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Ist Christus nicht auferstanden, so ist unser Glaube umsonst: Osternachts-Predigt

Predigt über 1. Kor. 15, 14 gehalten am 15.4.2001 während der Feier der Osternacht in Derendingen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Paulus schreibt im ersten Brief an die Korinther:

Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.

 

Herr, Dein Wort

macht das unmögliche möglich.

Darauf vertrauen wir.

So segne Dein Wort an uns,

auch wenn es nur

durch die Stimme

schwacher Menschen

weitergeben wird.

AMEN

 

Liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus.

 

Auferstehung: Ist das mehr, als ein Wort für eine Jenseits-Vertröstung, an die Menschen vor der Aufklärung geglaubt haben? Ist unser der Auferstehungs-Bericht mehr, als eine nette Geschichte? Ist der Glaube an die Überwindung des Todes nicht frommer Selbstbetrug? Selbst in dem, was sich Kirche nennt, betreibt man heute allzu oft ein Ostern für Rückversicherer: Man nutzt schon noch das alte Wörtlein Ostern, schiebt dann aber alle möglichen Rückversicherungen hinterher, die den fehlenden Glauben an die Auferstehung ersetzen sollen:

 

- Auferstehung - das ist das Weiterleben einer Idee. Entscheidend ist, was geglaubt wurde. Was wirklich geschah, ist unwichtig. Hauptsache dieser Glaube sorgt in der einen oder anderen Weise dafür, dass Menschen diese oder jene Moral mit ihren Gesetzen befolgen.

- Auferstehung - darunter kann man ein Bild für den Frühling verstehen, das schon in vorchristlichen Kulturen wichtig war. Der Kern des Osterfestes ist unser harmonischer Umgang mit der Natur, die Feier des Naturerwachens.

- Auferstehung - das ist ein Wort für Aufstehen, sich erheben, Aufstand. Der am Kreuz gescheiterte Revolutionär Jesus aus Nazareth lebt in seinen revolutionären Nachfolgern weiter. Wenn wir nur gegen alles Etablierte kämpfen, dann ist Jesus lebendig.

- Auferstehung - das sind Konzerte, Kultur, Genüsse, Wohlfühlen.

- Schließlich: Die Auferstehung wird gestrichen, weil Ostern nicht mehr ist, als das jüdische Pascha - und wie können wir Christen eigentlich nur den Messias für uns in Anspruch zu nehmen?

 

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn: Paulus sagt etwas anderes: Ist Christus nicht auferstanden, so ist unser Glaube umsonst. Jesus von Nazareth war so tot, wie nur einer tot sein kann. Und er wurde wieder lebendig, wie nur Gott selbst lebendig machen kann. Auferstehung ist so ernst gemeint, dass die Frauen am Grab alles stehen und liegen lassen und als erste Zeugen die Osterbotschaft lebendig machen.

 

Um dies in der Sprache und im Denken unserer Zeit zu tun, möchte ich die Worte der modernen Lehre vom Kosmos nutzen. Für sie steht vor allem der Name Einstein. Sie hat sich aber gerade in den letzten 25 Jahren dramatisch weiter entwickelt. Auferstehung von Jesus Christus heißt: Gott handelt in einer Weise, welche die Raumzeit und damit die grundlegenden Maßstäbe unseres Universums sprengt. Es geht eben nicht nur um einen psychologischen Vorgang oder ein rein geschichtliches Ereignis.

Denn die Erfahrung der beiden Marias am offenen Grab: Das ist Wirklichkeit, die den Rahmen von Zeit und Raum sprengt. Mit den Augen der modernen Naturwissenschaften gesehen, ist das über-haupt nicht absurd. Der Beginn unseres Universums ist für sie zugleich der Beginn von Raum und Zeit, es gibt also etwas, was außerhalb ist. An dieser Grenze endet letztlich die Kosmoslehre, die anerkennt, dass es etwas außerhalb gibt und unter anderem von einer sogenannten "Singularität" reden. Das ist ein Zustand, in dem alle physikalischen Beschreibungsmodelle versagen. Es ist nur eine geringe Vereinfachung, wenn ich dies mit dem theologischen Begriff der "Transzendenz" oder dem umgangssprachlichen ‚Jenseits' vergleiche - auch wenn das natürlich sehr unterschiedliche Bereiche auf eine Ebene stellt. Diese Grenze des Universums zerreißt in der Auferstehung und gibt uns wahrhaft grenzenlose Hoffnung. Denn die so letztgültig scheinende Macht des Todes wird zerbrochen.

Ist das glaub-würdig? Die Frauen machten sich auf, nachdem sie dem Engel begegneten. Es folgten die vielen Begegnungen mit dem Auferstandenen, nach dem Bericht der Bibel mit Tausenden Menschen, die alle Erfahrungen sprengten. Es folgte das ganze Volk Gottes in 2000 Jahren. Es wurde in allen Konfessionen immer wieder dann zum Segen der Menschen, wenn die Christen Macht, Nation, Kultur, Ideologie, tote theologische Lehre, Ämter und Gesetze an den Rand stellten und anfingen aus der Auferstehungs-Botschaft zu leben. Ein Beweis im naturwissenschaftlichen Sinne ist dies nicht. Wohl aber ein Zeugnis, das jeden von uns zum Leben aus der Auferstehung einlädt.

 

Denn es ist der Auferstandene Jesus Christus selbst, der auch hier und heute mit seinem Geist jeden von uns mit der Gewissheit der Auferstehung füllen möchte. Dies gilt, ob jemand nun schon jahrzehntelang Christ ist oder ob er noch seinem Lebensmaßstab sucht.

 

Doch was bringt das? Müssten wir nicht eher vom Aufstand reden, damit sich auch in unserer Welt etwas ändert? Doch all jene, die von Aufstehen und Aufstand reden und nur noch ein Geschehen in dieser Welt meinen, die sollen sich die Geschichte anschauen. Wir müssen dabei nicht unbedingt 2000 Jahre zurückgreifen, um die Bedeutung des Auferstehungsglaubens mitten im Leid der Verfolgung entdecken: Wenn ich mir die Geschichte der Christen im Dritten Reich anschaue, dann waren es die Auferstehungsgläubigen, die im kirchlichen Widerstand in der vordersten Front standen: Die bürgerliche Anständigkeit, die in der Kirche nur ein kulturelles oder gar ein nationales Gut gesehen hat, sie hat - ohne dass ich mich über sie erheben möchte - ebenso versagt, wie die Kräfte der Selbsterlösung, die für ein Paradies auf Erden kämpften, die vom Aufstand redeten und ebenso wie Hitler bereit waren, über Leichen zu gehen. Gehen wir sie durch, die Eltern und Märtyrer des Glaubens in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts: Dietrich Bonhoeffer sagte vor seiner Hinrichtung: ‚In wenigen Augenblicken werde ich wissen, dass mein Erlöser lebt'. Paul Schneider, der Prediger im KZ Buchenwald, rief kurz, bevor er zu Tode gequält wurde, den Mithäftlingen die Osterbotschaft zu. Pater Maximilian Kolbe ging im Vertrauen auf die Auferstehung für einen Mithäftling in den Tod, weil der Kinder hatte. Und auch unter denen, die mit dem Leben davon kamen, standen die Auferstehungsgläubigen in der vordersten Reihe: Bischof Theophil Wurm, der Kämpfer unserer württembergischen Landeskirche im Kirchenkampf, ebenso sein katholisches Gegenüber, Bischof Johannes Baptista Sproll in Rottenburg. Und der führende Theologe der Bekennenden Kirche, Karl Barth, schleuderte den Allmachtsansprüchen Hitlers im Vertrauen auf den auferstandenen Herrn Jesus Christus nur den einen Satz entgegen: "Es wird regiert".

 

Entscheidend ist es, das Letzte und Gültige, das Leben, nicht nur in dieser Welt - in Angesicht des Todes - zu erwarten. Wer aus der Hoffnung über diese Welt hinaus lebt, der ist nicht so anfällig für die Früchte des Bösen, die immer in dieser Welt liegen. Anders derjenige, der alles ins Diesseitige wendet. Er tut dies oft, weil er eine Wirklichkeit nicht annehmen kann, die den Verstand sprengt.

 

Dies zeigte sich auch gegenüber dem Kommunismus - nicht nur in der DDR. Die auferstehungsgläubigen Christen standen bei weitem nicht so sehr in der Gefahr, zu Mitarbeitern dieser Variante eines menschenverachtenden Totalitarismus zu werden. Und dieser Gefahr erlagen viele Kirchenangehörige, gerade hier im Westen. Viele, die die Auferstehung aus dem Blick verloren hatten und an ihre Stelle den Aufstand, die Revolution zum letzten Maß aller Dinge machten, sind in übelster Weise zu Mittätern des sogenannten real existierenden Sozialismus geworden.

 

Auch heute ist die persönliche wie die politische Entscheidung der Christen aus dem Vertrauen in die Auferstehung wieder gefragt. Ganz aktuell ist die Sterbehilfe, die laut Südwestpresse vom Donnerstag von mehr als 2/3 der Bundesbürger befürwortet wird. Doch gerade aus dem Vertrauen in die Auferstehung, auf Gottes letztes Wort in Sachen Leben, müssen wir Christen einer Unmenschlichkeit widersprechen, die die Mitteldeutsche Zeitung so zusammenfasst. "Wie wird sich jemand fühlen, der nicht der gängigen Meinung entsprechend nach der Todesspritze verlangt? Muss er nicht annehmen, eine Zumutung zu sein für seine Angehörigen oder seine Umwelt? Wie oft wird es vorkommen, dass Alte künftig den Tod verlangen, nicht weil sie es wirklich wollen, sondern weil sie glauben, nur noch eine Last zu sein?" Und ein Kommentar der Stuttgarter Zeitung vom Donnerstag fasst zusammen: "Der Bundespräsident hat Recht: Die Deutschen müssen in dieser heiklen Frage bedachtsam ihren eigenen Weg gehen. Zur Menschenwürde gehört das Leben, aber auch der individuelle Tod. Der Respekt vor dieser Menschenwürde, wie ihn Buchstabe und Geist des Grundgesetzes fordern, verbietet es, beim Sterben - auch in menschenfreundlicher Absicht - nachzuhelfen. Was allerdings bleibt, ist die Aufgabe, den Todgeweihten das Sterben zu erleichtern und sie vor übergroßen Schmerzen zu bewahren - durch Zuwendung und Medikamente. Und auf diesem Felde gibt es noch hinreichend zu tun." Hier gilt es für uns Christen im Vertauen auf den Gott, der sich in der Auferstehung als Gott des Lebens über diese Welt hinaus erwiesen hat, standhaft zu bleiben. Es gilt Politikern, die wie Bundespräsident Rau, wie Frau Däubler-Gmelin und Frau Merkel hier christliche Positionen vertreten, den Rücken zu stärken. Und für die Abtreibung, die einen neuen Höchststand erreicht hat, für die Gentechnik und andere Felder, in denen menschliches Leben zur Beliebigkeit verkommt, gilt dasselbe.

 

Wir dürfen als Christen immer wieder für uns ganz persönlich entdecken: Was wir hier in dieser Welt er-leben, das ist nur der erste Teil. Das wird den Umgang auch mit meinem Leben und Sterben - und mit dem meiner Angehörigen und Freude - prägen. Sonst ist auch diese Predigt umsonst.

 

- Ohne diesen Glauben ist Liturgie Spielerei

- Ohne diesen Glauben ist Theologie Geschwätz

- Ohne diesen Glauben ist das Neue Testament ein Herzschmerz-Roman

- Ohne diesen Glauben ist die Kirche eine x-beliebige Versammlungshalle

- Ohne diesen Glauben ist die Orgel wertloses Blech und Holz, nicht mehr wert als die E-Gitarre einer Black-Metall-Gruppe mit ihrer Dämonen-Anbetung

- Ohne diesen Glauben überlassen wir besser soziales Engagement dem Roten Kreuz, politisches Nachdenken den Parteien

- Ohne diesen Glauben wären wir besser Juden geblieben

- Ohne diesen Glauben sollten die Konfessionen so ehrlich sein, sich aufzulösen.

 

Deshalb sollte es in der Kirche nur eine Konfession geben und - wenn es schon mehrere gibt - innerhalb der Konfessionen eigentlich nur eine Partei, einen Gesprächskreis: Die Gemeinschaft der Auferstehungsgläubigen. Sie soll im geschwisterlichen Gespräch und auch im Streit Kirche gestalten, Menschen zum Osterglauben einladen und durch den gemeinsam gelebten Osterglauben Licht der Welt sein. Und sie muss dort, wo innerhalb der Kirche der Auferstehungsglaube zur Beliebigkeit wird oder gar endet, in aller Deutlichkeit sagen: Hier ist das Ende von Christsein, Kirche und Ökumene erreicht. Denn wer die Auferstehung grundsätzlich ablehnt oder für unwichtig hält und sie nicht zu aller mindest sucht, der kann noch nicht einmal eine Jungschar leiten. Noch viel weniger kann er in den Gremien der Kirche Entscheidungen treffen oder predigen. Denn ist Christus nicht auferstanden, so ist unsere Predigt umsonst.

 

Trotzdem ist Kirche groß: Sie lädt alle ein, die den Auferstandenen suchen und aus ihm leben wollen oder leben: Junge und Alte, Kranke und Gesunde, Arme und Reiche, Mensch jeder Hautfarbe, Menschen mit unterschiedlicher politischer Meinung und verschiedenem Lebensstil. Sie lädt Menschen ein, die sich darin unterscheiden, wie sie Schuld auf sich geladen haben und die doch alle vor Gott schuldig sind. Sie lädt Menschen ein, über die diese Schuld nicht das letzte Wort hat, weil ihnen Gott in der Auferstehung einen Lebensweg über diese Welt hinaus bahnt. Denn Kirche, das ist die Gemeinschaft der Auferstehungsgläubigen: Sie ist ganz gewiss nicht für Alles da. Sie ist aber für Alle da und will allen den Weg zum Leben zeigen.

 

Für uns Christen gilt so der Auftrag, aus der Auferstehung zu leben und nicht nur vermeintliche Werte aufzulisten und daraus unsere eigenen Ideengebäude aufzubauen - damit unsere Predigt nicht umsonst ist. Für die Suchenden gilt: Lasst Euch von Gott finden. Lasst Euch einladen, die Auferstehung zu entdecken.

 

Denn wer sich von Christus so zum Leben über diese Welt hinaus einladen lässt, der ist wirklich ein freier Mensch. Er darf aus der Gewissheit leben: Der Tod ist nicht der Maßstab aller Dinge, weil wir auf ewiges Leben vertrauen dürfen.

 

Denn Christus ist auferstanden

 

Hallelujah

 


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