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Die Weisen verlassen die Zentren der Macht auf der Suche nach Gott

Predigt über Mt. 2,1-12 am 6.1.2004 in Öschingen

Predigttext: Mt 2,1-12

Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten. Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten: »Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, daß auch ich komme und es anbete. Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

 

Es waren kluge Männer, die Sterndeuter, jene Magier, die wohl aus dem heutigen Irak kamen. Ja: Sie suchten einen König. Und sie suchten ihn erst einmal da, wo die Macht zu Hause ist: In den Palästen der Hauptstadt. Doch: Diese Gruppe von Weisen ließ sich nicht blenden: Sie erkannten das Zeichen des Gottes in Windeln und ließen sich nicht durch Pomp, Protz und Macht in die Irre führen. Sie zogen weiter nach Bethlehem. Sie, die einen König der Welt suchten, beten ein Kind an, in einem zugigen Stall, gewickelt in Stofffetzen, geboren fern von den Höfen und Palästen. So bauten sie eine Brücke aus der Welt der Großen hinein in das Geheimnis Gottes, der sich dem allen entzieht und die Macht der Mächtigen verneint.

 

Ach hätten wir heute als Weltbürger, als Volk, als Orts- oder Kirchengemeinde, unter den Regierenden und Mächtigen mehr von dieser Weisheit. Doch zu oft sind das Streben nach Besitz, Macht, Ansehen, Recht und Ehre weit stärker und stehen dem Bau von Brücken im Weg.

 

Ist dann die Bibel ein wirklichkeitsfremdes Buch für Träumer? Nein! Denn die Bibel beschreibt unsere Aufgabe als Brückenbauer: Wir haben sie von dem Gott, der im Stall von Bethlehem alle Werte umgekehrt hat. Doch gleichzeitig ist die Bibel realistischer als viele gutmeinende Menschen: Sie verspricht uns keinen Himmel auf Erden. Denn die Menschen erfüllen zu oft aus Schwäche, Eigensucht oder Blindheit ihre Verantwortung vor Gott nicht.

 

Wenn wir einen Blick auf Kinder werfen, die wie Max und Peter im Anspiel zerstritten sind: In dieser Situation haben Klassenkameraden eine klare Aufgabe: Sie müssen sie trennen. Doch was ist, wenn der eine ein kräftiger Raufbold ist und der andere schwächlich und eigentlich friedlich. Dann müssten die anderen Schüler – erst mit Worten, notfalls aber auch ganz handgreiflich solange helfen, bis ein Lehrer oder ein Erwachsener kommt. Der Anspruch 'Nein zur Gewalt' ist richtig und kann doch viel zu kurz greifen. Andererseits kann eine solche Situation auch von einem ausgenutzt werden, der Chef der ganzen Klasse sein möchte.

 

Und das allerschlimmste ist, wenn man zur Gewalt greift, weil einem nichts Besseres einfällt. Schließlich kann ein unkluges Eingreifen auch zu einer Klassenschlägerei führen.

 

Letztlich war der erste Weltkrieg eine solche Situation – doch es gab keine Blauen Augen sondern alleine bis Weihnachten 1914 bereits eine Million Tote. So viele Menschen, wie vom Säugling bis zum Greis gerechnet zusammengenommen in den Landkreisen Tübingen, Reutlingen plus ganz Stuttgart leben. Unvorstellbar für uns. Der Hass regierte. Die Fronten lagen fest. Die Soldaten standen in Schützengräben, oft nur 50 oder 100 Meter vom Feind entfernt, und lauerten darauf, einander zu erschießen oder bei einem Angriff mit hunderten oder tausenden Toten die Front um ein paar Meter zu verschieben. Oft standen sie im Winter bis zur Hüfte im schlammigen Wasser, während die Toten zwischen den Fronten verwesten, weil auch beim Versuch, sie zu begraben, von der anderen Seite geschossen wurde.

 

An Heiligen Abend 1914 waren Päckchen für die Soldaten angekommen, kleine Tannenbäume und Kerzen. Von Heimweh und Angst zerfressen, fängt ein kleine Gruppe Soldaten an zu singen: 'Stille Nacht – Heilige Nacht'. Die zweite Strophe singt die ganze Kompanie, plötzlich rufen sie 'Fröhliche Weihnachten' und die Briten auf der andern Seite schießen nicht, sondern rufen zurück 'Merry Christmas'. Sie klatschen laut Beifall. Im Wechsel singen die Feinde Weihnachtslieder. Schilder werden hochgehalten: 'Wir schießen nicht, ihr schießt nicht' und erste, mutige verlassen die Gräben, auf beiden Seiten. Man trifft sich erst zögerlich, dann in Scharen im sonst mörderischen Niemandsland. Gemeinsam werden die Toten begraben, dann kleine Geschenke ausgetauscht: Zigaretten gegen englischen Weihnachtspudding, Tabak gegen Kekse. Das alles geschieht ganz spontan und ohne dass die Generäle beider Seiten anfangs davon eine Ahnung haben.

 

Und das nicht nur an einem Frontabschnitt: Von der Nordsee bis zur Schweizer Grenze bricht an zahllosen Orten spontan ein Frieden aus, der höher ist, als alle Vernunft, mitten in einer grausigen Wirklichkeit: Die Botschaft von der Umkehr aller Werte durch das Kind, das die Weisen aus dem Morgenland anbeten, bahnt sich ihren Weg. Für den ersten Feiertag vereinbaren die Soldaten sogar Fussball-Spiele zwischen Schützengräben und Stacheldraht, die dann auch in aller Fairness gespielt werden.

 

Viele dieser Begegnungen werden in dem Buch 'der kleine Frieden im Großen Krieg' auf 350 Seiten detailliert dokumentiert. Als die hohen Offiziere auf beiden Seiten in ihren Hauptquartieren davon etwas erfahren, treiben sie die Soldaten mit Drohungen bis hin zur Erschießung in die Gräben zurück. An manchen Orten hält trotzdem zumindest die Waffenruhe noch Wochen oder Monate. Doch die Menschen schaffen es nicht, daraus ei­nen Frieden auf Dauer zu machen – so lagen im November 1918 rund 9 Millionen Soldaten in Gräbern, etwa so viele Menschen, wie in Baden-Württem­berg leben. Und doch bleibt die Erfahrung, wie Menschen zueinander Brücken bauen kön­nen, wenn sie dem Gott vertrauen, der Mensch geworden ist und der zu denen ging, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Die Weisen aus dem Morgenland waren die ersten, die das erkannten. Und sie laden uns ein,

- die Brücke für uns selbst zu nutzen, die Gott durch Jesus Christus gebaut hat,

- unter uns Christen Brücken zu bauen, weil wir alle durch Jesus Christus verbunden sind und

- Brücken in der Welt zu bauen, immer in dem Wissen, dass alles, was wir tun Grenzen hat und doch dringend nötig ist.

 

Liebe Sternsingerinnnen und Sternsinger: Das gilt ganz besonders für Euch. Ich war in den letzten Jahren mit meinen Sternsinger-Gruppen in vielen Wohnungen und durfte oft erleben, wie Junge und Alte, Kranke und Gesunde gestrahlt haben, weil Menschen zu ihnen kamen. Manches Mal ergaben sich sogar wichtige persönliche Gespräche, die mir eines gezeigt haben: So wichtig die Spendensammlung ist, so schön es für Euch ist, mit Säcken voll Schleck Heim zu kommen:

 

Das wichtigste ist, dass wir von der Kirche Brücken zu den Menschen bauen, denn Gott bietet jedem Menschen eine Brücke.

 

Das gilt auch für unsere Gemeinden und jeden von uns, denn Brücken entstehen, wo wir Christen zu den Menschen gehen und nicht nur darauf warten, dass sie zu uns kommen.

 

Wir können aber diese Einladung nur dann glaubwürdig aussprechen, wenn wir voll und ganz darauf vertrauen, dass wir selber von Gott durch Jesus Christus eingeladen sind – auch, wenn unsere Fehler, Verantwortungslosigkeit, Schuld und Sünde unser Ver­hältnis zu Gott belasten . Alle Feiern, Feste und Gottesdienste haben nur den einen Sinn: Uns deutlich zu machen: Wir sind eingeladen in Gottes Haus. Wir sind eingeladen zu Gott. Er hat in dem Kind in Windeln eine Brücke zu uns gebaut. Jeder ist eingeladen, ob sie oder er ein junger Sternsinger ist, ob er oder sie ein Senior oder irgendwo dazwischen ist.

- Das lasst uns glauben.

- Daraus lasst uns leben.

- Das lasst uns feiern.

- Das lasst uns weitersagen!

So lasst uns alle das ganze Jahr die Botschaft in die Häuser tragen, die die Sternsinger in diesen Tagen an die Türen schreiben:

 

20 * C + M + B * 04:

 

Christus Mansionem Benedicat

 

Unser Herr und Bruder Jesus Christus,

der Sohn des lebendigen Gottes,

der Mensch wurde,

er segne dieses Haus und uns alle.

AMEN


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