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Wenn das Leben tot ist und der Tod das Leben verkündet

Predigt über Lukas 12 am 20.11.2005 (Ewigkeitssonntag ) in Öschingen

Predigt zum Ewigkeitssonntag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus.

Der 14. September 2005 hat sich tief bei mir ins Gedächtnis eingebrannt. Ich war beruflich auf der Internationalen Automobilausstellung IAA in Frankfurt. Und am Vor­mittag dieses Mitt­wochs hatte ich ein wenig freie Zeit. So schlen­derte ich durch die fast leeren, riesigen Hallen. Denn an diesen Pressetagen waren nur Journalisten und Aus­steller anwesend. Fast leere Hallen - und auf Podesten die neuesten Edelautos. Damit es Fernsehteams und Pressefotografen besonders einfach hatten, rekelten sich auf den neuesten Spitzenfahrzeugen die Fotomodells. Und smarte Helfer gingen mit dem Staubfeudel von Auto zu Auto, damit auch ja kein Fusselchen den Glanz der Autos und der Modells störte. Eiskalt. Der Lack. Das Licht. Die Modells und die Staubwedler – wie Robo­ter. Die Fotografen und Kameramänner. Kalt und professionell. Und ich dazwischen – mit Presse­ausweis am Revers, einer der da herein darf, damit Berichte und Bilder begehrlich machen. Am Rande bemerkt: Ich bin kein Autohasser. Nein, auch ich war vor einigen Tagen froh, als ich an einem Tag 1200 km fahren musste, dass unser Dienstwagen keine Ente und kein VW-Käfer ist: Er ist sicherer, bequemer und viel schneller. Und die Automobilindustrie schafft viele Arbeitsplät­ze. Doch an diesem Tag war ich auch froh, als ich mich wieder im Gespräch mit Journalisten über neue Techniken austauschen konnte und nicht länger diesem - Totentanz - bei­wohnte.

Nun, die Journalisten-Gespräche endeten bereits recht früh und so konnte ich auf der Rückfahrt noch im Odenwald meine Schwieger­mut­ter besuchen: in einem kleinen Dorf im Madonnenländle, neben dem Öschingen fast wie eine Großstadt wirkt. Hirntumor – und es ging dem Ende entgegen. Jene Frau, die sie in den letzten Tagen liebevoll zu Hause pflegte, begrüßte mich. Sie lag im Bett, zerfallen, stöhnend, unruhig und erkannte mich nur noch in wenigen lichten Momenten. Es kamen und gingen Verwandte, Freunde und Nachbarn. Sie alle wollten sie im Sterben nicht alleine lassen. Bevor ich nach geraumer Zeit ging, habe ich noch für sie gebetet und sie gesegnet. Keine anderthalb Tage später starb sie in Gegenwart meiner Frau und meines Schwagers mit fast achtzig Jahren, zu Hause, ohne Schläuche und Apparate­medizin, wie sie es sich immer gewünscht hatte. Es war der Augenblick des Abschieds, des tiefen Schmerzes, das Gefühl des unwiederbringlichen Verlusts, der Tod schien zu triumphieren. Und doch blieb für mich der Ein­druck des Lebens in sei­ner ganzen Fülle zurück, ganz im Gegensatz zu jenem toten Metall und Glas und den sich wie Roboter bewegenden Schauspielern beim Tanz ums goldene Auto.

So wurde mir zum Bild, was unser Predigttext heute in die Mitte stellt: Dass wir nicht auf der verzweifelten Suche nach Leben das Tote anbe­ten und Gottes Angebot des Lebens übersehen.

Wir hören auf Lukas 12: Der Herr aber sprach: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über seine Leute setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht? Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. Wahr­lich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen. Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich voll zu saufen, dann wird der Herr dieses Knech­tes kommen an einem Tage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen. Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt, hat aber nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden müssen. Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden. Denn wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Liebe Geschwister im Herrn, dieser Text stellt eine radikale Frage: Wie nutze ich ab heute bis zum Ende meines Lebens in dieser Welt die Gaben, die mir Gott gegeben hat. Wie wird mein Leben zum Segen Gottes für andere, ob es nun noch einen Tag dauert oder bis über den hundertsten Geburtstag hinaus. Tun wir, was Gott von uns erwartet? Sind wir treu? Sind wir klug? Geben wir anderen zur rechten Zeit, was wir empfangen haben?

Vielleicht klingt dieser Text beim ersten Hören so, als beträfe er nur Mitarbeiter, allen voran Pfar­rer und Theologen. Und in der Tat, wer in der Mitarbeit steht, an den stellt unser Text in aller Deutlichkeit die Frage: Gibst Du den Dir anvertrauten Christen, Suchenden und Deinen Mit­menschen, zur rechten Zeit, was ihnen zusteht?

Doch nicht nur die offen sichtlichen Mitarbeite­rinnen und Mitarbeiter haben von Gott Gaben empfangen, um weiterzugeben. Er traut jedem zu, den Segen weiterzugeben, den er von ihm emp­fangen hat: Wer viel empfangen hat, der kann viel geben. Das umfasst Gottes Gnade und Verge­bung ebenso wie seine Hoffnung, sein Wort und seine Weisung, aber auch die materiellen Güter, die er uns anvertraut hat.

Und es gilt, in Verantwortung vor dem Schöpfer dies umzusetzen, wie ein Verwalter, wenn der Chef nicht da ist. Wie kann Verantwortung vor Gott aussehen? Wenn wir das Bild unseres Textes aufnehmen, können wir Maßstäbe entde­cken, mit denen Verant­wortung vor Gott gelingen kann. Maßstäbe, damit wir weitergeben, was er uns Gutes gab. Damit wir in Verant­wortung leben gegen­über jenen, die er uns anvertraut: In Arbeit und Nachbarschaft, in Familie und Gemeinde, ja in jeder Begegnung, die er uns schenkt. Er will unsere Treue, nicht unsere Machtausübung. Er will unsere Klugheit, nicht unsere Gier. Er will unseren Einsatz zur rechten Zeit, nicht blinden Aktionismus und auch kein Vertrödeln der Zeit. Damit wir unserem Auftrag folgen.

Folgen wir diesem Auftrag unseres Schöpfers? Oder was hindert uns an der Verant­wortung? Wenn Menschen ihre Grenzen und die Begrenzt­heit ihrer Zeit auf dieser Erde erkennen, dann gibt es mehrere Wege der Angst: Man kann es halten, wie es eine vor über 10 Jahren verstor­benen Bekann­ten von ihrem Mann berichtete. Er hatte seine Armband-Uhr so eingestellt, dass sie alle paar Minu­ten piepte: Damit er sich alle 10 Minuten Rechenschaft gab, ob er diese letz­ten Augenblicke auch sinnvoll genutzt hatte.

Der Leitsatz lautet oft: Vom Leben Mitnehmen, was wir nur mitnehmen können. Mit­nehmen für uns – oder für unser Lebensziel. Streng nach Strichliste. Immer mit der Selbstanklage: Du hast zu wenig mitgenommen, aus deinem Leben gemacht: Zu wenig besessen. Zu wenig ver­braucht. Zu wenig Macht gehabt. Zu wenig Sex gehabt und im Bett ausprobiert.

Das kann auch Christen betreffen: Es ist entscheidend, dass wir uns um die Wei­tergabe des Glau­bens bemühen. Doch es gibt auch eine fromme Version dieses Selbstvorwurfs: Ich habe zu wenig Menschen missioniert. In meinen Hauskreis, in unserer Stund, in den Gottesdienst, zum Besuchs­dienst oder, oder, oder sind zu wenig Menschen gekommen. Ich habe zu wenig gezeigt, was für ein hilfsbereiter und nächs­tenlieber Mensch ich bin. Ganz nach dem Motto: Lasst uns noch schnell was tun, bevor diese Welt ihr Ende hat.

Oder das Gegenteil: Die Flucht vor dem Tod: Lasst uns durch Lärm und Aktivitäten den Tod ver­drängen. Da dröhnt die Disko oder der Opernchor. Da ist einer Vorstand von sieben Vereinen – für jeden Wochentag eine Sitzung. Da wird der Terminkalender vollgestopft, damit keine Zeit zum Nachdenken bleibt. Da werden Alte und Kranke aus dem Alltag verdrängt, damit man in ihnen nicht länger das Abbild der eigenen Zukunft sieht: Die Frau, die wegen Alz­heimer den eigenen Mann nicht mehr kennt. Der Parkinson-Kranke, der langsam die Kontrolle über den Körper ver­liert. Der Kreb­spatient, den die Krankheit unter schier endlosen Schmerzen zerfrisst. Da wird Leben zum Programm gemacht mit einem Machtanspruch, der an die dunkelsten Kapitel unserer Geschichte erinnert. Untersuchung am ungeborenen Kind, damit es auch ja der Norm entspricht. Kind zur falschen Zeit: Da gibt es die Abtreibung. Und mit der Gentechnik steht das Kind aus dem Bastellabor vor der Haustür. Und am anderen Ende: Eutha­nasie: Der vermeintlich „gute Tod“. Zuerst vom Patienten ganz selbst bestimmt. Doch wer sagt denn, dass nach einer gesetzlichen Frei­gabe der Druck aus­bleibt: Ach Opa – willst Du das alles noch erleiden? (Und uns den ganzen Stress antun und noch soviel von deinen Ersparnissen für die Pflege verschwenden?) Leben und Tod sollen planbar werden, weil damit die Angst vor dem eigenen Tod vielleicht überwunden werden könnte. Doch eines möchte ich all jenen mitgeben, die so ver­suchen vor dem Tod zu flüchten: Die Angst wird Euch einholen, wo immer Ihr weg­rennt.

So wichtig, Mitarbeit in Gemeinde, Kirche und christlichen Gruppen ist: Auch hier gibt es die kirchliche Variante, die besonders an vollen Terminkalendern zu erkennen ist: Montag Hauskreis, Dienstag PosChor, Mittwoch KGR oder CVJM-Vorstand, Donnerstag Diakoniekreis, Freitag Pro­Christ-Vorbereitung, Samstag Straße kehren und Garten rich­ten, Sonntag Gottesdienst. Und so schön und wichtig ein gastfreundliches Haus ist, es gibt auch eine der Variante für manche Frauen: Ich muss doch mein Haus für die Familie hübsch machen, eine perfekte Hausfrau und Hilfslehrerin sein. Deshalb habe ich keinerlei Zeit.

Doch wenn uns Gott fragt: Warst Du ein treuer Verwalter – deiner Gaben. Ich denke nicht, dass er dies nur daran misst, dass wir nie Zeit hatten, weil man bei uns in der Stubb vom Boden essen konnte. Oder dass wir immer stolz mit gehetztem Blick her­umgelaufen sind: Ich habe ja soviel zu tun. Und auch manche Karriere, manches übervolle Berufsleben wird keinen Bestand haben.

Ob wir wie das Kaninchen auf die Schlange star­ren oder wegrennen: Merkt Ihr's? Die Aus­wirkungen der verzweifelten Suche nach Leben sind ganz ähnlich und für selbstkri­tische Chris­ten auch offen zu sehen: Die Grenzen der Kräfte sind erreicht, obwohl das gar nicht nötig wäre. Der Schwung fehlt und Mutlosigkeit führt zur Lähmung. Und so kommt die dritte Möglichkeit, mit dem Unausweichlichen umzugehen: Die dumpfe, verzweifelte Resignation: Auch die gibt es unter uns Christen. Und – machen wir uns nichts vor: Auch für die meisten unter uns hat das Ende unseres Da-Seins in dieser Welt etwas Erschreckendes. Denn auf jeden Fall ist dies der Schritt in das ganz Unbekannte. Das kann Angst machen, das kann traurig machen, das kann verunsichern. Und wir dürfen uns das sehr wohl eingestehen. So sollen wir mit zweierlei rechnen. Mit unserem eigenen Sterben. Und mit dem Ende dieser ganzen Schöpfung, wie wir sie kennen. Und: Mit der Wiederkunft des Hausherrn in sein Haus. Mit Gottes Kommen, das weit mehr ist, als der Tag, an dem unser Leben endet. Mit einer Neuordnung der ganzen Schöpfung durch den Schöpfer. Mit einem Ende der Welt, die wir kennen. Mit der Frage nach der umfassenden Verantwortung: Was haben wir alle aus Gottes Gaben gemacht? Das mag abstrakt und hoch klingen. Und wir können uns nur eingestehen: Dieser Aus­blick sprengt alles, was wir verstehen können. Da wird es Ernst damit, von Gott als dem „ganz Anderen“ zu reden.

Und wo wir den Tod miterleben, da begegnen wir oft dem erschreckenden Gott, der nichts gemein hat mit dem tattrig lieben Opa mit dem langen Bart. Wenn etwa ein junger Familien-Vater bei einem schweren Unfall stirbt. Wenn eine Mutter die Geburt des lang ersehnten Babys nicht über­lebt. Wenn Eltern in das Grab ihres Kindes schauen. Wenn jemand plötzlich mitten aus dem gerissen wird, was wir blühendes Leben nennen. Wenn der Tod einen geliebten Menschen zerfrisst. Wenn die Verzweiflung jemanden dazu treibt, das eigene Leben zu beenden. Wenn wir selbst unser Ende wegen einer Krankheit vor Augen haben. Es gibt die Augenblicke, in denen wir gerade im Angesicht des Todes unser WARUM nur noch herausschreien können. Wie es mir vorgestern bei einem Kongress eine Frau erzählte: Sie ist nach dem Tod ihres Vaters in den Wald gegangen und hat ihr WARUM einfach an Gott herausgebrüllt – wie es ja auch Jesus mit den Worten des Psalms tut: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

Zweierlei stellt uns Jesus vor Augen: Der Herr wird Bilanz ziehen. Wie wir es im Glaubensbek­enntnis sprechen: „Zu richten die Lebenden und die Toten.“ Das mag zusätz­lich erschrecken. Aber auch: Dieser Umbruch von allem, was geschaffen ist: Das ist die Schöpfung des neuen Lebens. Und: Diese Neuordnung geschieht durch den Gott der Gnade, der für uns ans Kreuz gegangen ist.

Kann das ein Trost sein, solche sperrigen Worte? Ich möchte uns noch einmal an die großartigen Bilder erinnern, die Gott durch die Bibel in unser Herz einbrennen will: Da ist der gerechte Haus­herr, der nichts Unmögliches fordert. Da ist das leere Grab und die Begegnung der Jünger mit Christus, der den Tod überwunden hat.

Und dieser Jesus Christus, der das Leben jenseits des Todes erschlossen hat: Er verspricht sein Wiederkommen. ER erinnert auch im Angesicht der Unverstehbarkeit des Todes an die Neuord­nung der ganzen Schöpfung. Damit wir Leben über diese Welt hinaus haben dürfen. Den Weg ist er selbst vorausgegangen: Denn das Kreuz hat nicht das letzte Wort sondern der neue Himmel und die neue Erde. Deshalb, nur deshalb ist das Kreuz Zeichen der Vergebung und des Trostes.

So kann gerade die Begegnung mit dem Tod Einladung zum rechten Leben sein: Viel mehr als alles Materielle, in das wir uns flüchten, als Chrom, Glas und Models. Wir brauchen den Tod nicht aus unserem Leben zu verdrängen. Wir müssen nicht vor ihm weglaufen oder resignieren. Wo wir seine Gegenwart aushalten, da kann etwas von dem Vertrauen sichtbar und erlebbar werden, zu dem uns Jesus Christus einlädt.

Gewiss unter Klagen und Tränen, manchmal begleitet von unserem zornigen Warum. Doch wer auf Gott und seine neue Welt für uns vertraut, der darf darauf hoffen, dass in der Ewigkeit Platz ist für alle, um die wir trauern - und auch für uns.

ER kommt gewiss unser Herr und Bruder Jesus Christus. ER wird wiederkommen zu richten die Lebenden und die Toten. ER wird wiederkommen und die Fesseln des Todes sprengen. ER wird wiederkommen und alle Tränen trocknen.

AMEN

 


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