Ökumene ist der Versuch einer gelebten Antwort auf den biblischen Auftrag der Christen zur Einheit

oekumene.net - das Ökumene-Netz

   Suchen      Service & Kontakt      Gästebuch      Impressum   





Mehr als ein Happy End im Film

Versöhnung fängt in den Familien an

Predigt über Genesis/1. Mose 50,15-21 in der evangelischen Kirche Öschingen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Genesis/1. Mose 50,15-21 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten. Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

 

Liebe Gäste, liebe Gemeinde, das ist ja noch schöner als Rosamunde Pilcher. Sex and Crime, der Mordversuch, die aus sexueller Gier vorgetäuschte Vergewaltigung und schließlich das Happy End. Schöööön. So richtig was fürs Herz. Und zum Schluss stehen zwei Pyramiden in der Abenddämmerung, eine Gruppe von Kamelen reitet in die untergehende Sonne, die Schrift mit den Namen der Schauspieler erscheint, der Vorhang fällt und wir gehen mit einer Träne der Rührung im Knopfloch nach Hause. Und BILD titelt: „Versöhnung im Haus des Ministerpräsidenten“. Ach wie schön.

 

Liebe Gäste, liebe Gemeinde, wir werden überflutet mit künstlichen Gefühlen aus Hollywood und Babelsberg. Wir sind auch als Erwachsene oft noch geprägt von dem für Kinder so sinnvollen erzählerischen Umgang mit alttestamentlichen Texten. Und auch die Art, wie die Medien auf die Dramen der Menschlichkeit bei den Reichen und Schönen reagieren, kann uns den Blick auf die Wirklichkeit verstellen. Und so blicken wir gerade auf die Berichte in den ersten Büchern der Bibel zu leicht mit einer rosaroten Brille:

Ach wie schön – und doch zu kurz. Viel zu kurz. Ich möchte keiner der Hauptpersonen in dieser Geschichte sein. Ich möchte nicht in einem Brunnen auf den Tod warten oder in einem altägyptischen Gefängnis um mein Leben bangen. Und ich möchte auch nicht vor dem zweitmächtigsten Ägypter der damaligen Zeit niederknien, wohl wissend, dass er mir aus einer Laune heraus den Kopf abschlagen kann – und dazu auch allen Grund hätte. Denn bei unserem heutigen Predigttext geht es um Leben und Tod.

 

Und nicht nur dort: Streit in der Familie bis aufs Messer bestimmt das erste Buch der Bibel - angefangen bei Kain und Abel. Und auch Jakob erreicht den Segen nicht gerade mit fairen Mitteln, als er den blinden Isaak auf Kosten seines Bruders Esau überlistet. Zugleich wird ihm von Laban erst Lea als Frau verpasst, bevor er seine geliebte Rahel heiraten darf. In diesem Umfeld lässt Gott sein Volk wachsen. In Familien, die sich verhalten wie Räuberbanden, die einmal zusammenhalten, ein andermal einander bis aufs Blut bekämpfen. Unter Menschen, die alles sind, nur kein Vorbild. Dort beginnt ein Weg, der über das Volk Israel, über Leben, Tod und Auferstehung von Jesus Christus bis zu uns führt. Welch eine Aussicht für uns, dass Gottes Volk kein Volk der perfekten Hollywood-Helden, sondern ein Volk der Sünder ist. Denn dann kann es auch für mich bei Gott einen Platz geben, wie es einen für Jakob, den Betrüger gab.

 

Ausgerechnet die Frau, die er liebt, bekommt keine Kinder. Jakob kennt das Gesetz der Steppen und Wüsten: Nur wer Nachkommen hat, sichert die Zukunft – was auch in den Wüsten der modernen Gesellschaft Gültigkeit hat. So zeugt er Kinder mit Lea, mit Rahels Magd Bilha, mit Leas Magd Silpa, darunter 10 Jungen – die Mädchen zählten damals nicht. Und Rahel ist todtraurig, weil sie keine Kinder bekommt. Endlich, endlich gebiert die einzige Frau, die Jakob liebt, Nachwuchs: Josef. Und der wird mit der ganzen Liebe des so lang ersehnten Wunschkindes überschüttet – und ist dem entsprechend verzogen und hochnäsig. Ja er bricht mit der klaren Ordnung seiner Umwelt und posaunt lauthals seinen Anspruch hinaus, dass er der Chef der Sippe sein will – obwohl er Nummer elf ist.

 

Die meisten von uns, die mehrere Kinder haben oder selber mit Geschwistern aufgewachsen sind, kennen die Hackordnung in der Familie. Und sie kennen den Tanz, den die Jüngsten aufführen, wenn sie alle Rechte der älteren Geschwister beanspruchen. Zugleich erwarten diese aber, dass sie nur die Pflichten ihres Alters haben. Und dafür, dass sie mit Vielem einfach noch überfordert sind, haben sie gar kein Verständnis. Doch wo Eltern in der Erziehung nicht den Entwicklungsstand der Kinder berücksichtigen, ist das Chaos vorprogrammiert. Und wo ein Kind verhätschelt und mit Geschenken überhäuft wird, wächst bei den anderen der Hass.

 

So auch in Jakobs Patchwork-Familie. Und die Wut wächst, als der siebzehn Jahre alte Josef ganz nach dem altersgemäßen Motto: „Die Welt gehört mir“ auch noch von seinen Träumen berichtet, davon, dass sich die Geschwister vor ihm verneigen. So folgt eins aufs andere: Der Mordanschlag auf Josef, als er die Geschwister beim Vater verpetzen soll. Dem Tod entgeht er nur, weil der älteste Bruder Ruben einen Rest an Vernunft und Verantwortungsbewusstsein behält. Die Sklaverei. Der Aufstieg des begabten und selbstsicheren jungen Mannes im Hause Potifars. Die vorgetäuschte Vergewaltigung und der Absturz ins Gefängnis. Der erneute Aufstieg des inzwischen auch lebensklug geworden Josef zum Ministerpräsidenten des Pharao. Jener erkennt, dass Gottes Geist dem Hebräer Weisheit verliehen hat. Aus dem rotzfrechen Beduinen-Jungen wird der geachtete und kluge zweite Mann eines Großreiches.

 

Und die Narben des Erlebten wie die Erfahrung, dass Gott es gut macht, lassen ihn reifen. So denkt er nicht an Rache, als seine Brüder in der Not nach Ägypten kommen. Es kommt zur Versöhnung, nach dem er miterlebt hat, dass seine Brüder etwas aus dem Geschehenen gelernt haben. Und diese Versöhnung hält auch über den Tod des Patriarchen Jakob hinaus. Eine blutige Geschichte nimmt ein gutes Ende, doch ein Happy End ist es nicht: Gerade unser Predigttext zeigt, dass die Angst vor den Folgen der Schuld noch in den Herzen der Brüder wohnt. So kann Josef noch einmal wahre Größe zeigen und über die schuldgeplagte Kleingeisterei der Brüder weinen. Ein besseres Ende wäre kaum denkbar gewesen – und doch: Auch gut verheilte Narben bleiben, denn Schuld aneinander hinterlässt Spuren.

Liebe Gemeinde: Schuld hat Folgen – auch unter uns. Um das zu erkennen, brauche ich kein gläubiger Mensch zu sein. Und diese Folgen sind am stärksten dort gegenwärtig, wo wir am engsten zusammenleben: In der Familie zwischen den Eheleuten, unter Geschwistern, zwischen Jung und Alt. Und in der Gemeinde, dort wo wir im täglichen Nahkampf stehen, wo Gemeinde manchmal davon geprägt ist, welche Kinder sich vor fünfzig Jahren schon in der Schule verprügelt haben.

 

Es gibt wohl kaum einen Menschen, der sich nicht ein anderes, ein gutes Miteinander wünscht. Und doch: Ich weiß nicht, wie es in der Gemeinde und den Familien in Öschingen konkret aussieht. Doch ich kenne keinen Ort, keine Gemeinde, keine Familie, in der das menschliche Miteinander so abläuft, wie wir das eigentlich wünschen und wie es den Träumen der Kinoleinwände und Fernseh-Mattscheiben, der Liebesromane und der Frauenzeitschriften entspricht.

 

Gerade im persönlichsten Miteinander – sei es in Ehe und Familie, sei es noch viel mehr in all jenen unverbindlichen Beziehungen für eine Nacht – wird deutlich: Wir werden – auch trotz bester Vorsätze – aneinander schuldig. Dies gilt selbst da, wo überhaupt kein Egoismus sichtbar wird, wenn einer sich für den anderen aufopfern will – und der andere dies gar nicht möchte. Dies gilt, wo wir automatisch in Rollen hineinrutschen als der Vater, die Mutter, der Große, der Kleine, der zwischen allen Stühlen sitzt, der Ernährer, die treu sorgende Hausfrau, der moderne Mann, der je nach Bedarf sanft und verständnisvoll und dann wieder stark sein soll. Die moderne Frau ganz emanzipiert und berufstätig, aber eben doch diejenige, die schwanger wird, Kinder gebiert, stillt und zu ihnen eine andere Beziehung hat, als ein Mann. Und wir merken, dass diese Rollen ein Stück von unseren Lebensmöglichkeiten abschneiden, in sich widersprüchlich oder mit der anderer Familienmitglieder nicht vereinbar sind.

 

Doch das größte Problem sind Ehrenkäsigkeit, Kleinkrämerei und Aufrechnerei. Wegen welcher Kleinigkeiten kann in Familien tödliches Schweigen herrschen, welche Streitigkeiten, die Jahrzehnte zurückliegen, werden mit ganzer Kraft gepflegt. Und wo die großen Verletzungen hinter uns liegen wie Ehebruch oder völlige Ablehnung eines Menschen, da wird so getan, als wäre nichts gewesen.

 

Es gibt keine Standardlösungen – manches braucht Zeit zur Heilung, manches braucht Worte und vor anderen Wunden können wir nur stehen bleiben. Doch es gibt immer eine Ursache: Menschliche Schuld. Und meist verteilt sie sich – wenn auch oft in unterschiedlichem Maß – auf alle Beteiligten. Auch hier ist die Familie nur wieder das Musterbeispiel für etwas, was alle Lebensbereich trifft.

 

Unvergebene Schuld kann sich wie eine zentnerschwere Last auf die Seele legen. So sehr, dass man unter ihr kein glücklicher Mensch und also seines Lebens nicht mehr froh wird. Vielleicht und hoffentlich nicht so dramatisch wie bei Josef und seinen Brüdern mag das für eine jede und einen jeden von uns zutreffen: dass da an irgendeinem Punkt des Lebens ein Mensch aufgetaucht ist, dem gegenüber wir so schuldig geworden ist, dass schon die Erinnerung für Bauchweh sorgt. Irgendwann ist dieser Mensch wieder untergetaucht. Die Lebenswege haben sich getrennt. Aber die Erinnerung an ihn taucht immer wieder auf und raubt einem den den Atem. Wie viel Streit, wie viel Verstummen, wie viel Schuld geht so auf mancher Beerdigung mit ins Grab. Und wie sehr wünschte man sich gerade dann, dass es doch noch zu einer Versöhnung gekommen wäre. Denn unvergebene Schuld quält.

 

Unter uns schreit so viel nach Versöhnung. Noch immer ist der äußeren Einheit unseres Landes die innere nicht wirklich gefolgt. Bei allem Verständnis für die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte muss sich das Arbeitslosengeld II um einen fairen Ausgleich zwischen Arm und Reich bemühen. Noch immer schreit die Schuld der Stasi nach Versöhnung zwischen Tätern und Opfern. Israelis und Araber schreien nach Versöhnung. Der Bericht von Josef und seinen Brüdern macht deutlich, dass Schuld und Versöhnung Teil des ganzen Lebens mit all seiner Geschichte und seinen Facetten sind. So muss Versöhnung mehr sein als bloßes Reden oder die Dinge auf sich beruhen lassen.

 

Und doch: Auch wenn wir all dies wissen, setzt die Schuld Grenzen. Grenzen, die wir in unserer Begrenztheit nicht ohne Hilfe überwinden können. Wie gut, wenn einer sagen kann: Ihr gedachtet es böse zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen. Denn wo wir uns auf den Weg mit Gott machen, überwindet Versöhnung Grenzen, die wir aus eigener Kraft nie überwinden.

 

Mir selbst ist dies nie so deutlich geworden wie bei einer Reportage, zu der ich 1988 in Polen recherchiert habe. Damals traf ich über polnische Freunde einige Untergrundaktivisten von Solidarnosc. Doch die bewegendste Begegnung war die mit dem Franziskaner-Pater Hieronymus Wierzba im Kloster Niepokalanow. Er war der letzte Sekretär von Maximilian Kolbe, der im Juli 1941 in Auschwitz sein Leben für das eines Familienvaters anbot, der im Rahmen einer Vergeltungsaktion hingerichtet werden sollte. Kolbe wurde also in den Hungerbunker gesteckt. Nachdem die anderen neun Leidensgenossen schon verhungert waren, Kolbe aber noch wenige Lebenszeichen von sich gab, verabreichte der Lagerhenker ihm schließlich eine Giftspritze, was den endgültigen Tod bedeutete. Pater Hieronymus hatte vieles vom Leidensweg Kolbes persönlich miterlebt. Trotz dieser grausamen Erfahrungen mit Deutschland bin ich in Polen nie von einem Menschen herzlicher empfangen worden.

 

Er lebte aus der Kraft Gottes. Denn der Weg Gottes führt über Kain und Abel, Jakob und Josef zu Jesus Christus. In ihm kam Gott selbst herunter bis ans Kreuz, um dann in der Auferstehung der Versöhnung ein völlig neues Gesicht zu geben.

 

Er möchte uns zu dreierlei ermutigen:

 

- Dass wir zur Versöhnung bereit sind, wo Schuld an uns geschehen ist und bekennen: Ihr gedachtet es böse zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen.

 

- Dass wir bereit sind, unsere Schuld einzugestehen – wo möglich, jenen gegenüber, an denen wir schuldig geworden sind, immer aber gegenüber Gott, der uns die Schuld von den Schultern nehmen möchte.

 

- Und schließlich: Dass wir aufhören, uns gegenseitig die Schuld kleinlich aufzurechnen: In der Familie, in der Gemeinde aber auch in der Gesellschaft und zwischen den Völkern.

 

Damit wir von Herzen beten können: Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

 

Denn Gott hat uns zuerst vergeben.

 

AMEN

 


Copyright

© Copyright: Jörg Beyer, D 72072 Tübingen: Die Weitergabe des unveränderten Textes einschließlich dieses Copyrights und der E-Mail-Adresse mail@oekumene.net sowie der Homepage-Adresse 'http://oekumene.net' als Ausdruck oder per E- Mail zu nicht kommerziellen Zwecken ist ausdrücklich erwünscht. Ebenso erwünscht ist die Schaltung von Links auf die Homepage oekumene.net und auf diese Seite. Jegliche andere Verwendung - insbesondere auch die Veröffentlichung des Textes auf Homepages im Internet - bedarf der schriftlichen Genehmigung.



Einige persönliche Hinweise zu allen Predigten dieser Homepage








Impressum + Haftungsauschluss
E-Mail
© 1999 - 2012 Beate und Jörg Beyer