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Krank oder besessen? Der Glaube und das epileptische Kind

Predigt über Mk 9,17-27 am 26.9.99 in Öschingen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

 

Predigttext

 

Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht. Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir! Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riß er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst - alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so dass die Menge sagte: Er ist tot. Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

 

Kanzelgebet Herr, tue meine Lippe auf. Laß meinen Munde Deinen Ruhm verkündigen. Herr, laß uns hören wie die Jünger.

 

Predigt

 

Diagnose Epilepsie, liebe Schwestern und Brüder im Herrn. Ein klinisches Bild wie aus dem Bilderbuch. Nun gut, heute gibt es entsprechende Medikamente, es gibt soziale Einrichtungen angefangen bei Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel, die ja vor allem für Epileptiker gedacht waren. Und ansonsten wird das Thema totgeschwiegen, obwohl etwa 0,5-1% der Bevölkerung in Europa und den USA an einer Epilepsie leiden und zusätzlich etwa 5% einzelne Gelegenheitsanfälle haben. Diese Zahl ergibt sich aus der Summe der fortbestehenden Epilepsien, der stetig neu auftretenden Epilepsien und der ausheilenden Epilepsien. Doch eine Erklärung hat die moderne Medizin: Millionen von Hirnzellen krampfen sich plötzlich durch eine Art elektrischen Impuls gleichzeitig im Gehirn zusammen. Ist durch dieses Wissen die Rede von Dämonen und von wundersamer Heilung durch den Glauben überflüssig?

 

Vor über 15 Jahren lernte ich in Mannheim eine junge Lehrerin kennen. Diagnose Epilepsie. Immer wieder hatte Sie Anfälle, bei denen sie sich auch lebensgefährlich verletzte. Ein schwerster Anfall jagte den anderen. Die Ärzte waren ratlos, bis eines Tages der Vorhang fiel, der den Blick hinter die Krankheit verwehrt hatte: Jene junge Frau war jahrelang regelmäßig vom eigenen Vater vergewaltigt worden. Ihre Seele wollte auf diese Weise Selbstmord begehen. Wenn ich an diese junge Mannheimerin denke, dann fällt es auch einem eher nüchternen und rationellen Menschen schwer, nicht von dunklen Kräften zu reden, die radikal Gottes gute Ordnung verneinen. Ich frage mich, was ist in diesem Vater innerlich abgelaufen, dass er seine eigene Tochter so behandelt hat. Und dies ist leider kein Einzelfall und war es auch nicht früher, nur wurde früher noch mehr der Mantel des Schweigens über solche Geschehnisse gedeckt als heute. Ob die Psychologie ausreicht, dieses abgrundtief Böse zu beschreiben, das scheinbar in jedem Menschen aufbrechen kann, das wage ich auch zu bezweifeln, wenn ich einen Blick in die Konzentrationslager der Nazis, der Kommunisten, der Serben oder auch den Terror in Osttimor werfe.

 

So tun wir auch als Christen gut daran, in unserer Gesellschaft anzumahnen, dass nicht alles an und im Menschen rationalisierbar ist. Krankheit kann ebenso ein Funktionsproblem des Körpers, eine Störung des Inneren wie auch eine Verletzung durch äußere Kräfte sein. Der medizinische Alltag, das ist erst einmal Krankheit als Teil unserer Vergänglichkeit. Wir haben ein Ende in dieser Welt vor uns, normaler Weise durch Krankheit - ob wir nun an Krebs, Herzversagen oder einer Embolie sterben. Dann gibt es eben Verletzungen der Psyche, des Inneren. Es kann beispielsweise für die Entwicklung eines Menschen innerlich verletzend sein, wenn er nie das Gefühl hatte, geliebt und behütet zu sein. Es kann einen Menschen lebensunfähig machen, wenn er mit Liebe erdrückt oder zu sehr behütet wurde. Es kann einen Menschen lebensunfähig machen, wenn er ein Schicksal nicht tragen kann. Auch hier ist Heilung möglich - ebenso wie bei einer körperlichen Krankheit: Heilung durch den Arzt, den Spezialisten. Heilung durch Handeln nach gesundem Menschenverstand. Heilung durch besonders begabte Menschen. Und Heilung durch etwas, was außerhalb unserer Kraft liegt, was alleine Gnade Gottes ist. Es gibt aber eben auch Krankheit, deren Ursache das ist, was wir das Böse nennen. Müssen wir Christen dann im übertragenen Sinn ständig über die Schulter schauen, aus Angst vor dem Bösen? Ist es unsere Hauptsorge, Tag und Nacht darauf zu achten, nicht zum Opfer von Dämonen, von Kräften des Bösen zu werden? Ist die Angst vor dem, was wir den Teufel nennen, der Rote Faden unseres christlichen Lebens? Gerade so werden viele Christen zum Opfer des Bösen. Denn sie fragen nicht mehr länger nach Gott, sondern entdecken an jeder Ecke, in jedem Verhalten, in jeder Menschlichkeit den Teufel, rennen panisch vor ihm weg, statt ihre Kraft auf die Nachfolge Christi zu konzentrieren. Und genau so werden sie unwirksam, ängstlich, verloren, statt lebendig die Gute Nachricht zu glauben, zu leben, weiterzugeben.

 

Auch dieser Weg kann bis in den Tod führen: Als junge Studenten kannten meine Frau und ich eine alte Pietistin, die wir immer wegen ihres tiefen Glaubens, ihres Gottvertrauens und ihrer Nächstenliebe bewundert haben. Vor einigen Jahren, nachdem wir sie durch mehrere Umzüge aus den Augen verloren hatten, hörten wir von ihrem Tod. Sie hatte sich umgebracht, weil sie meinte, vom Bösen besessen zu sein. Die Angst vor dem Bösen hatte sie so aufgefressen, dass ihr tiefer Glaube zumindest in dieser Welt verloren hatte. Das Böse hatte gesiegt, allein durch die Angst die es verbreitet.

 

Gerade auch beim Umgang mit dem, was wir das Böse nennen, gilt der Zuspruch "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und alles übrige wird Euch geschenkt". Doch was ist eigentlich das Böse? Das Böse ist ganz einfach das, was grundsätzlich gegen Gott ist. Es ist die Verneinung Gottes. Ich kann deshalb bei dem Versuch, das Böse zu vermeiden, zwei Wege gehen: Ich kann gegen das sein was gegen Gott ist. Ich kann die Verneinung Vereineinen. Ich kann Nein zum Nein sagen. Oder ich kann ganz einfach für Gott sein, zu ihm Ja sagen. Das ist kein Wortspiel! Es ist die Frage, woran ich mein Leben ausrichte. Und gerade fromme Christen laufen Gefahr, in der Nachfolge aus Angst vor dem Bösen um die Ecke zu denken, statt sich direkt an Gott auszurichten. Doch es gibt keinen Weg, der besser vor dem Bösen schützt, als ganz einfach Gott zu vertrauen, sich mit seinem Lebensweg auf ihn einzulassen und den Glauben in dieser Welt konkret zu leben.

 

Genau diesen Weg geht der Vater des epileptischen Kindes: Er hofft von der Not gedrungen darauf, dass Jesus heilen kann. Man möchte vorausschicken "Ich habe ja schon alles versucht", bevor er sagt: "Wenn du kannst", nachdem er schon mit den Jüngern schlechte Erfahrungen gemacht. Doch das Vertrauen auf Gottes Kraft ist der Weg gegen das Böse. Und doch weiß er, dass bei allem Glauben-Wollen der Glaube zu schwach ist: "Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben." Jesus ist erst einmal unwirsch - unwirsch gegen die Jünger, deren Glaube offensichtlich nicht stark genug ist, um das Böse zu überwinden "Ihr ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich noch bei Euch bleiben". Und er ist fast herablassend gegenüber dem verzweifelten Vater: "Bringt ihn her - alle Dinge sind dem der glaubt möglich"

 

Ich denke, wir alle müssen uns zumindest ein Stück weit die Anfrage Jesu gefallen lassen: Wie weit reicht eigentlich dein Glaube. Und: Hast Du das Gottvertrauen, um als Jünger stellvertretend zu handeln.

 

"Ich glaube - hilf meinem Unglauben" Dieser Satz ist wohl für die meisten Christen eine Grunderfahrung. Er drückt aus, dass wir alle nicht zu 100% Vertrauen in der Lage sind - auch nicht die Jünger, was sich daran zeigt, dass sie nicht heilen können. Die Ehrlichkeit, zu sagen: Bei allem Glauben bleibt immer ein Rest Unglauben in mir. Diese Erkenntnis ist der erste Schritt zur Heilung. Wer Gott und seine Hilfe sucht, der kann darauf vertrauen, dass Jesus ihn auch durch diesen Restzweifel hindurch trägt. Für uns, die wir uns von Jesus gerufen wissen, gilt dies auch. Daneben steht aber auch die Anfrage: Warum schöpfen wir nicht noch mehr Kraft aus dem Glauben. Warum irritiert uns das Böse so, warum lenkt es uns so ab, dass wir die Kraft zum Guten so wenig nutzen, die Gott uns schenkt.

 

Um konkret zu fragen: Warum werden so viele Menschen zu Opfern äußerer Zwänge und offener oder verdeckter Gewalt in Familie, Schule, Beruf, Gesellschaft, ja oft genug sogar in der Kirche? Und wir stehen daneben und meinen, wir könnten nicht helfen. Und doch - oft wären unser Zuhören, unser Reden, unser Handeln Weg zum Leben - für uns und die Menschen die Gott uns anvertraut hat. Hier Beispiele aufzuzählen schadet mehr, als es nützt. Doch sicher kennt jeder von uns die Situationen im Kleinen und im Großen, bei denen am Ende die Schlussfolgerung steht: Ach hätte ich nur ein wenig mutiger gehandelt. Ach hätte ich nur einen Augenblick länger zugehört. Ach hätte ich nur einen Augenblick länger nachgedacht. Ach hätte ich nur weniger an Wenn und Aber gedacht. Ach hätte ich nur ein wenig mehr drauf vertraut, dass Glaube Berge versetzen kann. Hier kann jeder und jede von uns nur selbst nachfragen und bekennen: "Herr ich glaube, hilf meinem Unglauben."

 

Wo wir aber im Vertrauen auf Gott den Restunglauben überwinden, da kann gerade auch das Böse überwunden werden. Nicht in dem wir wie das Kaninchen auf die Schlange starren, sondern weil wir uns an dem Mensch gewordenen Gott orientieren. Wie oft haben so Christen in Krisenregionen Zeichen gegen das Böse gesetzt, gerade auch im ehemaligen Jugoslawien. Hier ist vieles auch im verborgenen geschehen - in konkreter materieller Hilfe ebenso, wie darin die Friedensstifter zu unterstützen. Das gilt auch im ganz Kleinen: Wie oft kann ein ehrliches Gespräch, auch wo es Spannungen und Konflikte zur Sprache bringt, verhindern, dass Böses unter der Oberfläche seine Zerstörung betreibt, in Familie und Nachbarschaft ebenso wie in unseren Gemeinden. Denn gerade auch hier sind alle Dinge möglich dem der glaubt.

 

So können Ereignisse jenseits jeder Wahrscheinlichkeit geschehen, gerade auch dort, wo jede Hoffnung verloren scheint. Jesus selbst sprengt die Macht des Bösen, in dem er Gott eindeutig die Macht gibt. So findet der Junge zu neuem Leben. Wir wissen nicht, was ihn zum schweren Epileptiker gemacht hat. Es entzieht sich uns, wie wir uns diesen Geist, diese Kraft, diesen Dämon vorstellen sollen. In der Zeit Jesu aber war eines sicher: Das arme Kind galt in dieser Zeit als Wohnort des Teufels, die ganze Familie wird in einem Maß durch ihre Umgebung mitleidslos unterdrückt worden sein, die für uns jedes Maß des Vorstellbaren sprengt. Wir gehen heute anders mit dieser und mit vielen anderen, noch weit schlimmeren Krankheiten um: Wir schweigen vieles im wahrsten Sinne zu Tode und schaffen eine Atmosphäre in der beispielsweise Epilepsie, obwohl sie heute in sehr vielen Fällen heilbar ist und obwohl die Zahl derer, die schon einmal einen Anfall gehabt haben, alleine in Deutschland die Millionengrenze überschreitet. Und unsere Aufgabe ist es, die Mauer des Schweigens zu überwinden.

 

Auch in unserem Predigttext führt der Weg über die Offenheit zur Heilung. Denn vor der Heilung benennt der verzweifelte Vater die Krankheit des Sohnes und seine Verzweifelung. Er erkennt, dass Hilfe nur von Gott kommt, und er ist selbstkritisch genug, die Grenzen seines Glaubens zu erkennen. Liebe Schwestern und Brüder im Herrn: Offenheit, Gottvertrauen und die ehrliche Bilanz über unsere Grenzen: Sie stehen immer wieder neu am Anfang jedes einzelnen Schrittes, den wir mit Gott unterwegs sind. Sie begleiten jeden Schritt, mit dem wir uns an Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi orientieren. Sie sind Anfang der Hoffnung in dieser und kommenden Welt. Offenheit, Gottvertrauen und die ehrliche Bilanz über unsere Grenzen sind Geschenke Gottes. Lasst sie uns im Glauben annehmen.

 

AMEN


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