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Die Bibel: Schlüssel zu Gott, Brücke zum Leben und Anker in stürmischen Zeiten

Predigt über Jh. 1 beim CVJM-Tag mit der Bibel am 26.10.2003

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Wir hören auf den Anfang des Johannes-Evangeliums:

 

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. ... Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

 

 

Herr,

Dein Wort

macht das unmögliche möglich.

Darauf vertrauen wir.

So segne Dein Wort an uns,

auch wenn es nur

durch meine schwache Stimme

weitergeben wird.

AMEN

 

 

Liebe Gäste, liebe Geschwister im Herrn,

 

die allermeisten unter uns kennen das Primus-Truber Haus, wo ja regelmäßig Gottesdienst gefeiert wird. Ganz zentral: die drei Holzsteelen des Künstlers Andreas Felger. Doch was sind sie? Ein rotes, ein grünes und ein blaues Brett mit Mustern drauf, schön anzusehen und doch mit der Frage im Hintergrund: Warum diese hübschen Bretter in einer Kirche? Ohne die Worte: 'Glaube, Liebe, Hoffnung', ohne die Erklärung der Bibel, müssten wir diese Frage stellen. Mit diesen Worten sind sie ein Teil dessen, wie diese Gemeinde über Gott redet.

 

Was bedeuten zwei gekreuzte Balken in einer Kirche, der Längsbalken länger, der Querbalken kürzer? Was bedeutet das schmerzverzerrte oder sterbende Gesicht dieses Mannes, der an diesen Balken hängt? Nur Abbild einer römischen Folter- und Hinrichtungsmethode, der Abertausende zum Opfer fielen? Ohne die Worte vom 'gekreuzigten Gott' wäre nichts mehr zu erschließen. Erst das Wort lässt angesichts dieses Bildes in uns Hoffnung wachsen - statt Verzweiflung.

 

Und was wäre das Abendmahl für uns ohne den Zuspruch 'Christi Leib für Dich gegeben – Christi Blut für Dich vergossen' - Eine Zahnfüllung voll staubigem Brot und eine Zungenspitze Flüssigkeit, deren Wert von der Qualität des verwendeten Weines abhinge.

 

Es ist heute viel von der Sinnlichkeit der biblischen Botschaft, von schmecken und fühlen, von sehen und empfinden die Rede. Viele von Euch wissen, dass auch mir selber die Osternachtsfeier mit ihrer ganzen Liturgie sehr am Herzen liegt. Doch ohne den Ruf 'Christus ist auferstanden' und die Wirklichkeit, die durch diese Worte in unser Leben hinein gerückt wird, wäre die ganze so schöne und bewegende Liturgie für die Katz – ebenso wie die Johannes-Passion Johann Sebastian Bachs ohne Worte, wie etwa 'Oh Haupt voll Blut und Wunden'.

 

Gerade in der Medienflut unserer Tage ist es für uns Christen entscheidend, uns darauf zu besinnen: Das Wort ist das leistungsfähigste Werkzeug, um einen Gott zu entdecken, der sich nicht in kanaanäischen oder babylonischen, germanischen oder griechisch-römischen Götzenbildern einfangen lässt.

 

Und unser heutiger Predigttext setzt noch eines drauf: Dieses Wort, diese Wirklichkeit, die soviel weiter reicht, als die Materie unseres Universums, steht vor allem, auch vor jenem Geschehen aus Raum und Zeit, in dem wir mit dieser Welt gefangen sind. So steht im Anfang der 'Logos', es steht im Griechischen ja 'im Anfang war der Logos' und das heißt: Wort, Sinn, Verstand, Vernunft, Logik von dem Gott, der alles geschaffen hat.

 

Und noch viel mehr: Dieser Gott bleibt nicht allmächtig, distanziert, fern außen vor. Er wird Mensch und kommt in unsere Zeit. Denn das Wort ist Gott und es ist Fleisch geworden, Teil dieser unserer Welt und so uns so nahe wie ein Mitmensch, gleichzeitig aber auch Schöpfer und Maßstab des Universums.

 

Doch was hat das mit der Bibel zu tun? Warum machen wir so viele Worte um rund 1300 Seiten Papier, deren jüngste Texte bald zwei Jahrtausende zurückliegen? Warum fragen wir nicht einfach, wie Menschen heute Gott empfinden? Warum nach so vielen Jahren noch 'ein Jahr der Bibel'? Müssten wir nicht als Leute mit gesundem Menschenverstand dieses Buch, bilblos heißt ja nichts anderes als Buch, historisch und kritisch betrachten, die Geschichte seiner Wirkung analysieren, es als alten Hut bei Seite legen und dann daran gehen, die Probleme unseres heutigen Alltags zu lösen?

 

Sicher: die Bibel ist - nur – Niederschrift jenes Wortes Gottes, so wie es Menschen erfahren haben. Und doch: Wo gibt es ein anderes Buch, das über Jahrtausende die Erfahrungen mit Gott gesammelt hat? Wo gibt es ein Buch, das so unmittelbar Zeugnis davon gibt, dass das Wort Fleisch geworden ist und unter uns wohnte? Dass Gott selbst Mensch geworden ist? Dass Jesus Christus auferstanden ist und uns den Weg in die kommende Welt öffnet? Wo gibt es ein Buch, das weit über den historischen Zusammenhang hinaus, ja über das Verstehen dieser Welt hinaus, Zeugnis gibt? Welches Buch hat - auch wenn es immer wieder dramatisch missverstanden oder gar gezielt missbraucht wurde – so viele Menschen zu Gott geführt und ihr Leben geändert?

 

Ich möchte nur ganz am Rand an Franz von Assisi, Martin Luther, Albrecht Bengel, Dietrich Bonhoeffer, Paul Schneider oder Mutter Theresa und auch jene Unzahl namenloser Christen erinnern, die dieses Buch kurzerhand ernst genommen und es nicht zerpflückt haben. Es nicht zerpflückt haben, wie eine Blume, um schließlich festzustellen, dass sie die Schönheit der Blumen nicht begreifen.

 

So möchte ich heute in diesem Gottesdienst dazu einladen, Gottes Wort in der Bibel zu entdecken: Ganz persönlich zu entdecken, neu oder immer wieder von neuem.

 

Um uns eindrücklich zu machen, was die Bibel bedeutet, haben unsere Konfirmanden drei Symbole gebastelt, die jetzt hier vorne am Altar neben der großen Altarbibel zu sehen sind: Ein Schlüssel, eine Brücke und ein Anker. Ein ganz herzliches Dankeschön für Eure tolle Arbeit, bei der – wie unser Vikar Michel Lang erzählte - die Farbe nur so gespritzt hat.

 

Schlüssel, Brücke und Anker sollen uns in unserem Alltag immer wieder neu an die Bibel erinnern: Die Bibel ist Schlüssel zu Gott. Die Bibel ist Brücke zum Leben. Die Bibel ist Anker in stürmischen Zeiten.

 

 

1.Die Bibel ist Schlüssel zu Gott: Viele Menschen haben eine Ahnung, dass es so etwas wie einen Gott geben muss. Doch welchen Gott meinen wir? Meinen wir alle den selben Gott, den die einen als so eine Art waberndes Wesen beschreiben, das für ein gewisses Glücksgefühl sorgt? Andere dagegen meinen einen, der gerade am deutschen Wesen die Welt genesen lässt oder Amerika über alle Nationen segnet. Wieder andere meinen einen Gott, der Mord und Totschlag damit belohnt, dass auf die Täter im Paradies noch 72 dunkeläugige Jungfrauen warten.

Die Bibel ist Schlüssel zu Gott, weil sie uns im Ersten Testament den Weg Gottes mit einem Volk zeigt, der im Neuen Testament zur Liebeserklärung Gottes an jeden einzelnen Menschen wird. Denn das Wort ist Fleisch geworden und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit!

Die Bibel bringt uns im Neuen Testament diesen Gott nahe, der die Menschen so liebt, dass er in Jesus Christus Mensch geworden ist. Die Bibel bringt uns im Neuen Testament diesen Gott nahe, der für meine und Deine Schuld, Versagen und Fehler am Kreuz einsteht: Er tut dies für Dich und mich ganz persönlich, nicht mit dem Blick auf Nationen, Staaten und Länder. Wir dürfen ein persönliches Verhältnis zu Gott haben, auch wenn wir nur ein kleiner Teil des wandernden Gottesvolkes sind, das alle Zeiten und alle Grenzen überwindet, vor dem Völker, Länder und Nationen keinen Bestand haben.

Die Bibel bringt uns im Neuen Testament diesen Gott nahe, der einen alles umfassenden Frieden will, der höher ist, als alle Vernunft. So wird es immer wieder Streit und auch Krieg geben durch die Schuld der Menschen. Und wir können in Situationen geraten, in denen uns nichts anderes übrig bleibt, als Waffen in die Hand zu nehmen.

Doch wer das Böse nach den Maßstäben des Neuen Testaments an der Wurzel bekämpfen will, kann dies nicht mit den Waffen des Krieges. Er kann dies nur mit den geistlichen Waffen jenes Friedens in Jesus Christus, der höher ist, als alle Vernunft. Wer darauf nicht achtet, wird selber schnell zum Werkzeug des Bösen. So gibt uns die Bibel ein klares Gottesbild, weil sie dem Wort Gottes ganz nahe und von Ihm gewollt ist – auch wenn Gott immer der bleibt, der größer ist, den wir nie voll und ganz ergriffen haben – auch das sagt uns die Bibel.

 

 

2.Die Bibel ist die Brücke zum Leben. Die Bibel zeigt uns nicht nur die Wirklichkeit Gottes, sie hilft uns auch, die Welt zu verstehen, in der wir leben: Es ist die Welt, die Gott geschaffen hat und die er unendlich liebt. Sie ist seine Schöpfung. Sie ist Ort, an dem der Mensch als Gottes Gegenüber für sein Tun verantwortlich ist. Sie ist aber auch der Ort, an dem der Mensch in seiner Verantwortung versagt und deshalb Böses tut. Wer die Bibel liest, wird kein Paradies auf Erden erwarten. Er kann mit den Augen Gottes die Welt und die Menschen lieben, ohne von ihr etwas zu erwarten. Wer die Bibel liest, kann die Realitäten dieser Welt annehmen, in Verantwortung vor Gott daran mitwirken, die Erde mit den Augen der Liebe zu gestalten und er weiß auch, dass diese Welt nicht das letzte Wort hat: Die Bibel gibt Zeugnis von der Brücke zur kommenden Welt, zum Leben bei Gott. Denn Christus ist auferstanden: Die Bibel das zentrale Zeugnis dieser Wirklichkeit und so Brücke zum Leben.

 

 

3.Die Bibel ist Anker in den Stürmen der Zeit. Weil wir durch die Bibel die Wirklichkeit Gottes und seiner Schöpfung erkennen, ist sie ein fester Punkt in unserem Leben, im Leben der christlichen Konfessionen und Mittelpunkt der einen Kirche, die das wandernde Gottesvolk ist – ob es will oder nicht. Das Bild des Ankers beschreibt gut den Halt, den uns Gott in der Bibel geben will: Ein Anker hat eine Leine oder Kette. Die Bibel macht uns nicht zu Felsen in der Brandung, die unbeeindruckt stehen, egal wie stürmisch die Zeiten sind. Wenn wir uns an das Zeugnis Gottes in der Bibel halten, dann bewahrt uns dies vor dem Abdriften, davor vom Wind der Zeit und des Zeitgeistes sonst wohin getrieben zu werden. Wenn ein oft so sinnlos scheinender Tod oder schwere Leiden uns selbst betreffen oder Menschen, die uns nahe stehen, dann ist der Anker die biblische Botschaft: 'Diese Welt ist wichtig, aber Du darfst auf die kommende Welt hoffen, die Gott durch Jesus Christus geöffnet hat.' Wenn uns die aktuelle Außen- wie Innenpolitik nur noch als Wahl zwischen Versagen und Demagogie erscheint, dann zeigt uns die Bibel Sünde und Verantwortungslosigkeit als Ursache und fordert unser Engagement, ohne dass wir den Himmel auf Erden erwarten.

Und wenn in unserer evangelischen Konfession der Glaube an die Wirklichkeit der Auferstehung in der Praxis kein verbindlicher Glaubensbestandteil mehr ist, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass die Bibel als Anker des Glaubens die christlichen Konfessionen davon abhält, verloren zu gehen.

Wir brauchen uns hier nur an die Wiederentdeckung der Armut durch Franz von Assisi, an die Reformation Martin Luthers, an das Entstehen des Pietismus, an die Barmer Theoglogische Erklärung gegen den Nationalsozialismus oder das II. Vatikanische Konzil als Rückkehr der römischen Konfession in die Gemeinschaft der Christen zu erinnern.

Und wir dürfen uns daran erinnern, dass selbst Paulus von sich sagt, dass er nicht alles ergriffen, begriffen hat. Wir dürfen dem Wort Gottes, dass die Welt geschaffen hat, sie bewegt und erhält, nachstreben und jenen ihren sektiererischen Hochmut vorhalten, die nur einzelne Sätze aus dem Buch der Bücher herausgreifen und allen anderen den Glauben absprechen. Wir dagegen dürfen in aller Bescheidenheit vor Gott immer wieder neu entdecken, dass uns sein Wort festhält, wie ein Anker in stürmischer See das Schiff.

 

So ist die Bibel Schlüssel zu Gott, Brücke zum Leben und Anker in stürmischen Zeiten. In Ihr möchte Gottes Wort zu uns kommen. Er selber lädt uns ein, ihn so immer wieder neu zu entdecken. Und er begleitet uns dabei durch seinen heiligen Geist. So dürfen auch wir wie Johannes die Herrlichkeit Gottes entdecken, die unter uns wohnen will und wohnt.

AMEN


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