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Geheiligt werde Dein Name: Was ist uns heute noch heilig

Predigt über Mt. 6,9 b am 13.2.2000 in Derendingen

Liebe Derendinger Gemeinde, liebe Gäste,

 

"Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß." So singt der böse Kobold im gleichnamigen Märchen der Gebrüder Grimm. Und in der Tat: Die Prinzessin hat diesem Wesen ihr Kind versprochen und die einzige Chance, ihr Kind zu retten, ist der Name des Kobolds. In letzter Sekunde erfährt sie ihn, nennt ihn und das Märchenwesen zerreißt sich selbst. Das Kind ist gerettet.

 

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn: Eines hat der Volksmund begriffen, den die Grimms mit ihren Märchen niedergeschrieben haben: Wer das böse beim Namen nennt, nimmt ihm die Macht - und, ich möchte es hinzufügen - wer Gottes Namen heiligt, erkennt seine Macht. Name ist eben nicht Schall und Rauch.

 

So ist der Name etwas ganz entscheidendes, wenn ich mit einem gegenüber in Kontakt treten will. Es ist eben ein Unterschied, ob ich sage: "Sie da, in der dritten Bankreihe links außen" oder ob ich sage: "Der Herr da, so Mitte 50, der mit den lila Haaren" oder ob ich sage "Herr Müller" oder ob ich "Siegfried" oder sogar Siggi rufe.

 

Jede dieser Bezeichnungen drückt zweierlei aus: Sie bezeichnet jedes Mal die selbe Person, beschreibt aber ein völlig unterschiedliches Verhältnis: Einmal ist mir der entsprechende Mensch unbekannt, einmal fällt er mir wenigstens durch seine lila Haare auf, dann kenne ich ihn, habe aber Distanz. Schließlich sind wir per Du und zum Schluss herrscht zwischen uns sowenig Distanz, dass ich sogar den Spitznamen gebrauche. Dazu kommt noch, mit welcher Stimme ich rede, welche Worte ich drumherum gebrauche.

 

Genauso ist es auch mit Gott: Wenn wir beten, dass sein Name geheiligt werde, dann müssen wir erst einmal überlegen, was es mit dem Namen auf sich hat. So drückt sich im Namen Gottes, in der Tonlage und im Zusammenhang aus, in dem wir Menschen über Gott reden aus, was wir von ihm verstanden haben. So ist es ein Unterschied, ob ich sage "O Gott, jetzt ist mir doch grad die Straßenbahn weggefahren" oder ob ich fast schreie "oh mein Gott, wie lange soll das Blutvergießen in Tschetschenien noch weiter gehen."

 

Gott hat viele Namen in der Bibel, gerade wenn wir ihn als Vater, Sohn und Heiligen Geist entdecken. Ich möchte drei herausgreifen: Gott, JHWH und Vater.

 

"Gott" das ist das heute in unserer Gesellschaft oft nur dahingemüllte Wort dafür, dass es da 'ebbes' gibt, wie der Schwabe sagen würde. Das ist der Gott der Ringparabel, in der der Aufklärer Lessing knapp formuliert zu Christen, Juden und Moslems sagt: Es ist doch eh alles dasselbe. Das ist der Gott, von dem man oder frau angeblich auch etwas spürt, wenn ein Duftlämpchen angezündet wird oder aus dem Lautsprecher des CD-Players diffus wabernde Sphärenklänge quellen. Und das wird dann auch noch von manchen Leuten mit dem Wort Ökumene bezeichnet, ein Wortmissbrauch für einen Begriff, der nur die Gemeinschaft der Christen trifft. Kurz: 'Gott', das zeigt eigentlich, sofern keine anderen Begriffe und Erklärungen dazukommen, auf eine sehr große Distanz.

 

Im Ersten Testament stellt sich Gott dagegen vor als "Ich werde sein, der ich sein werde", zugleich aber auch als der Gott der Väter, als einer der eine verbindliche Beziehung hat, dessen Name JHWH den Juden aber so heilig war, dass sie ihn noch nicht einmal zu nennen wagten. Und doch: Dieser JHWH, der auch einfach mit adonai, mit Herr, angeredet wird, er ist ein ganz konkretes Gegenüber: Es ist der Gott, der sein Volk aus der Gefangenschaft in Ägypten geführt hat. Er will verbindliche Gemeinschaft, den Bund - und doch ist er ein Gott, der vor allem Angst macht, da der Mensch nie in der Lage ist, seinen Anforderungen Stand zu halten. Das gilt auch für uns: Gott ist eben nicht der liebe Tattergreis mit Bart, er kann uns sehr fremd, sehr harsch begegnen. Und er lässt sich von uns nicht fassen: Eben: "Ich werde sein, der ich sein werde"

 

Und es bleibt für uns Christen noch ein anderes Wort: Vater. Es ist der Name, den die Bitte "Geheiligt werde Dein Name" voraussetzt. Denn "Vater unser im Himmel" steht in all seiner Provokanz davor. Gerade angesichts des harschen Gottes JHWH ist es doch eigentlich eine Frechheit, die wir uns mit dem Vater Unser herausnehmen. Alleine mit der Einleitung 'Unser Vater', im ursprünglichen Aramäisch, der Sprache Jesu, sogar 'unser lieber Papi', können wir doch nur ins Fettnäpfchen treten - und dieser Name soll heilig sein?

 

Da verrecken die Menschen auf dem Schlachtfeld und in den KZs in Tschetschenien oder im Sudan, da zerfrisst - vielleicht sogar in unserer Nachbarschaft - der Krebs oder die Multiple Sklerose einen Menschen, und wir reden vom lieben Papi im Himmel - und dieser Name soll heilig sein?

 

Da kämpfen Frauen um Gleichberechtigung - und wir nennen den Namen 'Vater' - und dieser Name soll heilig sein?

 

Da leiern wir Christen nur allzu oft liturgisch-routiniert das 'Vater Unser' und wir wagen es trotz allem noch in dieser Routine mit dem großen, routiniert zerredeten Gott zu reden, wie mit einem Vater? Nein, selbstverständlich kann es nicht sein, dass wir am Ende des 20. Jahrhunderts sagen: Vater: Dieser Name ist heilig.

 

Vater, dieser Name ist vielmehr Bild für ein Verhältnis - erst einmal zwischen Gott und Jesus - in das Jesus seine Jünger und Nachfolger mit hinein nimmt. Das bedeutet wiederum nicht, dass eine Frau, eine Mutter, nicht auch diese Eigenschaften haben kann. Weibliche Eigenschaften sind bei Gott also gewiss nicht ausgeschlossen, Begriffe wie männlich und weiblich, die Maßstäbe des Geschlechtlichen, versagen einfach vor der Größe Gottes, vor dem der sein wird wie er sein wird.

 

Das aber der Papi, nicht die Mami genannt wird, zeigt einerseits, dass gegenüber dem Gott, den Jesus uns nahe bringt, nicht die emotionale Bindung durch Geburt und Stillen, nicht diese Nähe zur Mutter besteht. Andererseits ist die Anrede Papi weit jenseits von Patriarchat und Chauvinismus. Auch wenn sie Strenge im Verhältnis Gottes zu den Menschen nicht ausschließt, ist sie mit der verzweifelten Strenge eines Vaters unter uns zu vergleichen, der sein Kind davon abhält, bei Rot über eine stark befahrene Straße zu rennen: Sie ist wie auch bei der Mutter von Liebe, Liebe und nochmals Liebe getragen: Dieser Vater ist eine liebe Macht, aber eben auch Macht. Doch was an Strenge bleibt, ist nur die allernötigste Strenge.

 

Darin liegt der Unterschied zum Verständnis des Ersten Testamentes, wo im Hebräischen noch von Vater, dem distanzierten ´av´ die Rede, nicht vom ´abba´, dem ganz nahen Papi. Jesus zeigt uns also einen Wechsel des heiligen Namens vom Vater, dem Patriarchen, dem Herrscher in der Großfamilie, distanziert, gefürchtet und geliebt zugleich zum Papi. Aus dem fernen Gott wird durch dieses Gebet Jesu der nahe Gott und wir dürfen durch die ganz bewusste Verwendung dieses Wortes, dieses Namens, die Vaterbeziehung annehmen. Denn er wird zu diesem nahen Gott nicht, weil wir von uns aus die Distanz abbauen, sondern weil er auf uns zu kommt. Was wir tun können, ist, diese Einladung des 'Vater' zur Nähe ernst zu nehmen. Genau darin wird er geheiligt.

 

So können wir beten: 'Geheiligt werde Dein Name': Das ist nicht nur eine Bitte um Heiligung für eine Zukunft, die weit weg ist: Heiligung wird geschehen, aber sie geschieht auch schon heute.

 

Und doch: Die Heiligung des Namens Gottes: Das ist ein Anspruch und Geschehen, das erst einmal weit entfernt von der Welt ist, in der wir leben. Das sollten gerade auch wir Christen, die das Vater Unser als das regelmäßige Gebet erleben, uns deutlich machen: Heiligung beschreibt etwas, was den Rahmen dieser Welt sprengt. Heiligung ist die Erkenntnis und das Anerkennen: Gott hat die Grenzen unserer Welt, unseres Universums, unseres Daseins durchbrochen, er begegnet als der und das völlig Andere.

 

Und doch: In dem wir ihn Vater, Papi, nennen dürfen, kommt er uns nahe. Dies als Realität, dieses ganz und gar Besondere zum Grundmaßstab unseres Lebens zu machen und danach zu leben: Das ist Heiligung. Das geschieht und soll geschehen bei uns, an allen Orten der Erde und darüber hinaus.

 

Aber nicht jeder, der den Namen in den Mund nimmt oder sich christlich nenne, meint auch seine Heiligung: Auf den Koppeln, den Gürteln für die Militärhosen, stand im I. Weltkrieg, den Deutschland zu einem großen Teil zu verantworten hatte: "Gott mit uns." Das war wahrlich keine Heiligung, ebenso wie die in den Kaufhäusern zur Weihnachtszeit aus den Lautsprechern trällernden Lieder keine sind. Und hier muss ich in diesen Tagen leider auch auf die aktuelle Tagespolitik verweisen.

 

So schreibt Luther im kleinen Katechismus: Dein Name werde geheiligt, was ist das? Gottes Name ist zwar an sich selbst heilig; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er auch bei uns heilig werde.

 

Wie geschieht das? Wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird und wir auch heilig, als die Kinder Gottes danach leben. Dazu hilf uns lieber Vater im Himmel!

 

Wer aber anders lehrt und lebt, als das Wort Gottes lehrt, der entheiligt unter uns den Namen Gottes. Davor behüte uns, himmlischer Vater. Soweit Luther.

 

Doch Heiligung bleibt immer noch etwas, was weit von unserer Welt weg ist. Die Frage: Na und? Was ändert sich denn eigentlich, wenn Gottes Name heilig ist, sie ist sehr wohl erlaubt. Denn die Heiligung des Namen Gottes setzt gerade auch in dieser Welt Zeichen: Wo wir mit Karl Barth, dem großen Theologen der Bekennenden Kirche sagen könne: "Es wird regiert" und so auf die Heiligkeit Gottes als letzten Maßstab verweisen, können wir als Christen gerade auch in der aktuellen Politik realpolitisch Stellung beziehen, die sich den aktuellen Parteipositionen entzieht: Gegen Abtreibung und für die Wiederentdeckung von Ehe und Familie als gesellschaftspolitischen Maßstab ebenso wie gegen eine plumpen Sozialabbau, der versucht das sozialpolitische Horrorszenario der USA bei uns nachzuäffen, ohne dabei rote oder braune Horrorszenarien aus der Schublade unserer Vergangenheit zu ziehen. Dies sind alles Positionen, die derzeit von keiner Partei ernsthaft mit Wort und Tat betrieben werden. Dem heiligen Gott sein Dank: Wir haben in unserer Demokratie die Möglichkeit dazu.

 

Heiligung geschieht aber auch im kleinen: Es wird sehr wohl wahrgenommen, wie wir als Christen leben: Ob wir ohne jede Aufdringlichkeit erkennbar machen, wessen Namen wir heiligen. Und ob wir in all unserer Begrenztheit ein Leben leben, dass über uns und auch über die Begrenztheit unserer Familien, ja auch unserer Gemeinde hinausreicht. Ob wir ein Leben leben, dass dazu einlädt, selber zu beten: 'Dein Name werde geheiligt' - ob wir dies nun sichtbar oder im Verborgenen tun. Denn 'Dein Name werde geheiligt', das bahnt sich auch seinem Weg aus dem Verborgenen, weil Gott regiert. Es gilt dabei, in Verantwortung vor Gott, vor JHWH, vor dem 'lieben Papi' einen Weg zu finden, der weder das Licht, das Gott in uns entzündet hat, unter den Eimer stellt, noch in seiner Aufdringlichkeit lieblos und verletzend ist. Wer missionarisch übermotorisiert ist, kann die Heiligkeit des Namens Gottes ebenso Abbruch tun, wie jemand, der seinen Glauben versteckt. Denn wir müssen uns immer wieder kritisch fragen lassen: Zählen wir bei der Weitergabe des Glaubens Köpfe für unser Punktekonto oder folgen wir einfach Gott nach, damit sein Name geheiligt wird - und wenn uns dieser Weg in den Sudan oder nach Pakistan führt.

 

Doch all dies sind letztlich Vorüberlegungen. Denn die Heiligkeit Gottes braucht uns nicht - wir aber brauchen sie, damit unsere Maßstäbe nicht aus den Angeln brechen, damit wir nicht maßlos werden. So lässt die Heiligkeit des Namens Gottes das Gute durch unsere Hände geschehen, denn nicht wir sind es, die durch gute Werke Heiligkeit schaffen. Wir werden zu Werkzeugen seiner Heiligkeit, weil wir sie brauchen, Gott braucht sie nicht. Unser Vater hat aber die Gnade, uns an der Heiligkeit seines Namens mitwirken zu lassen, wenn wir Leben, Tod und Auferstehung bekennen und leben.

 

Denn geheiligt werde Dein Name: Das ist letztlich die Bitte, dass Gott, den wir Vater nennen dürfen, an uns und der Welt handelt. Denn sein Reich kommt.

 

AMEN

 


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