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  • Die Feier des Herrenmahls - theologische und praktische Fragen aus ökumenischer Sicht

    Ein Wochenende des Netzwerks konfessionsverbindender Paare und Familien mit Prof. Otto Hermann Pesch

    Thesen zum Katholischen Eucharistieverständnis: Zusammenfassung des Hauptreferats auf der Jahrestagung des Netzwerks konfessionsverbindender Paare und Familien vom 6. bis zum 8. Februar 2002 von Prof. Dr. Otto Hermann Pesch auf Burg Rothenfels.

    GEGENWART JESU CHRISTI IM HERRENMAHL

     

     

    1. Das gläubige Bewußtsein der Christinnen und Christen - in Deutschland und bei denen "so mit Ernst Christen sein wollen" (Luther) - ist in Sachen "eucharistische Realpräsenz" geprägt von folgenden Fakten und Erinnerungen: Verweigerte Herrenmahlsgemeinschaft u.a. wegen der Differenz über die "Substanz des eucharistischen Mysteriums" (Ökum.-Dekr Art.22); der teilweise demonstrativ antikatholische Umgang mit den Abendmahlselementen in der evangelischen Kirche; die teilweise ebenso antiprotestantischen Formen des eucharistischen Kultes in der katholischen Kirche; die Erfahrungen mit der kath.Liturgiereform mit dem nun hörbar und verständlich, nicht mehr (propter mysterium) geflüsterten Einsetzungsworten; der nicht ausgeräumte Streit mit der orthodoxen Kirche über die "Epiklese" als Vollzug der "Wandlung" und dahinter ein ganz anderes Verständnis von Realpräsenz; und schließlich eine auch bei ökumenisch aufgeschlossenen Katholiken nach wie vor anzutreffende latent materialistische Vorstellung von der Realpräsenz. Da hilft nur der Grundsatz: "Geschichte macht frei."

    2. Das erste christliche Jahrtausend hat, vom gesamtkirchlich nicht durchschlagenden Streit zwischen Paschasius Radbertus einerseits, Rathramnus, Hrabanus Maurus u.a.im 9.Jahrhundert anderseits, keinen Streit um das Abendmahl gekannt - trotz lebhafter Entwicklungen und Wandlungen in der Liturgie (Entstehung der Darbringungstexte, Aufkommen der "Privatmesse", gegenseitige Beeinflussung der regionalen und sogar lokalen Traditionen).

    3. Dennoch liegen die Wurzeln der späteren Kontroversen schon in der Alten Kirche: der "Metabolismus" (Wandlungslehre) des Ambrosius im Unterschied/Gegensatz zum sakramentalen "Symbolismus" Augustins ("Der ganze Christus, Haupt und Glieder", "Empfangt was ihr seid - werdet, was ihr empfangt!").

    4. Die bis heute in der katholischen Kirche geltende "Transsubstantiationslehre" richtet sich nach Wortlaut und Theorie von Haus aus gegen eine massiv-dingliche und abergläubische ("kapernaitische"; vgl. Joh 6,1-59) eucharistische Volksfrömmigkeit in der Fernwirkung des Streites mit und um Berengar von Tours im 11.Jahrhundert.

    5. Erst im Streit mit Wiclyff und dann gegen die Reformatoren hat sie ihre Zielrichtung völlig geändert und soll nun nicht die unanschauliche Geistigkeit, sondern die Wirklichkeit der Realpräsenz sichern, wobei das Wort "T." aber nur als "angemessene" Sprachregelung festgehalten ist.

    6. Luther lehnt aus biblischen und philosophischen Gründen die T.-Lehre ab, hält aber massiv an der Realpräsenz fest und sucht nach anderen Erklärungsmöglichkeiten, die heute auch von der katholischen Theologie positiv gewürdigt werden. Calvin dagegen lehnt die traditionelle Realpräsenzlehre ab, lehrt aber eine Gegenwart Christi im Hl.Geiste bei der Gemeinde in der Feier - auf den Spuren der nie verurteilten Lehre Augustins.

    7. Die T.-Lehre als Erklärungsmodell für die Realpräsenz hat heute aus naturwissenschaftlichen und daraufhin auch aus philosophischen Gründen solche Schwierigkeiten, daß, wer sie heute einfach wiederholt, entweder das Gegenteil des Dogmas sagt oder, umgekehrt, mit leeren Worthülsen operiert.

    8. Keines der in der Geschichte entwickelten Erklärungsmodelle gibt einfach den biblischen Befund wieder, dieser gibt also die Freiheit zu neuen Fragen und neuen Gedanken.

    9. Die in den letzten Jahrzehnten unter den Namen "Transsignifikation" und "Transfinalisation" aufgekommenen neuen Theorien weisen in die richtige Richtung, sofern sie die verhängnisvollen Engführungen in der (westlichen) Eucharistielehre des 2.Jahrtausends überwinden: die einseitige Konzentration auf das, was beim Erklingen der Einsetzungsworte "passiert". Auch Luther wurde nach anfänglichen fruchtbaren Neuansätzen durch den Streit mit Zwingli und den "Schwärmern" wieder in diese Einseitigkeit zurückgezwungen.

    10. Der unabgegoltene "Rest" der "neuen" Eucharistielehren gegenüber Bibel und liturgischer Tradition ist nicht größer als bei der Transsubstantiationslehre auch.

     

     

    DIE EUCHARISTIE - EIN "OPFER"?

     

     

    1. Die Redeweise "das Meßopfer darbringen" ist nach wie vor unter Katholiken geläufig, wenn sich auch keine abergläubischen Vorstellungen mehr damit verbinden. Sie ist auch durch die neuen Hochgebete nach der Liturgiereform nicht dementiert. Umgekehrt ist kaum eine Vorstellung gründlicher aus den Köpfen evangelischer Christinnen und Christen verbannt als die Vorstellung, das Abendmahl sei ein "Opfer" auch nur im abgeschwächtesten Sinne.

    2. Die schlichte Kenntnisnahme des biblischen Befundes müßte eigentlich jede Idee ausschließen, der Herrenmahlsgottesdienst könne durch Begriffe aus dem Opferkult charakterisiert werden:

    a. Schon die Anwendung des Begriffes "Opfer" auf den Kreuzestod Jesu ist (im Unterschied zum Sühnegedanken!) vergleichsweise spät - vor allem im Hebräerbrief, und auch dort nur im Sinne, daß dadurch alle anderen Opfer ein für allemal beendet sind.

    b. Geradezu mit einem Anflug von Ironie weist Paulus die Christen darauf hin, ihre Sebsthingabe an Gott sei jetzt ihr heiliges und angemessenes Opfer, ihre "vernünftige Liturgie" (Röm 12,1; vgl. Phil 2,17).

    c. Das "Letzte Abendmahl" Jesu steht zwar im Zeichen des bevorstehenden Todes "für euch", war aber bestimmt kein Ostermahl und legt von daher keinerlei "Opfergedanken" nahe.

    3. Die früheste liturgische Entwicklung zeigt die Herrenmahlsfeier als Dank- und Lobfeier mit Brot und Wein, verlegt sie in Erinnerung an die Auferstehung Christi auf den Sonntagmorgen. Es gibt historische Zweifel, ob überhaupt in jedem Falle der Einsetzungsbericht gelesen wurde - wahrscheinlich aber doch, im Rahmen des Dankgebetes für die Großtaten Gottes.

    4. Der handfesteste und verständliche Grund für den Einzug des Opfergedankens (und damit wieder des Amtsträgers als "Priester") war der, halbwegs den status einer religio licita beanspruchen zu können: Eine "Religion" hatte Opfer und Priester zu haben!

    5. Ein Darbringungsgebet für die mitgebrachten Naturalien war und ist immer problemlos wie die Speisensegnung in der Osternacht und am Erntedankfest. Das älteste und erhaltene eucharistische Hochgebet - der Hippolyt-Kanon, fast wörtlich unser Hochgebet II - verwendet das Wort "Opfer" (offerimus) nur in bezug auf das Gedächtnis des Opfertodes Christi.

    6. Seit dem Übergang der römischen Liturgie in die nordalpinen Länder kommt es zur Spannung zwischen der liturgischen Entwicklung und der Entwicklung der Theologie: dort fortschreitende Klerikalisierung der Liturgie unter faktischem Ausschluß des Volkes in Texten (Latein!) und Zeremonien (Lettner!) mit abergläubischen Vorstellungen von der "Wirksamkeit" des "Meßopfers" als Folge und schließlich im 15.Jahrhundert eine "Meßopferpraxis" (Meßpriesterproletariat), die Luther mit vollem Recht als "schrecklichsten Greuel" und "päpstliche Abgötterei" bezeichnen und als tiefste Gefangenschaft des Sakramentes brandmarken konnte - und in der Theologie fast völliges Schweigen zum Thema (Thomas: nur ein Artikel; Cajetan: das Sakrament erfolgt im modus immolatitius).

    7. Luthers Kritik sieht in der Meßopferlehre den radikalsten Widerspruch gegen die Rechtfertigung ohne Werke aus Glauben. Gegen eine Rede von der Messe als Lob- und Dankopfer hat er keine Einwände - nur genügt das den Gegnern nicht.

    8. Die katholische Kirche (Trienter Konzil) stellt die schlimmsten Mißbräuche ab und die schlimmsten Fehldeutungen richtig: Das Opfer Christi kann "weder fortgesetzt noch wiederholt, noch ersetzt noch ergänzt werden" (Das Herrenmahl, These 56 im Anschluß an Trient). Dennoch will sie die Rede von der Messe als Opfer nicht verwerfen und setzt damit eine falsche Reaktion in Gang: die "Meßopfertheorien", deren Kardinalfehler ist, erst einen religionswissenschaftlichen Opferbegriff zu entwickeln und dann dessen Elemente in der Eucharistie zu verifizieren.

    9. Eine späte und auch nur halbe Korrektur erfolgt im 20.Jh., lange vor dem Konzil (Diskussion um das Verhältnis von Mahl und Opfer in der Eucharistie), sodann faktisch durch die Liturgiereform, wobei die Kräfte des Beharrens in allen neuen Hochgebeten Formeln haben festklopfen können, die evangelischen Ohren nur anstößig klingen können.

    10. Theologisch und kirchenamtlich ist eigentlich alles klar: Der "Opfercharakter" der Eucharistie besteht darin, daß nicht etwa Christus geopfert wird, sondern er selbst in der Trennung von Leib und Blut (Realpräsenz!) symbolisch im Zustand seines Opfertodes gegenwärtig wird (Pius XII., Mediator Dei, 1947) und die Gemeinde in seinen Opfergehorsam gegen den Vater hineinnimmt (Paul VI., Mysterium Fidei, 1967). Deshalb müssen die neuen Hochgebete aus ökumenischen Gründen schleunigst revidiert werden.

     

     

    EUCHARISTIE "FEIERN"

     

     

    1. Früher hieß das (kath.) Kirchengebot: "Du sollst an Sonntagen und kirchlichen gebotenen Feiertagen eine hl.Messe mit Andacht hören" (was Kinder gern als Pflicht auch zur nachmittäglichen "Andacht" mißverstanden). Dieses Gebot war psychologisch eine Überforderung - man kann nicht 3/4 Stunde unabgelenkt nur an das Geschehen der Messe denken; und es war geistlich unerfüllbar, weil die Mehrzahl kein Latein konnte, also nur "irgendetwas", notfalls den Rosenkranz beten, nicht aber der Messe folgen konnte.

    2. Ein Wandel wurde erst möglich durch die Liturgiereform (und deren Vorlauf in der liturgischen Bewegung). Deren Elemente: Gemeinde als Subjekt der Liturgie; Feier mit verteilten Rollen; alles in der Muttersprache verständlich; eine gewisse "Entmytifizierung" (laut gesprochenes Hochgebet mit Einsetzungsbericht!), daher nun verschiedene Arten von Aufmerksamkeit und "Andacht" je nach Charakter des Textes bzw. des liturgischen Ablaufs.

    3. Der häufige Vorwurf: Keine Ehrfurcht mehr vor dem "Geheimnis"; die Liturgie ist "nicht mehr feierlich"! Doch das ist Mißverständnis und Folge von Mißbrauch oder Unbedachtsamkeit, nicht Folge der Reform (man kann die Liturgie so herunterspulen wie früher die lateinische Messe; 2 oder 3 Stillosigkeiten können einem die ganze Freude verderben!).

    4. Der beste Zugang ist der Rückblick in die Entwicklung und auch Fehlentwicklung der Liturgie.

    5. Deren Grundelemente folgen denen des jüdischen Synagogen Gottesdienstes, nun gefüllt mit christlichen Inhalten: Lob und Dank für die Großtaten Gottes -, jetzt nicht für die Befreiung aus Ägypten, sondern für die Erlösung in Christus; Lesung aus den heiligen Büchern - jetzt nicht nur aus Gesetz und Propheten, sondern aus den Evangelien und Apostelbriefen; Auslegung und ethische Konsequenzen, vor allem Versöhnung und Friede; Gemeinschaftsmahl - auch dies jüdisch als religiöse Handlung, jetzt zum vergenwärtigenden Gedächtnis und zur Verkündigung des Todes und der Auferweckung Jesu; daraufhin Anrede Gottes als Vater; Segnung der Gemeinde. Also: Zusammenfassung des ganzen Glaubens!

    6. Da die Form eine "Inszenierung" mit verteilten Rollen ist, muß der sachgemäße Mitvollzug entlang der Form erfolgen.

    7. Also (siehe mein "Kleines katholisches Glaubensbuch S.83f): Entspannte Zwanglosigkeit. Keine "Vorbereitung" - der Eingangsteil ist die "Vorbereitung": Einstimmung, Atemholen, Alltag draußen lassen. Lesungsteil aufmerksam hören wie bei wichtigen Nachrichten. Dankendes Ja beim Zwischengesang. Kritische Neugier gegenüber der Predigt. Glaubensbekenntnis und Fürbitte als doppelte Antwort auf das Gehörte. Bei der Gabenbereitung entspannt zuschauen (und/oder singen; "einen fröhlichen Geber liebt Gott"). Im Hochgebet alles mitbetend entdecken, was über den Sinn der Eucharistie und klar geworden ist. Friedensgruß für den Fremden. Kommunionempfang als Hören des auf den Kopf zugesagten Wortes der Verheißung, d.h. der Gemeinschaft mit Gott. Predigtgespräch nach der Messe!?

    8. Hohe Toleranzschwelle gegenüber jeweils persönlich unsympathischen Formen der Gestaltung ("rhythmische Lieder" gegen Mozart-Messe; Knien-Sitzen-Stehen gegen Tanzen; "preußische Disziplin" gegen südländische Zwanglosigkeit u.ä.).

    9. Sonntagspflicht? Ja - aber als Selbstverpflichtung aus Einsicht! Danken kann man nie genug - und nicht nur im "stillen Kämmerlein", das Jesus ja nur gegen die Heuchler empfiehlt!

     







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