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Wie eng ist die Tür bei Gott?

Buß- und Bettags-Predigt über Lukas 13,22-30 gehalten am 21.11.2001 in Bernhausen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

Der Predigttext zum heutigen Buß- und Bettag steht in Lukas 13,22-30

Und er ging durch Städte und Dörfer und lehrte und nahm seinen Weg nach Jerusalem. Es sprach aber einer zu ihm: Herr, meinst du, dass nur wenige selig werden? Er aber sprach zu ihnen: Ringt darum, dass ihr durch die enge Pforte hineingeht; denn viele, das sage ich euch, werden danach trachten, wie sie hineinkommen, und werden's nicht können. Wenn der Hausherr aufgestanden ist und die Tür verschlossen hat, und ihr anfangt, draußen zu stehen und an die Tür zu klopfen und zu sagen: Herr, tu uns auf!, dann wird er antworten und zu euch sagen: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her? Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben vor dir gegessen und getrunken, und auf unsern Straßen hast du gelehrt. Und er wird zu euch sagen: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her? Weicht alle von mir, ihr Übeltäter! Da wird Heulen und Zähneklappern sein, wenn ihr sehen werdet Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes, euch aber hinausgestoßen. Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.

 

Herr,

Dein Wort

macht das unmögliche möglich.

Darauf vertrauen wir.

So segne Dein Wort an uns,

auch wenn es nur

durch meine schwache Stimme

weitergeben wird.

 

AMEN

 

Predigt

 

Liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus. Wo waren wir evangelischen Christen vor acht Jahren? Wo wurde unsere Konfession sichtbar, als der Buß- und Bettag abgeschafft wurde? Warum wurde ein katholischer Ministerpräsident von uns letztlich im Stich gelassen, als er diesen Tag für uns retten wollte? Er war eher bereit, sich durch die Streichung des Pfingstmontags bei den Veranstaltern von Feuerwehrfesten, Volkswanderungen, Fußballturnieren und Grillfeten in die Nessel zu setzen, als die Konfession der Reformation. Denn in ganz Deutschland lähmte sich die evangelische Konfession selbst, weil ein Buß- und Bettag für viele Entscheidungsträger nicht mehr zeitgemäß schien. So standen seine Befürworter ähnlich enttäuscht auf verlorenem Posten, wie Herr Teufel.

 

"Mit Sünde und Schuld kann man den Menschen doch heute nicht mehr kommen", so ist in kirchlichen Kreisen oft zu hören. Und manche Zeitgeistdenker gehen noch eine Schritt weiter: Sie nennen es unmenschlich, an Schuld und Sünde zu erinnern. Einladend ist eine Kirche, die von Sünde und Schuld, von Buße und vom Beten redet, angeblich auch nicht. Und so wächst der Trend, statt dessen die Menschen mit kleinen, schmackhaft Häppchen in eine Happy-clappy-church zu locken, ob diese nun mehr am sozialen Miteinander oder am Lobpreis orientiert ist. Hauptsache, "wir kommen alle, alle, alle in dem Himmel", wie es in dem Karnevals-Schlager heißt.

 

Sind wir, die wir hier in diesem Gottesdienst zusammengekommen sind, dann eine anachronistische Versammlung? Unser Predigttext redet eine andere, erst einmal beängstigende Sprache und verteilt keine Wohlfühl-Häppchen. Eine enge Pforte, ja das Heulen und Zähneklappern: Das macht Angst und es ist gut, diese Angst ernst zu nehmen. Sind wir etwa doch in etwas verstrickt, was uns die Garantie auf ewiges Wohlgefühl nimmt? Ist es etwa doch nötig, die überholten Begriffe von vor zweitausend Jahren heute noch ernst zu nehmen? Ich möchte hier jedenfalls auf die zeitlose Botschaft für unsere Zeit hören und ganz bewusst fragen, wie wir an der engen Pforte ankommen:

 

1. Was ist richtig nach dem Anschlag auf das World Trade Center? Die Debatte gerade innerhalb der Grünen zeigt es in diesen Tagen dramatisch: Müssen Bomben auf Afghanistan geworfen werden, damit die Saat wahnsinniger Gewalt beendet- und doch neue Gewalt provoziert wird. Oder müssen wir auf Gewalt verzichten, um dem Frieden eine Chance zu geben? Auch wenn dies heißt, beim Massenmord, bei künftigen Massenmorden und bei der Versklavung nicht nur eines Volkes im Namen des Fanatismus zuzusehen und so schuldig zu werden? Denn nur das Dahinstöhnen des Wörtchen "Friedens" befreit ebenso wenig von Verantwortung wie das Wörtchen der "bedingungslosen Solidarität". Und es behaupte keiner, er habe die Fähigkeit zur vollendeten Verantwortung gefunden. Dies gilt für uns alle, denn gerade zur Zeit lauschen in unserer Demokratie die Politiker sehr wohl auf Volkes Stimme.

 

2. Viele von uns, auch ich selber, arbeiten in der Wirtschaft. Auch ich kenne die Frage: Unterstütze ich mit meiner Arbeit nicht ein Wirtschaftssystem, dass viele globale Probleme wie Armut, Umweltverschmutzung oder Menschenrechte nur unzureichend löst? Wäre ein sozialer Beruf nicht besser? Und doch: Ohne eine einigermaßen funktionsfähige Wirtschaft gäbe es keine sozialen Berufe. Und wer das derzeitige Weltwirtschafts-Systeme radikal verändern will, muss sich fragen lassen, was danach kommt: Etwas besseres oder der endgültige Zusammenbruch mit noch immens viel schärferen Problemen? Ich kann nicht behaupten, ich hätte den Stein der Weisen gefunden, wenn ich, wo ich kann, versuche an einer Weiterentwicklung des Wirtschaftssystems zu mehr Gerechtigkeit mitzuwirken, trotzdem aber auch mit meiner Arbeit Teil davon bin. Doch eine verantwortungsbewusste Alternative sehe ich auch nicht.

 

3. Auch in dieser Gemeinde gab es in der Vergangenheit dramatische Auseinandersetzungen, obwohl alle mit großem Engagement mitarbeiten und nur das Beste wollen. Es behaupte keiner, er habe den Weg vollendeter Verantwortung in der Gemeinde für sich gefunden.

 

4. Bei der Arbeit, unter Nachbarn, im Verein und in jeder Gemeinschaft: Es gibt Streit und Verletzungen, die bis an die Existenz gehen. Auch ich habe schon die Entscheidung verantwortlich mitgetragen, einen Mitarbeiter zu entlassen, weil sein Verhalten das ganz Unternehmen gefährdete. Ob ich richtig gehandelt habe oder ob es realistische, andere Wege gegeben hätte: Das weiß ich bis heute nicht.

 

5. Und wo spielt sich mehr Schuldverstrickung im Verborgenen ab, als in Familien. Missbrauch, Untreue, Gewalt aneinander, neben einander her leben: Das sind nur die Extreme. Wer hat die Gewissheit, dass er seinem Partner oder seinen Kindern gegenüber immer in verantwortungsbewusster Liebe handelt. Und wer kann als Single sicher sein, ob sie oder er zum Alleinsein bestimmt ist. Oder ob einfach zu hohe Ansprüche an mögliche Partner und das Zusammenleben gestellt werden?

 

6. Auch uns selbst gegenüber bleibt die Frage: Wie gehe ich mit mir selber um? Missachte ich mich selber so sehr, dass mich das zerstört? Stelle ich Anforderungen an mich, die zur Selbsterlösung führen sollen, und doch nur Enttäuschung und Scheitern mit sich bringen? Oder stürze ich mich in Wehleidigkeit und die Gier nach immer währendem Wohlgefühl? Wo finde ich den Mittelweg mit mir selbst?

 

7. Und schließlich: Was tue ich für meine Gottesbeziehung: Bin ich gelassen und selbstgerecht, weil ich nicht mit dem Gericht Gottes an mir rechne. Oder flüchte ich panisch vor Gott, weil ich zuviel Angst vor ihm habe oder weil ich es Jesus Christus nicht zutraue, dass er mein Leben zu Gott führt.

 

Wir kommen also, um das biblische Bild aufzugreifen, über und über beladen an der engen Pforte an - auch wenn wir nach einem perfekten Leben streben. Alleine wenn wir uns die genannten sieben Bereiche bewusst machen - und es gibt noch so viele mehr - dann ist es gerade mit Blick auf die Bibel unvermeidlich, von Schuld zu reden. Von Schuld zu reden und die eigenen Schuld anzuerkennen. Der Mensch ist von Geburt an frei und keine willenlose Marionette Gottes. Das heißt aber auch: Wir sind von Geburt an zur Schuld fähig, weil wir nicht immer unserer Verantwortung vor den Maßstäben Gottes gerecht werden. Natürlich ist dabei der Spielraum zur Schuld bei einem Kind kleiner als bei einem Erwachsenen. Aber jeder Mensch hat von Geburt an Freiräume, selbst in der schlimmsten Diktatur. Und Freiräume sind Verantwortungsräume, sind Schuldräume. Davor kann keiner ausweichen, denn wenn ich meine Hände in den Schoß lege, kann ich durch Unterlassung ebenso schuldig werden wie durch mein Handeln. Gott will aber, dass wir in einem Netz der Verantwortung stehen und es auch ganz bewusst wahrnehmen.

 

So bleibt mit Blick auf unseren Predigttext und auf den Buß- und Bettag die Pflicht, den Finger in die Wunde des Zeitgeistes legen. Es bleibt die Pflicht, die unangenehme Wahrheit unserer Schuld laut und deutlich beim Namen zu nennen: Gerade, wenn wir den Zusammenhang des Evangeliums sehen, dann fühlen sich die Ersten Gott gegenüber so nahe, dass sie ihre Schuld übersehen. Die Letzten dagegen kennen ihre Schuld und wissen dass sie nur durch Gottes Liebe durch die enge Pforte kommen und sind bereit, ihre Schuld loszulassen. Und diese Frage nach Verantwortung, rechtem Handeln und Schuld betrifft alle Bereiche unseres Lebens. Im Kampf gegen den Nationalsozialismus haben es die Christen der Bekennenden Kirche so formuliert: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürfen." Dieser Bekenntnissatz, der übrigens im Gesangbuch zu finden ist, hat bis heute nichts an seiner Aktualität verloren. Denn die enge Pforte erwartet uns.

 

Jesus antwortet nicht direkt auf die Frage: "Meinst Du, dass nur wenige selig werden." Die Antwort aber soll auch gar nicht zu unserer Beruhigung beitragen. Unser heutiger Predigttext will uns vielmehr in heilsame Unruhe angesichts des Gerichts versetzen. Dabei mag es sein, dass Gottes Gnade für alle reicht, aber eine Gewissheit dafür haben wir nicht, denn zu Gott führt keine Autobahn. In Anlehnung an Christian Gottlob Barth möchte ich es so formulieren: "Wer auf die Versöhnung aller mit Gott vertraut, ist ein Ochs, wer sie ausschließt, ist ein Esel."

 

Wo ist nun vom Buß- und Bettag die Rede? Die enge Pforte ist der eigentliche Buß- und Bettag. Denn es gibt mit Jesus Christus einen Weg, der zu dieser Pforte führt. Aber entscheidend ist, wie komme ich an dieser Pforte an? Und nicht: Welche Umwege bin ich vorher gegangen, was ist vorher alles passiert? Denn die enge Pforte ist nur so groß wie mein Grabstein. Doch Gott öffnet diese enge Pforte unseres Todes durch die Auferstehung, ohne die Auferstehung bliebe sie unpassierbar. So können wir auch nur zu dem einen Weg zu und durch diese Pforte einladen: Jesus Christus - und eben das unterscheidet uns von Muslimen, Buddhisten, Hindus, ja selbst von Juden.

 

Nicht Handeln und Werke führen durch dieses Tor, wir kommen aber mit unserem Handeln und Nichthandeln dort an. So liegt es an uns, unsere Last abzuladen, die Last von Schuld und Sünde, die Last von allem, was mich an diese Welt bindet: Besitz, Macht, Sorgen und und und. Denn diese enge Pforte können wir nur ohne Gepäck passieren, um von Gott hereingelassen zu werden. Dies ist zugleich die Botschaft der Reformation, die vielfach verloren gegangen ist: Wenn in unserer reformatorischen Konfession die Rede von Sünde und Schuld peinlich verdrängt wird, statt Menschen einzuladen, ihre Last bei Jesus abzuladen: Buße zu tun und zu beten, um dann mit Jesus unterwegs zu sein. Denn wir können uns nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf von Schuld und Sünde ziehen.

 

So können wir erkennen, dass wir die Letzten sind, weil wir nach der eigenen Schuld suchen und nicht nach Fehlern der Anderen. Wenn wir das alles vor Gott bringen, dann führt uns Jesus Christus durch die enge Pforte. Dieser Weg mit Jesus enthält neuen Glauben, befreites Reden, verantwortliches Handeln. Wo ich weiß, dass mir meine Last abgenommen wird, kann ich mich meiner Verantwortung neu stellen und Entscheidungen treffen: Über mein Verhältnis zu Gott, über meinen Umgang mit mir selber, in der Familie, bei der Arbeit, in der Gemeinde, aber auch in Wirtschaft und Politik. Und sei dies, indem wir mit einem Brief, einem Telefonat oder Gespräch Stellung beziehen.

 

Wer so als Letzter zur engen Pforte kommt und nicht mit dem stolzen Anspruch: Ich bin der Erste, weil ich dies und jenes kann, der darf darauf vertrauen, dass Gott ihn kennt und er ihn so auch kennen lernt. Denn "Gott kennen ist Leben", wie es der große russische Dichter Leo Tolstoi einmal auf den Punkt gebracht hat: "Gott kennen ist Leben." So liegt hinter der engen Pforte "ein Leben in Gottes Nähe, dass der Tod nicht vernichten kann.

 

Uns bleibt heute, auf dem Weg durch die enge Pforte vertrauensvoll in den ersten Johannesbrief einzustimmen:

 

"Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit."

 

Diese Botschaft brauchen wir und unsere Welt im Jahr 2001.

 

AMEN

 


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