Ökumene ist der Versuch einer gelebten Antwort auf den biblischen Auftrag der Christen zur Einheit

oekumene.net - das Ökumene-Netz

   Suchen      Service & Kontakt      Gästebuch      Impressum   





Bleibt in meiner Liebe - auch in Zeiten mit Terror und Krieg

Predigt über Jh 15,9-12 am 4.11.01 in Bernhausen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN Predigttext: Jh 15,9-12

 

Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe. Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.

 

Herr tue meine Lippen auf. Lass meinen Mund deinen Ruhm verkündigen, Herr lass uns hören, wie die Jünger.

 

Liebe Geschwister im Herrn, ich saß gerade an der Vorbereitung dieses Gottesdienstes, da erschien plötzlich die Meldung des ZDF-Nachrichten-Telegrams "erster Milzbrand-Verdacht in Deutschland auf dem Bildschirm." Kurz danach fand ich dann eine Eilmeldung der Finacial Times "Dringender Milzbrandverdacht in Thüringen und Schleswig-Holstein" in der E-Mail. Das Gefühl der Sicherheit ist also wieder ein Stück kleiner geworden, die Insel der Glückseligen wieder etwas mehr im Meer des Schreckens versunken. Eines ganz ungeistlich vorweg: Wir sollten uns auch jetzt klar machen, dass es gefährlicher ist, wenn ich nach diesem Gottesdienst mit dem Auto nachhause fahre, als wenn ich zuhause den Briefkasten öffne.

 

Doch geistlich bewegt angesichts unserer Tage eine andere Frage: Wie können wir jetzt von Liebe reden? Wut, Verzweifelung, Panik, Ohnmacht, Angst, fanatischer Fügungsglaube oder blinder Aktionismus erscheinen wohl eher angebracht. Doch unser Predigttext redet vom Vorbild der Liebe, das Gott uns in Jesus Christus gegeben hat. Eins gleich vorweg: Damit ist keine Schnulli-Liebe gemeint, die unter uns Christen so gefragt ist. Gerade dasselbe Johannes-Evangelium, aus dem unser Predigttext stammt, berichtet von einem sehr ernüchternden Jesus. So beschreibt Johannes die Tempelaustreibung besonders drastisch: mit einer Art Peitsche räumt Jesus im Haus Gottes auf. Und doch - gerade in diesen Tagen gibt uns Jesus sein Gebot mit: Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe. Dieser Aufruf trifft mehrere Kreise: Mich persönlich, die christliche Gemeinde, die ganze Kirche - gerade auch in einer ökumenischen Sicht. Da Gott aber will, dass allen Menschen geholfen wird, geht es auch um die Gemeinschaft aller Menschen, um die Gemeinschaft der Christen, die in dieser Welt Zeichen setzt.

 

Was ist diese Liebe, in der wir bleiben sollen? Es ist die Liebe im Leben Jesu: Liebe, die immer zuerst auf der Seite der Opfer steht. Liebe die bedingungslos ist. Liebe, die etwas kostet. Liebe, die Folgen hat. Liebe, die nach den Folgen meines Handelns fragt. Liebe, die nicht blind ist. Liebe, die in Auseinandersetzungen mitten hinein führt. Liebe, die dahin führt, dass wir auch noch die andere Backe hinhalten sollen. Doch hier lauert wieder die Schnulli-Liebe: Ich soll meine Backe hinhalten. Ich soll durch meinen Gewaltverzicht dazu beitragen, die Spirale der Gewalt zu durchbrechen. Wer meint, die andern sollten ihre Backe hinhalten, damit er selbst mit einem friedlichen Gefühl im Magen einschlafen kann, der geht für seinen Schnulli-Frieden über Leichen!

 

Und das ist in der Vergangenheit zu oft geschehen: Vom sogenannten Münchner Frieden 1938 bis zu den Kriegen im früheren Jugoslawien. Wer verhindern will, dass der Terror solange weitere Opfer fordert, bis jene Besessenen ihre Ziele erreicht haben, der kann militärisches Handeln nicht ausschließen. So ist das, was in diesen Tagen in Afghanistan geschieht, zutiefst schmerzhaft. Doch letztlich muss in diesem Umfeld die Frage gestellt werden: Mit welchen Mitteln können Anschläge wie die vom 11. September künftig wenn möglich vermieden werden. Die Antwort muss mit politischem, sozialen und militärischen Sachverstand entschieden werden. Ein betroffenes Geheule vom "Kampf Gut gegen Böse" oder von der "bedingungslosen Solidarität" ist ebenso verantwortungslos vor dem Gott der Liebe wie die Einstellung "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin." Wir erleben die Antwort in diesen Tagen: "Dann kommt der Krieg zu Dir!" - auch wenn wir, wie an diesem Punkt des Predigtschreibens scheinbar in Sachen Milzbrand noch einmal eine Schonfrist bekommen haben. Doch machen wir uns nichts vor: Der Abstand zwischen Blitz und Donner wird auch bei uns immer kürzer.

 

So bleibt uns eines in diesen Tagen als Christen: In Liebe auf jeden Gedanken der Rache oder Vergeltung zu verzichten, auch wenn es schwer fällt. Gedanken der Rache brechen nicht die Spirale der Gewalt, neue Tote machen die Opfer im WTC nicht wieder lebendig. Ein erschütterndes Zeugnis dieser Liebe sind für mich die Shelter Now-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gefängnis in Kabul. Sie werden von jenen besessenen Mullahs des Taliban-Regimes mit dem Tod bedroht - und bitten trotzdem darum, dass sie nicht militärisch befreit werden, dass es wegen Ihnen nicht zum Blutvergießen kommt, auch wenn es sie selbst das Leben kostet. Aber diese Entscheidung können nur sie selber treffen. Ohne diese eigene Entscheidung wären die Verantwortlichen auch hier in der Bundesrepublik ethisch verpflichtet, unschuldige Opfer aus den Händen des Bösen zu retten, wenn dies militärisch möglich und sinnvoll ist.

 

Die Taliban müssen sich angesichts dieser Shelter Now Mitarbeiter den Vergleich gefallen lassen: Sie haben offensichtlich einen Glauben, der so primitiv und so böse ist, dass man mit dem Tod drohen muss, um den Glaubensabfall zu verhindern. Ein Irrsinn, dem sich vor Jahrhunderten auch manche konfessionellen und weltlichen Machthaber in unserem Kulturkreis verschrieben hatten. Doch im Verhalten der Shelter Now Mitarbeiter wird das Zeugnis des lebendigen Gottes erfahrbar. Sie zeigen, dass Sie in Jesu Liebe sind, dass sie aus der Kraft seiner Liebe leben, dass sie trotz allem Freude haben, die in Gott ruht.

 

Diese Liebe ist aber gerade auch unter uns gefragt: Denn Jesus erwartet das Zeugnis der Liebe untereinander zuerst einmal von allen, die ihm nachfolgen: In unseren Familien und Gemeinden, in Kirche und Ökumene.

 

Gerade an dem Sonntag, an dem wir den Reformationstag feiern, ist eine Botschaft zentral, wenn wir nach der Liebe fragen: Wir können eine solche Liebe nicht durch guten Willen schaffen. Hau-Ruck, seid lieb zu einander: Auch das ist ein Teil der Legenden rund um die Schnulli-Liebe. Warum würden sonst so viele Ehen unter Christen scheitern, wo es beide Partner einmal von ganzem Herzen ernst gemeint habe? Warum gäbe es sonst Streit in den Gemeinden bis hin zum Rücktritt von Kirchengemeinderäten oder ganzer Mitarbeitergruppen, obwohl es alle ernst meinten und christliche Nächstenliebe als Ziel hatten. Oder: Warum brauchen wir in unserer evangelischen Konfession eigentlich kirchliche Parteien, die sich gegenseitig bekämpfen?

 

- Ein Grund ist sicher enttäuschte Schnulli-Liebe. Wir verwechseln die Liebe Christi, die für uns Maßstab ist, mit einer warmen Kuscheldecke. Wir meinen, eine gute Ehe, eine gute Gemeinde oder unsere Landeskirche seien Rückzugsreservate aus dieser Welt. Sicher: Liebe im Sinn christlicher Nächstenliebe, der agape, ist eine tiefe Gemeinschaft. In ihr trägt das Wissen, dass uns Gott gemeinsam befreit hat. In ihr trägt das Gefühl, ganz eng zusammen zu gehören. Doch auch diese Liebe - so entscheidend sie ist - darf nicht zu der Erwartung führen, mein Mitchrist oder die Mitchristen als Gemeinschaft müssten all das liefern, was mir angeblich fehlt: Vollendetes Glücksgefühl 24 Stunden lang an sieben Tagen in der Woche. Lösung aller meiner Schwierigkeiten, ohne dass ich dafür allzu viel tun muss. Stillung aller meiner gefühlsmäßigen Bedürfnisse, damit ich mich nie zusammenreißen muss. In eine solche Welt hat Gott uns nicht gestellt. Er hat uns in diese Welt gestellt, damit wir uns in Freiheit bewähren und den Weg des Glaubens finden. Liebe, dass hat Jesus gezeigt, ist die Liebe gerade im Leiden und auch im Tod.

- Unsere Liebe scheitert aber auch oft an mangelnder Konfliktbereitschaft. Wir meinen, Christsein wäre die hohe Kunst alles unter den Teppich zu kehren, was uns aneinander belastet. Doch wenn wir beispielsweise die Paulus-Briefe lesen, erleben wir eine andere Form der agape: Liebe heißt, Probleme beim Namen zu nennen und gemeinsam in der Verantwortung vor Christus Lösungen zu erarbeiten, die vor Gott und den Menschen Bestand haben.

- Und schließlich: Liebe hat einen Inhalt, die Gebote. "Du sollst Gott lieben über alles" und "Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst", so fasst Jesus die Gebote zusammen. Er selbst hat uns gezeigt, was das heißt: Mit seinem Leben zeigte Jesus, wie wir auf der Seite der Opfer stehen können, wie wir den Gewohnheitsglauben durchbrechen, was für eine nüchterne, ja harte Sache der Lobpreis Gottes sein kann. Im Tod zeigte uns Jesus, welchen Weg die Liebe geht und ebnete uns den Weg zu Gott in all unserer Schuld. Die Auferstehung zeigt, welche Macht die Liebe Jesu Christi hat. In ihm überwindet Gott diese Welt mit aller Schuld und all ihrem Leid, unter dem auch die Freunde Jesu zu leiden haben.

 

Was heißt das konkret für die christliche Ehe und Familie? "Ehen werden im Himmel geschlossen und auf der Erde gelebt", so sagt es der Volksmund. Und er hat recht, wenn wir unter Himmel eine Idealwelt verstehen. Christliche Liebe heißt, dass Liebe eben nicht blind macht. Christen lieben mit offenen Augen, wohl wissend, dass sie nicht Humphrey Bogart oder Marilyn Monroe lieben. Sie lieben, obwohl sie wissen, dass der Partner ein wenig zu ruhig oder zu aufbrausend, zu ordentlich oder zu chaotisch, zu geizig oder zu verschwenderisch ist. Sie erkennen alle diese Schwächen und wissen trotzdem dass sie miteinander von Gott auf den Lebensweg geschickt wurden und dass sie gemeinsame Aufgaben haben. Und in schwierigen Zeiten vertrauen sie nicht auf die Fähigkeit, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, sondern auf Gottes Nähe, seine Gebote und die Liebe Jesu Christi, die in uns ist.

 

Wie sieht das in der Gemeinde aus? Ganz ähnlich: Wenn jetzt der neue Kirchengemeinderat gewählt wird, dann zählt auch hier das Vertauen auf Gott, der Euch zusammenfügt. Auch ihr kennt die eigenen Schwächen und die Schwächen der anderen - oder werdet sie schnell kennen lernen. Auch ihr dürft darauf vertrauen, dass die Ausrichtung auf Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi Euch auch in schweren Zeiten durch sein Gebot weiterführt. Nur wo diese gemeinsame Ausrichtung fehlt, wird es schnell schwierig.

 

Das gilt auch für unsere Landeskirche. Und so habe ich nur einen Wahlvorschlag, wenn wir schon durch die Zerrissenheit in Parteien und Wahlschlachten bei der Bischofsernennung ein miserables Zeugnis in der Welt geben. Schaut euch nicht nur die bunten Blättchen für Schnell-Leser an. Lest die ausführlichen Programme und überlegt dann, welcher dieser Vereine am ehesten Leben, Tod und Auferstehung von Jesus in unserer Landeskirche umsetzt, durch wen wir so leben, dass wir in der Liebe bleiben. Und durch wen die Gemeinschaft der Gläubigen wächst und zusammenwächst.

 

Schließlich bleibt die Aufgabe, Gräben in unserer Landeskirche und in der einen Kirche Jesu Christi zu überwinden. Wo die Liebe Christi im Mittelpunkt steht, die sich in seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung gezeigt hat, da haben wir Gemeinschaft. Wenn wir einander im Sinn unseres Predigttextes lieben, dann heißt dies:

- Die Zahl der Parteien in unserer Konfession verringern und nicht erhöhen.

- Wieder zu einer evangelischen Gemeinschaft zusammenwachsen, in der auf der Grundlage des Wortes Gottes zumindest wieder gewisse Gemeinsamkeiten im Glauben bekannt, weitergegeben und gelebt werden.

- So heißt es auch, neu auf die Zeugnisse der Reformation zu hören, die erst einmal Re-Formation, Neuformierung, Neuordnung unserer evangelischen Landeskirchen sein muss.

- Wo die Liebe Christi im Mittelpunkt steht, die sich an Wort und Gebot Gottes ausrichtet, da werden wir aber gerade dann, wenn wir das Zeugnis Martin Luthers ernst nehmen, Gemeinschaft mit anderen Christen finden und leben: Denn die Ökumene hat ihr Ziel erst dann erreicht, wenn wir all unsere Verschiedenheit versöhnt unter einem Dach leben. Ein Nebeneinander - wie freundlich es auch immer sein mag - entspricht nicht der Liebe, in der wir in Christus bleiben.

- So ist es ein Ziel dieser Liebe Christi, die Zeichen setzt, dass die eine Kirche, die Gemeinschaft aller Christen sichtbar wird. Dass die eine Kirche sichtbar wird, in der wir alle nur Teilkirchen, Konfessionen sind, ob wir nun römisch oder reformatorisch, baptistisch oder methodistisch, orthodox oder pfingstlerisch sind. Wo wir der Liebe Christi folgen, da ist dies möglich! Da wird die Freude Christi sichtbar.

 

Diese Liebe Christi, die in der einen Kirche sichtbar wird, sie bleibt aber nicht für sich. Sie gibt vielmehr Zeugnis in der Welt und setzt Maßstäbe der Verantwortung. Was dies in unserer so dramatisch veränderten Welt mit Terror, Bomben, Milzbrand und Wirtschafts-Rezession heißt, geht über unseren notwendigen Beitrag der handlungsbereiten Nachdenklichkeit hinaus. Als ich für meine Frau vor zwei Wochen die Fahrkarte nach Taizé buchte und um eine Verbindung ohne ICE und TGV bat, meinte die Mitarbeiterin des Reisebüros, ich träfe diese Wahl wegen möglicher Terroranschläge. Dabei war es nur Sparsamkeit.

 

Wenn ich mir die Reaktionen um mich herum und in den Medien anschaue, dann komme ich an dem Eindruck nicht vorbei: "Endlich haben wir einmal einen Grund, uns so richtig Sorgen zu machen." Gewiss: Es gibt begründete Sorgen. Doch vieles ist überzogen. Selbst im Milzbrandland USA ist bis jetzt nur eine Handvoll Menschen an der Biowaffe gestorben, während gleichzeitig aberhunderte im Verkehr und abertausende an ihrem Zigaretten- oder Alkohol-Konsum gestorben sind.

 

Wer aus der Liebe Christi lebt, der weiß: Es ist auch ein Schritt der Liebe, die Sorgen dieser Welt ernst zu nehmen. Aber: wer sich von Gott über den Tod hinaus geliebt weiß, der hat die Freiheit, der Hysterie unserer Tage mit Ruhe zu begegnen. Denn die Liebe Gottes macht uns bereit, uns in dieser Welt zu engagieren. Sie macht uns zugleich bereit zur Gelassenheit. Gelassenheit trotz allem ist aber die Grundlage, damit die vielen Entscheidungen, die in Politik und Gesellschaft, in Wirtschaft und Kirche getroffen werden müssen, richtig getroffen werden können.

 

Liebe Geschwister im Herrn,

Lasst uns die Liebe Christi annehmen, schenkt ihr Platz in Eurem Leben, lasst Sie uns weitergeben. Lasst uns die Freude aus der Liebe Gottes im Vertrauen auf Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi weitergeben, denn er gibt uns eine Zukunft in dieser und der kommenden Welt. Diese Botschaft und diese gelebte Liebe braucht unsere Welt - gerade nach dem 11. September 2001.

 

AMEN

 


Copyright

© Copyright: Jörg Beyer, D 72072 Tübingen: Die Weitergabe des unveränderten Textes einschließlich dieses Copyrights und der E-Mail-Adresse mail@oekumene.net sowie der Homepage-Adresse 'http://oekumene.net' als Ausdruck oder per E- Mail zu nicht kommerziellen Zwecken ist ausdrücklich erwünscht. Ebenso erwünscht ist die Schaltung von Links auf die Homepage oekumene.net und auf diese Seite. Jegliche andere Verwendung - insbesondere auch die Veröffentlichung des Textes auf Homepages im Internet - bedarf der schriftlichen Genehmigung.



Einige persönliche Hinweise zu allen Predigten dieser Homepage








Impressum + Haftungsauschluss
E-Mail
© 1999 - 2012 Beate und Jörg Beyer