Ökumene ist der Versuch einer gelebten Antwort auf den biblischen Auftrag der Christen zur Einheit

oekumene.net - das Ökumene-Netz

   Suchen      Service & Kontakt      Gästebuch      Impressum   





Unsere Osterhoffnung: Es wird regiert!

Osternachts-Predigt über die Emausjünger am 11.4.2004 in Derendingen

Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. AMEN

 

Lukas 24,13-33. Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus. Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk; wie ihn unsre Hohen Priester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach.

 

Kanzelgebet

 

Herr,

Dein Wort macht in der Auferstehung

das Unmögliche möglich.

Darauf vertrauen wir.

So segne Deine Osterbotschaft an uns,

auch wenn sie nur

durch meine schwache Stimme

weitergeben wird.

AMEN

 

Liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus.

Es gibt kein Ostern light – süß, kalorienarm und ohne Folgen. Es gibt keine Feier der Auferstehung, bei der wir das Kreuz ausblenden können. Und es gibt keine Expressroute aus einem angenehmen Leben direkt zu Gottes Herrlichkeit. Zur Herrlichkeit des Gottes, der Mensch geworden ist. Nein! So wie in diesem Gottesdienst dem Licht des Ostermorgens die Nacht vorausgeht, so steht die alles in dieser Welt zerschlagende Wirklichkeit des Todes vor der Auferstehung. Eines ist nicht vom anderen zu trennen – und damit ist auch die Frage, ob nach eher evangelischer Tradition Karfreitag oder nach eher katholischer Tradition Ostern wichtiger ist, schon als Fragestellung falsch: Es gibt eben kein Ostern light ohne das Kreuz. Und ein Karfreitag ohne Ostern, ein Karfreitag, der nicht zur letztgültigen Überwindung des Todes führt, ist schon angesichts von 6000 Gekreuzigten nach dem Spartakus-Aufstand nur ein Staubkorn der Geschichte.

 

Doch für jene Jünger, die voller Verzweiflung Jerusalem verließen, war dieses Staubkorn die alles überschattende Wirklichkeit. Sie hatten diesem Jesus vertraut, in ihm einen Lebensmittelpunkt entdeckt - und dann dieses Ende, das in den Worten von Journalisten so klingt:

 

„Jesus wird, wie es römischer Brauch ist, von den Soldaten des Exekutionskommandos abgeführt. Sie geißeln ihn mit einem Lederriemen, der mit Knochenstücken, Stacheln oder Bleiklumpen bestückt ist und tiefe Wunden reißt. Blutüberströmt und nackt wird er anschließend durch die Gassen Jerusalems getrieben. Er trägt den Kreuzbalken. Es ist, berichtet Markus, etwa 9 Uhr morgens, als Jesus ans Kreuz genagelt wird. Die Kreuzigung ist die entehrendste, die schändlichste, die qualvollste Todesstrafe im römischen Recht. Der Todeskampf ist ein verzweifeltes Wechselspiel von Erschöpfung, die den Körper nach unten sacken lässt, und ersticken, das ihn sich wieder aufbäumen lässt. Jesus hält sechs Stunden durch, dann stirbt ungefähr um 15 Uhr am 7. April 30“, so ein Auszug aus einem geschichtlichen Artikel aus der nun wirklich nicht als Missionsblatt verdächtigen Zeitschrift Geo. Das hat recht viel Ähnlichkeiten mit dem Film „die Passion Christi“, der uns trotz einiger Schwächen und Ungereimtheiten deutlich machen kann, was hinter den beiden Jüngern liegt, was es heißt, wenn wir sagen: „Für uns gestorben“.

 

Was der mit aktueller wissenschaftlicher Geschichtsforschung begründete Geo-Artikel beschreibt, zeigt uns eines: Das Kreuz ist kein kulturelles Maskottchen, kein Symbol abendländischer Kultur, sonder Zeichen abgrundtiefen Leidens. Es ist Zeichen ebenso abgrundtiefen Versagens des Menschen. Und es ist Zeichen des Scheiterns und der Schande. Kein Wunder, dass Kleopas und sein Freund alle Hoffnung fahren lassen und flüchten.

 

In diese Verzweiflung hinein ereignet sich Ostern, gehen die beiden den Weg vom Kreuz zur Hoffnung der Auferstehung: Nicht, weil Christen das Leiden krampfhaft suchen. Wir dürfen uns an dieser Welt freuen, die Gott geschaffen hat. Doch wenn wir Jesus nachfolgen, dann können wir in recht unbequeme, ja in äußerst bedrohliche Situationen kommen, so wie die beiden Jünger. Ihnen bleiben nur noch die verzweifelten Worte: „Bist du der Einzige, der nicht weiß, was geschehen ist?“

 

Mitten in dieser Verzweiflung erleben die beiden Jünger Gott – und merken es noch nicht einmal. Denn die Begegnung mit dem vom Kreuz heruntergekommenen Gott ist keine lautstarke Extase, kein Rausch, keine Droge, kein Opium fürs Volk. Sie geschieht unberechenbar, unerwartet und oft unspektakulär. Sie geschieht mit so leisen Tönen, dass wir erst im Nachhinein erkennen, wem wir begegnet sind. Denn was ist daran besonders, auf dem Weg einem Mitwanderer zu begegnen und mit ihm ins Gespräch zu kommen?

 

Doch gerade das Gespräch ist entscheidend. Wir können Gott nicht erfassen, erschließen, begreifen. Doch er kann und will uns mit seinem Wort erfassen, es uns erschließen, sich begreiflich machen. Er lässt sich sogar auf jenen vorwurfsvollen Ton ein: „Ja weißt du denn nicht?“ Er versteht die Verwirrung durch ein Geschehen, das weiter reicht, als die Summe aller menschlicher Erkenntnis über das ganze Universum. Nur er kann uns den Weg auslegen, den seine Wegbereiter für uns vorbereitet haben. Und er kennt unsere Zweifel, nimmt sie voll und ganz ernst. Er gibt uns das Zeugnis seiner ersten Zeugen als Schlüssel mit auf unseren Glaubensweg – und doch ist die Begegnung mit ihm die Tür zum Glauben.

 

„Der Christ der Zukunft wird Mystiker sein, oder er wird nicht sein“, so schreibt es der große katholische Theologe Karl Rahner, der 1904, vor hundert Jahren, geboren wurde. Das heißt: Wir sollen als Christen eingestehen, dass wir nicht alles mit unserem Verstand begreifen können. Wir müssen eine Wirklichkeit Gottes anerkennen, die selbst unser Erahnen sprengt, gerade an Ostern. Und wir dürfen das, ohne uns zu schämen!

 

Auf dem Weg dieser Erkenntnis liegt auch das Brotbrechen, die Feier des Abendmahls. Uns vereint als evangelische Christen in Europa das verbindliche Bekenntnis: „Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein.“ Ein Bekenntnis, dem auch die römisch-katholischen Mitchristen nicht widersprechen. Das Abendmahl ist eben kein Anhängsel für die besonders Frommen, sondern eine besondere Christus-Begegnung für jeden Christen. Denn die Auslegung des Wortes lässt die Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus verstehen, doch erst im Brotbrechen erleben sie die Gegenwart des Auferstandenen, der doch längst schon bei ihnen ist.

 

Erst jetzt, wo alles geschehen ist, erahnen die beiden Jünger die ganze Wirklichkeit von Ostern. Erst als der Auferstandene sie in dieser Welt zurücklässt, wird die Osterbotschaft in den beiden voll und ganz lebendig. Erst jetzt haben sie den Mut, eine Nachricht zu glauben, die das Universum sprengt: Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.

Diese Erkenntnis führt aber dazu, dass sie ihren Weg ändern, umkehren: sowohl auf ihrem Wanderweg als auch auf ihrem Lebensweg. Und das ist auch für uns die Einladung von Ostern: Wir dürfen uns auf den Weg machen. Denn es geht nicht mehr darum vor dem Bedrohlichen und den Unannehmlichkeiten dieser Welt wegzulaufen – ob im Kleinen oder Großen: Der Tod und das Leid dieser Welt haben ihre End-Gültigkeit verloren. Es geht darum, zu dem Gott hinzulaufen, der regiert.

 

Am 9. Dezember 1968, dem Abend vor seinem Tod, telefonierte der evangelische Theologe Karl Barth mit seinem Freund Eduard Thurneysen und gab ihm als Vermächtnis mit: "Ja, die Welt ist dunkel...... Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern es wird regiert, und zwar hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her! Gott sitzt im Regimente! Darum fürchte ich mich nicht. Bleiben wir doch zuversichtlich auch in den dunkelsten Augenblicken! Lassen wir die Hoffnung nicht sinken, die Hoffnung für alle Menschen, für die ganze Völkerwelt! Gott lässt uns nicht fallen, keinen einzigen von uns und uns alle miteinander nicht! - Es wird regiert!"

 

An Ostern hat Gott dieses Regiment, diese Herrschaft, diese wahren Machtverhältnisse unter Beweis gestellt: Deshalb ist Ostern der Anfang aller Hoffnung.

 

Wir sind mit den Emmaus-Jüngern den Weg der Auferstehungshoffnung gegangen:

  • Vom Kreuz her kommen und es ernst nehmen

  • Dem lebendigen Jesus Christus begegnen

  • Gottes Wort annehmen

  • Mit Christus im Abendmahl Gemeinschaft haben

  • Umkehren

  • Gottes Herrschaft erkennen

  • Es bleibt noch eins. Diese Hoffnung kann niemand für sich behalten: Nicht die Frauen und Männer, die Jesus nachfolgten. Nicht sein wanderndes Gottesvolk, das seit 2000 Jahren auf dieser Erde Zeugnis der Auferstehung gibt. Und auch nicht wir, die wir in dieser Osternacht im Angesicht Gottes versammelt sind – im Angesicht des Gottes, der Mensch wurde, ans Kreuz ging und auferstanden ist.

     

    Lasst uns mit den Emmaus-Jüngern den Weg des Osterglaubens gehen. Und lasst uns die Botschaft weitertragen. Lasst uns in den Ruf einstimmen, der alle Christen dieser Erde an jedem Osterfest verbindet:

     

    Der Herr ist auferstanden - Halleluja!

    Er ist wahrhaftig auferstanden – Halleluja!


    Copyright

    © Copyright: Jörg Beyer, D 72072 Tübingen: Die Weitergabe des unveränderten Textes einschließlich dieses Copyrights und der E-Mail-Adresse mail@oekumene.net sowie der Homepage-Adresse 'http://oekumene.net' als Ausdruck oder per E- Mail zu nicht kommerziellen Zwecken ist ausdrücklich erwünscht. Ebenso erwünscht ist die Schaltung von Links auf die Homepage oekumene.net und auf diese Seite. Jegliche andere Verwendung - insbesondere auch die Veröffentlichung des Textes auf Homepages im Internet - bedarf der schriftlichen Genehmigung.



    Einige persönliche Hinweise zu allen Predigten dieser Homepage








  • Impressum + Haftungsauschluss
    E-Mail
    © 1999 - 2012 Beate und Jörg Beyer