies wohl: In der römisch-katholischen Kirche ist es offenbar doch möglich, Kirchen in dem Sinn, wie diese sich selber verstehen, zu respektieren. Das ist immerhin ein Hoffnungssignal, aber noch längst ist nicht klar, ob dieser Respekt ausreicht, das Kirchesein so anzuerkennen, dass die Ämter und die Sakramente der anderen Kirche anerkannt werden können. Daran muss noch gearbeitet werden.
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4. Die Schritte innerhalb der Kirche gemeinsam gehen
Wirkliche Begegnung der Kirchen ereignet sich nur, wo eigene Tradition ihr jeweiliges Gegenüber aus dessen eigener Perspektive verstehen lernt. Wer sich entscheidet, die Tradition des anderen erschließen zu wollen, muss sich darauf einlassen. Wer diesen Schritt riskiert, nimmt damit die Herausforderung der Vielgestaltigkeit des Christuszeugnisses an und eröffnet sich Möglichkeiten, am Glaubensschatz des anderen teilzuhaben.
Wir haben in den letzten Jahrzehnten jedenfalls schon viel voneinander gelernt, wie Evangelischen von der römischen Kirche vom Gebrauch der Eucharistie, die Katholischen von uns den Gebrauch der heilicgen Schrift.
Die eigene Tradition mit den Einsichten der anderen weiterzuentwickeln, hilft auch dazu, sich der eigenen Prägung bewusst zu werden, und ermöglicht, die eigene Herkunft mit anderen Augen zu sehen.
Das eigene Profil verständlich machen und dabei nicht abgrenzend, sondern einladend sein - darin liegt die Zukunft des ökumenischen Gesprächs.
Das hilft jedenfalls, zur Verständigung über die konfessionelle Grunddifferenz zu kommen. Das ist ein wichtiger Schritt. Aber dieser Schritt wird nicht reichen, um die Chance der Verbundenheit in Jesus Christus wirklich zu nutzen. Für die Zukunft wird die Gemeinschaft der Kirchen in der gegenseitigen Annahme des jeweiligen Andersseins bestehen. Ob das jeweilige Anderssein des Göttlichen in seinen drei Gestalten als Entfaltung der Einheit eine Analogie dazu sein kann, das weiß ich nicht genau. Aber mindestens ist zu lernen, dass Anderssein nicht per se negativ ist.
Was das Herrenmahl angeht, so haben die Rückbesinnungen auf die Bibel und die Erkenntnis, wie stark die dogmatischen Begriffe von aristotelischer Philosophie geprägt waren, zu einer so weitgehenden Übereinstimmung geführt, dass ein gegenseitiger Ausschluss vom Herrenmahl nicht mehr erforderlich sein dürfte.
Die eigentliche Hürde zwischen den Konfessionen ist das unterschiedliche Verständnis vom Kirchlichen Amt. Die „Apostolische Succession“, also die Vorstellung, dass die buchstäbliche Weitergabe des Amtes durch Handauflegung seit der Zeit des Apostel Petrus ununterbrochen erfolgt sei und dieses das entscheidende Kennzeichen der Kirche im eigentlichen Sinn sei, stellt das Haupthindernis für eine Kirchengemeinschaft aus römisch-katholischer Sicht dar.
5. Die Dynamik des Zukünftigen spüren
Ich möchte zum Schluss noch etwas dazu sagen, wie sich die Spannung zwischen dem schon und noch nicht Erreichten auf die Sakramentsgemeinschaft auswirkt, die wir ersehnen. Ich bin davon überzeugt, dass gerade das, was Sie mit ihrer Gruppe kennzeichnet, nämlich konfessionsverbindend leben zu wollen, die starke Kraft für die Zukunft darstellt. Die gegenwärtige katholische Rechtsauffassung in dieser Frage scheint das Hemmnis darzustellen. Aber was bedeutet es nach katholischer Lehre fur das zur Kirche gehören, wenn jemand gültig getauft ist und nach dem katholischen Verständnis in gültiger Ehe sakramental verbunden zu sein? Ich bin ziemlich sicher, dass hier der nächste Schritt der innerkatholischen Klärung fällig ist.
Der Ökumenische Kirchentag von Berlin war - so sehen es die meisten der evangelischen und katholischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer und die überwiegende Zahl der publizistischen Beobachter - ein Meilenstein in der Geschichte der Ökumene in unserem Land, ein Ereignis, das die Menschen begeistert hat. Wer in den Straßen der Berliner Innenstadt mit dabei war in diesen Tagen zwischen dem 27. Mai und dem 1. Juni, der wusste, dass eine Berliner Tageszeitung vollkommen Recht hatte, als sie eine ihrer Ausgaben mit der Schlagzeile versah: „Ein großer Himmel über Berlin“. Gemeint war das Wetter, formuliert aber wurde mit diesen Worten zugleich eine wetter- und klima-unabhängige Grunderfahrung, die 200.000 Kirchentagsteilnehmerinnen und -teilnehmer miteinander verband.
Die in Berlin dabei waren, hatten das Bedürfnis, das erreichte Maß an Gemeinsamkeit miteinander zu feiern und sich gemeinsam daran zu freuen, was wir füreinander und für andere sein können. Es war an der Zeit, miteinander öffentlich Zeugnis abzulegen von dem, was der gemeinsame Grund unserer Hoffnung ist in unsicheren, friedlosen Zeiten. Das hat unserer Gesellschaft gut getan, und es war ein Segen, dass eine breite Öffentlichkeit uns miteinander als freie Menschen erleben konnte, als solche, die Mut zur Wahrheit haben und die in der Taufe etwas miteinander verbindet, was ihnen niemand nehmen kann.
Es gab nicht nur das ungestüme Drängen nach mehr sichtbarer Einheit, es gab auch die Lust am gemeinsamen Hören auf das Wort Gottes, es gab das wunderbare Erlebnis gemeinsamer Anbetung.
Deshalb bedauere ich sehr, dass einige römisch-katholische Kardinäle und Bischöfe den Ökumenischen Kirchentag als eine oberflächliche, verwirrende, unbotmäßige Veranstaltung bezeichnet und in diesem Zusammenhang vor der Gefahr einer "Protestantisierung" der römisch-katholischen Kirche gewarnt haben. In solchen Äußerungen begegnen wir theologischen und geschichtlichen Urteilen, die dem Verständnis von Protestantismus und evangelischer Freiheit nicht gerecht werden. Jene Kritiker stützen sich ausschließlich auf negative Erscheinungsformen einer Lebensweise, die gerade nicht Ausdruck evangelischen Freiheitsverständnisses ist.
Der Versuch, die Ökumene zurückzudrehen, hieße, die Trennung der Getauften zementieren zu wollen. Dies wäre ein neuer Skandal.
Am Rande des Kirchentages gab es jene Regelverletzung, die das Heilige Abendmahl/die Eucharistie betraf. Die Verantwortlichen des Kirchentages hatten die Verabredung getroffen, dass eine „ökumenische Gastfreundschaft“ bei den Gottesdiensten nicht geübt werden sollte. Die Bischofskonferenz hatte das gefordert, der Rat der EKD, auch ausdrücklich ich selbst hatten das unterstützt. Das ist von einer kleinen Zahl der Teilnehmenden –etwa 2000 von 200000 = 1% nicht respektiert worden. Ich selber meine, die Grenzüberschreiter haben der Ökumene keinen Dienst getan. Man soll im ökumenischen Kontakt nicht Kirchenvolk und Kirchenleitung voneinander trennen wollen.
Dennoch soll nicht verschwiegen werden, dass es uns Evangelische schmerzt, das Abendmahl noch nicht gemeinsam feiern zu können. Ich weiß, dass auch viele Menschen in der römisch-katholischen Kirche diesen Schmerz teilen.
Lassen Sie uns also, was ich als retardierende Momente bezeichnet habe, dazu nutzen, das von Jesus Christus vorgegebene Ziel umso fester ins Auge zu fassen, und lassen Sie uns im Wissen darum, dass die Einheit nicht wirklich verhindert werden kann, auf dem Weg der Ökumene Schritt für Schritt weiter voranschreiten. Dieser Weg hat Gottes Verheißung! Es ist noch genug Glut in der Asche, und die Dynamik des Vorläufigen entfaltet in unseren Gemeinden schon jetzt eine Lebendigkeit, die sich segensreich auswirkt.
Die Botschaft der Kirchen steht nicht in einem Gegensatz zur Moderne. Das Freiheitsverständnis der säkularen Welt verdankt sich ganz wesentlich dem befreienden Evangelium von Jesus Christus. Auch wenn die Menschen das nicht mehr wissen, und gerade weil sie es vergessen haben, bleibt den Kirchen gar nichts anderes übrig, als gemeinsam darauf zu verweisen, aus welcher Wurzel uns Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden zuwachsen. Der unsere Füße auf weites Land gestellt hat, der uns in der Taufe beim Namen gerufen und uns durch seinen Geist mit Gaben ausgestattet hat und uns in seinen Dienst stellt, der will die Bitte Jesu Christi erfüllen, dass alle eins seien - „auf dass die Welt glaube“.
Keine Kirche ist Selbstzweck. Sie hat den Auftrag, an der Begegnung Gottes mit den Menschen mitzuwirken, sie ist selber ja Teil dieses Aufbruchs Gottes zu den Menschen hin, den wir Mission nennen: Gott sendet seinen Sohn, seinen Geist, und er sendet Menschen, die darum wissen und daran glauben, dass er es ist, der sie unter die Leute schickt, manchmal wie Schafe unter die Wölfe, aber auch: klug, wie die Schlangen und doch aufrichtig wie die Tauben.
Für die Evangelische Kirche in Deutschland hat die Synode vor zwei Jahren gesagt: "Wir sind nur dann evangelisch, wenn wir zugleich ökumenisch sind. Konfessionelle Selbstgenügsamkeit macht uns arm."
Bis an das Ende der Welt sind alle Kirchen verpflichtet, dem einen Herrn gehorsam zu sein und sein befreiendes Evangelium in überzeugender Weise auszurichten.
Wir sind auf diesem Weg.
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