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Nimm dich selbst nicht so wichtig - in Guten und in schlechten Zeiten

Predigt über 1. Petrus 5, 5c-11

evangelische Kirche Öschingen 19.9.2004

Predigtgruß:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Predigttext: 1. Petr. 5, 5c-11

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wißt, daß ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen. Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

 

Predigt

Liebe Geschwister im Herrn, fragt doch einmal einen Karriere- oder Personalberater nach der Bedeutung von Demut: Die Antwort ist klar und einfach: Demut ist ein Karrierehindernis. Auch in der Politik: Wird jemand gewählt, der bescheiden seine Grenzen bekennt? Und in der Schule stehen die mit der großen Klappe im Mittelpunkt, selbst wenn sie dahinter nur ihre Selbstzweifel verbergen. Selbst in der Kirche machen oft die smarten, stromlinienförmigen, an denen nie etwas hängenbleibt, Karriere und nicht die, denen man das Ringen um den eigenen Weg vor Gott in aller Deutlichkeit anmerkt. Wahre Demut ist heutzutage uncool, das macht man nicht.

 

Doch es gibt auch eine andere Seite, die in christlichen Kreisen immer noch nicht ausgestorben ist: jenes sich selbst deckeln, sich selbst im Staub winden, die eigenen Minderwertigkeitskomplexe öffentlich zum Markt zu tragen, mit einer Einstellung, bei der eigentlich nur noch ein T-Shirt fehlt – mit dem Aufdruck: Ich bin ja so demütig. Mancher trägt seine Demut auf eine Art und Weise zum Markt, die hochmütiger ist, als manche offene Hochmut. Doch Demut, sich eben machen, wie es im Griechischen heißt, ist alles andere, als die Kultivierung von Minderwertigkeitskomplexen oder eine demonstrative Gesetzlichkeit, die andere beneidet, die mehr Selbstbewussein haben.

 

Denn der Glaube an den Gott, der Mensch geworden ist, verleiht Selbstbewusstsein und Vertrauen – weil wir wissen, dass wir mit uns selbst nicht alleine gelassen sind. Denn Gott betreibt keine große Gleimacherei, schließlich hat er uns in all unserer Verschiedenheit geschaffen. Aber: Gott zeigt dem Hochmütigen, dem Überheblichen, dem der meint, alles im Griff zu haben, seine Grenzen. Und er gibt eine Grundlage dort, wo Menschen immer das Gefühl haben, zu kurz zu kommen. All dies aber nicht im Sinn einer billigen Gleichmacherei, wie sie allmächtige Diktaturen ebenso kennen, wie Sekten und Glaubens-Fanatiker.

Einen Zugang gibt uns vielleicht Angelo Giuseppe Roncalli, der immer wieder zu sich sagte: "Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!" Und der so seine Kirche von Grund auf änderte und neu an Jesus Christus ausrichtete: Angelo Giuseppe Roncalli war nämlich niemand anderes als Papst Johannes XXIII. Denn ob wir nun gerade meinen, wir seien in den Geschäften dieser Welt die ewigen Gewinner oder ob wir gerade am Boden liegen: “Nimm Dich selbst nicht so wichtig“ – Dieser Anspruch hilft in beide Situationen: Wenn wir gerade befördert wurden und deshalb meinen, dass jeder merken muss, dass wir etwas besseres sind. Und auch, wenn wir arbeitslos sind, wenn wir gerade verständlicher Weise panische Angst vor Harz IV haben, wenn alles verloren scheint, ruft Gott uns zu: Nimm dich nicht so wichtig. Oder wenn wir gerade frisch verliebt, frisch verheiratet sind. Oder wenn wir einen dicken, dankbaren Haken machen, weil es – manchmal trotz allem – 20, 30, 40 oder 50 Jahre gut gegangen ist. Aber auch nach dem Scheitern einer Beziehung: Nimm Dich selbst nicht so wichtig. Ob wir gesund oder krank, arm oder reich, glücklich oder traurig sind: Nimm Dich selbst nicht so wichtig, kreise nicht um Dich selber, mach Dein eigenes Empfinden nicht zum Maßstab aller Dinge, denn Gott, der Vater Jesu Christi, ist es, der in dieser und der kommenden Welt regiert. So kann der Petrusbrief getrost sagen: „All Eure Sorge werft auf Ihn, denn er sorgt für Euch.“ Diese Erkenntnis gibt Lebensvertrauen, Gelassenheit und befreit vom ewigen, besorgten Blick auf den eigenen Bauchnabel.

 

Diese Gelassenheit ist aber zugleich die einzige Abwehr gegen das Bösen, gegen den Bösen, gegen den diabolos, den Durcheinanderwürfler, den Verwirrer. Wie ein brüllender Löwe ist er und damals wussten die Menschen noch: Ein Löwe, den man in der Steppe trifft, das kein Steif-Tier zum streicheln, das ist keine Comic-Figur aus Disneys König der Löwen, das ist kein gruselig-putziges Tier aus der Zirkus-Manage und nicht so nah und doch so fern hinter dem Sicherheitsglas der Wilhelma, so gut gefüttert, dass das Risko beherrschbar ist. Wer einen hungrigen Löwen in der Steppe trifft, der hat ganz, ganz schlechte Karten: Der Löwe ist viel, viel stärker. Er ist viel, viel schneller. Er hat Hunger und will uns zereißen, zerfleischen, fressen. „Seid nüchtern und wachsam“ ruft uns Petrus zu, mitten hinein in diese Bedrohung. Die Geborgenheit bei Gott, das Vertrauen in Ihn, ist also keine Kuschelecke, in der wir uns getrost von allem abwenden können. Sie braucht immer wieder den Blick, der sich nichts vormachen lässt, über sich selbst, über andere, über die Welt, aber auch über die Christen in der Welt mit all ihren Schwächen. Christen, die nie aus etwas anderem leben können, als aus Gottes Gnade.

 

Nüchternheit ist gerade da angebracht, wo die Worte besonders gut klingen, wo jemand nur das Beste will, wo Lösungen versprochen werden, so ganz einfach, wo von Gerechtigkeit geredet wird, die in dieser Welt ganz einfach zu erreichen ist. Nüchternheit ist auch angebracht, wenn jemand verspricht: Alles wird gut. Nein! Seid wach und lasst Euch nichts vormachen: Denn der Durcheinanderwürfler kommt oft von zwei Seiten: Von einer, die bedrohlich wirkt, um auf der anderen Seite eine schnelle Lösung anzubieten, die genauso zerstörerisch ist. So ist dies in der Erziehung, wo eine zu strenge Erziehung zerstört hat und die vermeintliche Freiheit dann zur Beliebigkeit führte. So ist es in der Politik, wo beim Anschlag auf das World Trade Center das Böse ebenso deutlich seine Fratze gezeigt hat wie jetzt beim Abschlachten der Kinder in Beslan. Doch die politische Reaktion besteht in den USA wie in Russland darin, noch blindlings zusätzliches Bezin ins Feuer zu kippen, damit das Geschäft des Durcheinanderwürfelns auch ja gelingt. Damit sei gegenüber dem islamistischen Terror kein trunkener Pazifismus ausgerufen. Doch das konzeptionslose Abwerfen von Bomben im Irak und in Tschetschenien ist keine nüchterne und wachsame Politik, sondern der Affekt von Politikern, die durch blinde Gewalt Wählerstimmen gewinnen wollen. Die Zange, in die uns der Zerwürfeler nimmt, trifft uns Christen aber auch ganz direkt: Es ist nur zu wahr, dass in den Konfessionen vielerlei Allotria getrieben und Irrlehre verbreitet wird, wo Leben, Tod und Auferstehung von Jesus Christus nicht länger in der Mitte stehen. Und es es ist dringend nötig, dem Einhalt zu gebieten. Doch wenn wir uns aus Angst vor dem Allotria des Zeitgeistes nur noch hinter Gesetzlichkeiten und Zwängen verschanzen, geht die Botschaft vom gnädigen Gott, der uns ohne des Gesetzes Werke retten will, ebenso verloren, wie bei jenen, die nicht glauben. Wo wir uns aus Angst vor dem Widersacher hinter Gesetzlichkeiten verstecken, tun wir genau sein Werk, obwohl wir uns genauso fromm vorkommen, wie Pharisäer und Sadduzäer in der Zeit Jesu.

 

Doch wie können wir dem Durcheinanderbringer in aller Nüchternheit widerstehen? In dem wir auf ihn wie das Kanninchen auf die Schlange blicken? In dem wir sein Werk an jeder Ecke vermuten? In dem wir uns Tag und Nacht über ihn Gedanken machen? Nein! In dem wir zum Gott der Gnade „Ja“ sagen! Ich kann das Bösen nur überwinden, in dem ich den Gott bejahe, der es besiegt hat. Auch diese Sorge darf ich auf Ihn werfen in dem Vertrauen, dass er für mich sorgt. Wenn ich auf den Gott vertraue, der mir in Jesus Christus ein neues Leben schenkt, dann muss ich auch meine Sorge um die Macht des Bösen nicht so wichtig nehmen, dann kann ich fröhlich auf ihn verweisen, nüchtern, wachsam, realistisch, ohne dass das Brüller des Löwen Macht über mich gewinnt. Dies ist die Grundlage dafür, dass ich loslassen kann und mich nicht zu wichtig nehmen muss. Aus diesem Blickwinkel kann ich dann aber auch die Freiheit nutzen, die Gott mir geschenkt hat. Denn das Böse ist ja nichts anderes, als die missbrauchte Freiheit. Der Glaube, das Vertrauen auf Gott, erlaubt mir dann aber auch, mit Freiheit richtig umzugehen.

 

Doch wenn ich meine Freiheit auch richtig nutze, wenn ich durch Jesus Christus um die Wirklichkeit der kommenden Welt weiß, die Gott auch für mich bereitet hat: Wir sind deshalb nicht in einem Schutzreservat mit dem Schild: „Vorsicht Christen! Bitte nicht beunruhigen!“ Gerade wo wir uns von den beiden Polen des Bösen fern halten, verderben wir es uns als Christen oft mit allen und müssen die Konsequenzen daraus erleiden. Das erleben Christen immer gemeinsam, auch wenn wir derzeit körperlich wohl nicht bedroht sind.

Für viele der ersten Christen, an die der Petrusbrief gerichtet ist, war dagegen die Bedrohung so allgegenwärtig und lebensbedrohlich, wie sie es heute für Christen in vielen islamischen Ländern ist. Und mit dieser Bedrohung sieht sich jeder erst einmal alleine. Doch gerade das Leiden an der Welt verbindet die Christen. Ob es nun die kleinen und großen Schikanen sind, denen Christen ausgesetzt sind, etwa weil sie bereits von Anfang an gegen den Irakkrieg waren oder weil für sie für die Einzigartigkeit von Ehe und Familie in unserer immer kinderloseren Gesellschaft eintreten. Oder ob es die direkte persönliche Gefahr ist, unter der Christen ihr Glaubenszeugnis gaben und geben: Gegenüber den Juden, im Römischen Reich, während der Französischen Revolution, im Kommunismus und Nationalsozialismus, in vielen islamischen Ländern – die Situation der einzelnen ist nicht vergleichbar, vergleichbar aber ist die Erfahrung, welche Schmerzen diese von Schuld gezeichnete Welt mit sich bringt und das verbindet.

 

Christen verbindet aber auch das Wissen um die Zukunft, die uns in Jesus Christus geschenkt ist. Es ist dieses Wissen um die Zunkunft, das es uns ermöglicht, uns selbst nicht so wichtig zu nehmen. Wir dürfen in dieser Welt auch vieles Gute dankbar annehmen – das sei in aller Deutlichkeit gesagt: Wir haben viele Gründe uns an der von Gott geschaffenen und geschenkten Welt zu freuen und dafür zu danken. Doch es ist die Zukunft, die Gott aufrichtet, vor der all das Gute und noch mehr das Schlechte verblasst, all das, was wir eine kleine Zeit erleben. Das schafft Gemeinschaft unter uns Christen. Das verbindet. Das ist die wirkliche Hoffnung der Kirche nach Beslan, nach den Geschehnissen im Irak, trotz aller Sorgen, die wir anlässlich der heutigen Wahlen in Ostdeutschland haben, trotz der zunehmenden Zahl der Ehescheidungen und abnehmender Zahl der Kinder, trotz Arbeitslosigkeit, Harz IV und allen möglichen Gruppenegoismen. Diese Hoffnung schafft die Nüchternheit zu der Erkenntnis, wie katastrophal unsere Gesellschaft dasteht und das zu einem Optimismus der Worte keinerlei Anlass besteht, wohl aber zum Umdenken und zu einer Neuordnung, die sich nicht an Kommunismus, Nationalismus, Islamismus oder Amerikanismus orientiert. Diese Hoffnung befähigt uns, mit Kindern zu leben, auch wenn wir unter dem Strich dabei draufzahlen. Diese Hoffnung befähigt uns zur Vergebung im Großen wie im Kleinen, denn der Gott aller Gnade, der uns berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird uns, die wir eine kleine Zeit leiden, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Dabei muss die Ehrlichkeit auch zu Tränen bestehen, wenn Angehörige, Freude oder auch die Kinder von Beslan sterben. Dabei hinterlassen Krankheit und soziale Not viele Schmerzen. Und die Sünde in der Welt, auch unter uns, wird viele Narben hinterlassen, durch Gier, Trägheit, Orientierungslosig, fehlende Gottvertrauen und mangelnden Mut. Doch auch wenn uns all dies bedroht wie der brüllende Löwe, eines kann uns niemand nehmen:

 

Die Zeit Gottes liegt vor uns: In dieser Welt, wo wir in seinem Namen Gutes tun und auch Gutes erleben dürfen, wo wir aber auch vieles erleiden. Vor allem aber in der kommenden Welt, die er uns im Leiden und in der Auferstehung von Jesus Christus her schenkt. Denn sein ist die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

AMEN

 


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