Das Schloss - oder die Rechfertigungslehre nach Heinz Erhard
Predigt über Römer 3 bei der Frühlingswanderung des CVJM
Jörg Beyer
Unser Predigttext steht bei – Heinz Ehrhard:
«Papst Paul war gestorben vor vierhundert Jahren
und ist dann, wie üblich, gen Himmel gefahren.
Und als er dort oben gut angekommen,
da her er den güldenen Schlüssel genommen.
(Es ist ja bekannt, dass früher und itzt,
jeder Papst einen Schlüssel zum Himmel besitzt).
Doch siehe, der Schlüssel, der wollte nicht passen.
Der Petrus hat trotzdem ihn eintreten lassen
und sprach (sein Antlitz war bartumrändert):
„Der Luther hat nämlich das Schloss verändert.“»
Liebe Gäste, liebe Geschwister im CVJM,
es ist auch für uns das erste Mal, dass wir über Heinz Ehrhard predigen. Dieser – auf neudeutsch gesagt – Commedy-Star der biederen Nachkriegszeit stand für mich völlig außerhalb des Interesses, bis ich dieses Gedicht vor einigen Wochen entdeckte: nicht etwa im Württembergischen Gemeindeblatt, sondern im Konradsblatt, der Sonntagszeitung des katholischen Bistums Freiburg. Mit einem Augenzwinkern bringt Erhard auf den Punkt, was die Kernbotschaft der Reformation ist: Martin Luther hat das Schloss verändert, er hat an Hand der Bibel entdeckt, welcher Schlüssel passt. Und dieser Schlüssel heißt Jesus Christus. Dass aber eine katholische Sonntagszeitung einen solchen Text druckt und zum Mittelpunkt einer Andacht macht, das zeigt: Wir haben die Chance, als Christen gemeinsam in der Rechtfertigungslehre die Mitte des Evangeliums zu entdecken, wie dies trotz mancherlei Vorbehalte ja auch ganz offiziell in der gemeinsamen lutherisch-römisch-katholischen Erklärung zur Rechtfertigungslehre am 31. Oktober 1999 geschehen ist.
Beate Beyer:
Heinz Erhard, geboren 1909 in Riga, gestorben am 5. Juni 1979, war Schauspieler, Komiker und Schriftsteller. Er hatte seine Blütezeit in der Sechziger Jahren. Gern nahm er die großen und kleinen Schwächen des Menschen auf das Korn.
Es ist nicht erkennbar, ob er in unserem „Predigtgedicht“ mit Papst Paul den gegenreformatischen Papst Paul V. (1605-1621) meint oder Paul VI. (1963-1978), der das 2. Vatikanische Konzil fortsetze. Dieses Konzil war ja ein gewaltiger Umbruch für die katholische Kirche, der ein Miteinander evangelischer und katholischer Christen überhaupt erst offiziell möglich gemacht hat. Historisch und theologisch richtig ist jedoch, dass der Augustinermönch und Vater der Reformation Martin Luther das „Schloss“, die „Zugangsberechtigung“ für den Himmel, verändert hat: Keine weltlichen Sicherheiten sollten im Verhältnis zu Gott mehr gelten, keine frommen Werke, keine Ablässe. Entscheidend sollte allein der Glaube an Gott und die Gnade Christi sein. Diese Erfahrung macht auch der Papst in diesem Gedicht. Die Gnade öffnet auch ihm die Tür zu Gott.
Jörg Beyer:
Allein der Glaube entscheidet – das ist doch echt evangelisch – oder? Gerade als Christen, die sich auf Martin Luther berufen, sollten wir selbstkritisch sein: Was muss Mann oder Frau alles tun, damit‘s ‚recht‘ ist? Noch immer ist es für die einen undenkbar, dass ein Christ nicht die Grünen wählt, auch wenn sie Ehe und Familie mit Füßen treten. Für die anderen ist das „C“ der CDU Wahlpflicht, auch wenn spätestens mit dem Irakkrieg deutlich wurde, dass George Busch wichtiger ist als Jesus Christus. Für die einen ist jedes bisschen Schminke und Schmuck eitler Tand dieser Welt, für die anderen ist es Christenpflicht, sich „hübsch“ zu machen. Für die einen ist der Christ an der Grundüberzeugung erkenntlich: „Ich bin dagegen“. Für die anderen ist das Wichtigste, dass er nie auffällt. Und wenn‘s dann krasser wird, dann darf ein Christ nicht Auto fahren, dann muss ein Christ genau an den eigenen christlichen Verein so und so viel zahlen, dann muss er sich auf Kommando heilen lassen, dann muss er am 27. 4. 1997 bekehrt, wiedergeboren und noch einmal getauft sein.
Liebe Geschwister im Herrn: Wir tun gut daran, immer wieder neu zu entdecken, dass Gesetzte ein – sicher oft unumgängliches - Werk des Menschen sind. Doch die Beziehung zu Christus, der für uns der Schlüssel zu Gott ist, die ist über diese Welt hinaus entscheidend.
Beate Beyer:
Ich war, wie so mancher von Euch bei dem Vortrag von Sabine Ball am letzten Montag im Primus-Truber-Haus bei uns in Derendingen. Bei mir ist ein Satz hängen geblieben: „Wir haben keine Bibeln ausgelegt, denn dies hätte mich als junger Mensch abgeschreckt. Wie haben versucht, die Bibel zu leben.“ Das ist für mich die entscheidende Frage, die mich auch als Katholikin mit Luther verbindet: „Leben wir die Freiheit der Kinder Gottes oder schränken wir uns durch willkürliche Gesetze wieder ein?“ Denn: Wenn wir uns immer wieder auf das gemeinsame Fundament von Leben, Tod und Auferstehung von Jesus Christus ausrichten, dann ist es auch nicht wichtig, von welcher Tradition ich her komme. Dann ist es nicht wichtig, ob ich Gott charismatisch, liturgisch, mit neuen oder alten Liedern, mit Orgel oder Posaunenchor lobe. Es kommt darauf an, ob mein Herz für Gott schlägt, weil er mir den Schlüssel zu seinem Reich geschenkt hat.
Jörg Beyer:
Wer aber die Schlüssel zu Gottes Reich als Geschenk annehmen kann, der hat ein neues Leben – nach den Maßstäben Gottes, nicht nach unseren. So zeigt es auch ein weites Herz, wenn Heinz Ehrhard den Papst nicht in irgendeiner Weise von Gottes Reich ausschließt. Denn es ist allein dieses wunderbare Ja Gottes, das er uns in Jesus Christus gegeben und in der Auferstehung so eindrucksvoll unterstrichen hat. Es ist allein dieses Ja, das uns eine Zukunft über diese Welt hinaus gibt. Es ist das Ja, das selbst am Grab gilt.
So ist Heinz Erhard nichts anders als eine Commedy-Beschreibung jenes Satzes im Römerbrief, der Martin Luther so tief bewegt hat. Im Hintergrund ist es der eigentliche Predigttext für diese CVJM-Wanderung, nämlich Römer 3,28:
„Denn für mich steht fest: Allein aufgrund des Glaubens nimmt Gott Menschen an und lässt sie vor seinem Urteil als gerecht bestehen. Er fragt dabei nicht nach Leistungen, wie das Gesetz sie fordert.“
Oder wie es die meisten unter uns wohl im Konfirmanden-Unterricht in der Übersetzung des großen Reformators gelernt haben:
„So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.„
AMEN  Copyright

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