Ökumene ist der Versuch einer gelebten Antwort auf den biblischen Auftrag der Christen zur Einheit

oekumene.net - das Ökumene-Netz

   Suchen      Service & Kontakt      Gästebuch      Impressum   





Ist Gott ein Zyniker? Wie können wir heute noch vom Opfer Jesu sprechen?

Predigt über 1. Mose 22, 1-13 am 21.3.1999 in Bernhausen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen Predigttext 1. Mose 22,1-13

 

Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen. Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander. Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasst das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.

 

Kanzelgebet

Herr tue meine Lippen auf,

lass meinen Mund Deinen Ruhm verkündigen

Herr, lass uns hören, wie die Jünger

 

Predigt

"Ich will Rache"... Da hockt ein alter Mann mit hoch rotem Kopf auf einer Wolke, die Adern sind angeschwollen und weil er einen Blitzableiter für seine Wut braucht, läßt er mal rasch seinen Sohn blutig hinrichten. Dieses Gottesbild erinnert an jene amerikanischen Staatsanwälte, die mit aller Gewalt die Hinrichtung von Rolando Cruz forderten und ein Todesurteil erreichten, obwohl sie nachgewiesenermaßen wusste, dass er unschuldig war. Denn sie selbst hatten die Beweise unterschlagen. Hauptsache es wird irgendeiner hingerichtet - was in diesem Fall - Gott sei Dank - nicht geschah.

 

Haben wir einen solchen Gott, liebe Schwestern und Brüder im Herrn? Gott sei Dank wird dieses Gottesbild kaum noch aktiv vertreten. Aber als Feindbild taugt es noch heute sehr gut. Als Feindbild für diejenigen, deren Gott sozusagen am Ende einer Psychiater-Couch sitzt und sagt: "Eih, weißt Du, das ist schon alles Sch... was damals passiert ist. Aber glaub mir, das mit Jesus war nur ein bedauerlicher Betriebsunfall. Und ansonsten zeige ich an diesem Menschen, dass ich mit Euch ganz solidarisch bin. Und deshalb lass Dir eines sagen: Bei dir ist alles in Ordnung, wenn Du nur eine solidarische Gesinnung hast und nach ihr handelst."

 

Auch hier ist der Vergleich nicht fern - zu jenen, die eine Reform des Strafrechts fordern, nach der beispielsweise Ladendiebstahl zu einer reinen Ordnungswidrigkeit werden soll, die mit einem Strafgeld in Höhe des zwei- oder dreifachen Werts der gestohlenen Ware belegt bestraft wird. Da könnte über den Ladenkassen auch gleich ein Schild hängen: ‚Wer hier zahlt ist selber schuld' - auch wenn's ein alter Einzelhändler ist, der Monat für Monat ums Überleben kämpft.

 

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn: Abraham lernt einen anderen Gott kennen. Auf den ersten Blick mag er zu dem Bild eines Zornteufels kommen, ja zum Bild eines barbarischen Zynikers: Endlich geschieht das Wunder seines Lebens. Das lang ersehnte Kind wird Abraham und Sarah geschenkt, als sie als uralte Leute doch noch einen Sohn bekommen. Und dann fordert derselbe Gott dieses Kind als blutiges Schlachtopfer. In der Tat: Bliebe es bei diesem Gottesbild, hätte ich auch das Gefühl, im falschen Film zu sitzen. Dass Abraham nach dem Bericht des Buches vom Anfang sich wie immer ohne Frage auch auf diesen Weg Gottes einlässt und schon mit dem Messer ausholt, um sein einziges, sein ein und alles, zu schlachten, das rückt ihn erst einmal in große Ferne: Ist er ein radikaler, blutrünstiger Fanatiker? Ist er ein dumpfer, schicksalsergebener Fatalist? Ist er einfach geistig krank? So frage ich auf den ersten Blick auch.

 

Denn zu einem stöhnenden "Ach wie fromm" kann ich mich nicht durchringen. Und wenn jemand in meinem Bekanntenkreis so zu handeln drohte, würde ich wahrscheinlich zuerst die Polizei rufen und anschließend für eine Einweisung in die Psychiatrie sorgen. Doch diese Fragestellung bedeutet, Abraham die heutige Welt überzustülpen. Er lebt in einer Zeit mit anderen Vorstellungen, die Religionen dieser Zeit kannten nahezu alle das Menschenopfer und er war gewiss eines: Voller Vertrauen mit Gott unterwegs.

 

Es ist müßig, darüber zu rätseln, ob Gott etwa gewusst hat, wie Abraham entscheidet, um ihn dann auf die Probe zu stellen. Aber so konnte durch dieses uns beinahe irrwitzig erscheinende Gottvertrauen die eigentliche Botschaft deutlich werden, die an anderer Stelle so zusammenfasst wird: Gehorsam ist besser als Opfer. Sie ist Grundüberzeugung des Alten wie des Neuen Testaments. Abraham lernt hier und in seinem ganzen Leben einen Gott kennen, der ihn auf den Weg schickt, immer neu in Bewegung setzt. Er lernt einen Gott kennen, der keine blutigen Opfer will, sondern der Menschen sucht, die sich mit ihm auf den Weg machen. Und in der Tat: vom klassischen Menschenopfer wie es in der damaligen Zeit zur Besänftigung des Zorns der Götter fast überall üblich war, ist in der Bibel nicht die Rede. Und im Alten Testament findet sich fast durchgängig eine Spur, die Tempel- und Opferkult sehr kritisch hinterfragt: Denn Gehorsam ist besser als Opfer, Gerechtigkeit der wahre Gottesdienst. So wollen wir mit Abraham auf eine Entdeckungsreise gehen: Was ist Opfer? Was ist Sühne? von welchem Gott reden wir eigentlich?

 

Denn was ist eigentlich mit Jesus? Hat Gott das dann plötzlich doch nötig? Hat sich Gott mit Jesus etwa selbst noch einmal ins eigenen Fleisch geschnitten, um dann zu sagen: Ich habe genug? Oder hat er alles geschehene Unrecht nur von außen betrachtet, dann einen Menschen sozusagen adoptiert, um zu zeigen ‚Ich stehe auf der Seite der Unterdrückten'? Oder hat Gott etwa, sozusagen als Mensch verkleidet, all das nur scheinbar erlitten? Was ist das für ein Geschehen, von dem die Bibel berichtet, es sei das Opfer in reinster Ausprägung,, für uns gegeben? Und wer ist eigentlich der, der am Kreuz hängt? Wir können all dies mit der Frage zusammenfassen: Wozu das Kreuz? Oder es mit der Sprache unserer Tage sagen: Was bringt's eigentlich, das an zwei Balken einer jämmerlich verblutet und gestorben ist?

 

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn. Die Antwort drauf fällt sehr, sehr unterschiedlich aus, ob ich nun ausschließlich an ein Leben in dieser Welt, ausschließlich an ein Leben in der kommenden Welt oder an ein Leben in dieser und der kommenden Welt glaube. Sie fällt sehr unterschiedlich aus, ob mir nur die Beziehung zu Gott, nur die Beziehung zu den Menschen oder die Beziehung zu Gott und den Menschen etwas bedeutet, wobei Gott einer ist, der auch aktiv handelt.

 

Es sind - Gott sei Dank - heute nur noch recht wenige, die sagen, das Leben in dieser Welt und die Menschen, die in ihr leben, sind mir völlig egal: Ich strebe so ausschließlich nach Gott, dass ich meinen Nächsten vergesse. Das ist mit dem Mann aus Nazareth gewiss nicht zu machen.

 

Doch im Gegenzug ist die Zahl derer in unserer Konfession, die Christsein nur auf dieser Welt und Beziehung nur zu den Menschen suchen, erschütternd groß. Als Beispiel möchte ich den einen der drei Beiträge aus der Schrift unserer evangelischen Landeskirche ‚das Ärgernis des Kreuzes' von Frau Moltmann-Wendel aufgreifen: "In der Frage der Auferstehung eint Frauen wieder, dass sie wenig am auferstandenen Jesus, noch an ihrer eigenen Auferstehung, sondern an ihrem eigenen Aufstehen aus Unterdrückung und Ungerechtigkeit interessiert sind." Ich möchte nur am Rande bemerken, dass hier in recht dreister Weise in Anspruch genommen wird, für alle Frauen in der Kirche zu sprechen. Oder ist diejenige, der die Auferstehung etwas bedeutet, in Moltmann-Wendels Augen keine Frau mehr? Doch zurück zur Hauptfrage. Vor allem wird hier deutlich, dass Kirche als Antwort auf Zustände anderer Jahrhunderte auf eine reine Diesseitigkeit eingestampft werden soll. Eine Diesseitigkeit, in der Gott bestenfalls als ein unbestimmbares Etwas mit einer Göttin Sophia an der Seite auf die Plattheit menschlichen Denkens zurechtgestutzt wird.

 

Das ist allerdings mit dem Zeugnis Bibel nur in einer Weise zu machen, die es ehrlicher erscheinen ließe, die Bibel und das von Christus, dem göttlichen Gesalbten, abgeleitete Wort ‚Christen' nicht zu verwenden und sich als Gemeinschaft des Vorbilds Jesu von Nazareth zusammenzuschließen, eine Gemeinschaft, die im Kopieren des Vorbildes dieses Menschen manches Gute tun könnte. Ich meine das sehr ernst, nicht als rhetorische Spitze. Das setzt allerdings voraus, dass frau alle Aussagen von Jesus über Gott als nachträgliches Beiwerk der biblischen Berichte bezeichnet. Hier endet - das muss ich als Kämpfer um die Gemeinschaft der Christen unter großen Schmerzen feststellen - die christliche Kirche, der Leib Christi. Wer nicht an der Auferstehung interessiert ist, ist nicht bewusste Teil des Leibes eben jenes Auferstandenen. Hier ist nicht die Rede von denen, die auf der Suche sind, die von Zweifeln oder missverständnisfrei geplagt werden. Sondern von denen, die die Auferstehung bewusst als für sich unwichtig betrachten. Ihnen gegenüber versagt eben auch die Rede von den anonymen Christen - sie sind Christen und wissen es nicht. Denn es ist schlicht und einfach eine Frechheit, die die Entscheidung eines Menschen nicht ernst nimmt und deshalb zutiefst unevangelisch ist.

 

Wer so - völlig menschenzentriert - lebt und glaubt, der wird mit der Frage nach dem ‚Wozu' des Kreuzes immer in der Sackgasse des Zynismus landen. Sie oder er kann nur das abschreckende Beispiel sehen, in dem sich allenfalls Solidarität als einer der wertvollsten menschlichen Werte wiederfinden läßt und das Leben in solidarischem Handeln zum alleinigen Maßstab wird.

 

Es tut mir weh, wenn ich als Christ, der seit zwanzig Jahren um die Einheit der Christen kämpft, feststellen muss: Genau an diesem Punkt ist unsere evangelische Konfession schon längst gespalten. Angesichts solcher Thesen, die kirchenoffiziell als eine zu den beiden anderen Beiträgen von Welker und Hofius widersprüchliche Basispositionen in unserer Konfession veröffentlicht wird, bleibt nur die Feststellung: Die evangelische Konfession als institutioneller Rahmen einer weit gefasste, aber in Leben Kreuz und Auferstehung Jesu Christi verbundenen Gemeinschaft, existiert nicht mehr. Was noch existiert, ist eine gemeinsame Verwaltung der Kirchensteuer, denn bei einer organisatorischen Spaltung haben alle viel zu verlieren: Viel Geld.

 

Hier kann ich nur dem baptistischen Pastor Böhringer aus Tübingen zustimmen, wenn er sagt: "Der eigentliche Riss der Ökumene verläuft quer durch die evangelische Kirche." Und dies sind Worte einer Konfession, die nun wirklich alles ist, nur nicht katholizismusfreundlich. Der krampfhafte Antikatholizismus mancher evangelischer Theologen erscheint vor diesem Hintergrund nur noch als Kriegsführung nach außen, um vom Bürgerkrieg in den eigenen Reihen durch die Thesen abzulenken: "Wir wissen zwar nicht was wir sind, aber katholisch sind wir nicht."

 

Wer sich aber an dieser und der kommenden Welt ausrichtet, wer ein Verhältnis zu Gott und den Menschen sucht, der wird all das menschlich Gute auch annehmen, das vom Vorbild des Menschen Jesus aus Nazareth ausgeht. Er kann aber darüber hinaus fragen: Mein Gott, Wozu? Wo führt das Kreuz hin? Was bringt's? Und er kann damit bei einem neuen Bild über den Gott ankommen, der über den Mann am Kreuz schlicht und einfach sagt: "Das ist meine Existenz, das bin ich. Ich habe nicht einen Menschen adoptiert, das ist kein scheinbarer Mensch. Dieser von einer Mutter geborene Mensch, das bin ich. Denn Du bist mir wichtig, zu dir will ich eine Beziehung."

 

Und was ist der Tod anderes als Beziehungslosigkeit: Wenn ich jede Verbindung, jede Beziehung zu meinem Körper verliere, dann bin ich für die Ärzte tot. Wenn ich jede Beziehung zu den Mitmenschen verliere, dann bin ich - zu Recht - für die Gesellschaftswissenschaftler tot. Wenn ich die Beziehung zu allem, was geschaffen ist, verliere, dann bin ich für die Welt tot. Und wenn ich die Beziehung zu Gott, zu seiner neuen Schöpfung, zum neuen Himmel und zur neuen Erde verliere, dann bin ich für die kommende Welt tot.

 

Wo verliere ich Beziehung zu Gott? In der Sünde, im Verlassen der Ordnung Gottes, die durch das Doppelgebot der Liebe geordnet ist: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« Und »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten, so Jesus. Was dieses Doppelgebot bedeutet, zeigt Jesus in Leben und Tod in aller Deutlichkeit. Gott aber hat den Menschen als freies Gegenüber geschaffen, das sich für oder gegen seine Ordnung entscheiden kann, das ihn als Schöpfer und Handelnden annehmen kann oder nicht.

 

Und doch sind wir Menschen zu schwach, um durch ein dieser Grundordnung entsprechendes Glauben und Leben Beziehung zu Gott aufrecht zu erhalten. Wir haben durch unser Leben, Glauben und Handeln Brücken abgebrochen, es gilt nun, sie wieder aufzubauen, Sühne zu tun, wie es die Bibel sagt. Das heißt nichts anderes, als mit unserer ganzen Existenz, mit wirklich allem, was unser Leben betrifft, die Beziehung zu Gott zu wollen. Doch wir sind immer noch zu schwach. So geschieht das Wunder der Sühne am Kreuz: Gott baut diese Brücke mit dem Leben, dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi, mit dem Einsatz seiner ganzen Existenz als Mensch, der doch auch Schöpfer der Welt ist.

 

Er opfert sich nicht im dumpfen Ritual eines Gottes, der Blut sehen will, damit sein Mütchen wieder gekühlt wird, sondern er sühnt, in dem er ein Zeichen der Liebe setzt, das durch die Auferstehung, durch die Brücke in die kommende Welt vom Zynismus zur Wegweisung wird. Denn der Auferstandene endet eben nicht in der völligen Beziehungslosigkeit. Wir können es zusammenfassen: Erst einmal kommt Gottes Ordnung unserer Freiheit, mit der Gefahr, dass wir scheitern. Wir scheitern an der Ordnung des Rechts, das Jesus etwa in der Bergpredigt zugespitzt hat. Doch das oberste ist die Ordnung der Liebe: So sühnt Gott selbst und baut Brücken zu uns, wo eigentlich wir Brücken bauen müssten.

 

Genau hier finden wir den Weg Abrahams mit Isaak wieder: Abraham läßt sich auf einen Weg ein, der erst einmal nur die Spur des Entsetzens, der Verzweiflung, des Zynismus ist. Auf diesem Weg entdeckt er aber, dass Gott ganz andere Wege öffnet und durch seinen Boten, den Engel, neue Brücken baut. Abraham geht in seinem Leben - auch da wo er vor dem vermeintlichen Irrwitz steht - die Brücken Gottes und läßt sich von ihm bewegen, läßt alles hinter sich, weil eine neue Welt vor ihm liegt. So ist der Vater vieler Völker, so die Übersetzung des Namens Aw Raw Am, schlicht Vater im Glauben, der uns in unserem heutigen Predigttext zu einem neuen Gottesbild führt, das uns das Kreuz nahe bringt.

 

Denn Gott will Wieder-Gut-Machung in dem er am Kreuz wieder gut macht. Damit schenkt er Neuanfang auch am Ende eines Jahrhunderts in dem Nationalsozialisten, Kommunisten und andere Diktaturen Menschen zu Millionen in einem nie da gewesenen Maß abgeschlachtet haben. In dem Menschen in ungeahnten Maßen gehungert haben und Kinder auch in reichen Ländern in Millionenzahl abgetrieben wurden. In dem das Scheitern von Ehen der Normalfall und die Beziehungslosigkeit der Generationen zu einander der Alltag ist. In dem Menschen in ihrer Suche nach dem Lebenssinn zerbrechen, am Fernseher oder in der schönen neuen Freizeitwelt abstumpfen. Trotzdem oder gerade deshalb will Gott mit dem Kreuz wieder gut machen, in dem er uns so nahe kommt, wie nur ein ohnmächtig Leidender nahe sein kann. Doch die Ohnmacht hat nicht das letzte Wort. So lassen sich provozierendes und doch liebevolles Leben, blutiger und doch sinnvoller Tod und triumphierende, die Grenzen dieser Welt sprengende Auferstehung, kein bisschen von einander trennen.

 

Und doch ist es nötig, beim Kreuz stehen zu bleiben. Mit unserer Klage und unserem Versagen. Denn das Kreuz ist so echt und so endgültig wie der Auftrag Gottes an Abraham, es ist Wirklichkeit. Und - trotz meiner kritischen Worte im Verlauf dieser Predigt - es verbindet, wo es ebenso wie die Auferstehung ernst genommen wird. So wollen wir nicht ausgrenzen, sondern alle die eingrenzen und zusammenfassen, die die Brücke Gottes annehmen, die sein Sühneopfer dankbar als Grundlage ihres Lebens entdecken.

 

Auch das widerspricht dem Zeitgeist, der vielerorts auch in der Kirche nur noch ein dumpf-jubelndes positives Empfinden zulässt: Wir müssen den Mut finden, den Menschen das Kreuz wieder neu zuzumuten. In einer Welt, in der Völker einander abschlachten, in der wie jetzt im Kosovo Krieg als einzige Lösung erscheint, noch verantwortlich zu handeln und die Schwachen zu schützen, da hat das Kreuz in der Tat seinen unverzichtbaren Platz. Wir wollen betend davor niederknien und Gott danken für alle Brücken, die er uns baut und gebaut hat, von der Zeit Abrahams über Jesus bis heute. So kann uns Abraham das Kreuz erschließen: Mit ihm dürfen wir entdecken, dass es sich lohnt, mit Gott unterwegs zu sein, auch wenn unser ach so gesunder Menschenverstand erst einmal völlig an seine Grenzen kommt. Dass sich dieser Weg lohnt, zeigt Abraham, der Vater vieler Völker. Denn Gott will keine blutigen Opfer, er will uns die Beziehung zu ihm ermöglichen. Das Kreuz ist die Brücke zu dieser Beziehung, ist die Brücke zum Leben in dieser und der kommenden Welt.

 

AMEN


Copyright

© Copyright: Jörg Beyer, D 72072 Tübingen: Die Weitergabe des unveränderten Textes einschließlich dieses Copyrights und der E-Mail-Adresse mail@oekumene.net sowie der Homepage-Adresse 'http://oekumene.net' als Ausdruck oder per E- Mail zu nicht kommerziellen Zwecken ist ausdrücklich erwünscht. Ebenso erwünscht ist die Schaltung von Links auf die Homepage oekumene.net und auf diese Seite. Jegliche andere Verwendung - insbesondere auch die Veröffentlichung des Textes auf Homepages im Internet - bedarf der schriftlichen Genehmigung.



Einige persönliche Hinweise zu allen Predigten dieser Homepage








Impressum + Haftungsauschluss
E-Mail
© 1999 - 2012 Beate und Jörg Beyer