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Lebensgier oder Brot des Lebens?

Team-Predigt über Johannes 6, 47-51 am 25.3.2001 in Derendingen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

 

Predigttext Johannes 6, 47-51

B: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

 

J: Kanzelgebet:

Herr, Dein Wort

macht das unmögliche möglich.

Darauf vertrauen wir.

So segne Dein Wort an uns,

auch wenn es nur

durch die Stimme

schwacher Menschen

weitergeben wird.

AMEN

 

 

J: Liebe Geschwister im Herrn! Stellt Euch vor, da sitzt in den Hungerregionen Afrikas, etwa im Kriegsgebiet des Kongo, eine Mutter am Straßenrand mit einem Kind auf dem Arm. Das Kind hat diesen typischen, aufgeblähten Hungerbauch, die Rippen ragen heraus und Maden und Fliegen haben schon ihre Eier in die Wunden gelegt. Und dann kommt jemand zu der Mutter und sagt: "Jesus ist das Brot des Lebens" und geht weiter. Wäre das nicht schon beinahe zynisch?

 

Und auf der anderen Seite: Können wir jüngeren überhaupt bei diesem Text mitreden? Wer von uns unter 50 oder 60 weiß denn, was Hunger ist? Die allermeisten unter uns kennen doch höchstens noch den Kohldampf vor dem Essen. Denn Sattsein ist bei uns selbstverständlich und in den brechend vollen Regalen der Supermärkte ist Brot ein Lebensmittel unter vielen! Geht unser heutiger Predigttext nicht an unserer Wirklichkeit vorbei?

 

B: Und doch: Brot gehört zu unseren Grundnahrungsmittel. Schaut Euch an, wie viele Bäcker es alleine in Derendingen gibt. So bitten wir auch noch heute im Vater Unser "Unser tägliches Brot gib uns heute." Meine Oma hat noch auf jeden Brotleib, bevor er angeschnitten wurde, mit dem Messer ein Kreuzzeichen gemacht. Und wir reden von �Broterwerb' oder �ich verdiene meine Brötchen im Büro'. Und wenn wir etwas tun, wovon wir nicht leben können, sprechen wir von einer brotlosen Kunst. Brot ist eigentlich ein einfaches, alltägliches Lebensmittel. Es besteht aus Wasser, Mehl, Salz und Hefe. Und doch hat der Duft eines frisch gebackenen Brotes etwas besonderes an sich.

 

Zur Zeit Jesu war Brot noch weit mehr als bei uns, das Grundnahrungsmittel. Für die meisten Menschen war die Bitte des Vater Unser: "Unser täglich Brot gib uns heute" etwas sehr gegenwärtiges, denn Satt-Sein war nicht selbstverständlich. Andererseits gibt es auch keinen Hinweis darauf, dass während des Wirkens Jesu in Palästina eine ausgesprochene Hungersnot geherrscht hat.

 

J: Um noch einmal die Frage aufzugreifen: Sind wir satt? Im Gegensatz zur Dritten Welt oder den USA hungert bei uns fast niemand. Doch Hunger heißt ja auch, spüren, dass uns etwas Lebensnotwendiges fehlt. Also heißt die Frage unseres Predigttextes: "Was ist eigentlich lebensnotwendig?" Und wenn selbst eine - angeblich - so seriöse Organisation wie eine Bank wirbt: �Es gibt nicht nur Sex, es gibt auch noch Geld', dann sind wir Christen unserer Gesellschaft wirklich eine Antwort schuldig. Um es am Rand zu bemerken: Sex wie Geld können beim richtigen Gebrauch etwas sehr Positives, Schönes sein. Und wo Menschen nicht mehr satt werden, da ist echte Not. Doch wer meint, er könne dadurch seinen Lebenshunger stillen, der scheitert. Die Großen, Schönen und Reichen dieser Welt zeigen es uns drastisch: Von Marilyn Monroe über Madonna bis Sabrina Setlur, von Elvis Presley bis Boris Becker: Sex, Geld und Erfolg füllen noch lange kein Leben. So gibt es eine andere Werbung aus dem Bankenbereich, die genau das in einem Fernsehspot zum Thema macht: �Manche Dinge kann man nicht kaufen. Für alles andere gibt es die xxx-Card.'

 

B: Heißt das nun, dass besser lebt, wer sein beschauliches Christsein in einer Gemeinde verbringt? Heißt das, dass ein bieder-braves Christen- und Bürger-Dasein eine Antwort ist? Auch wir Christen leben in dieser Gesellschaft, in der das Materielle eine große Rolle spielt. Und wenn ich mir manche Gemeinden anschaue, dann geht vor lauter Aktivitäten das Wesentliche verloren und der Mittelpunkt wird übersehen. Auch in christlichen Kreisen habe ich allzu oft den Eindruck: Wir haben Angst, etwas zu verpassen und ersetzen deshalb das Brot des Lebens durch einen übervollen Kalender. Dietrich Bonhoeffer fasst es so zusammen: "Es ist eine seltsame Tatsache, dass gerade Christen und Theologen ihre Arbeit oft für so wichtig halten, dass sie sich darin durch nichts unterbrechen lassen wollen. Sie meinen damit einen Dienst zu tun, und verachten dabei den� krummen und doch geraden Weg' Gottes."

 

Doch wie können wir unseren Lebenshunger stillen? Materielle Dinge können zwar unser Leben erleichtern und verschönern, aber unseren Lebenshunger stillen sie nicht. Und wie sieht es mit menschlichen Beziehungen aus? Beziehungen zwischen Ehepartner und Freunde können eine Erfüllung bedeuten. Es ist mehr als nur ein schönes Gefühl, wenn man weiß, dass ein anderer für einen einsteht, für einen da ist. Aber er ist auch nur ein Mensch und Beziehungen oder Freundschaften können scheitern, auch unter uns Christen. Wir werden enttäuscht. Und dann stehen wir wieder mit unseren Lebenshunger da.

 

Jesus bietet sich uns an. "Ich bin das Brot des Lebens" Wenn wir zu ihm kommen, diesen Satz ernst nehmen, dann müssten wir alle Menschen sein, die wissen, dass ihnen nichts Entscheidendes im Leben verloren geht. Im Kopf wissen wir es vielleicht, aber nehmen wir Jesu das Brot des Lebens wirklich ernst genug?

 

J: Doch welche Grundlage hat dieser Glaube, der uns trägt und uns von unserem Lebenshunger befreit? Diese Frage bewegte schon die Juden zur Zeit von Jesus, als sie fragten: �Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du? Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht: »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.«

Doch Jesus verweist darauf, dass auch dieses Brot nicht auf Dauer satt macht. Er meint eine Lebensgrundlage, die darin besteht, dass er mit seinem Tod und seiner Auferstehung Zeichen setzt, die über diese Welt hinausweisen. Er meint die Freiheit von aller Lebensgier, die Menschen haben, die an sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung glauben.

 

So hat sich Jesus mit dem Lebenshunger der Menschen seiner Zeit sehr bewusst auseinandergesetzt, gerade auch in der Gemeinde von Kapernaum. Ein Lebenshunger, der für die einen darin bestand, möglichst perfekt irgendwelche Riten nachzuvollziehen. Für die anderen bestand er darin, mitzunehmen, was Mann oder Frau mitnehmen kann, aber was letztlich keinen Wert über diese Welt hinaus hat. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. "Ich bin das Brot des Lebens" heißt dann eben nicht, dass wir uns betulich von dieser Welt abwenden. Es heißt nicht, uns nur Sonntags an den warmen Ofen einer erbaulichen Predigt zu setzen und nur im Hauskreis nur unter uns zu bleiben, so wichtig beides ist. Es bedeutet auch nicht, dass wir Christen tunlichst unter unseresgleichen bleiben und über die böse Welt schimpfen.

 

Heute, an einem Wahlsonntag, wird das besonders konkret: Diese Welt geht uns etwas an. Und in einer Demokratie haben wir gerade als Christen die Pflicht, die Gesellschaft mitzugestalten. Denn wir haben einen Blick, der weiter reicht, als bis zum nächsten Geschlechtsverkehr oder zur nächsten Überweisung eines Gehalts. Dabei gibt es gewiss nicht die christliche Partei. So gilt es, vor den Maßstäben, die über diese Welt hinaus reichen, die sich nach dem Brot des Lebens richten, zu werten. Dabei werden Christen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen, da die eine Partei sich eher als Bewahrer der Familie, die andere eher als Bewahrer der Umwelt, die nächste sich als Bewahrer der Freiheit und wieder eine als Bewahrer der sozialen Gerechtigkeit versteht.

 

Trotzdem: Wenn Politiker wissen, dass Christen wählen und dass sie das nach Maßstäben tun, die den erfolgreichen Geschlechtsverkehr oder das volle Bankkonto nicht als Maß aller Dinge nehmen, so hat dies Einfluss. Und es ist gut, wenn Christen dazu beitragen, dass keine extremen Parteien mit ihren gottlosen Ideologien an die Macht kommen, ob sie nun rechts oder links stehen. Nationalsozialismus und Kommunismus waren zu bittere Lehren im 20. Jahrhundert. Dazu gehört auch die Erfahrung, dass in solchen Systemen gerade auch viele Christen verfolgt wurden, weil sie nicht bereit waren, sich den Maßstäben einer Ideologie zu beugen. Denn wer an das Brot des Lebens glaubt, der kann der zweiten These der Barmer Erklärung gegen den Nationalsozialismus voll zustimmen, wo es heißt: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zueigen wären..." Wir dürfen wissen: Nicht die Macht, das Geld, der Sex, das Ansehen sind lebensnotwendig. Nein: Jesus ist lebensnotwendig, weil er Brot des Lebens für uns ist.

 

B: Jesus benutzt eine schwer verständliche Sprache. Erst redet er von sich als �Brot des Lebens' und dann bezeichnet er sich auch noch als Brot, das vom Himmel gekommen ist. Somit verbindet er Himmel und Erde. Gott ist vom Himmel herabgestiegen und zeigt sich uns im Mensch Jesus. In seinem Reden und Handeln zeigt er uns schon ein Stück Himmel auf dieser Erde. Die Menschen, die er heilte, denen er neuen Sinn im Leben schenkte, spürten etwas von diesem Himmel. Auch wir verwenden das Wort himmlisch, wenn etwas besonders schön ist. Steckt nicht in uns allen diese Sehnsucht nach dem Himmel? Die christliche Rock-Gruppe Ararat drückt diese Sehnsucht nach dem Himmel in dem Lied Himmelwärts so aus: "Ich will den Himmel spüren und nicht nur den Abschiedsschmerz, will die Ewigkeit berühren. Komm, tanz mit mir Himmelwärts." Das ist das neue an Jesus. Er kam vom Himmel und deswegen konnten die Menschen in der Begegnung mit ihm den Himmel spüren. Aber wo können wir hier und heute Jesus begegnen?

 

J: Himmel, Brot vom Himmel, das ewig satt macht, ewiges Leben: das ist der neue Bund, das neue Versprechen Gottes. Ein Versprechen, das dadurch deutlich wird, dass Jesus als Zeichen für uns den Weg ans Kreuz geht, dass er sich so verzehren lässt. Und dass er zeigt, hinter diesen Lebens-Erfahrungen der Schwäche, der Krankheit, des Todes, die oft unverständlich, brutal, zynisch sind, steht eine andere Wirklichkeit der Hoffnung. Einer Hoffnung, die schon in dieser Welt und für diese Welt konkret ist. Eine Hoffnung, die aber über diese Welt unendlich weit hinausreicht. Und wir Christen sind es, die diese Hoffnung an jedem Ort unseres Lebens deutlich machen sollen: Durch ein Leben, dass nicht von Lebenshunger und Lebensgier geprägt ist, sondern an dem erkennbar ist, dass wir satt sind. Das heißt nicht, dass wir alle zu Klosterregeln mit Armut, Keuschheit und Gehorsam gerufen sind. Wer aber satt ist über diese Welt hinaus, über den haben die Maßstäbe dieser Welt keine Macht. Der ist nicht gezwungen Erfolg, Geld, Sex, Aktivitäten oder Ansehen hinterher zu hecheln. Und wir haben es nicht nötig, uns an falschen Götzen auszurichten. Wir wissen, wo unser eigentliches Vater-Land liegt: Vor uns bei Gott, wie es Martin Luther in der zweiten Strophe des Liedes �Nun bitten wir den Heiligen Geist singen lässt': "Dass wir an Dir bleiben, dem treuen Heiland, der uns bracht hat zum rechten Vaterland." Das heißt Brot des Lebens, das vom Himmel kommt. Dass ist Hoffnung, die satt macht.

B: Ich war diese Woche auf einer Tagung für Religionslehrer. Es ging unter anderem auch um die Frage, ob in der heutigen Zeit Religion überhaupt noch ordentliches Lehrfach sein soll. In diesem Zusammenhang sagte Kultusministerin Anette Schavan, die als Referentin anwesend war: "Religionsunterricht ist deshalb so wichtig, weil er von einer Hoffnung erzählt."

 

Von welcher Hoffnung können wir Christinnen und Christen erzählen? Jesus sagt: �Wer glaubt, der hat das ewige Leben'. Ist ewiges Leben nur ein Vertrösten ins Jenseits, weil unser Leben nicht so gelingt, wie wir es uns vorstellen? Nein! Gerade das Gegenteil ist richtig. Wir leben in der Welt, sollen hier Verantwortung übernehmen, aber wir wissen, dass wir eine Hoffnung haben, die weiter reicht, als unser kurzes Leben. Deshalb können wir manche Dinge gelassener sehen. Bonhoeffer hat mal gesagt: "Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht. Dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht."

�Ich bin das lebendige Brot, dass vom Himmel gekommen ist.' Wenn wir diesen Satz ernst nehmen, dann heißt dies für uns:

 

1. Jesus ist der heruntergekommene Gott. Er kam zu uns herunter. Er bietet uns Beziehung an und will an unserem Leben teilnehmen.

 

2. Jesus will unseren Lebenshunger stillen, damit wir Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden.

 

3. Jesus hat sich seinen Jüngern beim letzten Mahl ganz geschenkt. Auch unter uns ist er immer wieder gegenwärtig, wenn wir gemeinsam das Abendmahl feiern.

 

4. Jesus schenkt uns erfülltes Leben in dieser und der kommenden Welt. Das ist Hoffnung ohne Schranken. Und ich wünsche uns allen, dass diese Hoffnung nicht nur Platz in unseren Köpfen findet, sondern auch in unseren Herzen.

 

Amen

 


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