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Willkommen zum Tag der Luftwaffe: Was bedeutet heute Himmelfahrt?

Predigt überJohannes 17,20-26 am 24.5.01 in Öschingen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

 

Der Predigttext, der für den heutigen Sonntag vorgesehen ist, steht im Johannes 17,20-26

 

Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, daß du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war. Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, daß du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.

 

Kanzelgebet

Herr,

Dein Wort

macht das unmögliche möglich.

Darauf vertrauen wir.

So segne Dein Wort an uns,

auch wenn es nur

durch meine ohnmächtige Stimme

weitergeben wird.

AMEN

 

Liebe Christen, willkommen am Tag der Luftwaffe. So jedenfalls wurde durch einen russischen Dolmetscher 'Himmelfahrt' übersetzt, als der frühere sowjetische Generalsekretär Leonid Breschnew sich an einem Himmelfahrtstag mit dem damaligen Kanzler Helmut Kohl traf. Und das ist mehr, als nur ein Wortwitz. Wohl kein christlicher Feiertag, der von allen Christen gefeiert wird, ist den Menschen der Neuzeit so fremd, wie Himmelfahrt.

 

An Weihnachten können wir uns auf ein süßes Baby beschränken. Karfreitag können wir als den Tag eines gescheiterten Revolutionärs verstehen. Die Auferstehung kann man psychologisch oder als Aufstand deuten. Und Pfingsten passt gut zu der diffusen Esoterik unserer Zeit, die uns in einen weltgeistgefüllten Wohlfühlwaber verpacken will. Aber Himmelfahrt? Das scheint doch absurd für Menschen mit einem modernen Weltbild. Denn dass Jesus wie ein Vogel oder wie ein Flugzeug abgehoben hat, das können wir uns nicht vorstellen - und es ist in unserem Predigttext auch nicht gemeint. Hier steht ein Wort, das vielmehr das Unerreichbare, das ganz andere meint. Einen Ort, der die Grenzen unseres Universums sprengt.

 

Das heißt nach dem Verständnis der modernen Kosmos-Lehre: Ein Platz außerhalb von Raum und Zeit. Wenn ich hier auf Erkenntnisse der Kosmos-Forschung verweise, dann tue ich das nur, um von der Größe Gottes Zeugnis zu geben, der in Jesus zu uns gekommen ist. An Himmelfahrt stellt sich diese Frage sehr direkt: Sind wir bereit anzuerkennen, dass an diesem Tag etwas geschehen ist, was unser Universum sprengt? Sind wir bereit anzunehmen, das die Grenze des Universums, also von Raum und Zeit überwunden wurde? Existenz außerhalb von Zeit und Raum - das scheint absurd. Und doch behauptet auch die moderne Naturwissenschaft dies: Der Beginn unseres Universums ist für sie zugleich der Beginn von Raum und Zeit. Über das, was davor oder außerhalb liegt, gibt es unter den etablierten Denkmodellen, nur solche, die letztlich alle mit einer sogenannten "Singularität" beginnen. Das ist ein Zustand, in dem alle Beschreibungsmodelle versagen. Und es ist nur eine geringe Vereinfachung, wenn ich dies mit dem theologischen Begriff der Transzendenz oder dem umgangssprachlichen Jenseits vergleiche, auch wenn dies natürlich sehr unterschiedliche Bereiche auf eine Ebene stellt. Und ein führender Wissenschaftler der modernen Kosmos-Forschung, Steven Hawking, zitiert - obwohl er selbst Atheist ist - ausgerechnet den Kirchenvater Augustin als jemanden, der vor etwa 1600 Jahren als Theologe eine ähnliche Einsicht hatte: "Die Zeit ist eine Eigenschaft des von Gott geschaffenen Universums und hat vor dessen Beginn nicht existiert."

 

Uns bleibt bei alledem erst einmal das grenzenlose Staunen vor dem, was an Himmelfahrt geschehen ist. Es ist gerade auch vor dem Hintergrund der modernen Naturwissenschaft ein wahrhaft universales Ereignis, eines, das alles umfasst.

 

Himmelfahrt, das ist der Tag, an dem sich Himmel und Erde berühren, an dem die Grenzen zwischen dieser und der kommenden Welt schon einmal ins fließen kommen. An Himmelfahrt zeigt uns Gott, dass sein Reich über unsere Welt hinaus reicht, und dass wir Gott nur als den erahnen können, dessen Reich über alles, was wir auch nur vermuten, unendlich weit hinaus geht.

 

In seinem Gebet, über das das Johannes-Evan-gelium berichtet, ist Jesus zugleich vor seinem Tod noch ganz in dieser Welt und doch schon zugleich in Gottes Reich, das kommt. So ist sein Gebet für uns eine Brücke.

 

So fremd, so geheimnisvoll unser Text scheinen mag, hier ist nicht von unverständlicher Magie, von Zauberei die Rede, von Riten, deren Inhalt nur Eingeweihte verstehen. So wie wir in jedem Gottesdienst mit und füreinander beten, so betet Jesus für uns. Er betet nicht nur für die Jünger vor vielen Jahren. Christus betet gerade auch für die, die durch das Wort der Jünger, die durch das Weitergeben der christlichen Botschaft von Mund zu Mund, glauben. Er betet für die Gemeinschaft aller Christen in allen Zeiten.

 

Hat dieser Text dann überhaupt etwas mit unserer Wirklichkeit, mit unserem Alltag zu tun? Ja! Denn hier geht es um die Wirklichkeit Gottes. Hier geht es darum, wo unser Christsein anfängt, wo die Basis für unsere Gemeinde liegt, woher wir die Kraft zum Reden und Handeln überhaupt bekommen. Und wenn wir schon mit unseren schwachen Stimmen für einander beten, wie viel mehr bedeutet es, wenn Jesus Christus mit Worten unserer menschlichen Sprache zu Gott betet.

 

Denn dieses Gebet bleibt eben nicht bei dem Menschen Jesus von Nazareth stehen. Jesus betet vielmehr in dem Bewusstsein von Ostern. Er betet für uns als Christus, als der, der weiß, wie nahe ihm Gott ist. Ja als der, der weiß, dass er zu Gott gehört.

 

Was erwarten wir von Gott, wenn Jesus für unsere Einheit, für unsere Liebe, für unsere Herrlichkeit betet? Wenn er feststellt, dass wir die Herrlichkeit durch ihn schon haben? Erwarten wir die Liebe nach dem Prinzip, dass man heute "Friede, Freude, Eierkuchen" nennt? Erwarten wir als Einheit eine Superkonfession, in der die Christen der ganzen Welt von einem Super-Oberkirchenrat regiert werden? Erwarten wir Herrlichkeit, in dem wir sozusagen als Superstars von anderen Menschen angebetet werden? Stellen wir uns so die Realität des Gottes vor, der Mensch geworden ist und für uns Menschen ans Kreuz gegangen ist?

 

Oder andersherum gefragt, trauen wir diesem Gott so wenig zu, dass wir ihn an unseren selbstherrlichen Maßstäben messen müssen, weil wir nicht damit rechnen, dass er anders handelt, als wir es uns vorstellen können? Welche Wirklichkeit beschreibt Jesus, wenn er für uns um Einheit, Liebe und Herrlichkeit bittet?

 

Jesus wusste genau, welchen zerstrittenen Haufen er im Namen Gottes gesammelt hatte. Jeder wollte der Beste sein, die anderen übertrumpfen, seine Meinung durchsetzen. Daran hat sich bis heute in der Kirche nicht viel geändert. In den letzten 2000 Jahren gab es aber immer wieder die Erfahrung, dass dort, wo man gemeinsam vor Gott steht, Gemeinschaft wächst. Ich denke hier beispielsweise an unsere gemeinsame Erfahrung mit ‚neu anfangen'. Und dies geschieht gerade auch zwischen Zerstrittenen. Entscheidend war dabei immer wieder, dass Christen erkannten, wie klein sie vor Gott sind, etwa hier in Deutschland während und nach dem Zweiten Weltkrieg. So erzählte mir mein verstorbener Schwiegervater, dass er erstmals im Schützgraben mitbekam, dass Evangelische auch Mitchristen sind. Und das ist auch hier Wirklichkeit. Wir können es entdecken, wo wir gemeinsam vor Gott stehen. Nicht als Fordernde, sondern offen in der Erwartung, was uns der große Gott schenken will. Er will uns Einheit schenken!

 

Wo dann aber jeder der Erste, der Beste, der Gerechteste sein will, fehlt die Liebe. Wo vorne herum lieb getan und hintenherum geredet wird, fehlt sie auch. So hat Jesus dafür gebetet, dass wir Gottes Liebe erfahren. Gottes Liebe erfahren heißt, dass sie am Anfang unserer Gemeinschaft als Christen steht. Wir müssen nicht beschließen, dass wir Gemeinschaft sind. Wir müssen keine Aktionsprogramme haben, damit wir vor Gott Gemeinde sind. Wo wir auf Gott hören und Raum schaffen für seine Liebe, da wird uns diese Liebe das rechte Handeln lehren. Wir reden in kirchlichen Veranstaltungen soviel von Mutter Theresa oder von Martin Luther King. Bei ihnen stand aber zuerst das Wahrnehmen von Gottes Liebe. Wer diese Liebe wahrnimmt, wird handeln: als Einzelner und als Gemeinde.

 

Es wäre nur verhängnisvoll, dieses Handeln mit unseren Maßeinheiten zu messen und daraus zu folgern: Du hast so und so viel getan, du hast also auch so und so viel von der Liebe Gottes. Das ist genau der einzige Maßstab mit dem allzu viele meiner Kollegen unter den Journalisten und mit ihnen große Teile der Bevölkerung die Christen und ihre Kirche messen. Hauptsache die sozialen und politischen Leistungen stimmen. Und die haben natürlich genau so auszusehen, wie das eigene, ganz private Parteiprogramm. Damit degeneriert dann Jesus Christus zum Sozialreformer, zum Vorbild der Deutschen, zum Förderer der völkischen Gemeinschaft oder zum ersten Kommunisten oder Humanisten.

 

Liebe Gemeinde, so nicht! Gewiss müssen wir aus der Erfahrung einer Kirche lernen, in der die Menschen nur mit dem Jenseits vertröstet wurden. Wir haben als Christen Aufgaben hier und heute. Aber das von Luther wiederentdeckte "Allein der Glaube" gilt noch immer. Jesus betet eben nicht für unser Handeln, sondern dafür, dass Gott uns liebt, uns annimmt. Dass der Mensch, der sich von Gott angenommen weiß, auch handelt, ist eine Selbstverständlichkeit - oder sollte es zumindest sein.

Eine Gemeinde, die so auf Gott hört, die sich so auf seine Liebe einlässt, strahlt auch nach außen etwas aus. Ich finde es jedenfalls faszinierend, dass Jesus darum bittet und es uns auch zutraut, etwas von der Herrlichkeit Gottes weiterzugeben!

 

Diese Herrlichkeit ist eben nicht Selbstherrlichkeit. Sie ist Bild des liebenden Gottes, der für uns ans Kreuz gegangen ist und der auferstanden ist. Die Herrlichkeit ist nie nur Bild der Höhe der Auferstehung, sie ist nie nur Bild der Niedrigkeit des Kreuzes, sie ist immer zugleich Leid, Niedrigkeit, ja Kreuz. Hinter ihr steht aber auch immer die Wirklichkeit Gottes, der Jesus von den Toten auferstehen ließ. Und diese Herrlichkeit ist immer Gabe Gottes, die durch unser Tun nicht erzwungen werden kann. Wir können aber im Glauben offen sein, Gott auf uns zukommen lassen, sein Wort annehmen und weitergeben.

 

Und das ist der Sinn von Jesu Gebet. Er möchte, dass die Welt glauben kann. Er möchte, dass wir mit unserer Gemeinschaft, mit unserer Liebe, mit unserer Herrlichkeit, die wir von Gott empfangen haben, den Glauben weitergeben. Er will, dass wir durch ihn - und dass die Welt durch uns etwas vom Glauben an den einen Gott erfährt. Damit die Welt an uns erkennt, dass Gott Jesus gesandt hat. Damit die Welt vom Leben Jesu, von Kreuz und Auferstehung erfährt und an den Gott glaubt, den wir Vater nennen dürfen und nennen.

 

Liebe Gemeinde, hier ist nicht von einer Last die Rede. Hier ist nicht davon die Rede, dass wir verkrampfter meinen, wir müssten jedem ein Bekenntnis unter die Nase reiben. Hier ist aber auch nicht davon die Rede, dass wir selbstgenügsam in unserer Gemeinde vor uns hin wursteln oder auf ein paar soziale Taten verweisen. Nein, wenn Jesus darum bei Gott bittet, dann heißt das: Gott will uns diese Fähigkeit schenken. Und wo wir in der Gemeinschaft seiner Liebe seine Herrlichkeit widerspiegeln, da werden wir Menschen Zeugnis geben. Vielleicht mit ganz anderen Worten, als denen, die uns nach langem Nachdenken einfallen.

 

Ich denke hier beispielsweise an eine geistliche Übung, von der ich gehört habe: Ein Christ sollte üben, in fünf Minuten mit ganz normalen Worten zu begründen, warum er Christ ist. Vielleicht auch mit Worten, die uns selbst unvernünftig erscheinen. Aber immer mit Worten, die wir sprechen, weil wir wissen, dass Jesus gelebt hat, gekreuzigt wurde und auferstanden ist.

 

Das letzte Zeichen dafür feiern wir heute: Himmelfahrt. Es ist der letzte Auftrag an die Jünger und ihre Nachfolger, ein letzter Auftrag, zu dem Zeugnis, für das Jesus gebetet hat. Es ist die Bestätigung von Karfreitag und Ostern. Jesus wird nun endgültig in den eigentlichen Bereich Gottes aufgenommen, hat direkt Teil an seiner Herrlichkeit. Es bestätigt sich das, was Jesus in unserem Predigttext meint, wenn er sagt "wie Du in mir bist." Wir können deshalb dem Gebet vertrauen, von dem uns das Johannesevangelium berichtet. Das dürfen wir heute feiern, dafür dürfen wir Gott danken, denn so sind auch wir im Glauben an Jesus Christus eins mit Gott.

 

AMEN

 


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