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Können wir Mitleid mit Judas haben?

Predigt über Mt. 27, 1-30 am 16.4.2000 in Öschingen

Lesung im Rahmen einer Lesung der ganzen Passionsgeschichte

 

Mt 27,1-30

Am Morgen aber faßten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volkes den Beschluß über Jesus, ihn zu töten, und sie banden ihn, führten ihn ab und überantworteten ihn dem Statthalter Pilatus. Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, daß er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sprach: Ich habe Unrecht getan, daß ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu! Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich. Aber die Hohenpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: Es ist nicht recht, daß wir sie in den Gotteskasten legen; denn es ist Blutgeld. Sie beschlossen aber, den Töpferacker davon zu kaufen zum Begräbnis für Fremde. Daher heißt dieser Acker Blutacker bis auf den heutigen Tag. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: »Sie haben die dreißig Silberlinge genommen, den Preis für den Verkauften, der geschätzt wurde bei den Israeliten, und sie haben das Geld für den Töpferacker gegeben, wie mir der Herr befohlen hat« Jesus aber stand vor dem Statthalter; und der Statthalter fragte ihn und sprach: Bist du der König der Juden? Jesus aber sprach: Du sagst es. Und als er von den Hohenpriestern und Ältesten verklagt wurde, antwortete er nichts. Da sprach Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, wie hart sie dich verklagen? Und er antwortete ihm nicht auf ein einziges Wort, so daß sich der Statthalter sehr verwunderte.

 

Zum Fest aber hatte der Statthalter die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. Sie hatten aber zu der Zeit einen berüchtigten Gefangenen, der hieß Jesus Barabbas. Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Denn er wußte, daß sie ihn aus Neid überantwortet hatten. Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen. Aber die Hohenpriester und Ältesten überredeten das Volk, daß sie um Barabbas bitten, Jesus aber umbringen sollten. Da fing der Statthalter an und sprach zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen von den beiden soll ich euch losgeben? Sie sprachen: Barabbas! Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Sie sprachen alle: Laß ihn kreuzigen! Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie schrien aber noch mehr: Laß ihn kreuzigen! Als aber Pilatus sah, daß er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu! Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! Da gab er ihnen Barabbas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, daß er gekreuzigt werde. Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Prätorium und sammelten die ganze Abteilung um ihn. Und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm aufs Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König! und spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt.

 

Predigtgruß: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

 

Predigt

Das geschieht dem Judas ganz recht! Wie konnte der nur unseren Herrgott verraten. Typisch Jude. Jetzt muss dieses gottlose Schwein in der Hölle schmoren.

Liebe Schwestern und Brüdern im Herrn: So lässt sich das, was die meisten Predigten Jahrhunderte lang über Judas sagten, zusammenfassen. Auch der große Reformator, der von mir über alle Theologen geachtete Martin Luther, hat sich in dieser Frage nicht gerade mit Ruhm bekleckert: Gerade der Antisemitismus wurde über Jahrhunderte so begründet. Doch wer mit der Heiligen Schrift fragt, wer mit einem selbstkritischen Blick fragt, der wird schnell an Grenzen kommen, die eine so einfache Auslegung ausschließen. So möchte ich Euch, liebe Schwestern und Brüder im Herrn erst einmal einladen in aller Ehrlichkeit Fragen an unseren Predigttext und an die Berichte der Bibel über Judas zu stellen. So möchte ich erst einmal mit dem Neuen Testament nach dem Mensch Judas fragen:

 

Zuerst einmal ist Judas ein von Jesus berufener Apostel, gehörte in den Zwölferkreis. Dieser Isch Kariot, der Mann aus Kerioth, einer Gegend im südlichen Judäa, wurde von Jesus in sein zentrales Multiplikatoren-Team berufen. Er ist als Mitarbeiter gewollt - und doch, schon als einziger Nicht-Galiläer ist er auch von Anfang an Außenseiter. Und - sein Weg ist vorgezeichnet: Judas - der ihn verriet, unter diesem Urteil wird er bereits bei seiner Berufung genannt. Damit ist die Tragik vorgezeichnet: Denn es ist ein großer Schritt, alles stehen und liegen zu lassen und in die Nachfolge eines dahergelaufenen Wanderprediger ohne Rang und Namen zu treten. Und wo immer von den Aposteln die Rede ist - bis kurz vor den Einzug in Jerusalem, an den wir uns heute am Palmsonntag erinnern, ist Judas einer von den Zwölf.

Dann der erste Streit: Die Salbung von Bethanien. Und Judas stellt die berechtigte Frage: Warum ist dieses extrem teure Öl nicht verkauft worden, damit Jesus das Geld den Armen geben konnte. War da nicht Judas der einzige Vernünftige? Ein Kassenverwalter mit Realitätssinn? Und dann im selben Zusammenhang aber auch die Feststellung, er ist ein Dieb. Ab diesem Augenblick in Bethanien spitzt sich die Lage zu, was sich ja auch im Weg Jesu zeigt, den das Kirchenjahr abbildet: Heute ein Held - nächsten Freitag ein hingerichteter Verbrecher.

 

Jedenfalls hat die Salbung in Bethanien, diese verschwenderische Ehrung des Gottessohns, bei Judas einen tiefen Riss hinterlassen. So ging er zu den Religionsbehörden, die schon längst um ihre bewährte Ordnung Angst hatten und bietet seine Kollaboration an. Warum? Ging es ihm nur um das Kopfgeld? Hatte er sich in der Zeit, die er mit Jesus unterwegs war, von ihm entfremdet? Wurden seine diesseitigen Hoffnungen auf Gerechtigkeit für die Armen nicht erfüllt? Oder erwartete er, dass Jesus die himmlischen Heerscharen seines Vaters zur Hilfe kämen, damit die Herrlichkeit Gottes auf Erden anbricht? Heerscharen, die man sich in der damaligen Zeit sehr bildlich, sehr militärisch vorstellte. Die mal so richtig mit den Römern, mit einer korrumpierten Obrigkeit, mit allerlei tatsächlicher oder vermeintlicher Unsittlichkeit aufräumen sollten? Dachte Judas etwa: Wenn Jesus verhaftet wird, wenn die Soldaten vor dem alleingeborenen Sohn Gottes stehen - dann wird er schon eingreifen. Und doch: Jesus zeigt, dass er diese Macht hat und verzichtet darauf. Uns bleiben hier nur Vermutungen, Rätsel.

 

Wie verhält sich Jesus gegenüber diesem Verrat? Einerseits redet er mit scharfen Worten: "es wäre besser, er wäre nicht geboren." Andererseits gibt er gerade auch ihm das Abendmahl, die Gemeinschaft und spricht ihn bei seiner Verhaftung distanziert, aber doch freundlich mit "Mein Freund" an. Und in all dem verurteilt er ihn nicht!

Doch der unglaubliche Verrat, die Abkehr von Jesus, die Auslieferung des Unbewaffneten an seine Henker, die Feigheit dieses Handelns - das bleibt. Die Passion unseres Herrn nimmt ihren Lauf bis zum Kreuz und diese zerrissene, verzweifelte Gestalt Judas erkennt, dass sie Unrecht getan hat. Er will wieder gut machen, was nicht wieder gut zu machen ist. In den materiellen Gütern seiner Tat findet er keinen Gewinn, er wirft das Geld - welch eine Ironie - Gott als Opfer vor und sucht den Notausgang der Verzweifelten: Den Selbstmord, in dem der ganze Abgrund seiner Verlorenheit sichtbar wird. Eine letzte Umkehr, in der er erkennt: Ich habe Unrecht getan - doch es ist zu spät, das Blut der Unschuld fließt bereits. So bleibt die Frage stehen: Ist Judas nicht die eigentliche tragische Figur der Passion?

 

Eines ist sicher: Sicher: Die Tat des Judas hat nicht das kleinste Stäubchen Sympathie verdient. Das feige Handwerk der Denunzianten, derer, die für Geld Menschen ausliefern, ist nicht zu entschuldigen. Doch auch hier gilt es, zwischen Tat und Täter zu unterscheiden. Nicht im Sinn mancher ach so moderner Strafrechtstheorien, bei denen am Ende der Täter so geschützt wird, dass die Opfer alleingelassen werden. Aber in dem Sinn, jeden Menschen in seiner persönlichen Tragik ernst zu nehmen. Ihn bei allem, was er tut, in seiner Tragik, seiner Verstrickung in Schuld und das Leben in einer gefallenen Welt wahrzunehmen. Ja - als Christen sind wir verpflichtet, jeden Menschen in dieser Perspektive wahrzunehmen, gerade auch Judas, ebenso wie Hitler und Stalin.

 

Dies gilt aber gerade auch heute für uns: Die Schlagzeilen dieser Tage leiten uns an, Menschen in ihrer Tragik wahrzunehmen von Helmut Kohl bis zu Oskar Lafontaine, von Constantin Wecker bis zu Prinz Ernst August von Hannover. Sie alle hatten einmal gute Ideen und Vorsätze und sind an sich selbst, kurz gesagt jeder in seiner Weise am Leben gescheitert. Und auch - ich bin sicher - jeder von uns kennt diese Situationen, in denen wir mit viel Engagement Dinge begonnen haben und am Ende sahen wir uns in Schuld und Sünde verwickelt, es geschah etwas, dessen wir uns schämen. Der eine hat einen Beruf übernommen und hat sich plötzlich gefragt, was er auf dem Altar des Berufes noch opfern soll. Der andere ist in eine Beziehung hinein geschlittert, meinte, es sei Liebe und am Ende standen Verletzungen. Und wer von uns kennt nicht Versprechungen, Hoffnungen, die geweckt wurden und beim besten Willen nicht gehalten werden konnten.

 

Was auch mit Blick auf uns Christen übrig bleibt, ist auch die Frage: Wozu ist einer, der Jesus nachfolgt, fähig? Wozu bin ich fähig? Ein Frage, die mit Blick auf die Geschichte und auf uns heute vielfach beantwortet werden kann: Es gab die Kreuzzüge und die Konfessionskriege, es gab die vielfältigen billigen politischen Allianzen zwischen Christen und der Politik, es gibt die Teile unserer Konfession, die bis heute Jesus am Kreuz verlassen und angesichts des Zeitgeistes vorschnell Kreuz und Auferstehung streichen. Es gibt die, die anderen tausend Vorschriften für den Glauben machen, weil sie meinen, der andere wäre nur dann ein rechter Christ, wenn er genau ihre Erwartungen erfüllt. Die Liste ließe sich beliebig verlängern und keiner werfe den ersten Stein, in dem er sagt: Ich bin Christ und komme auf dieser Liste in keiner Weise vor.

Wer hier weiterfragt, kann eines entdecken: Judas ist nicht der ewige Jude. Judas, dass ist etwas in jedem von uns. Judas, der ist in mir. Und gerade auch, wenn wir jetzt in der Passionszeit nach dem Kreuz Jesus fragen und oft genug einfach routinemäßig bekennen: Dieses Kreuz geschaht durch meine Schuld - und trotzdem Judas als einen Ausgangspunkt dieses Kreuzes entdecken. Dann sollten wir Judas nicht verdammen, nicht in ein anderes Volk hineinschieben, sondern entdecken: Meine Schuld heißt: dieser Judas ist in mir.

 

Und doch: Dieser Judas war ein nötiger Wegstein eines Gottes, der seine Größe nicht durch himmlische Armeen, Flugzeugverbände oder Flugzeugträgerflotten unter Beweis stellen wollte, sondern durch den Tod durch einen religiös-politischen Justizmord aus politischer Gefälligkeit.

 

Wir können bei der Betrachtung der Passion - gerade auch unter Beachtung des zweiten Teils des heutigen Predigttextes, der bewusst am Rande steht, noch einen Schritt weiter gehen: Dasselbe gilt auch für Pilatus, den hohen Rat, die römischen Soldaten: Sie alle waren tragisch Gefangene - von religiösen und gesellschaftlichen Mechanismen, von Machtstrukturen, von militärischen Befehlsketten. Ihnen könnte man beinahe noch weniger Vorwürfe machen, als den Jüngern, die ja zumindest ahnten, wer dieser Jesus ist. Doch derselbe großspurige Petrus, der Jesus alles verspricht verleugnet ihn.

 

So ist unser heutiger Predigttext Bild des Versagens der Menschen und gleichzeitig das große ‚Trotzdem' Gottes. Wir haben versagt -trotzdem geht dieser Gott als Zeichen für uns ans Kreuz. Judas verrät Jesus - trotzdem ist er unverzichtbarer Teil eines Planes Gottes, der zum Guten führt. Zum Guten, weil auch das Kreuz nicht das letzte Wort hat, weil Jesus den Tod, die Rollenspiele und unser Versagen als etwas vorläufiges entlarvt, als etwas, das keinen Bestand hat. So ist Judas ein Geheimnis Gottes - wir könnten fast fatalistisch hinzufügen: Einer musste es ja sein und Gott danken, dass wir es nicht waren, die diesen Schritt des Heils gegangen sind - um prompt zu fragen: Hatte Judas überhaupt eine Chance, eine faire Chance? Oder war alles so von Gott vorherbestimmt, dass ihn überhaupt keine Schuld treffen kann?

 

Wer diese Frage nicht stellt, der verzichtet darauf, eines der großen Rätsel des Glaubens beim Namen zu nennen. Wer bei dieser Frage nicht ins Stammeln kommt, sondern vorschnelle Antworten liefert, der sollte Schweigen. Ist Gott also ein Zyniker, der einen Judas - oder auch einen Kain in die Welt setzt und von vornherein dessen Weg kennt, ja bestimmt und ihn verurteilt? Oder ist er ein hilfloser Tattergreis, der vor 12 Milliarden Jahren im Urknall einmal das Universum auf den Weg gebracht hat, vor 2000 Jahren in Jesus einmal nach geschaut hat und ansonsten so hilflos ist, dass er am Kreuz enden musste? Das Nebeneinander von freiem Willen, von der Freiheit zur Verantwortung auf der einen Seite und Gottes Allmacht auf der anderen Seite ist ein Grundkennzeichen unseres christlichen Glaubens und zeigt, dass wir mit Logeleien und Philosophereien Gott nicht erreichen. Und doch können wir Grenzpfähle setzten: Wir glauben nicht an ein billiges Schicksal, das uns zu einem dumpfen "Ich kann ja doch nichts ändern" treibt. Wir wissen uns als Christen vielmehr in Freiheit und Verantwortung gestellt. Wir haben die Freiheit, die volle Freiheit, uns bei jeder Entscheidung - um es mit Luther zu sagen -zu wählen, wer auf uns reitet, uns lenkt: Gott oder der Teufel.

 

Und doch kennt Gott unsere Wege im Voraus, bestimmt was geschieht. Doch auch aus meiner Freiheit will Gott etwas machen - und hat seinen Plan. Und - unsere Freiheit ist sein Wille.

Unsere Freiheit ist sein Wille - bis hin zu den Dingen, die wir nicht verstehen. Das ist Passion. Das ist jenes Leiden, dass uns erschüttert vor den Kreuz ebenso stehen lässt, wie vor den Massengräbern unserer Tage, vor Menschen die durch andere Menschen unsägliches erleiden. Dass uns stehen lässt vor der Familie, die Vater oder Mutter verloren hat, weil ein Besoffener einen Unfall verursacht hat, die uns stehen lässt, wenn bei einer Firmenpleite durch betrügerischen Bankrott Menschen durch die Gier und Selbstbetrug eines Unternehmers arbeitslos werden. Und so weiter, und so weiter. Das ist die Sicht unserer Welt.

 

Doch Gottes Sicht ist nicht auf die Sicht dieser Welt beschränkt: Er macht aus der Pleite am Kreuz den Sieg des leeren Grabes, den Sieg der Auferstehung.

Damit wird gerade durch das Dunkel, mit dem wir Judas verbinden, ja verbinden müssen, ein Dunkel das mit unseren persönlichen Erfahrungen von Dunkelheit zusammengehört, das Licht der Hoffnung umso deutlicher. Dieses Licht zeigt uns, dass es auch da Hoffnung gibt, wo wir Gott nicht verstehen, wo er uns fern und verborgen ist. Wo wir nur noch Angst haben. Aber auch, wo wir uns wie Judas auf den Weg gemacht haben und scheitern.

 

So bleibt zum Schluss eine Frage: Gibt es Hoffnung für Judas? Reicht Gottes Gnade bis in diese Tiefe, in diesen Abgrund? Es ist die klassische Frage nach der Reichweite der Versöhnung. Eines ist sicher: am Ende von Judas Weg steht die tiefe Reue, Reue die nicht wieder gut machen kann. Wie weit reicht Gottes Gnade? So weit, dass jeder Hoffnung haben kann - und sich keiner in Gewissheit baden darf. Damit kommen ohne definitive Antwort zum zweiten grundsätzlichen Streitfeld der Theologen, der nach der Allversöhnung: Konkret gefragt: Kommen letzten Endes auch Adolf Hitler und Josef Stalin zu Gott? Mir bleibt hier nur der Verweis auf jene rund 200 Jahre alte pietistische Glaubens-Weisheit: "Wer die Allversöhnung predigt, ist ein Ochs. Wer sie ausschließt, ist ein Esel." Ich möchte hier weder Ochs noch Esel sein.

 

So bleibt in letzter Instanz Hoffnung für Judas und damit zugleich auch Hoffnung für mich. Hoffnung, die mir von Gott geschenkt ist - gerade dann, wenn ich bei dem Wort Judas nicht mit dem Finger auf andere zeige: Auf die gesetzlichen oder die freiheitlichen, auf evangelische, katholische, orthodoxe, Baptisten, Methodisten, Anglikaner, Pfingstler oder Pietisten, rechte, linke, Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, sonder nach mit selber frage.

 

Wenn ich frage: Wo ist Judas in mir, dann ist dies eine Frage der Hoffnung, denn Judas kann mit dann zeigen wie untrennbar ich mit dem Kreuz verbunden bin. Das Kreuz aber ist das Zeichen, das Gott in mir heilen möchte, was unheilbar scheint. Das Kreuz ist das Zeichen, dass Gott mir Freiheit gibt und wieder gut macht, was ich in meiner Freiheit zerstört habe. Deshalb müssen wir in Jesu Namen das Kreuz aushalten: Den Anblick des Kreuzes bei anderen ebenso wie unser eigenes Kreuz. Denn das Kreuz ist die Tür zur Auferstehung. Gott will uns durch diese Tür führen. Denn diese Tür führt zum Leben über diese Welt hinaus. Er schenkt uns so Hoffnung für diese und für die kommende Welt. Ihm sei Ruhm, Ehre und Anbetung in Ewigkeit.

 

AMEN

 


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