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Gott will uns groß machen!

Predigt über 1. Kor 1, 18-25 am 8.1.06 in Öschingen

Jörg Beyer:

Predigtgruß:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

Predigt

Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit

Ein bisschen mehr Güte und weniger Neid

Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass

Ein bisschen mehr Wahrheit - das wäre was

Statt so viel Unrast ein bisschen mehr Ruh

Statt immer nur Ich ein bisschen mehr Du

Statt Angst und Hemmung ein bisschen mehr Mut

Und Kraft zum Handeln - das wäre gut

In Trübsal und Dunkel ein bisschen mehr Licht

Kein quälend Verlangen, ein bisschen Verzicht

Und viel mehr Blumen, solange es geht

Nicht erst an Gräbern - da blühn sie zu spät

Ziel sei der Friede des Herzens

Besseres weiß ich nicht.

 

Liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus.

So schreibt es der 1843 geborene österreichische Heimatdichter und Waldbauernsohn Peter Rossegger in seinem Gedicht „Wünsche zum Neuen Jahr“. Kluge Worte. Wahrhaft gute Vorsätze. Und doch: Wir alle wissen, wie das mit den klugen und weisen Vorsätzen ist: so gut sie gemeint sind, sie scheitern doch, weil sie die Heile Welt für sich selber suchen und nicht die geheilte Welt für die Menschen. Es ist schön, wenn Menschen solche Worte finden, doch die Enttäuschung ist vorprogrammiert, wenn sich die kluge Hoffnung nicht erfüllt, wenn sich der Friede im Herzen nicht auf Kommando produzieren lässt.

Paulus gibt uns im heutigen Predigttext eine andere Sicht und eine andere Berufung mit: Wir hören auf 1. Kor. 1: Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, damit, wie geschrieben steht: »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

 

Beate Beyer: Liebe Gemeinde,

Deutschland sucht den Superstar. Diese Überschrift passt ganz und gar nicht auf den heutigen Predigttext. Es geht nicht um Erfolg, Berühmt-Werden, auf der Karriereleiter nach oben klettern. Danach schielen wir Menschen. Aber Gott hat andere Maßstäbe. Nicht die Weisen und Edlen sind berufen, sondern die, die töricht sind vor der Welt. Mit dieser Torheit beginnt auch schon die Geschichte von Jesus. Der Engel verkündigt die Geburt Jesus nicht den Schriftgelehrten und den Führern des Volkes, sondern den Hirten auf dem Felde: Denen, die in der gesellschaftlichen Werteskala als einfache, ungebildete Menschen ganz unten standen. Und diese Provokation zieht sich durch das ganze Leben von Jesus.

Auch die Kirchengeschichte ist voll von Menschen, die Großes verbringen wollten, oft auch im Namen Gottes, doch sie scheiterten. Gottes Pläne sind meistens anders als wir es uns vorstellen. Denn Gott sorgt für Überraschungen, gerade durch Menschen, die ihm nachfolgen. Fanziskus aus Assisi war so einer. Franz wurde 1182 als Sohn eines reichen Tuchhändlers geboren. Auch er wollte eine Art Superstar werden. Franz wollte als Ritter Ruhm ernten. Dieser Plan scheiterte, denn er geriet in Gefangenschaft und wurde schwer krank. In dieser Lebenskrise erkannte er seine Berufung und änderte sein Leben radikal. Er zog arm und bettelnd durch das Land und rief zur Umkehr auf. Er baute verfallene Kapellen wieder auf. Er zog nach Rom um die Anerkennung des Papstes zu bekommen. Der verweigerte sie, weil er die Regeln zu streng fand, denn die Kirche war reich und mächtig, auch im militärischen Sinn. Die Legende erzählt, dass der Papst nachts träumte, dass die Laterankirche einzustürzen drohte. Ein unscheinbarer Mann stützte den Bau. Es war Franziskus. Darauf wurde der Orden anerkannt. Franziskus gab der Kirche wichtige Impulse. Er zeigte ihr, dass das wichtigste die Verkündigung des Evangeliums ist. Sein Orden fand großen Zulauf. So wurde Franziskus groß, aber nicht nach den Maßstäben der Menschen, sondern nach den Maßstäben Gottes.

 

Jörg Beyer: Auch in unserer Zeit gibt es solche Aufbrüche. Ich erinnere mich noch an 1985: Freunde in der DDR erzählten uns von einer evangelischen Mönchsgemeinschaft in Werningshausen in Thüringen, die wir dann auch besuchten. Dort hatte sich in Anlehnung an die Vorbilder Martin Luther, Benedictus, des Begründers des Benediktiner-Ordens und eben von Franz von Assisi Christen zum gemeinsamen Leben zusammen gefunden. Ihr Leiter war und ist bis heute der evangelische Pfarrer Franz Schwarz. Er entdeckte Ende der sechziger Jahre mit einigen Mitchristen die Berufung, in einer verbindlichen, ehelosen Gemeinschaft zu beten, zu arbeiten und mit anderen zu teilen – und das Mitten in der DDR: Bespitzelt und ständig unter Druck, nicht nur durch die Stasi sondern auch in der eigenen evangelischen Landeskirche, die 1970 die Auflösung der Gemeinschaft anordnete. Doch dann wurden der kleinen Gemeinschaft drei Orte angeboten, sie zieht in das kleine Werningshausen, wo Pfarrhaus und Kirche Ruinen und die Gottesdienstbesucher an einer Hand abzuzählen sind. Nur drei Brüder fangen an Gemeinde und Gebäude wieder aufzubauen. Denn durch die Mitarbeit am Gotteshaus finden die Dorfbewohner auch wieder ein Verhältnis zu dem Herrn der Kirche: Zu Jesus Christus. Erst in Werningshausen, dann in etwa zwanzig umliegenden Orten. Aus Ruinen wurden lebendige Gemeinden und das evangelische Kloster mit seiner Kirche war in der DDR und während der Wendezeit ein Leuchtfeuer der Hoffnung – und ist dies auch heute. "Wir haben dies nicht gewollt und nicht geplant, nicht organisiert und ausgedacht. Unsere Gemeinschaft entstand aus der Sehnsucht nach Brüderlichkeit“, so beschreibt Bruder Franz heute den Weg, den Gott mit ihnen gegangen ist.

 

Beate Beyer: An diesen zwei Beispielen können wir entdecken, wie Gott trotz Widerständen und Umwegen Menschen beruft, damit sein Evangelium verkündet wird – entgegen Macht und Weisheit dieser Welt.

Aber wie ist es mit uns? Haben wir nicht manchmal das Gefühl gar nicht geeignet zu sein für das Reich Gottes. Verstecken wir nicht manchmal unsere Begabungen? Stellen wir uns nicht oft in die letzte Reihe, damit wir nicht gesehen werden? Jede Gabe und Begabung ist in einer Gemeinde und in der Nachbarschaft wichtig. Das reicht vom Gebet bis zum Kuchen backen.

Aber fragen wir ehrlich nach dem, was Gott mit uns vorhat? Haben wir nicht manchmal Angst vor seiner Antwort? Es ist auch nicht einfach überhaupt zu ahnen was Gott von einem will. Es stehen leider keine Wegweiser auf dem Weg mit Gott. Zumindest nicht so deutliche wie sie der Schwäbische Albverein auf den wichtigen Wegen verteilt, damit wir den Wanderweg finden. Und auch die sind manchmal verschwunden und so ist es gut eine Karte dabei zu haben.

Doch die Wegweiser des Glaubens sehen meistens anders aus. Ein Freund von uns, der eher lose mit seiner Gemeinde verbunden war, überlegte schon, ob er sich ganz zurückziehen soll. Gerade in diesem Moment wurde er gefragt, ob er nicht mitarbeiten möchte. In einen Bereich in dem er begabt ist. Es sind oft die kleinen Dingen, die große Dinge bewirken. Manche Worte, die wir so dahin sagen, fallen oft auf fruchtbaren Boden. Wir trauen Gott oft zuwenig zu. Wir meinen alles selbst aus den Angeln heben zu müssen. Doch Gott gibt uns Aufgaben und er schenkt uns auch die Kraft dazu. Aber es gibt auch Zeiten, in denen es unsere Aufgabe sein kann, abzugeben. Aufgaben können sich ändern, wir dürfen auch nicht an unseren Aufgaben kleben bleiben. Alles hat seine Zeit. Es ist nicht einfach seine Berufung zu finden. Berufungen können sich auch ändern. Wir müssen hellhörig werden auf die Stimme Gottes damit sie nicht im Lärm der Welt untergeht.

 

Jörg Beyer: Ob Paulus, Franziskus, Luther oder wir: Dreierlei ist grundlegend für jede Berufung, ob Evangelist, Ordensgründer, Reformator oder Austräger des Gemeindeblättchens:

Gott traut uns etwas zu, jedem Christen. Er schenkt uns Fähigkeiten. Er fordert uns, aber überfordert uns nicht! Denn er hat uns geschaffen, wie wir sind. Und er will nicht nur unsere Stärken nutzen. Er will gerade in unserer Schwäche seine Macht erweisen. Ich erinnere mich noch gut an den Predigteinstieg eines jungen Lehrers, der das erste Mal bei einem unserer CVJM Jahresgottesdienste einen Predigtteil übernommen hatte: „I kann halt koi Hochdeutsch, ihr müsst halt mei Schwäbisch verstehe“, so begann er in seiner Aufregung sinngemäß im breitesten Schwäbisch. Fast jeder Predigtlehrer, Lehrpfarrer oder Professor für praktische Theologie würde bei einem solchen Einstieg zumindest innerlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Doch seine Worte waren so echt, so ehrlich, kamen so von ganzem Herzen, dass dieser Einstieg sicher mehr wert war, als lange theoretische und praktische Vorübungen und Überlegungen. Dies ist nun sicher keine Einladung, jede Predigt mit „I kann koi Hochdeutsch“ zu beginnen. Doch Gott hat ihn in diesem Gottesdienst zu einem bewegenden Zeugnis berufen, entgegen der Weisheit dieser Welt. Und wir dürfen es auch jetzt in der Zeit ohne Pfarrer in der eigenen Gemeinde erleben – und habe es auch schon vorher andernorts mitbekommen: Welche Gaben können ganz normale Gemeindeglieder haben – in der Leitung, in organisatorischen Fragen, in der Seelsorge, im Gebet, in der Verkündigung und in so vielem, was für das Gemeindeleben wichtig ist. Manchmal wünsche ich mir mehr Vakanzen, damit wir unter uns mehr Gaben entdecken – gerade auch bei denen, denen es keiner zutraut – der Welt und auch manchmal uns verweltlichten Christen zum Trotz.

Beate Beyer: Doch vor lauter Aufgaben in Kirche und Gesellschaft dürfen wir nicht den Blick verlieren auf den, dessen Geburt wir gerade gefeiert haben: Jesus Christus. Wir suchen oft Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung an falscher Stelle. Natürlich ist es wichtig seinen Verstand zu gebrauchen. Viele Dinge in Medizin, Wissenschaft und Forschung wären ohne Verstand und Weisheit nicht denkbar. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Weisheit immer an Grenzen stößt. Und gerade wir als Christen sollen uns für mehr Gerechtigkeit auf unserer Erde einsetzen. Aber gerade wenn es um Gerechtigkeit geht merken wir schnell, wie schwierig es ist wirklich gerecht zu sein. Ja oft ist es für uns unmöglich, allen und allem gerecht zu werden und so unseren Beitrag zur Gerechtigkeit zu leisten. Und was ist nicht alles angeblich heilig, etwas besonderes vor Gott. Gerade die falschen Dinge werden schnell als heilig erklärt oder wie ein Heiligtum behandelt. Viele Dinge treten an die Stelle Gottes. Und zu gern wollen wir uns durch unser eigenes Tun erlösen und erwarten das Heil von falschen Verführern. Das Geschichtsbuch ist voll von diesen Irrungen. Nein sagt Paulus: Schaut auf Jesus Christus, welcher uns gemacht ist von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heilung und zur Erlösung.

 

Jörg Beyer: Damit werden wir nicht klein gemacht, kommen nicht in die ewige Duckhaltung, die manchmal unter Christen ganz schick ist. Sondern wir werden von dem Druck befreit, zu bleiben, was wir für die Welt sind. Als Christ darf der in der im Alltag Starke schwach und der Schwache stark sein, solange er auf den Wegen Gottes unterwegs ist, solange er sich immer wieder an Jesus Christus ausrichtet: Solus Christus, alleine Christus, wie es Luther betonte und wie es die Christenheit heute glaubt. Wir sind davon befreit, alles selbst anpacken und schaffen zu müssen. Dadurch kann Christus in uns groß werden und uns groß machen, auch wenn andere über uns lachen und uns für Narren halten. Wir alle dürfen – egal wo und wie wir leben durch Jesus Christus so stark werden, dass wir uns rühmen können: Das wir auch in unseren Nöten wissen dürfen: Wir leben aus einer anderen Stärke, als dem oberflächlichen Ruhm, nachdem die Superstars und Sternchen gieren, die im Fernsehen schnell berühmt werden wollen. Denn für jeden von uns gilt der Zuspruch unseres Predigtextes: »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!« Das ist wahre Stärke, die uns den wahren Frieden im Herzen schenkt: Den Frieden in Jesus Christus, der höher ist, als alle Vernunft.

AMEN

 


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