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"Herr schmeiß Hirn ra" - dürfen wir so beten?

Predigt über Jes. 63-64 am 4.12.2005 in Bernhausen

Predigt zum II. Advent zwischen Bangen und Hoffen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Predigttext: Jes 63,15-64,3

HERR, sieh herab von deinem Himmel, wo du in Heiligkeit und Hoheit thronst! Wo ist deine brennende Liebe zu uns? Wo ist deine unvergleichliche Macht? Hast du kein Erbarmen mehr mit uns? Wir spüren nichts davon, dass du uns liebst! HERR, du bist doch unser Vater! Abraham weiß nichts von uns, auch Jakob kennt uns nicht; unsere Stammväter können uns nicht helfen. Aber du, HERR, bist unser wahrer Vater! »Unser Befreier seit Urzeiten« - das ist dein Name. Warum hast du zugelassen, dass wir von deinem Weg abwichen? Warum hast du uns so starrsinnig gemacht, dass wir dir nicht mehr gehorchten? Wende dich uns wieder zu! Wir sind doch deine Diener, wir sind doch das Volk, das dir gehört! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, nun ist dein Hei­ligtum von den Feinden entweiht. Es ist, als wärst du nie unser Herrscher gewesen, und als wären wir nicht das Volk, über dem dein Name ausgerufen ist. Reiß doch den Himmel auf und komm herab, dass die Berge vor dir erbeben! Komm plötzlich, komm mit großer Macht, wie die Flammen trockenes Reisig ergreifen und das Wasser im Kessel zum Sieden bringen! Deine Feinde sollen erfah­ren, wer du bist; die Völker sollen vor Angst vergehen, wenn du erschreckende und nie erwartete Taten vollbringst. Komm herab, dass die Berge vor dir erbeben! Noch nie hat man von einem Gott gehört, der mit dir zu vergleichen wäre; noch nie hat jemand einen Gott gesehen, der so gewaltige Dinge tut für alle, die auf ihn hoffen.

 

„Herr, schmeiß Hirn ra – aber plötzlich – und komme bald!“

Liebe Gäste, liebe Geschwister im Herrn, können wir so – gut derb schwäbisch – beten?

Liebe Gemeinde, unser Predigttext ist ein harter Text. Hart und realistisch gespro­chen aus dem Erfahrungshorizont der verbliebenen Gläubigen. Sie hielten im Glauben aus, als Israel in der baby­lonischen Gefangenschaft war. Dieses Gebet scheint so gar nicht in die Adventszeit zu passen. Es passt nicht zwischen Adventska­lender, Bazar, Kurrendesingen, feierliche Adventsmusik, Kerzen­schimmer und Beschau­lichkeit. Es passt schon gar nicht zu Weihnachts­märkten, Glühwein, rot­befrackten Nikoläusen oder Weihnachtsmännern, deren Artikulation sich auf HoHoHo beschränkt - und auch nicht zu tief fliegenden Rentieren.

So wäre es laut Predigtordnung möglich gewesen, einige besonders heftige Verse dieses Gebets aus­lassen. Denn auch in der Kirche soll ja der Advent eine Zeit fröhlich-lockerer Erwartung sein. Doch so wird der christliche Advent zur Ver­drängung, ja zum Teil der Droge Weihnachten. Sie soll durch vermeintliche Besinnlichkeit und oberflächliche Gemütlichkeit die oft graue, ja raue Wirklichkeit mit zart süßem Schokoguss zudecken.

Dabei können wir leicht diesen Schrei überhö­ren: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab“. Wir können ihn überhören und unseren Predigttext schnell zum Teil einer vorzeitig beschworenen Weihnachtsidylle ma­chen. Einer Idylle, in der ein freundlicher alter Gott aus einem offenen Himmel milde auf das göttliche Kind herabblickt. Es wird im Schoß der heiligen Familie zum Anbetungs­bild, bringt aber keine Berge mehr zum Wanken und kein Wasser zum Sieden.

Das Gebet unseres Predigttextes schreit dagegen die eigene Wirklichkeitserfah­rung in aller Ehrlich­keit hinaus. Denn es gibt die Augen­blicke der Verzweiflung, in denen wir unser WARUM nur noch herausschreien können. Wie es mir vor zwei Wochen bei einem Kongress eine Frau erzählte: Sie ist nach dem Tod ihres Vaters in den Wald gegangen und hat ihr WARUM einfach an Gott her­ausgebrüllt – wie es ja auch Jesus mit den Worten des Psalms tut: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

Genau dies tut der Beter unseres Predigttextes! Er schreit seine Verzweiflung her­aus, wo Gott so fern ist oder zumindest scheint. Denn er sieht, wie viele Menschen in dieser Verzweiflung den Weg mit Gott verlassen haben. Er sieht, was alles an Gottes Volk geschieht: Der Tempel zerstört, die Menschen verschleppt, Unrecht und Gott­losigkeit regieren.

Und auch die Bilanz des geistlich Gewohnten sieht düster aus: Er empfindet mit allen Juden den dauerhaften Verlust des Landes und des Heiligtums in Jerusa­lem tatsächlich als bedrohlich. Wie sollen sie denn glauben ohne diesen Ort der besonderen Gegenwart Gottes? Wie sollen sie denn glauben ohne die schönen Gottesdienste auf dem Zion, ohne die Opfer, ohne die himmlischen Gesänge der Leviten?

Das waren doch die wesentlichen Bezugs­pun­kte ihrer Frömmigkeit. Darauf war ihr Glaube doch angewiesen. Dagegen wirken unsere Pro­bleme in der Kirche sehr unbedeu­tend: Doch wenn in Kir­chengemeinden Stellen gestrichen, Kirchen, Gemeindehäuser oder Kindergärten geschlossen und Gemeinden zusammengelegt werden, gehen auch bei uns Jammern und innerkirchliche Graben­kämpfe Hand in Hand. Wie viel mehr Grund hatte der Beter im baby­lonischen Exil zur Klage.

So kommt der verzweifelte Schrei: „Warum hast du uns so starrsinnig gemacht, dass wir dir nicht mehr gehorchten?“ Denn die Folgen müssen die Menschen jetzt erleiden. Die Folgen, die der natio­nale Hoch­mut vor Generationen verursacht hat. So bleibt die Schuld-Zuweisung, wie sie aus dem Mund man­cher erwachsener Kinder an Vater oder Mutter kommt: „Warum hast Du uns nicht richtig erzogen?“

In der Folge wird das Gebet noch radikaler, ja fast militant: „Reiß doch den Himmel auf und komm herab, dass die Berge vor dir erbeben! Komm plötzlich, komm mit großer Macht! Deine Feinde sollen erfahren, wer du bist; die Völker sollen vor Angst vergehen, wenn du erschre­ckende und nie erwartete Taten voll­bringst.“ Dagegen klingt das gut schwäbische „Herr schmeiß Hirn ra“ wie ein Gute-Nacht-Gebet am Bett eines Kleinkindes.

Gott sei Dank: Die Bibel spricht eine weit kla­rere Sprache, als wir. Und sie ruft Ihr Wort mit­ten hinein in den Advent! Sie schützt uns vor der Droge Weihnachten! Denn der Ruf des Beters ist ja nichts anderes als die verzweifelte Sehnsucht nach dem Kommen Gottes in diese Welt, die ohne jede Bescheidenheit hinaus gerufen wird.

Würden wir so beten, liebe Gemeinde? Wagen wir, so zu beten? Hoffentlich wissen wir zumindest, dass Gebet so sein darf. Die Bibel gibt uns dafür viele Bei­spiele, vor allem in den Psalmen. Aber wie hätten Sie es empfunden, wenn wir, statt zu beten: »Wir sind auf dem falschen Weg«, Gott vorge­worfen hätten: »Warum lässt du uns abirren vom richtigen Weg?« Oder wenn statt: »Hilf uns um­zu­kehren«, ihn auffordern würden: »Kehre du um, wende dich uns wieder zu!« Genau das tut der Beter in unserem Text ja. Da würde man doch alle Schuld und alle Verantwortung auf Gott abwälzen!

Wer ist denn schuld an dem Schlimmen, das geschieht? An Krankheiten und Unfällen, an Kriegen und Katastrophen? Gott oder andere Mächte, wir selbst oder einfach das Schicksal?

Für die gläubigen Juden damals war die Ant­wort klar: Alles kommt von dem einen Gott her. Denn er – und nur er – ist die wirkende Kraft in dieser Welt. Aber wie soll man einen solchen Gott ver­stehen können? Immer wieder rangen die Israeliten in den leidvollen Abschnitten ihrer Geschichte mit ihm, so wie in dem Gebet, das wir gehört haben.

Und auch wir verstehen Gott oft nicht. Wie kann es so viel Leid geben, wenn er uns liebt? Sicher, wir erfahren auch sehr viel Gutes, und möglicherweise würden viele unter uns gerade jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit lieber über die positiven Seiten unseres Lebens nach­denken als über die traurigen.

Aber natürlich können wir in diesen Tagen unsere Probleme nicht einfach durch die Droge Weih­nachten verdrängen. Wir leiden sogar mehr unter ihnen als sonst. Streitigkeiten in der Familie, Ärger am Arbeitsplatz, das Zerbrechen einer Bezie­hung – das passt nicht in die vorweih­nachtliche Stimmung, nicht zum Fest der Liebe. Einsamkeit wird uns bewusster, auch Krankheit. Finanzielle Sorgen belasten uns in diesen Tagen besonders, wo alle Welt ans Ein­kaufen denkt. 80% der Arbeit­nehmer haben laut einer aktuellen Umfrage blanke Angst vor der Zukunft. Und Schicksalsschläge kurz vor dem Fest treffen uns besonders hart: Der Tod eines geliebten Menschen, ein Unfall, eine schlimme ärztliche Diagnose, der Verlust des Arbeitsplatzes.

Das "Warum" bleibt! Gerade mit dieser Frage auf den Lippen ist der Beter Weg­weiser: Er erwartet keine Hilfe aus der Vergangenheit im Rückblick auf die Stamm­väter Abraham und Jakob. Nur der lebendige Gott kann helfen, keine Tradition, kein Bewahren, keine Buchstaben. Denn er traut ihm in aller Verzweiflung etwas zu: „Noch nie hat man von einem Gott gehört, der mit dir zu verglei­chen wäre; noch nie hat jemand einen Gott gesehen, der so gewaltige Dinge tut für alle, die auf ihn hoffen.“

Wo Menschen Gott soviel zutrauen, kann Kir­che mit erstaunlich wenig auskom­men, wie es uns etwa die lebendige Untergrundkirche in China zeigt. Und umge­kehrt zeigt die Kirchengesc­hichte: Je professioneller und veramte­ter der Glaube organisiert ist, desto weniger Leben ist in der Kirche.

Diese Erfahrung machte die frühe Christenheit, als sie römische Staatskirche wurde. Dies geschah, als sich der Papst im Mittelalter seiner Position zu sicher war. Es geschah, als aus dem lebendigen Glauben Martin Luthers eine tote Rechtgläubigkeit wurde. Es geschah, als der Staat durch die Fürstbischöfe die Kirche in seinem Interesse durchorganisierte. Und es bleibt die Frage: War der seit den sechziger Jahren jahrzehntelang betriebene massive Ausbau der Zahl haupt­amtlicher Stellen in den beiden großen christlichen Konfessionen in Deutschland ein Segen? Ich würde dies mit einem klaren Nein beantworten.

Doch der Verlust des Ge­wohn­ten verunsichert immer, auch wenn er oft das Saat­korn für neues Leben ist. So halten sich grenzenloses Zutrauen und der Eindruck des verschlossenen Himmels die Waage. Diese Spannung steht eben vor dem Neuanfang. Es ist eine Spannung, die ich sehr gut nachvollzie­hen kann. Gerade das ehrliche Fragen passt in unsere Tage:

Wenn ich die Unruhen in den französischen Vor­städten sehe, den Zerfall großer Teile der neuen Bundesländer, die wachsende Zahl der Schei­dungen und die sinkende Zahl der Kinder, das globale Wachstum von privatem und staatli­chem Terror, die Ausgrenzung des Sterbens aus der Gesellschaft in Heime und Kranken­häuser, die Minen nach so vielen Kriegen, die Tag für Tag Kinder zerreißen und Erwachsene verstümmeln, die vielerorts so leeren Kirchen und Gemeinde­häuser, die manchmal so tiefen Gräben innerhalb unserer Evangelischen Landeskirche: Wenn ich all dies sehe, dann möchte auch ich manchmal fragen: „Warum hast du uns so starr­sinnig gemacht, dass wir dir nicht mehr gehor­chen?“

Dabei weiß ich auch, dass uns dieser Wunsch nicht von der Verantwortung befreit, mit der uns Gott in seine Schöpfung hineingestellt hat. Und ich weiß, es ist eine faule Ausrede: Gott soll sich kümmern. Zugleich wird aber im Advent eben auch jene Hoffnung sichtbar, dass Gott die Welt neu ordnet. So bleibt vielleicht auch uns nur das Aushalten der Waage zwischen Hoffnung und Sorge, zwischen Anfrage und Gottvertrauen, zwischen verzweifeltem Schrei und dankbarem Lob­preis. Doch im Advent kippt die Waage auf die Seite Gottes!

Ob die Gewissheit für den Beter ein Trost gewesen wäre, dass Jahrhunderte spä­ter seine Frage auf Gottes ganz eigene Weise beant­wortet wurde? Oder wäre er enttäuscht, wie so viele Juden zur Zeit Jesu, dass statt himmlischer Heerscharen ein Kind in der Krippe geboren wurde, dass statt einer neu eingesetzten guten menschlichen Macht einer am Kreuz verblutete?

Doch mit Krippe, Kreuz und leerem Grab ist die Waage auf die Seite Gottes gekippt. Die Krippe gibt Antwort auf den Schrei des Beters wie auch auf unseren: Gott kommt! So kann statt der Droge Weihnachten das Christfest in uns lebendig werden. Denn Gott kommt herunter! Er reißt den Himmel auf – auf seine Art. Nicht mit Getöse und Macht, sondern ganz still und schwach, in einem neugeborenen Kind. Gott schmeißt nicht Hirn ra, er kommt selbst ra – herunter bis zum Kreuz! Und in der Auferstehung zeigt er: In aller Verzweif­lung gibt es für uns einen offenen Himmel. Schließlich kommt Gott ra – mit seinem Heiligen Geist. Und deshalb hat die Bitte ihren Ort: „Ändere mich, ändere uns, damit wir deine Wege gehen. Sei du in uns gegenwärtig!“

So ist der Advent das Kippen der Waage Gottes vom Totensonntag zum Christfest, zu Karfreitag und Ostern. Wir vollziehen dies jedes Jahr im Kirchenjahr und dürfen uns vom Beter unseres Predigttextes mitnehmen lassen zum ehrlichen Fragen. Advent ist die Zeit nüchterner und ehrli­cher Fragen.

Denn nur, wer ehrlich fragt - seine Fragen auch einmal herausschreit - kann Ant­worten finden. Und: Auch wir warten – sozusagen in einem letzten Advent seit dem Tag der Auferstehung, weil wir uns in einer Zwischen­zeit wissen: Wir leben zwischen Ostern und der Wiederkunft von Jesus Christus. Auch wir erwarten sein Kom­men. Das ist die eigentliche Adventshoffnung.

Deshalb steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

AMEN

 


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