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Zwischen Nachgeburt und Nabelschnur: Gott ist Mensch geworden

Predigt über Galater 4, 4-7 am 25.12.01 in Bernhausen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Der Predigttext zu diesem ersten Christfesttag steht in Galater 4, 4-7: Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die - die unter dem Gesetz waren - erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen. Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsere Herzen, der da ruft: "Abba, lieber Vater!" So bist Du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind, wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.

 

Kanzelgebet

Herr,

Dein Wort

macht das unmögliche möglich.

Darauf vertrauen wir.

So segne Dein Wort an uns,

auch wenn es nur

durch meine schwache Stimme

weitergeben wird.

AMEN

 

 

Liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus. Eine Geburt ist ein extrem eindrückliches Geschehen. Schmerz und Freude, Angst und Hoffnung, unermessliche Zerbrechlichkeit und neues Leben liegen direkt neben einander, wenn das Kind aus dem Bauch der Mutter herausgepresst wird. Und ein solches Ereignis dazu noch irgendwo in Stroh und Dreck, Fruchtwasser und Blut: Das feiern wir heute.

 

Nur wer sich bewusst macht, was eine Geburt ist, was sie bedeutet, wie gefährlich sie ist - und welch ein kleines, zerbrechliches Bündel ein Neugeborener ist, hat die Chance, Weihnachten zu entdecken. Dies gilt unabhängig davon, ob wir selber ein Kind geboren haben, bei einer Geburt dabei waren oder nur die Bilder und Berichte kennen: Wenn wir so grundlegend nach der Geburt eines Menschen fragen, können wir das verstehen, was Luther in der derben Sprache seiner Zeit so übersetzte: "Geboren von einem Weib." Wenn wir das wirklich ernst nehmen, dann können wir Staub, Goldflitter und Puderzucker von diesem Fest wegblasen. Dann können wir neu entdecken, was das heißt: Gott ist Mensch geworden: Als zerbrechlicher, neugeborener Säugling, Blut verschmiert, mit Nabelschnur und Nachgeburt lässt sich der Gott, der das Universum geschaffen hat, auf uns ein. Er tut dies, weil für ihn der Zeitpunkt gekommen ist, der richtige Augenblick ist, den Menschen eine Brücke zu bauen. Er geht hinein in unser Dasein, noch dazu in eine Stadt, die Stadt Bethlehem, die damals in der Zeit der römischen Besetzung Palästinas ebenso Ort menschlicher Niederungen war wie heute: Vielleicht würde Jesus heute irgendwo zwischen Wellblechbaracken in einem halbierten Benzinfass liegen. Vielleicht läge er zwischen schießenden Kämpfern von Dschihad und Hamas auf der einen und feuernden israelischen Panzern, die alles platt walzen, auf der anderen Seite.

 

So kommt der Jesus Christus zur Welt, der für uns die grundlegenden Wende unseres Lebens sein will und sein kann. Die Niederungen menschlichen Lebens, in die sich Gott gerade in einem solchen ebenso tiefen wie faszinierenden Geschehen wie einer Geburt hineinbegibt, haben bereits kurze Zeit nach der Ausbreitung des Christentums dazu geführt, dass Theologen sagten: "Jesus ist erst nachträglich, als Erwachsener von Gott adoptiert worden." Andere sagten: "Dies alles ist nur scheinbar gewesen, doch Gott hat seine Göttlichkeit nie verlassen." Nein! Gerade der Satz unseres heutigen Predigttextes: "Geboren von einer Frau" - "Vom Weibe geboren" unterstreicht die Glaubenserkenntnis der Väter und Mütter des Glaubens, die der Württembergische Katechismus nach Luther und Brenz 1696 so zusammenfasst, wie es auch in unserem Gesangbuch nachgelesen werden kann:

 

"Ich glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr." Diese Glaubenserkenntnis wurde übrigens bereits auf dem ökumenischen Konzil in Chalkedon (451) festgelegt.

 

Nur deshalb ist Weihnachten wichtig, denn auch wenn unsere Gesellschaft ein riesengroßes Trara um dieses Fest macht: Ein Kind in der Krippe und ein paar Engel, die Gott loben und preisen, sind noch keine Wende im Verhältnis Gottes zu den Menschen.

 

Erst das Leben Jesu, sein Tod und seine Auferstehung lassen im Nachhinein erkennen, welch epochemachendes Ereignis wir feiern. Weihnachten an sich ist so unwichtig, dass es das Markus-Evangelium kurzerhand weglässt, während Johannes in den großartigen Hymnus einstimmt, den wir eingangs gebetet haben: "Im Anfang war das Wort ... und das Wort ist Fleisch geworden ... und wir sahen seine Herrlichkeit."

 

Dieser Jesus Christus, dieser Sohn Gottes, er lebte unter uns, unter den selben Spielregeln und Maßstäben - bis hin zum Tod am Kreuz. So geht Gott mit uns, um uns aus der Welt Gesetzes zu befreien. Der Gott mit uns, der Immanuel, Jesus Christus führt uns aus dem Land des Gesetzes in die Freiheit der Gotteskindschaft, so wie Moses das Volk Israel aus Ägypten führte. Das klingt erst einmal sehr nach theologischer Sprache Kanaans. Doch es ist ein immenser Unterschied, ob unser Verhalten geprägt ist durch gesetzliche Vorschriften oder durch Beziehung. Es ist ein Unterschied, ob ich ständig mit Buchstaben ringen muss, weil ich bestraft werde, wenn ich mich nicht an sie halte.

 

Oder wenn ich dieses tue und jenes lasse, weil ich in einer Beziehung lebe. Das gilt in der Kirchengemeinde und Landeskirche, das gilt in der Ehe, das gilt in der Familie, das gilt in Staat und Gesellschaft, das gilt gegenüber Gott. So bietet Gott selber uns Beziehung an: Er will uns als Kinder annehmen, in dem er in unsere kleine Welt hinein kommt. Diese Beziehung beschreibt Paulus in seinem Brief an die Galater mit einem Wort: ABBA. Das Wort ist so wichtig für ihn, dass er es in der Sprache Jesu, im Aramäischen, als Fremdwort in seinen griechischen Text mit hineinnimmt und dann übersetzt: der Vater. Paulus hat hier offensichtlich selber die Grenzen des Griechischen erkannt. Denn das Hebräische und das Aramäische als hebräischer Dialekt unterscheiden zwischen dem gestrengen Patriarchen, dem AV, und dem ABBA. Wie auch bei uns "Pa-pa" oder "Ma-ma" ist AB-BA ein frühkindlicher Lall-Laut. Entschuldigt, dass ich hier noch einmal wie bei der Geburt ins Detail gehe. Aber ohne diese Details geht gerade an uns verkopften Menschen der Neuzeit die biblische Botschaft vorbei: Wir dürfen zu Gott kommen so wie ein Kind mit vielleicht anderthalb oder zwei Jahren, dass auf den Füßen stolpernd zum Vater rennt und "Papi, Papi" ruft. Völlig voller Vertrauen, ohne jede Vorbedingung. Dies ist sicher nur eine Art Gott zu entdecken, zu beschreiben, ihn einzuladen.

 

Es gibt auch den großen, den immensen Schöpfer-Gott. Es gibt den Gott, der sich von uns abzuwenden scheint. Es gibt den Gott, der zuzuschauen scheint, wenn Flugzeuge ins World-Trade-Center stürzen oder wenn ein Erbeben Abertausende tötet. Auch hier gilt der Vergleich: Ein Vater oder eine Mutter werden vieles tun, was den Kindern sehr fremd vorkommt. Manches davon ist Erziehung, manches spielt sich in Bereichen etwa im Berufsleben ab, die ein Kind einfach nicht versteht. Doch das Christfest heißt, dass wir immer so bedingungslos wie ein Kind zu Gott kommen dürfen und Gott selbst legt uns durch seinen Geist die rechten Worte in den Mund.

 

Das hat Folgen: Wir können sie beispielsweise im Umgang mit den Zehn Geboten deutlich machen: Wir können nämlich rein sprachlich genauso übersetzen: Du sollst nicht und du wirst nicht. Befreiung vom Gesetz dadurch das wir Gottes Kinder sind: Das ist der Weg vom "Du sollst nicht" zum "Du wirst nicht": Wer Gottes Kind ist, der handelt anders - weil er eine Beziehung zu Gott hat. Damit sind wir auch von mancher Absurdität befreit, in die eine Gesetzlichkeit führen kann, denn nicht jeder Zusammenhang lässt sich durch Gesetze regeln:

Wer in Afghanistan Krieg führt tötet, wer dort keinen Krieg führt tötet, in dem er Terroristen weiter töten lässt.

Wer die Globalisierung fördert, treibt Menschen insbesondere in der Dritten Welt und in sozial schwachen Kreisen in die Not.

Wer einen Ausstieg aus dem System Weltwirtschaft fordert, der riskiert den Zusammenbruch der Wirtschaft mit vielleicht noch schlimmeren Folgen. Wem eine Frau erzählt, dass sie regelmäßig geschlagen wird, dies mit der Vorgabe, es niemandem weiterzuberichten, liefert sie weiter der Gewalt aus, wenn er nicht zur Polizei geht. Wer statt dessen eine Anzeige gegen den Mann erstattet, zerstört vielleicht das einzige Vertrauen, dass sie hat. Dies sind nur drei Beispiele dafür, dass es Grenzen gibt, an denen Gesetze einfach nicht mehr greifen.

 

Jesus hat uns dies im Zusammenhang seiner Zeit deutlich gemacht, etwa beim Umgang mit dem Sabbat, dem Feiertag. In solchen Zielkonflikten helfen die Gesetze nicht. Es hilft aber, dass wir Gottes Kind sind, dass er mit seinen Maßstäben mitträgt. Es hilft, dass wir in dem Vertrauen handeln oder nicht handeln, dass er als Vater Dinge wieder gerade biegen kann und uns Fehler vergibt.

 

Es gibt heute viele Christen, die das Armbändchen W W J D tragen: "What would Jesus do?" Die sich so immer wieder die Frage stellen: "Was würde Jesus tun". Ich möchte niemandem zu nahe treten. Doch ich persönlich halte diese Frage für überzogen. Erstens: ich bin nicht Jesus, ich bin nicht Gott. Zweitens:

 

Wenn ich mir diese Frage stelle und beispielsweise nach Afghanistan schaue: Ich könnte relativ leicht sagen, was er nicht täte: Jesus säße nicht im Kampfflugzeug oder wäre Soldat vom Komando Spezialkräfte KSK. Und er würde auch gewiss nicht sagen: Haltet ihr anderen eure Backe hin, damit ich meine moralische Unversehrtheit bewahren kann. Trotzdem möchte ich nicht ausschließen, dass ein Christ in dieser Situation den Auftrag hat, ein Kampfflugzeug zu fliegen. Ich möchte statt dessen unserem Predigttext eine andere Frage entnehmen: "Was heißt es, Gottes Kind zu sein?"

 

Nicht Knechte, sondern Kind Gottes sind wir also. Was dies heißt, hat der Dichter Theodor Storm knapp und passend ausgedrückt:

 

Der Eine fragt: Was kommt danach?

Der Andre fragt nur: Ist es recht?

Und also unterscheidet sich

Der Freie von dem Knecht.

 

Als freie Kinder sind wir aber zugleich ‚Erben' Gottes. Doch was um Himmels Willen sollen wir bei Gott erben? Die Bibel redet in der Sprache ihrer Zeit vom Königsreich Gottes. Damit ist der Wirkungsbereich Gottes gemeint und der reicht in der Sprache unserer Zeit - Einstein hin - Hawking her - über die Grenzen dieses Universums, über die Grenzen der Raumzeit und damit über das Ende unserer Existenz in dieser Welt hinaus. Was für ein Erbe! Wir dürfen teilhaben an der Existenz Gottes, die über die Grenzen des Universums, über seinen Anfang vor Milliarden Jahren und über sein wie auch immer geartetes Ende hinausragt. Das gibt allerdings die Frage "Was heißt es, Gottes Kind zu sein" noch einmal neu zu entdecken: Die Freiheit eines Christenmenschen ist die Freiheit, dass wir nicht auf unser bisschen Leben fixiert sind. Das führt dann allerdings zu neuem Handeln.

 

Ich habe kürzlich die Chronik eines CVJM in den Händen gehabt: 1939 heißt es da: "Beim Vorstand fanden keine Bibelabende mehr statt. Trotz behördlicher Verbote kamen die Jungendgruppen noch bei einem Mitglied zusammen, der ihnen Bibelarbeit gab. Es bestand noch eine Jugendgruppe 10-14 jährig mit 25 Mitgliedern und eine ältere Gruppe 14-18 jährig mit 15 Mitgliedern." Selbst 1944 hatten die Gruppen noch insgesamt 30 Mitglieder, die sich im Verborgenen trafen. Wir wissen alle aus eigener Erfahrung oder aus der Geschichte, welches Risiko mit diesem Handeln verbunden war. Doch das Vertrauen auf die kommende Welt, die Gotteskindschaft, machen Menschen im Großen und Bekannten wie im Kleinen und Verborgenen zu solchen Taten fähig. Wer zu Gott wie ein kleines Kind "Papa" sagt, wer entdeckt, dass er Kind Gottes und nicht Knecht ist, wer sich zur Verantwortung und nicht zum Gesetz gerufen weiß, wer weiß, dass sich Gott für Ihn in der Krippe ganz klein gemacht hat, der kann - wo ihm der Sturm ist Gesicht bläst - darauf vertrauen, dass Gott das letzte Wort hat. Dieses letzte Wort wurde in der Geschichte von Jesus Christus auch nicht an Weihnachten sichtbar. Es wurde nicht in all den Auseinandersetzungen und Wundern in Jesu Leben gesprochen. Es wurde nicht am Kreuz gesprochen. Erst von der Auferstehung her können wir all das Geschehene in seiner Bedeutung entdecken. So können wir auch nur zu einem einzigen Weg einladen: Nur zu Jesus Christus.

 

Und dies alles, nur weil da ein Säugling blutig zwischen Nachgeburt und Nabelschnur in einem zugigen, kalten Stall lag. Das ist das Geheimnis von Weihnachten, das wir heute feiern - trotz Kaufhäusern, Tannenbäumen, überfüllten Postämtern, ständiger Dauerberieselung aus Lautsprechern, Jahresendspurt im Büro, ständiger Fahrdienste für die Kinder zu irgendwelchen Krippenspielen, glühweinwabernden Weihnachtsmärkten mit Einheitsbretterbuden, überüberfülltem Terminkalender, unerträglich kitschiger Fernsehsendungen und besonders für Christen, Stress in der Kirchengemeinde. Denn Gott ist uns nahe gekommen, mitten im Alltagsleben.

 

Es war einmal ein Mann, der erfuhr, dass Gott zu ihm kommen wollte. "Zu mir", schrie er entsetzt. "In mein Haus?" Er rannte durch alle Zimmer, er lief die Stiegen auf und ab, er kletterte zum Dachboden hinauf, er stieg in den Keller hinunter. Er sah sein Haus mit anderen Augen. "Unmöglich! In diesem Saustall kann man keinen Besuch empfangen. Alles verdreckt. Alles voll Gerümpel. Kein Platz zum Ausruhen. Keine Luft zum Atmen." Er riss Fenster und Türen auf: "Freunde", rief er, "helft mir aufräumen - irgendeiner! Aber schnell!" Er begann sein Haus zu kehren. Durch dicke Staubwolken sah er, dass ihm einer zu Hilfe gekommen war. Sie schleppten das Gerümpel vors Haus, schlugen es klein und verbrannten es. Sie schrubbten Stiegen und Böden. Sie brauchten viele Kübel Wasser, um die Fenster zu putzen. Und immer noch klebte der Dreck an allen Ecken und Enden. "Das schaffen wir nie," schnaufte der Mann "Das schaffen wir", sagte der andere. Sie plagten sich den ganzen Tag. Als es Abend geworden war, gingen sie in die Küche und deckten den Tisch. "So", sagte der Mann, "jetzt kann er kommen, mein Besuch, jetzt kann Gott kommen. Wo er nur bleibt?" "Aber ich bin ja da!", sagte der andere und setzte sich an den Tisch. "Komm und iss mit mir!"

 

AMEN

 


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