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Mahl des Aufbruchs - das Abendmahl

Predigt über Exodus 12 am 5.4.2007 in Öschingen

2. Mose/Ex 12,1-14 in Auszügen: Das Passamahl

Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er's mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und die obere Schwelle damit bestreichen an den Häusern, in denen sie's essen, und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es essen als die, die hinwegeilen; es ist des HERRN Passa. Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter, ich, der HERR. Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.

 

Liebe Gemeinde,

es gibt Nächte, die sind anders als alle anderen Nächte. Nächte, über denen der schwere Schatten der Angst liegt. Nächte, die dem Aufbruch ins Ungeahnte vorausgehen. Nächte, die vor dem Anbruch in die Freiheit liegen.

Die heutige Nacht ist für uns Christen eine besondere. Wir werden hinein genommen in das letzte Mahl, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, das Abendmahl. Wir begegnen dem Geheimnis des Glaubens in besonderer Weise, wenn wir in Brot und Wein die Gegenwart von Jesus Christus erleben.

So feiern wir die Vergegenwärtigung einer Nacht, die unter dem Vorzeichen des kommenden Todes stand, als Jesus mit einen Jüngern beim letzten Mahl das Brot brach und den Becher mit Wein reichte. In allen jüdischen Häusern wurde Passa gefeiert. Darum hatte auch Jesus seine Jünger um sich gesammelt, in einem Saal in Jerusalem.

In jedem jüdischen Haus – und das ist bis heute so geblieben – waren die Familien beieinander, um an Gottes Befreiung aus Ägypten zu erinnern und Gott dafür zu danken. Und bei jeder dieser Feiern wiederholte sich das gleiche Gespräch:

Der Jüngste im Kreis der Familie fragt den Vater: „Was unterscheidet diese Nacht von anderen Nächten? Denn in allen anderen Nächten essen wir gesäuertes und ungesäuertes Brot. Warum aber steht in dieser Nacht nur ungesäuertes Brot bereit? In allen anderen Nächten essen wir alle Arten von Kräutern. Warum in dieser Nacht nur bitteres Kraut? – Was ist das für ein Brauch?“

Auf diese Fragen hin erzählt der Vater die Geschichte des Passa-Auszugs. Wie es schließlich in jener letzten Nacht zur Entscheidung kam. Die Nacht der geschlachteten Lämmer und der beschützten Gotteskinder. Israel war frei.

Auf diese Weise feiert auch Jesus mit seinen Jüngern das Mahl des Aufbruchs, eines Aufbruchs, der so eilig ist, dass die Zeit noch nicht einmal zum Herstellen von Sauerteig reicht. Es ist ein Mahl zur Ehre Gottes, das vom Miteinander teilen lebt, sodass nichts übrig bleibt.

Denn Gott rettet und er gibt heute soviel, dass es für alle reicht. Unter diesen Vorzeichen geschieht Erlösung. Diese Erlösung erreicht im Abendmahl eine völlig neue Dimension. Denn so, wie das Passa-Mahl in Ägypten vor dem Aufbruch des Volkes Israel gegessen wird, genau so feiern die Jünger das Abendmahl vor dem Aufbruch des neuen Gottesvolkes, das den Erdball umspannt. So wie sich nach dem Passamahl das Tor zum Leben für die Israeliten öffnet, öffnet es sich auch für die Christen nach dem Abendmahl. Jesus führt im Abendmahl das Passamahl fort.

Doch was für ein Wechsel der Größenordnung: Mit Jesus geht es um das Leben in dieser und der kommenden Welt. Es geht um ewiges Leben. Und es muss nicht mehr immer neues Blut im Opfer vergossen werden, um Gott gnädig zu stimmen. Im Kreuz findet das Blutvergießen um Gottes Willen seinen Abschluss – ein für alle Mal! Auch wenn das viele nicht begriffen haben. Denn Gott selber geht für uns ans Kreuz, um dem ein Ende zu setzen. Und was für ein Wechsel, wenn nicht mehr die Lämmer bluten, sondern wenn wir auf die Worte des Menschensohns hören, der seinen Jüngern bei Brot und Wein zuruft: „Nehmet hin und esset; das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Das tut zu meinem Gedächtnis.” und „Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Neuen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Das tut zu meinem Gedächtnis.” Dies alles geschieht völlig unblutig. Und doch sagt Jesus „das ist“ und wir bekommen durch Jesus und auch durch Paulus den Auftrag, dies zu tun. Es zu tun in der Gewissheit, dass Jesus in Brot und Wein gegenwärtig ist.

Jesus steht ganz in der Nachfolge des Auszugs aus Ägypten. Doch was für eine neue Gottesnähe, die uns Jesus durch das Abendmahl eröffnet.

Umso überraschender, wenn diese Botschaft so oft bei jenen nicht ankommt, die sich ansonsten so sehr in Verantwortung vor Gott um das richtige Verständnis der Bibel mit aller Kraft mühen. Warum glauben so viele an Wunder und vertrauen doch nicht darauf, dass unser Herr Jesus Christus uns seine Gegenwart in Brot und Wein zugesagt hat?

Welch eine neue Wirklichkeit, die sich für die Jünger Jesu im Heiligen Abendmahl erschließt. Das neue Leben in Jesus wird erfahrbar. Denn das Abendmahl ist das Gegenstück zum Kreuz: Im Kreuz erfahren wir den herunter gekommenen Gott. Im Abendmahl haben wir Teil an der Herrlichkeit Gottes, die weiter reicht als unsere Welt, die in den Grenzen des Todes gefangen ist.

Das Kreuz ist der Weg Gottes nach unten. Im Abendmahl dagegen lädt uns Gott auf den Weg nach oben, zu sich ein. Gerade mit Blick auf das Leben, das weiter reicht als die Kreuze auf unseren Friedhöfen, können wir so in die Einladung zum Abendmahl einstimmen: Schmecket und seht, wie freundlich der Herr ist. Das gilt es ernst zu nehmen.

Doch was für Deuteleien hat die Kirchengeschichte aus dem Versuch gemacht, das Geheimnis des Glaubens zu verstehen? Alle drei Grundrichtungen der Reformationszeit, Katholiken, Lutheraner und Calvinisten betonen die Gegenwart von Jesus Christus im Abendmahl. Nahezu die gesamte christliche Tradition bei uns nimmt den Gründonnerstag ernst und sieht im Abendmahl mehr, als eine erinnernde Wiederholung. Sie glaubt dies, weil die Bibel zu diesem Glauben einlädt.

Und doch war die Versuchung zu groß für die Theologen, über dieses Zeugnis hinaus verstehen zu wollen, was das Geheimnis des Glaubens ist. Katholischerseits wurde dies in der so genannten Transsubstantiationslehre getan: Brot und Wein wandeln sich im Zusammen­hang mit den von einem Priester gesprochenen Einsetzungsworten ein für alle Mal in eine andere innere Substanz – auch wenn das äußere Er­schei­nungsbild bleibt. Vergleichbar wäre dies vielleicht mit einem Geldschein, der Papier ist und bleibt. Doch erst wenn er durch die Bundesbank in Umlauf gebracht wird, wird er zu etwas anderem: Zu Geld, zu einem staatlichen Zahlungsmittel – auch wenn er der Erscheinung nach Papier ist und bleibt. Und dies ein für alle Mal.

Calvin dagegen sieht die Gegenwart von Jesus nur durch den Heiligen Geist gegeben, während Luther die vollständige Gegenwart durch die Allgegenwart Gottes zur Grundlage des Abendmahls erklärt. Für beide Reformatoren ist die Gegenwart von Jesus in Brot und Wein nicht vom Glauben zu trennen. Dass Brot und Wein außerhalb des Gottesdienstes und ohne Einsetzungsworte als Leib Christi verfügbar sind und bleiben, ist für die evangelische Theologie nicht nachvollziehbar. Und das diese Vorstellung letztlich auf der griechischen Philosophie basiert, noch weniger. Doch auch die evangelische Theologie muss sich fragen lassen: Greift die Beschränkung der Gegenwart Gottes auf den Heiligen Geist angesichts des biblischen Zeugnisses nicht zu kurz? Und ist das Verständnis der Gegenwart Jesu durch die Allgegenwart Gottes nicht ebenso der philosophische Versuch, zu erklären, was wir nicht erklären können? Was wir nicht erklären können, weil uns die Bibel dafür keine Grundlage gibt!

Ich möchte deshalb zu zweierlei einladen: Das Worte Jesus ernst zu nehmen: „Das ist mein Leib, das ist mein Blut.“ Das kann aber nur heißen: Jesus Christus ist gegenwärtig in einer Weise, die unser Verstehen sprengt. So möchte ich einladen – so wie das auch nach der Gottesdienstordnung unserer Kirche möglich ist – nach den Abendmahlsworten in das Bekenntnis einzustimmen:

Geheimnis des Glaubens

Deinen Tod o Herr verkünden wir

und deine Auferstehung preisen wir

bis du kommst in Herrlichkeit.

Denn wir sind zum Fest eingeladen: Alle, die wir uns zu Christus bekennen. Wir sind eingeladen, auf den Weg nach oben zu Gott. Also geht es nicht darum das Abendmahl klein zu machen, etwa so: „Otto, hol schon mal 3 Bier, ich suche die Chips. Hilde, du kannst schon mal die Einsetzungsworte im Korintherbrief heraussuchen.“ Es geht vielmehr darum, dass Gott uns groß machen will. So groß, dass das Abendmahl eben nicht länger eine Nummer zu groß für uns ist. Es ist ein großartiger Weg, doch es ist ein Weg, den wir ohne Scheu gehen dürfen.

Denn im Kreuz ist Gott herunter gekommen, um uns diesen Weg aufzuschließen: Nicht nur für die, die besonders fromm sind. Nicht nur für die, die eine besondere Schuld belastet. Sondern für uns alle. Denn das Abendmahl ist ein Mahl der Vielfalt:

- Leib und Blut schlagen die direkte Brücke zur menschlichen Schuld. Im Abendmahl ist die Versöhnung Gottes erfahrbar wie an keinem anderem Ort. Hier wird die Nähe des gekreuzigten Gottes ganz konkret: „Dies ist das Blut des Neuen Bundes, das für Euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“

- Weil dies geschieht und weil das Abendmahl zugleich immer im Licht der Auferstehung steht, ist es zugleich der Ort der Dankbarkeit. Dankbarkeit, die uns auch mit der Feier des Passafestes verbindet. Eucharistie: Das heißt Dankbarkeit. So können wir als von der Allmacht des Todes befreite Sünder sehr wohl als evangelische Christen Eucharistie feiern.

- Diese Feier ist der grundlegende Lobpreis Christen. Denn jedes feierliche Abendmahl ist ein Lobpreis-Gottesdienst – oder sollte es zumindest sein.

- Lobpreisgottesdienste sind etwas Wichtiges und Schönes. Doch sie wurden nicht erst Ende des zwanzigsten Jahrhunderts erfunden. Die Feier der Messe, die es ja auch bei uns gibt – Nummer 689 im Gesangbuch – hat ihre Wurzeln vor 1800 Jahren. Über die Lobpreis-Gottesdienste des Gottesvolkes berichtet unser Predigttext schon zur Zeit des Mose vor weit über 3000 Jahren.

- Wir müssen als Christen das Rad nicht ständig neu erfinden, wohl aber in jeder Zeit alte und neue Formen finden, damit Menschen durch Wort und Sakrament den Weg zu Christus finden und bei ihm bleiben. Dies geschieht nie alleine sondern in Gemeinschaft.

- So ist Abendmahl auch immer die Erfahrung der Gemeinschaft, wieder beginnend mit dem Aufbruch aus Ägypten und von Jesus in den Horizont seines Leibes gesetzt. Es ist die Gemeinschaft aller, die zu allen Zeiten und an allen Orten durch Jesus miteinander verbunden sind – ob sie wollen oder nicht. Dafür sind auch die 12 Jünger ein Bild, das den 12 Stämmen Israels entspricht: Gemeint ist das ganze Volk, das mit Gott unterwegs ist: Das ist Kirche!

Dieses Gottesvolk ist unterwegs und steht immer vor dem Aufbruch ins Ungeahnte. Doch dieser Aufbruch ins Ungeahnte muss uns nicht ängstigen: Wir dürfen uns erinnern lassen: „Warum ist diese Nacht eine besondere Nacht, anders als alle anderen Nächte?“ Weil Gott seit Menschengedenken mit seinem Volk unterwegs ist und weil auch wir durch Jesus Christus Teil dieses Volkes sind.

Dieser Jesus Christus will unter uns gegenwärtig sein: In seinem Wort und im Heiligen Abendmahl, das wir jetzt miteinander feiern. Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er wiederkommt in Herrlichkeit.

AMEN


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