Ökumene ist der Versuch einer gelebten Antwort auf den biblischen Auftrag der Christen zur Einheit

oekumene.net - das Ökumene-Netz

   Suchen      Service & Kontakt      Gästebuch      Impressum   





Der Christ der Zukunft ist ein Mystiker

Eine Weihnachtspredigt

evangelische Petruskirche Bernhausen, 25.12.2004

Predigtgruß:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.

 

Liebe Geschwister im Herrn,

ist Weihnachten nicht schon längst vorbei? Die Weihnachtsmärkte sind abgebaut. Bei den letzten Feiern des Adventskalender in der Gemeinde sind – zumindest in Tübingen - die Brezeln ein Hit. Denn vielen hängt der Süßkram nur noch zum Hals raus. Unsere Kirchen sind nicht mehr an zwei, drei oder vier Heiligabend-Gottesdiensten voll. Die Geschenke sind verteilt – kommt jetzt noch etwas? Wer jetzt noch etwas entdecken möchte, der muss den Lärm, die Überfülle und die Hektik des Advents hinter sich lassen und tiefer blicken. So soll das Wort Gottes, das unter uns wohnte, in der Mitte stehen – und wer ein bisschen nach den Wortwurzeln fragt, ist bei Wort und Lehre von Gott, ist bei der Theologie angekommen, die traditionell Mitte der Verkündigung am ersten Tag des Christfestes sein soll.

Einen solche tiefer gehenden Blick gibt der große katholische Theologe und Philosoph Karl Rahner, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein – oder er wird nicht sein“, so sein provokativer Anspruch. Dieser große Denker und Christ gibt uns so einen Schlüssel, um zu verstehen, was wir Christen an Weihnachten feiern. Mystik: Das klingt verschwebt und verblasen. Das klingt nach Menschen, die das Denken an der Garderobe abgeben. Das klingt nach wabernden Wolken diffusen Wohlgefühls, nach Extase oder schwammiger Esoterik. Das klingt nach all jenen, für die sich die christlichen Konfessionen in unserer angeblich so aufgeklärten Welt immer wieder entschuldigen.

Doch es geht um etwas anderes:

- Es geht darum, dass sich die Begrenztheit dieser Welt öffnet.

- Es geht darum, dass die Wirklichkeit der kommenden Welt erfahrbar wird.

- Es geht darum, dass die Wirklichkeit dessen, was oft Jenseits oder auf gut theologisch Transzendenz genannt wird, in unsere Welt eindringt.

- Es geht darum, dass die Wirklichkeit Gottes, die Wirklichkeit dessen, der diese Welt geschaffen hat, auf die wir begrenzt sind, dass diese Wirklichkeit uns nahe kommen wird.

So kann das Wort von Karl Rahner „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein – oder er wird nicht sein“ auch ein Schlüssel sein, um Weihnachten herauszureißen aus jener krampfhaften Suche nach ein wenig heiler Welt, einer Suche, die allzu oft abstürzt. Es kann zum Schlüssel werden, um statt ein wenig heiler Welt die Grundlage der geheilten Welt zu entdecken.

Dass die Welt eine neue Erfahrbarkeit des Jenseitigen sucht, wird spätestens daran deutlich, dass Land auf, Land ab das Thema Schutzengel selbst bei denen zum modischen Hype wird, die der christlichen Botschaft sonst äußerst fern stehen. Denn jene hilfsbereiten Flatterwesen sind – solange sie nicht Teil einer umfassenden Gottes-Beziehung sind, nichts anderes als der Versuch einer Mystik light: süß, praktisch, harmlos, hilfsbereit, ohne Konsequenzen für mein Leben, letztlich berherrschbar.

Doch recht verstanden kann uns der Begriff der Mystik von einer Weihnacht befreien, die ihre Werte in Kilowatt, Litern und Euro misst: in den Kilowatt der Festbeleuchtung, in den Litern des Glühweins auf den Weihnachtsmärkten und in den Euro, die die Geschenke wert sein sollen. Es kann uns andere Werte geben, nämlich die Umkehr aller Werte, den Abschied von den erdrückenden Maßstäben jeder menschlichen Kultur, das Ende der Sucht des Haben-Wollens.

Dies alles will entdeckt werden: Durch Nachdenken, welches das eigene Denken nicht zu ernst nimmt. Durch Spurensuche, die die eigenen Spuren in unserer Psyche nicht überbewertet. Durch Zuhören, das die eigenen Worte unter das Wort Gottes stellt, unter jenes Wort, das für uns zum Fleisch wird, das unter uns wohnen will und dessen Herrlichkeit wir erfahren dürfen.

Wenn wir nun das Christfest mit dem Predigttext aus Micha entdecken, dann sind wir erst einmal nur sehr indirekt angesprochen: „Du Bethlehem Efrata“, das sind nicht wir, das ist lax gesagt das letzte Hintertupfingen vor vielen Jahrhunderten. Es ist das Gegenstück zur Metropole Jerusalem, um die sich alles dreht. „Du Bethlehem Efrata“, das ist das Gegenteil des Hauptstadtwahns: Der Fokus wendet sich fort vom Großen hin zum Unscheinbaren und zugleich hin zu einer Geschichte, die knapp 1000 Jahre vor die Geburt Jesu zurückweist. Denn schon einmal kam der Umbruch, kam die Wende, kam jener David, der Goliath besiegte, aus dem kleinen Bethlehem, wo die Sippe der Efratiter lebte. An diesen unscheinbaren Ort richtet sich die Verheißung unseres Predigttextes und trifft eine Zeit gegen Ende der babylonischen Gefangenschaft, als langsam Hoffnung auf eine bessere Zukunft keimt. Doch diese Zukunft kommt eben nicht aus Macht, Stärke, Ansehen und Besitz. Sie hat ihren Ursprung vielmehr in denen, die sich als miekrig, klein und unbedeutend empfinden.

In diese unbedeutende Provinz voller Defizite, fehlender Perspektiven und voller Selbstungewissheit kommt der Herr, der denkbar Größte, der alle Dürftigkeit wendet, allen Mangel stillt, den Verzagten Trost gibt und einer neuen Wirklichkeit den Weg bahnt. Und doch zeigt dieser Ort: Hier kommt kein König nach den Maßstäben dieser Welt, sondern einer, dessen Autorität noch umfassender ist: Gott, der Schöpfer des Universums, hält sein Wort. Er kommt, voller Macht und doch liebevoll, aufmerksam und beharrlich wie ein guter Hirte. Und er will in einer Zeit des Krieges und des bitteren Elends End-gültigen Frieden schaffen, wohl wissend, wie weit der Weg dahin in einer schuldbeladenen Welt ist.

Doch er selbst will der Friede sein durch die Umkehr aller Werte. Das wird aber nur für den erkennbar, der den Blick weg von den Rummelplätzen der Welt hin zu dem Geschehen Gottes in einer unscheinbaren Geburt wendet, die unter Schmerzen geschieht.

Und: Was so ohnmächtig beginnt, wird die Kraft haben, die Welt von Grund auf zu ändern; ja es wird die Begrenzung der Welt aufheben und einer anderen Wirklichkeit in dieser und der kommenden Welt den Weg bahnen. Dass dies geschehen ist, das feiern wir heute am Christfest. Deshalb richtet sich dieser Predigttext an uns, wie eine Billardkugel, die nur ihr Ziel erreicht, wenn sie über die Bande, über den Rand des Billardtischs sozusagen um die Ecke gespielt wird.

Diese Umkehr aller Werte ist so tief gehend, dass dieser an das jüdische Volk gerichtete Text zugleich ein Höhepunkt der Geschichte Gottes mit seinem Volk und der Aufbruch zu einem viel größeren wandernden Gottesvolk ist, dessen Teil auch wir sind, vereint mit Menschen aus allen Kontinenten und zu allen Zeiten seit dem Christfest, den Menschen, die darauf vertrauen, dass sich bei der Geburt Jesu Himmel und Erde berühren und dass so alle Maßstäbe umgekehrt werden. Diese Umkehr wird aber nur von denen verstanden, die den Blick ausrichten auf das, was nach den Maßstäben der Welt Provisorium und Elend war: Da! Dort! Im stinkenden, zugigen und kalten Stall! In schmutzigen Windeln! Das kleine Baby! In ihm ist das Wort Fleisch geworden und wohnte unter uns.

Es braucht eine Form besonderer Weisheit, um das zu erkennen und anzunehmen. Es bedarf die Bereitschaft, über Gottes Wege neu nachzudenken, wenn sich im Stall Himmel und Erde berühren. Es benötigt große Offenheit, damit mich dieses Ereignis bewegen kann: Nicht, weil sich um Weihnachten so viel Idylle, Kitsch und unerfüllte Sehnsüchte ranken. Sehnsüchte, die bei den einen für ein paar Tage zugetüncht werden, bis sie im Alltag wieder aufbrechen. Sehnsüchte, die bei anderen zur Verzweiflung, zum Streit, zur psychischen Krankheit, ja sogar zur Selbsttötung führen, weil die heile Welt so ersehnt und doch nie so fern empfunden wird, wie an Weihnachten.

Wir benötigen die Offenheit, um die Botschaft anzunehmen: Gott liebt uns so, dass er in diese Welt, in ihre Not heruntergekommen ist, um sein Versprechen zu erfüllen. Er ist heruntergekommen, weil er diese Welt liebt. Er ist heruntergekommen, um im Leben von Jesus Christus Zeichen und Maßstäbe zu setzten. Er ist heruntergekommen, um am Kreuz unsere Schuld offen zu legen und zu vergeben. Er ist heruntergekommen, um in der Auferstehung Hoffnung zu schenken für diese und die kommende Welt.

Die Frage lautet: Geht mich das etwas an? Hat diese Botschaft etwas mit meinem Leben zu tun? Mache ich die Erfahrung, dass diese Botschaft mein Leben frei macht von den Zwängen, die mich in dieser Welt gefangen nehmen? Genau diese Fragen führen zu Rahner und seinem Satz: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein – oder er wird nicht sein.“ Intellektuelle Verantwortung Ja, aber die Botschaft des Christfestes ist die Erfahrbarkeit der Verbindung von Himmel und Erde – und diese entzieht sich dem Intellekt, der Psychologie und der Naturwissenschaft. Sie entzieht sich jeglicher menschlichen Verfügbarkeit.

Mit dieser Botschaft und Erfahrungswelt, die alle Werte umkehrt, tritt die Botschaft der Krippe ein in ein Umfeld, in dem entscheidende Kulturen zusammentreffen: Da gab es das Judentum mit seiner Lehre von dem einen Gott und die griechische Welt mit ihrer Liebe zum Nachdenken, zur Kunst und zum vermeintlich perfekten Menschen. Die Fernsehreie „The Swan – endlich schön“, dieser perverse Wahnwitz zur Verherrlichung von Schönheitsoperationen, hätte auch gut ins griechische Fernsehen zur Zeit von Jesus gepasst. Dann war da die römische Welt der Macht und des Praktischen und es gab manche andere kulturellen Einflüsse, etwa aus Persien. Für alle diese Kulturen ist das Christentum Gegensatz und letztlich eine Religion jenseits jeglicher Kultur, , ja im Widerspruch zu ihr. Das gilt selbst das angeblich so christlichen Abendland. „Für die Juden eine Provokation, für die anderen Völker eine Narretei“, so beschreibt es auch Paulus. Und das gilt bis heute an jedem Ort der Erde. Doch unabhängig von der Kultur kann die Botschaft aus Bethlehem in einem Rock-Gottesdienst in einer großen Halle, in einer Deutschen Messe in einem Münster oder mit dem Posaunenchor irgendwo im Grünen genauso ihren Ort haben wie in einem ganz normalen Christfest-Gottesdienst in der evangelischen Petruskirche. Sie kann ihren Ort haben auf allen Kontinenten, im Süd und Nord, bei Schwarzen und Weißen, bei Menschen des Mittelalters und des 21. Jahrhunderts.

Denn die Umkehr aller Werte betreibt die Botschaft aus Bethlehem an jedem Ort, zum Beispiel:

- Entgegen jenen, die mit neuem bürgerlichem oder linkem Patriotismus auf Rattenfang gehen.

- Entgegen jenen, die vermeintlichen Gotteskriegern die Wonnen des Paradieses in aller Fleischlichkeit versprechen.

- Entgegen jenen, die am liebsten Köpfe rollen sehen und sich dabei noch auf den Gott in der Krippe berufen.

Und, und, und ...

So bleibt die Frage, ob nicht Weihnachten verboten oder als unangenehm abgeschafft würde, wenn es unsere Welt verstanden hätte. Doch die, die es verstanden haben, versuchten es wie die Nazis mit dem Julfest und die DDR mit der Jahresendfeier. Sie alle sind gescheitert, denn die Botschaft aus dem Futtertrog hat sich als stärker erwiesen als die menschenverachtendsten Ideologien: Aus dem kleinen Bethlehem wird hervorkommen, was den Weltlauf verändert.

Gott kehrt die Werte im Christfest um – das ist die Grundlage des Schalom, des alles umfassenden Frieden Gottes. Es ist kein Friede, der in der Macht des Stärkeren, in einem Waffen starrenden Gleichgewicht des Schreckens oder im Wegschauen seine Grundlage hat. Es ist kein Frieden nur für mich, koste es durch meine Ignoranz andere, was es wolle. Es ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen, sondern die Botschaft von der Umkehr aller Werte mitten hinein in eine friedlose Welt, in eine Welt, die unfähig zum Frieden scheint.

Doch wenn wir dem Mensch gewordenen Gott vertrauen und seiner Umkehr aller Werte, dann kann sehr wohl Verantwortung im Kosovo auch militärisch getragen werden und doch gerade dort die kleine Pflanze des Miteinanders vorsichtig herangezogen werden. Dann kann es nötig sein, auch durch staatliche und polizeiliche Maßnahmen vor Gewalt zu schützen und doch den Blick der Innenpolitik mehr auf die fast zwanzig Prozent der Jugendlichen in unserem Land zu richten, die unter der Armutsschwelle leben – Tendenz steigend. Dann kann es nötig sein, in der Erziehung, in Beruf und Familie, in Kirchengemeinde und Alltag Konflikte beim Namen zu nennen und wo nötig zu streiten – und doch all dies in dem Wissen zu tun, dass diese Streitereien sich vor einer anderen Wirklichkeit verantworten müssen.

Denn es wird regiert - nicht nur senkrecht von oben sondern auch ganz von unten. Es wird regiert – und diese Regierung hat ihren Ursprung im Futtertrog. Es wird regiert und deshalb wird Friede sein, der höher ist als alle Vernunft. Kein billiger Friede, der ohne Leid, ohne Wehen, ohne Schuld in die Welt kommt. Kein Friede, der in dieser Welt seine Erfüllung findet, sondern einer der dort geschieht, wo sich Himmel und Erde berühren. Dieser Friede, der höher ist, als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Denn in ihm ist das Wort Fleisch geworden und wohnte unter uns. Und wir dürfen im Christfest seine Herrlichkeit entdecken, ein erstes Mal und immer wieder von neuem.

AMEN

 


Copyright

© Copyright: Jörg Beyer, D 72072 Tübingen: Die Weitergabe des unveränderten Textes einschließlich dieses Copyrights und der E-Mail-Adresse mail@oekumene.net sowie der Homepage-Adresse 'http://oekumene.net' als Ausdruck oder per E- Mail zu nicht kommerziellen Zwecken ist ausdrücklich erwünscht. Ebenso erwünscht ist die Schaltung von Links auf die Homepage oekumene.net und auf diese Seite. Jegliche andere Verwendung - insbesondere auch die Veröffentlichung des Textes auf Homepages im Internet - bedarf der schriftlichen Genehmigung.



Einige persönliche Hinweise zu allen Predigten dieser Homepage







Impressum + Haftungsauschluss
E-Mail
© 1999 - 2012 Beate und Jörg Beyer