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Was können wir Christen tun? Predigt Anlässlich der Terroranschläge u.a. auf das World-Trade Center in New York

Predigt über 1. Thessaloniker 5,15-18 am 27.9.01 in Derendingen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Der Preditgtext steht in 1. Thessaloniker 5

"Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch."

 

Liebe Geschwister im Herrn,

 

Not lehrt Beten. Wir haben das in den letzten Tagen dramatisch erlebt: Menschenmengen in Gottesdiensten und Gebeten, darunter viele, die selten den Weg zur Kirche finden. Und auch Lichterketten und Schweigeminuten sind Ausdruck von besinnlicher Suche. Selbst die Suchmaschinen im Internet geben Zeugnis von einer neuen Suche: Suchbegriffe aus dem Umfeld Sex und Erotik wurden nach einer Meldung von Spiegel-Online durch den Begriff 'Nostradamus' als häufigster Suchbegriff abgelöst. Und auch uns Christen treiben Ratlosigkeit und Angst zum Beten, es wurde wohl schon lange nicht mehr so sehr ohne Unterlass gebetet, wie in diesen Tagen - und das ist gut so.

 

Doch ich möchte mit Euch heute einige Spuren ziehen, die im 1. Brief an die Gemeinde in Thessaloniki ihren Ausgangspunkt haben: In diesem Brief wird kurz und knapp die Lebensweise der Christen als Ermahnung im Geist christlicher Liebe skizziert: Und die Lebensweise der Christen wird vor dem Beten erwähnt. Das ist keine Wertung, wohl aber ein Wink mit dem Zaunpfahl für denjenigen, der sich ausschließlich in ein Leben im Gebet zurückzieht und so versucht sich eine christliche Insel der Glückseeligen zu schaffen.

 

"Jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte." Das ist eine wichtige Überschrift für unsere Tage, für unsere Situation.

 

Wo stehen wir anderthalb Wochen nach jenem Tag, an dem das Böse seine Fratze so erschreckend deutlich gezeigt hat? Nach einem Tag, der in vielen von uns einen tiefen Schock hinterlassen hat? Nach einem Tag der � wenn wir nur einen Blick auf die Börsenkurse werfen � die Wirtschaft in eine beinahe selbstmörderische Panik versetzt hat? Nach einem Tag, der das Wort Krieg mit drohenden Lettern an den Himmel zu schreiben scheint?

 

Erwartet hier bitte keine Pauschalantworten, keine detaillierte Analyse: Darüber werden sich in Jahrzehnten wohl die Geschichtsforscher streiten und es würde den Rahmen einer Predigt sprengen.

 

Doch gerade in einer Demokratie, in der Politiker, die in einem Jahr wiedergewählt werden wollen, sehr wohl Volkesmeinung beobachten, stellt sich auch in diesem weltweiten Zusammenhang die Frage: Wo stehen wir, wo können wir als Christen in der Demokratie Position beziehen? Die verschiedenen Konfessionen bezogen sehr schnell weltweit überwiegend eine Position: Keine übereilte Rache, keine Vergeltung. Zurecht! Böses mit Bösem zu vergelten: Das gibt dem Bösen entgültig die Macht. Und wir erleben keine Schlacht Gut gegen Böse, sondern höchstens einen Kampf Grau gegen Schwarz. Denn wer von uns ist ohne Schuld? Wer ist nicht in die Zusammenhänge dieser Welt verstrickt? Wer kann sich so zum Rächer und Richter aufschwingen? Rache und Vergeltung sind keine christlichen Werte.

 

Doch reicht diese Position? "Stell Dir vor es ist Krieg und keiner geht hin" � so lautete in den achtziger Jahren ein sehr gut gemeinter Slogan der Friedensbewegung. Angeblich hat schon Bert Brecht die Antwort darauf gegeben: "Dann kommt der Krieg zu Dir." Genau dies haben wir am 11. September drastisch erlebt. Wenn wir jetzt wegschauen und ausschließlich "Frieden, Frieden" rufen, dann rennen wir weg. Doch die Geschehnisse werden ebenso schneller sein, wie die hervorstürzenden Trümmerwolken des einstürzenden World-Trade-Centers schneller waren als die flüchtenden Menschen � wir haben wohl alle noch dieses Bild vor Augen. Und auch Wegschauen oder Naivität, wenn getötet wird, können im wahrsten Sinn des Wortes mörderisch sein. Welche Maßstäbe haben wir, wenn wir nach dem Guten fragen? Ich möchte hier drei vorschlagen:

 

Erstens: Jesus Christus, das ist der gekreuzigte Gott, der auf der Seite der Opfer steht.

 

Zweitens: Jesus Christus, das ist der Gott der Bergpredigt, des Gewaltverzichts. Dabei ist gleich eines hinzuzufügen: Nur ich kann mich entscheiden, meine andere Backe hinzuhalten. Wo ich aber jemand anderen aufrufe, seine Backe hinzuhalten, damit ich meinen Seelenfrieden habe, da bin ich ein Zyniker und kein Mensch der Bergpredigt. Doch einen Maßstab können wir ableiten: wir sind aufgerufen die Spirale der Gewalt zu durchbrechen.

 

Drittens: Wir sind als mündige Christen zur Verantwortung gerufen, dazu die Folgen unseres Handelns oder Nicht-Handelns zu überdenken.

 

Wir haben diese Vorgaben: Die Frage nach den Opfern, den Widerstand gegen die Spirale der Gewalt und die Frage nach der Verantwortung. Vor diesen Maßstäben gilt der Anspruch Dietrich Bonhoeffers, wenn ein Betrunkener den KU-Damm herunter fahre, reiche es nicht die Verletzten zu verbinden. Vielmehr müssen wir Christen ihm das Steuer aus der Hand reißen. Aus aktuellem Anlass möchte ich hinzufügen: Es macht aber auch keinen Sinn, deshalb den gesamten KU-Damm zu bombardieren.

 

Wenn wir nach den Opfern fragen, ist eines klar: Durch Militärschläge wird niemand lebendig. Daneben gibt es aber noch einen anderen Anspruch: Nie wieder! Weder durch diese noch durch andere Täter oder Tätergruppen. So gilt es, neue Opfer zu verhindern. Dabei gibt es zweierlei zu unterscheiden: Kurzfristige und langfristige Perspektiven.

 

Heute morgen habe ich in einem Interview im Deutschlandfunk einen Vertreter der evangelischen Kirche gehört: Das Prinzip der Deeskalation wurde sehr gut beschrieben. Zum Schluss blieb aber dann nur der eine Vorschlag für ein kurzfristiges Handeln: man möge doch Bin Laden verhaften und ihm den Prozess machen. Wunderschön schaffte es dieser kirchliche Würdenträger, sich die Hände in Unschuld zu waschen, in dem er mit irrealen Vorschlägen hausieren ging. Es ist nach menschlichem Ermessen kein Weg vorstellbar, der an Toten vorbeiführt. Und Politik kann nur nach menschlichem Ermessen handeln. Gerade deshalb ist unser Gebet so wichtig. Unser Handeln oder unser Nichthandeln als Einzelne oder als Gesellschaft wird Tote verursachen. Denn wir sind in Schuld verstrickt und können uns dem nicht entziehen, wenn wir wegsehen oder die Gegebenheiten einer Welt voller Schuld und Leid verleugnen.

 

Wir können aber Maßstäbe in die Diskussion werfen: Die Frage nach den Opfern, den Widerstand gegen die Spirale der Gewalt, die Frage nach den Folgen unseres Tuns und die Gewissheit, dass durch Rache und Vergeltung kein Opfer lebendig wird.

 

Mit diesen Fragen kann kurzfristig vielleicht Schlimmeres verhindert werden und dabei können gezielte militärische Aktionen nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Die Anwendung der drei Maßstäbe ist dann keine Frage der Gesinnung, sondern der politischen, militärischen und sozialen Kompetenz.

 

Wirkliche Lösungen sind aber nur langfristig, sehr langfristig denkbar. Zuerst: Die Ausmaße dieses Anschlags zeigen uns, dass wir mit der Frage nach �nationaler Identität' keinen Blumentopf gewinnen und nur großen Schaden anrichten können. Selbst wer hier nur europäisch denkt, greift zu kurz. Langfristig kann es auch kein Weg sein, den �American way of Life' zur globalen Lebensphilosophie zu machen. Er hat die USA zum ersten Terror-Opfer gemacht, weil er mit vielerlei Ungereimtheiten die Erde überschwemmt.

 

Statt dessen ist Toleranz unsererseits wichtig, damit aus einem Konflikt mit einem verwirrten Denken noch unterhalb des Niveaus mittelalterlicher Kreuzzüge vor Hunderten von Jahren kein Religionskrieg wird. Hier ist das Bewusstsein gefragt, dass sehr viele Muslime die Anschläge ebenso ablehnen wie wir � so groß die Unterschiede zwischen Islam und Christentum sind.

 

Doch Toleranz kann nicht Einbahnstraße sein, wenn wir beispielsweise an weit über tausend in den letzten Jahren zerstörte Kirchen denken, was im übrigen wiederum nicht die Muslime waren, sondern bestimmte muslimische Gruppen. Denn der Islam ist weit stärker gespalten als das Christentum. So bezeichnet der in Paris lebende islamische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun in der FAZ die Taliban als «obskurantistische Sekte» mit Jahrhunderten Rückstand auf die Geschichte. Er plädierte zudem für eine Trennung von Staat und Religion auch in islamischen Staaten - «eine Laiengesellschaft muss her unter strikter Achtung der jeweils persönlichen religiösen Überzeugung». Dem können wir nur zustimmen.

 

Schließlich zeigt uns der Anschlag, welche Folgen eine Politik zeigt, die einen Großteil der Menschheit ausklammert: Auch hier gibt es zwei Seiten: Der Etat für die Entwicklungshilfe sinkt im Verhältnis zum gesamten Haushalt in fast allen finanzkräftigen Ländern langfristig, auch bei uns. Aber Verelendung kommt von außen und von innen: Ein Weiter-So bei der Globalisierung, aber auch bei den inneren Zuständen vieler Länder der sogenannten Dritten Welt, hat sich am 11. September als absurd erwiesen.

 

Wir haben von unserem Predigttext einen weiten Weg in die große Politik genommen. Doch was haben diese Maßstäbe mit uns zu tun?

 

"Jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. Seht zu, dass keiner dem Anderen Böses mit Bösem vergelte." Dieser Grundsatz von Paulus hat mit dem einem Wort "jedermann" eine wahrhaft globale Dimension. Und es liegt an uns, Gesellschaft zu gestalten, mitzugestalten. Zur Zeit sind wir Christen gefragt: Die Menschen fragen in dieser Zeit, wo wir stehen. Sie fragen aber auch: Warum? Und sie fragen auch nach unserem Zeugnis als Christen. Sie fragen weil � um es mit einer Zeitungsüberschrift zu zitieren � "Das Ende der Gartenzwerg-Idylle" erreicht ist: Gott will den Menschen Maßstäbe geben. Und wir sind seine Zeugen.

 

Aber auch wir haben bald unsere Grenzen erreicht: Grenzen des Verstehens, Grenzen der Kraft, Grenzen des Einflusses, Grenzen der Sünde. Dort dürfen wir alles in die Hand Gottes legen � vorher will er uns zu Mittätern seiner verantwortungsbewusster Liebe machen. Einer Liebe, die nach den Opfern fragt, die die Spirale der Gewalt durchbricht, die verantwortungsbewusst handelt. Wo unsere Grenzen erreicht sind, können wir miteinander Jesus Christus vertrauen. Lasst uns einem Gott vertrauen, der alle Grenzen, selbst die des Todes, überwunden hat - auch in diesen Tagen. Ein Gott, der letzter Maßstab ist - in dieser und der kommenden Welt. Der uns auch heute zuruft: "Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch."

 

AMEN

 

Ich möchte die Leserin und den Leser dieser Predigt einladen, sich nun die Zeit zum Gebet zu nehmen.


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