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Der Autopilot des Glaubens - Gottes Heiliger Geist schenkt Leben und Freiheit

Predigt über Römer 8,1-11 am 19.5.2002 in Bernhausen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Der Predigttext steht in Römer 8,1-11. Und ich werde den ganzen Text lesen, nicht nur - wie teilweise vorgeschlagen, den leicht verdaulicheren Teil. Denn verantwortlicher Umgang mit dem Wort verzichtet wo irgend möglich darauf, Bibelragout zu verbreiten.

 

"So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch, damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist. Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag's auch nicht. Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen. Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt."

 

Kanzelgebet

Herr,

Dein Wort

macht das unmögliche möglich.

Darauf vertrauen wir.

So segne Dein Wort an uns,

auch wenn es nur

durch meine schwache Stimme

weitergeben wird.

AMEN

 

Liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus.

 

Wie können wir am Besten den Heiligen Geist zähmen und für unsere Zwecke einsetzen? Diese Frage scheint die Kirchengeschichte wie ein Roter Faden zu durchziehen. Für viele Pfingstler soll der Geist eine Art Extasy sein, eine Droge, die auf christlichen Partys auf Kommando wirkt. Für große Teile des Pietismus darf der Geist ja nur nicht verhindern, dass wir uns in jeder Sekunde unseres Lebens darüber grämen, im Jammertal zu leben. Für Lutheraner muss der Geist in die Form rechter Lehre in den Worten der Theologie gegossen bleiben - und darf bloß nicht zu unkontrollierbarer Frömmigkeit führen. Katholiken und Orthodoxe versuchen den Geist durch die Hierarchie zu fesseln und zu knebeln. Und die ganz schlauen Menschen der Neuzeit bemühen sich auch in der Theologie darum, ihn weg zu psychologisieren. Und doch - Gottes Geist weht wie, wann und wo er will:

- Laut oder leise,

- in großen Jubel und in Niedergeschlagenheit, wo wir durch ihn beispielsweise unsere und der Welt Sünde entdecken,

- bei Menschen, die wir für völlig unfromm halten, weht er manches Mal und bei den großen, die wir anhimmeln, manches Mal nicht.

 

So beschreibt unserer heutiger Predigttext auch nur einen Weg, den Geist Gottes zu entdecken - und doch einen, der Kirchegeschichte gemacht hat. Ich versuche es einmal so zusammenzufassen: "Gott bahnt sich in uns seinen Weg und baut selbst die Gottesferne ab, die wir aufgebaut haben." Dies ist nichts anderes, als die Grundbotschaft der Reformation, die Luther in Römer 3,28 so übersetzt: "So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." In einer neueren Übersetzung: "Denn wir gehen davon aus, dass man auf aufgrund des Glaubens für gerecht erklärt wird und nicht, weil man bestimmte Gesetzesvorschriften einhält", wie es die �Neue Genfer Übersetzung' in Deutsch ausdrückt.

 

Ich weiß nicht, wie viele zigtausend Seiten seit der Reformation gerade über das Kapitel des Römerbriefes geschrieben wurden, auf das wir heute hören. Doch kam mir bei der Vorbereitung dieser Predigt eine ganz andere Erinnerung: Vor einigen Wochen war ich im DaimlerChrysler Forschungszentrum in Ulm, wo man sich über die Autos von Übermorgen Gedanken macht. Dort wird unter anderem an einer Technik geforscht, die die Straße während der Fahrt mit Kameras überwacht. Rennt beispielsweise ein Kind auf die Straße, so ist es denkbar, dass das Auto der Zukunft so intelligent ist, dass es von alleine ausweicht - mit einer besseren, schnelleren und präziseren Reaktion als jeder Rennfahrer. Das Problem, so sagte mir der Projektleiter, liegt aber vor allem darin, dass der Mensch diesem Autopiloten eine richtige Reaktion zutraut. Denn wenn ich meinem Auto erlaube, dass es etwas anderes macht, als ich selber will, dann brauche ich viel Vertrauen in diesen Autopiloten.

 

Paulus stellt uns den Heiligen Geist sozusagen als einen Autopiloten des Glaubens vor. Er ist die direkte Beziehung zu Jesus Christus in uns. Und diese Beziehung ist so eng, dass wir überhaupt nicht mehr zur Gottesferne fähig sind. Denn Sünde, das ist nichts anderes als Gottesferne. Wo wir den Nächsten oder Gott nicht lieben, da sind wir weit weg von Gott. Der alte Weg um dies zu erreichen, bevor Gott in Jesus Christus Mensch wurde, war das Gesetz. Durch Vorschriften und immer mehr Vorschriften sollte definiert werden, was Liebe zu anderen Menschen und was Liebe zu Gott ist. Wir alle kennen die Beispiele, wie Teile des Judentums zur Zeit Jesu das Gesetz genau festlegten, mit Auswirkung bis in unsere Zeit: So gibt es in Israel mancherorts für Fahrstühle eine Sabbatschaltung: Der Fahrstuhl fährt automatisch in einem gewissen Takt die verschiedenen Stockwerke an, damit er ohne Betätigung eines Schaltknopfes benutzt werden kann. Denn die Betätigung von Schaltknöpfen am Sabbat ist in manchen strengen Kreisen verboten.

 

Auch bei uns herrschten zumindest in der Vergangenheit teilweise absurde Vorschriften, etwa um voreheliche Beziehungen zu vermeiden. Oder was sonst ein Christ alles zu tun oder zu lassen hatte - oder bis heute hat. In manchen Kreisen darf frau nicht geschminkt sein, in anderen sollte sie es. In manchen Kreisen muss ein Christ Zungen reden, in anderen gilt dies als verderbliches Schwärmertum. In manchen Kreisen hat die Frau zu schweigen, in anderen muss sie reden, ob sie will oder nicht. Und so weiter und so weiter.

 

Wo der Autopilot des Glaubens, wo Gottes Heiliger Geist in uns führt, sind wir aus diesen Zwängen befreit. Wir sind von der Schuld, von der Gottesferne, befreit und das ist Leben. Gottesferne entsteht, weil niemand in der Lage ist, alle Gesetze so zu erfüllen, dass dies zur Gottesnähe führt. Doch Gottesnähe durch den Geist, das ist "die Freiheit eines Christenmenschen", um den Namen der wohl berühmtesten reformatorischen Schrift Martin Luthers zu zitieren. So hat uns Jesus frei gemacht vom Gesetz und schenkt durch seine Geist Leben.

 

Wie sehr wir den Heiligen Geist als Autopilot des Glaubens brauchen, das sagt Luther in seiner drastischen Art: "Der menschliche Wille ist wie ein Reittier. Er wird entweder von Gott oder vom Teufel geritten." Die Bitte um den Heiligen Geist bringt zum Ausdruck, dass ohne seinen "Beistand, Hilf und Gunst" die Liebe in uns keine Wurzeln schlägt, wie es in dem Lied "Heilger Geist, du Tröster mein" heißt.

 

So ist Christus in dem einen Doppelgebot der Liebe durch Gottes Geist in uns wirksam. Die Sünde hat keine Macht über uns, denn die Gottesnähe fängt mit Jesus Christus an und wird durch den Heiligen Geist erhalten. Ich möchte noch einmal daran erinnern: "Gott bahnt sich in uns seinen Weg und baut selbst die Gottesferne ab, die wir aufgebaut haben."

 

Doch zweierlei Missverständnisse gilt es zu vermeiden: Erstens: Das in der Bibel vorgestellte Gesetz beschreibt Wirklichkeiten und Maßstäbe. Es ist ein Irrweg, der immer wieder zur Verheerung unter den Christen geführt hat, wenn wir daraus eine Beliebigkeit ableiten: Ich kann deswegen nicht Homosexualität als segnenswert, Abtreibung als bedauerlichen Betriebsunfall, soziale Ungerechtigkeit als Ausdruck von Gottes Erwählung, die Zerstörung der Schöpfung als etwas Unwichtiges und Kriege nur als Notwendigkeit in einem angeblich von Gott geplante Weltuntergansszenario betrachten. Die größte Absurdität wird da erreicht, wo der Versuch nach den Maßstäben Gottes zu leben, als Triumphalismus beschimpft wird, als Versuch über die Sündhaftigkeit des Menschen zu triumphieren. Wir können die Wirkung des Geistes auch daran erkennen, dass es Menschen ohne den Krampf des Gesetzes gelingt, nach den Maßstäben zu leben, die den Gesetzen zugrunde liegen: beispielsweise dem Einsatz für die Schwachen oder dem Handeln aus Verantwortung, nicht aus Gesinnung oder einer Moral, der es ums Abhaken von Normen geht, ohne sich gegenüber den Grundlagen dieser Normen verantwortlich zu fühlen. Wer den Heiligen Geist in sich hat, ist eben nicht �autonom'. Er ist nicht selbst das Gesetz, sondern er lässt sich von Gott auf dessen Wegen führen.

 

Und wir sind zweitens weiterhin an das gebunden, was die Bibel Fleisch nennt - und was unser Text in Verbindung mit einer �fleischlichen Gesinnung' als verderblich bezeichnet. - Hier wird übrigens das selbe Wort gebraucht, wie in der Einleitung des Johannes-Evangeliums, wenn es heißt: "Und das Wort ist Fleisch geworden und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit."

 

Fleisch - was heißt das? Beim Metzger kaufen wir ein Kilo Fleisch. In Deutschland haben die meisten genug Fleisch auf den Rippen. Und am Strand oder im Freibad geht mancher auf Fleischbeschau. Doch der Begriff der Bibel geht weiter: Fleisch ist der umfassende Begriff der Diesseitigkeit, die von Gott geschaffen und von ihm abgefallen ist. Fleisch, das ist Sex, Geld, Körper, Leben, alles, was unseren Alltag bestimmt und in ihm wichtig ist: Ohne Sex gibt's keine Kinder und somit keine Rente, ohne Geld keine funktionsfähige Gesellschaft auf einem Planeten mit sechs bis sieben Milliarden Bewohnern. Wenn unser Körper nicht mehr funktioniert, dann bedroht uns das und Leben ist die Grundlage von allem, was uns umgibt. Um ein Missverständnis zu vermeiden: Paulus ruft uns nicht dazu auf, alles Fleisch zu zerstören. Aber er ruft uns dazu auf, keine fleischliche Gesinnung zu haben: Die Grundlagen dieser Welt sollen keine Macht über uns haben. Und sie haben dies auch nicht, wo der Autopilot des Glaubens, wo Gottes Heiliger Geist, Macht über uns hat.

 

So kann ich als Christ durchaus alle zwei Jahre zum Gesundheits-Check und zur Krebsvorsorgeuntersuchung gehen, um auf den Körper zu achten, den mir Gott geschenkt hat. Aber Gottes Geist will mich davon befreien, dass ich vor lauter Angst um mein bisschen Leben in dieser Welt ständig wegen jedem Zipperlein zum Arzt renne.

 

So kann ich als Christ mit meiner Frau, mit meinem Mann durchaus sehr viel Spaß im Bett haben. Ich kann mich aber trotzdem einer sexistischen Gesellschaft verweigern, die in der Abtreibungsfrage dem erfolgreichen Geschlechtsverkehr einen höheren Stellenwert einräumt, als dem ungeborenen Leben, das Gott schon vom Mutterleibe an liebt. Ich kann mich über Materielles freuen, solange nicht mein Besitz, meine Karriere, mein Gehalt Macht über mich haben, wenn ich etwa meine Mitarbeit in der Gemeinde zurückschraube, um eine Beförderung zu erreichen. "Haben, als hätte man nicht", ist ein gutes Stichwort, auch wenn wir uns vor Selbstbetrug schützen müssen. Denn dieser Anspruch kann schnell zur faulen Ausrede werden. Aber: wo der Geist Gottes mein Autopilot ist, brauche ich keine Ausrede und bin ich ein wirklich befreiter Mensch. Denn ich nutze diese Welt und freue mich an Gottes Geschenken. Und ich habe doch eine Gesinnung, dass ich nur Gast auf dieser Erde bin und dass das Beste noch vor mir liegt: Immer.

 

Denn Gott hat es versprochen. Er hat mit Jesus das Todesschattental überbrückt, das uns von ihm trennt. Sein Geist will in uns wohnen, so dass wir geistlich gesinnt sind. So bahnt Gott sich in uns seinen Weg und baut selbst die Gottesferne ab, die wir aufgebaut haben. Dies geschieht durch den Geist, der Jesus Christus als unseren Vorläufer lebendig gemacht hat. Er wird auch uns lebendig machen.

 

AMEN

 


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