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An Ostern fingen die Probleme erst an

Team-Predigt an Ostern über Johannes 20,1-18 am 8.4.2006 in Stockach

Datum: 8.4.2007 Ostern

Gemeinde Stockach: Predigt in der Deutschen Messe

Teampredigt Jörg (JB) und Beate Beyer (BB)

JB: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

G: Amen.

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

BB: Warum? Warum musste Jesus so enden? Er zeigte mir Gott mit anderen Augen. Er heilte die Kranken. Er gab den Traurigen Mut und Hoffnung. Alle sind auseinander gelaufen und verstecken sich. Aber ich halte es nicht aus, ich muss zum Grab. Ich will ihm auch als Totem nahe sein. In meinem Herzen ist es so dunkel wie um mich herum. Warum? Ich verstehe das alles nicht.

Liebe Geschwister im Herrn,

wir wissen nicht, was Maria von Magdala gedacht hat, als sie im Dunkeln ganz alleine zum Grab lief. Aber ich denke: Ihr Herz war schwer. Ihre Hoffnungen waren ans Kreuz genagelt. Angst breitet sich aus. Und dann der zweite Schreck: Grabschänder - Jesus war weg. Sie läuft in ihrer Not schnell zu Petrus und berichtet alles.

Petrus eilt gleich zum Grab. Er wollte sehen, was sich ereignet hat. Als er ankam, sah er - und sah doch nicht. Er konnte das alles nicht deuten, nicht verstehen, nicht auslegen und deshalb ging er wieder heim.

Maria von Magdala aber wollte sich nicht einfach vom Ort des Geschehens trennen. Sie konnte sich nicht damit abfinden, denn die Erfahrung mit Jesus war noch zu lebendig, um einfach zum Alltag zurückzukehren. Sie hoffte, sie würde das Rätsel doch noch lösen. Sie stand da und weinte. Sie blieb in ihrer Trauer. Sie ließ ihrer Trauer freien Lauf. Vielleicht spürte sie, dass sich das Rätsel um das Verschwinden nur am leeren Grab lösen lässt. Oder sie war einfach gelähmt von den schrecklichen Ereignissen der vergangenen Tage und gar nicht fähig, irgendeine Entscheidung zu treffen.

Doch plötzlich geschieht etwas. Jesus ruft sie bei ihrem Namen. Dieser Ruf schenkt ihr Erkenntnis. Sie erkennt den Auferstandenen. Sie will ihn festhalten. Aber Jesus ist nicht mehr von dieser Welt.

JB: Jesus ist auferstanden, die Welt ist wieder in Ordnung. Maria erwacht auf einer grünen Sommerwiese voller Osterglocken und alle haben sich hübsch gemacht. Denn der Hauskreis veranstaltet gerade einen Ausflug in guter Gemeinschaft. Man singt Lobpreislieder und gleich wird Petrus eine zu Herzen gehende Andacht halten ...

Nein, liebe Geschwister im Herrn: Die Probleme fingen erst einmal an. Mit den Augen dieser Welt betrachtet, hätte Maria sich und den Jüngern viel Ärger erspart, wenn sie resigniert gegangen wäre. Der Schmerz und die Enttäuschung wären verblasst, und irgendwann wäre das Leben zur Normalität zurückgekehrt. Doch nach dem Aufbruch dieser Frau, die nach Gottes Plan das zentrale Auferstehungs-Zeugnis gab, das am Anfang des gesamten christlichen Glaubens überhaupt steht, häufen sich die Probleme: Erst einmal unter der Schar der Apostel und der Nachfolgerinnen und Nachfolger. Sie greifen die Botschaft von der Auferstehung solange nur zögernd auf, bis ihnen der Auferstandene selbst begegnet. Und dann folgt die Reaktion der etablierten staatlichen und religiösen Macht: Spott, Hohn, Verfolgung bis zum Tod in Israel und im Römischen Reich: Alles wegen dieser einen Botschaft: Jesus, der Christus, ist von den Toten auferstanden.

BB: Auferstanden von den Toten. Ja so steht es in der Bibel. So hat es Maria von Magdala den Jüngern gesagt. Aber geht es uns nicht oft wie dem Thomas. ‚Ich will Beweise, sonst glaube ich es nicht‘?

Manchmal denke ich, die Jünger damals hatten es einfacher als wir. Sie begegneten dem Auferstandenen. Und wir? Bei meinen Schülern mache ich vor Ostern immer eine kleine Umfrage. Sie können zwischen 4 Möglichkeiten wählen:

A: Es gibt keine Auferstehung, also ist Jesus auch nicht auferstanden.

B: Die Auferstehung ist nur ein Bild, dass seine Sache weitergeht.

C: Jesus ist seinen Jüngern als Vision erschienen, sie glaubten dann, dass er bei Gott weiterlebt.

D: Jesus ist auferstanden, so wie es uns die Bibel berichtet.

Die letzte Möglichkeit wählen meistens 0-2 Schüler. Die anderen verteilen sich gleichmäßig auf die anderen Aussagen. Und ich denke nicht nur meine Schüler und Schülerinnen fällt der Glaube an die Auferstehung schwer. Die Erklärungsmuster auch in der Theologie füllen inzwischen Bände. Sind Maria von Magdala, Petrus und all die anderen Zeuginnen und Zeugen dieser unglaubwürdigen Botschaft für uns glaubwürdig oder ist die Auferstehung von Jesus nur etwas, was wir so dahinsagen? Was heißt dies für unser konkretes Leben im Alltag?

JB: Zuerst einmal: Auferstehung ist keine süße Vanillesauce, die wir über alle Probleme unseres Alltags schütten und sie damit zudecken. Wer sein Leben an dem gekreuzigten und auferstandenen Gott ausrichtet, der wird über vieles nicht mehr hinwegschauen können. Er wird vielerlei Schmerz noch intensiver empfinden, wenn er sich mit Jesus Christus auf die Seite der Opfer stellt: Und es gibt genug der unerträglichen Schmerzen, wenn wir versuchen, die Welt mit den Augen des Auferstandenen zu sehen: Zum Beispiel mit dem Blick auf den Irrsinn im Heiligen Land, im Irak und an den kleineren Brandherden des Nahen Ostens: Auf die Rolle, die dort von islamischen Terroristen, von Mullah-Regimen und Öl-Staaten, gespielt wird. Aber auch mit Blick auf Israel, das weite Teile des Libanon in blinder Gewalt in Schutt und Asche legte und auf die USA, die im Irak entgegen besseren Wissens und vor allem aus Ölgier eine Region in Brand gesteckt haben. Und das ist nur ein Blick. Es gibt die Gewalt opfer in New York und Afghanistan, die Hungernden, während bei uns Lebensmittel verrotten, die verfolgten Christen von Russland über Vietnam und Pakistan bis China und Saudi Arabien. Und es gibt bei uns die Politiker, die in allen Fraktionen zurzeit an den Machthebeln sitzen und nach dem Prinzip handeln: „Worte und Tagen sind austauschbar, Hauptsache ich werde gewählt und habe die Macht.“

Und auch im Nahbereich: Alle, die durch Managementfehler von einer Reduzierung von Arbeitsplätzen betroffen sind, während die Manager mit dicken Abfindungen in Rente gehen. Und die Kette reicht weiter von Schülern, die andere Schüler zusammenschlagen über Mobbing am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft bis hin zu all dem, was selbst unter uns Christen kursiert: Ob der und die fromm genug sind, weil sie dies oder jenes tun, warum jener so lange oder diese so kurz trauert, ob, ob, ob, ob. Wer in dem Auferstandenen den erkennt, der als schuldloses Opfer durch unsere Schuld gekreuzigt wurde, der muss die Augen öffnen. Er darf nicht mit Verweis auf seine Erlösung die Probleme der Welt zutünchen. Der Blick auf den Gekreuzigten und Auferstandenen ist der Blick auf die Opfer. Es ist das Einstehen für die Wahrheit und die aktive Parteinahme für die Verantwortung. Der Blick auf den Auferstandenen heißt: Da sein für die wirklich Schwachen und nicht für die mit der besten Lobby, dem lautesten Schreiorgan oder den meisten Schlagzeilen da sein.

BB: Dies ist die eine Seite unseres christlichen Auftrages. Die andere Seite ist: aus welchem Grund wir für die Schwachen eintreten. Uns Christen und Christinnen wird oft vorgehalten, dass sich manche Nicht-Christen sozial stärker einsetzen, weil sie alle Kraft auf das Handeln, auf Aktivitäten und Aktionen ausrichten und keine Zeit zum Beten und für Gottesdienste brauchen. Aber wir haben einen umfassenderen Auftrag vom Auferstandenen erhalten, als den Auftrag sozial zu handeln. Jesus ist auferstanden und deswegen dürfen und müssen wir die Welt mit anderen Augen sehen.

Wenn nach einer Stern-Umfrage 17% der Menschen in Deutschland überhaupt nicht mehr wissen, warum wir Ostern feiern und nur die Hälfte der Deutschen (54 Prozent) nach einer Forsa-Umfrage von 2002 weiß, dass Jesus an Karfreitag gekreuzigt wurde und zu Ostern auferstand.

Wenn für Viele Kirchenkonzerte an Karfreitag das Wichtigste sind,

Wenn die meisten Menschen Weihnachten für wichtiger als Ostern halten,

dann sind wir an dem Auftrag gescheitert, die Botschaft von Jesus Christus in die Welt hinauszurufen.

JB: Denn ohne den Glauben an die Auferstehung Jesu Christi, die alle Maßstäbe unserer Welt sprengt,

gibt es keinen christlichen Glauben,

gibt es keine Kirche,

gibt es keine christliche Gemeinde,

gibt es keine Christen.

Das gilt gerade auch in unserer evangelischen Konfession. Denn wir wissen, wenn ich mir die Verlautbarungen durchlese, sehr genau, dass wir nicht katholisch sind. Ökumene der Profile nennt sich das und ist doch nur neuer Konfessionalismus. Aber ob wir die Auferstehung wirklich ernst nehmen, das wissen wir nicht so genau. Doch am Auferstehungsglauben führt für Christen kein Weg vorbei – an einem Auferstehungsglauben ohne die Krücken der Psychologie, des Weiterlebens einer Idee oder der Beschränkung auf einen Aufstand.

Und - dieser Auferstehungsglaube lässt sich nicht ersetzen durch noch so gute soziale oder sonstige Werke. Er lässt sich nicht auf Brauchtum eindampfen, auf Nationen oder bestimmte Zivilisationskreise beschränken oder mit bestimmten Musik- oder andere Kulturstilen beschreiben. Die Fragen von

Kulturen,

Nationen,

Brauchtum,

politischen Richtungen,

Lebensgewohnheiten

sind, wie Staub vor dem was an Karfreitag und Ostern geschehen ist: Gott ist - zum Zeichen seiner Liebe zu uns - als wahrer Mensch ans Kreuz gegangen. Und er hat an Ostern gezeigt, dass es eine Wirklichkeit gibt, die über diese Welt hinaus reicht. Eine Wirklichkeit, in der er uns eine Zukunft und ein Zuhause geben will.

B: So sind wir eingeladen, dieses Zeugnis von Maria und Petrus ernst zu nehmen. Gerade Petrus ist zuerst davon gelaufen, konnte das leere Grab nicht verstehen und nahm seinen Alltag wieder auf. Die Begegnung mit dem Auferstandenen am See Genezareth veranlasst ihn zum zweiten Mal, aufzubrechen und alles liegen zu lassen. Von nun an ist er getrieben von dieser unglaublichen Botschaft und fürchtet weder Staatsgewalt, Redeverbot noch Tod. Und aus dem überschäumenden aber unzuverlässigen Eiferer wird eine der Säulen der ersten Christenheit.

JB: Wenn auch wir diese Botschaft Ernst nehmen, müssen wir uns fragen lassen, warum wir es immer noch nicht schaffen als Christen mit einer Stimme zu reden und Zeugnis zu geben. Wenn ich mir den Gottesdienstplan für Tübingen im Tagblatt anschaue: Landeskirche, Katholiken und Methodisten, Baptisten, Freikirche und Adventisten, Orthodoxe, Offensive Stadtmission und, und, und: Sie alle verkündigen die Botschaft von der Auferstehung von Jesus Christus an diesem Ostersonntag nebeneinander her. Könnten wir dies nicht gemeinsam auf dem Marktplatz tun? Natürlich ist das in Stockach einfacher, aber nur weil der Ort eben klein ist.

Denn Ostern ist die Einladung zum Glauben an alle, an jede und jeden Einzelnen von uns. Auch uns ruft der Auferstandene Jesus Christus zu sich. Auch uns ruft er ganz persönlich. Maria von Magdala ist für uns eine glaubhafte Zeugin der Auferstehung, obwohl zur Zeit Jesu die Frauen kein Zeugnisrecht vor Gericht hatten. Gott erwählt sie als ersten Schlüssel zu Ostern. Jesus der Auferstandene gibt ihr den Auftrag, Folgendes von ihm weiterzugeben: „Ich fahre auf zu meinem und zu eurem Vater.“ Dieser Jesus Christus hat uns durch sein Leben, seinen Tod am Kreuz und die Auferstehung seinen Vater ganz nahe gebracht. Jesus Christus schickt Maria von Magdala als erste Zeugin in die Welt, um die froh machende Botschaft zu verkünden: Denn Jesus Christus lebt. Mit ihr dürfen wir an Ostern die Gegenwart des Auferstandenen bejubeln, wenn wir im Fest der Dankbarkeit, in der Eucharistie, im heiligen Abendmahl seine Gegenwart feiern.

Vertrauen wir dieser Botschaft und vertrauen wir darauf, dass Jesus auch unser Leben ändern will: Durch lebendigen Glauben, Hoffnung für diese und die kommende Welt und gelebte Liebe, die Verantwortung übernimmt für die Opfer dieser Welt. Vertrauen wir darauf, dass er auch unserem Leben eine Zukunft über den Tod hinaus geben will.

Doch Ostern bleibt nicht bei uns stehen. Wie Maria und die Jünger will er uns alle aussenden, damit wir die Osterbotschaft weitertragen. Dabei lässt er uns nie allein. Denn er hat auch uns versprochen, bei uns zu bleiben - alle Tage dieser Welt.

In diesem Vertrauen können wir getrost und unverzagt in dieser Welt glauben und in Liebe handeln. Und: Wir können in aller Gewissheit auf die kommende Welt hoffen. Denn

L: der Herr ist auferstanden – Halleluja

G: er ist wahrhaftig auferstanden – Halleluja


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