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Das Kreuz - weit mehr, als nur zwei Strichte

Predigt über Mt. 27 am 6.4.2007 in Stockach

EG 85, 1+2 (O Haupt voll Blut und Wunden)

Mt 27, 27-32: Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Prätorium und sammelten die ganze Abteilung um ihn. Und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm aufs Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König! und spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt. Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen. Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug.

EG 85,3+4 (O Haupt voll Blut und Wunden)

Mt 27, 33-38: Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. Und sie saßen da und bewachten ihn. Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König. Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken.

EG 85,5+6 (O Haupt voll Blut und Wunden)

Mt 27, 39-44: Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.

EG 85,7+8 (O Haupt voll Blut und Wunden)

Mt 27, 45-54 Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe! Aber Jesus schrie abermals laut und verschied. Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

EG 85, 9+10 (O Haupt voll Blut und Wunden)

 

Liebe Gemeinde, sind sie nicht irgendwie zur Routine geworden, der lange, senkrechte Strich, der von einem kürzeren gekreuzt wird: Das Kreuz. Bei so vielen Gelegenheiten, an so vielen Orten? Und der Bericht des Evangeliums dazu – haben wir ihn nicht zu oft gehört? Immer wieder: In der Kinderkirche, im Reli- und Konfirmandenunterricht, in den Passionen der großen Komponisten und natürlich im Gottesdienst? Grausam – und doch so fern von uns, dass uns diese Worte wie durch Watte erreichen? Grausam – und doch im römischen Reich eine ganz gewöhnliche Hinrichtungsart für Aufsässige, bei Aufständen manchmal tausendfach praktiziert - und grausam übertroffen in den Konzentrationslagern und an so vielen anderen Orten des Schreckens auch in den letzten Jahren und Jahrzehnten.

Und wehe, wenn jemand versucht, den Schrecken des Kreuzes bewusst zu machen. Etwa in dem Film Passion Christi, der heute Abend ausgestrahlt wird: Ganz gewiss ein Film mit Schwächen, ganz gewiss ein Film, den man nicht gesehen haben muss: Schon alleine, weil das Dargestellte sicherlich nicht für jeden auszuhalten ist. Und schließlich auch eine Darstellung, die kaum in einen Kommerzsender wie Pro7 passt – unterbrochen von Werbeblöcken und vielleicht in manchem Wohnzimmer noch Bier und Chips daneben. Doch Karfreitag bewusst machen, das kann dieser Film.

Und das ist dringend nötig, wenn das Kreuz bei entsprechenden Diskussionen über Kruzifixe in Schulen, Gerichten und anderen Gebäuden immer wieder auf die Rolle eines kulturellen Maskottchens beschränkt wird. Dann möge es lieber abgehängt werden, als dass man es durch derartiges kulturelles Gerede klein macht: Etwa wenn das Kreuz zu einem Handschmeichler wird. Im Katalog eines Verlages fand ich vor einiger Zeit ein „Meditationskreuz“ mit dem Kommentar: „Ein besonderer Handschmeichler, der sich durch seine ergonomische Form einfach gut in der Hand anfühlt.“ Ich wünschte mir, dass dieses Kreuz von dem Blut rot würde, das Jesus für uns vergossen hat. Denn Jesus ist für uns gestorben – und nicht dahin geschmeichelt. Ich wünschte mir, dass das Blut beim Handschmeicheln an den Händen kleben bleibt. Ich wünschte mir, solche Handschmeichlerkreuze würden in Dornen eingepackt, damit das Kreuz ernst genommen wird als Zeichen abgrundtiefen Leidens. Als Zeichen von unsagbaren Schmerzen, die viele von uns in unserer Zeit – und da schließe ich mich mit ein - noch nicht einmal andeutungsweise erahnen können: Denn Schmerzmittel, Narkosen und andere Segnungen der modernen Medizin ersparen uns heute so vieles, was für frühere Generationen Alltag war. So steht am Karfreitag erst einmal das genaue Hören am Anfang, um den Bericht der Evangelien ernst nehmen und ihn neu zu entdecken.

Doch gerade, wenn wir das tun, kommen wir zur Grundfrage an uns Christen: Wozu das Kreuz? Einen Schlüssel zu einer Antwort auf diese Frage gibt uns Jesus selber: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“

Ein Name steht für mich für diesen Satz: Maximilian Kolbe. 1941 kam der Franziskaner-Pater Maximilian Kolbe in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Im Juli 1941 wurden nach der Flucht eines Mithäftlings vom Lagerkommandanten zehn Männer ausgesucht, die als Vergeltung und Abschreckung qualvoll in einem Hungerbunker sterben sollten, einem Verlies ohne Licht und genügend Luftzufuhr. Unter den zehn befand sich auch ein polnischer Familienvater namens Franz Gajowniczek, der in Tränen ausbrach und von seinen Kindern berichtete.

Kolbe trat daraufhin aus der Reihe der Verschonten vor und bot sein Leben gegen das des Familienvaters. Der Kommandant akzeptierte. Tagelang, so berichteten andere KZ-Häftlinge, habe man daraufhin aus dem abgeschlossenen Hungerbunker Gesänge und Gebete gehört. Als die Geräusche schließlich verstummt waren und man den Bunker öffnete, war Kolbe noch immer nicht tot. So injizierte man ihm eine tödliche Spritze. Franz Gajowniczek überlebte das KZ viele Jahrzehnte.

Wenn ich hier über das Zeugnis von Maximilian Kolbe berichte, dann tue ich das nicht wegen seiner Berühmtheit. Und er hatte, wie jeder andere Mensch auch seine Schattenseiten. So war er als junger Mann recht judenfeindlich eingestellt. Doch seine Geschichte spielt in mein Leben hinein. Ich bin zwar erst anderthalb Jahrzehnte nach seiner Ermordung geboren und habe ihn so natürlich nie kennen gelernt. Doch im Herbst 1988 war ich als junger Journalist in Polen, um über die Situation der Menschen zu berichten. Natürlich gab es die Begegnung mit den Aktiven der Widerstandsbewegung Solidarność im Untergrund. Doch ich kam auch in das Franziskaner Kloster Niepokalanów. Ein alter Mönch, Br. Hieronim Wierzba besuchte mit mir Not leidende Familien. Mit einer tiefen Liebenswürdigkeit berichtete er mir über die Situation seiner Landsleute – in der Sprache, die er bei jenen gelernt hatte, die Maximilian Kolbe so grausam ermordeten. Bruder Hieronymus war der letzte Sekretär von Maximilian Kolbe gewesen, er hatte diese grausame Zeit miterlebt.

Durch ihn habe ich mehr als durch jeden anderen erfahren: Im Kreuz ist Vergebung! Die Versöhnlichkeit, mit der er über die vergangenen Verbrechen berichtete, hat sich tief in mir eingeprägt: Denn Versöhnung: Das ist die Botschaft Gottes am Kreuz. Eine Versöhnung, die er will, unabhängig davon, was wir in unserem Leben getan haben.

Im unendlichen Leiden des Kreuzes zeigt Gott, wie ernst es ihm mit der Versöhnung ist. „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ Das ist das Zeugnis vom Kreuz – und es ist das Zeugnis, das immer wieder Christen in der Nachfolge Christi gegeben haben – wie Maximilian Kolbe und so viele andere.

Diese Erkenntnis steht in der Mitte des Karfreitags. Sie kann nur im Glauben erkannt werden, der Verstand sieht das Scheitern und fragt danach, Gottes Pläne verständlich zu machen. Doch da sitzt kein rachsüchtiger Gott im Himmel, der Blut sehen will. An Karfreitag vollzieht Gott nicht die Rache an sich selber. Sondern er baut eine Brücke über die Schlucht des Todes, über unsere Schuld, unsere Schwäche, hinweg über unser Nein zu Gottes Wegen. Und er zeigt in welcher Deutlichkeit er auf der Seite der Schwachen, der Unterdrückten und der Verfolgten steht. Deshalb ist im Kreuz Heil und Heilung. Doch nur im Licht der Auferstehung können wir das erkennen. Sonst behält das Scheitern in einer heroischen Geste das letzte Wort.

Das Gott selbst ans Kreuz geht, heißt aber auch: Es muss nicht mehr immer neues Blut im Opfer und auf Schlachtfeldern vergossen werden, um Gott gnädig zu stimmen. Im Kreuz findet das Blutvergießen um Gottes Willen seinen Abschluss – ein für alle Mal! Auch wenn das viele nicht begriffen haben. Denn Gott selber geht für uns ans Kreuz, um dem ein Ende zu setzen. Wo diese Erkenntnis wächst, da können Menschen wie der römische Hauptmann erkennen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen. Er gibt uns eine Zukunft bei Gott.

So schenkt uns Gott neues Leben: Dadurch, dass er mit uns neu anfangen möchte. Und dadurch, dass er uns durch Jesus Christus die Brücke über die Gräber, über die Endgültigkeit des Todes hinweg baut. Hin zu seinem Reich. Aber zugleich baut er auch die Brücke der Solidarität unter uns Menschen. Denn der Gott, der hinabgestiegen ist und seine Nähe zu den Menschen zeigte, schlägt auch Brücken unter uns. So wie sie Bruder Hieronymus zu mir geschlagen hat. Deshalb ist gerade der Karfreitag ein Tag der doppelten Hoffnung: Der Hoffnung für diese Welt und ganz besonders für die kommende Welt unseres Gottes.

Etwas von dieser kommenden Wirklichkeit wird erkennbar und erfahrbar, wenn wir in diesem Gottesdienst das heilige Abendmahl miteinander feiern. Auch wenn es noch ganz hier und heute stattfindet: Im Abendmahl wird die Nähe des Gekreuzigten in besonderer Weise Teil unseres Lebens: Wenn wir auf die Worte des Gottessohns hören, der seinen Jüngern bei Brot und Wein zuruft: „Nehmet hin und esset; das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Das tut zu meinem Gedächtnis.” und „Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Neuen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Das tut zu meinem Gedächtnis.”

Dies alles geschieht völlig unblutig. Denn Gott ist kein Rächer, der Blut fließen sehen will. Und doch sagt Jesus „das ist“ und wir bekommen durch Jesus und auch durch Paulus den Auftrag, dies zu tun, in der Gewissheit, dass Jesus in Brot und Wein gegenwärtig ist. So wird neues Leben in Jesus erfahrbar.

Denn das Abendmahl ist das Gegenstück zum Kreuz: Im Kreuz erfahren wir den herunter gekommenen Gott, der zu uns kommt. Das Kreuz ist der Weg Gottes nach unten. Im Abendmahl dagegen lädt uns Gott auf den Weg nach oben, zu sich ein. Gerade mit Blick auf das Leben, das weiter reicht als die Kreuze auf unseren Friedhöfen, können wir so in die Einladung zum Abendmahl einstimmen: Schmecket und seht, wie freundlich der Herr ist.

Beides entzieht sich unserem Verstehen: Das Kreuz, dieses radikale Schlusskreuz der Vergebung und das Abendmahl, in dem diese Vergebung in Wort und Zeichen Teil unseres Lebens wird. Das gilt es ernst zu nehmen. So möchte ich Euch einladen, nach den Abendmahlsworten in das Bekenntnis einzustimmen:

Geheimnis des Glaubens

Deinen Tod o Herr verkünden wir

und deine Auferstehung preisen wir

bis du kommst in Herrlichkeit.

Dazu sind wir eingeladen: Alle, die wir uns zu Christus bekennen. Wir sind eingeladen, auf den Weg nach oben zu Gott, den er im Kreuz geöffnet hat. Es geht darum, dass Gott uns groß machen will. So groß, dass das Abendmahl eben nicht länger eine Nummer zu groß für uns ist. Es ist ein großartiger Weg, doch es ist ein Weg, den wir ohne Scheu gehen dürfen. Denn im Kreuz ist Gott herunter gekommen, um uns diesen Weg aufzuschließen: Nicht nur für die, die besonders fromm sind. Nicht nur für die, die eine besondere Schuld belastet. Sondern für uns alle. Das Abendmahl hat eine große Fülle: Dank, Gemeinschaft, Anbetung und Vergebung. An Karfreitag schlagen Leib und Blut die direkte Brücke zur menschlichen Schuld. Im Abendmahl ist die Versöhnung Gottes erfahrbar wie an keinem anderem Ort. Hier wird die Nähe des gekreuzigten Gottes ganz konkret: „Dies ist das Blut des Neuen Bundes, das für Euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“

Gott möchte an Karfreitag mit uns einen neuen Bund schließen, in dem er ein radikales Zeichen seiner Vergebung gibt. Jeder von uns darf sich angesichts des Leidensweges an Karfreitag ganz persönlich angesprochen fühlen: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ Was für eine Freundschaft, die uns Gott selber an Karfreitag anbietet, was für eine Liebe.

AMEN

 


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