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Damit Christen nicht an Christen leiden...

Predigt über Kolosser 3, 12-17 zwischen dem 9. und 23.5. gehalten in Bernhausen, Unterjesingen, Derendingen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Kol 3 12-17 So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.

 

Liebe Geschwister im Herrn, waran leiden Christen in Deutschland am meisten? An unchristlicher Politik? An schlechtem Religionsunterricht? An der bösen Welt? Machen wir uns nichts vor: Im Alltag christlicher Konfessionen und Gemeinden in Deutschland – ob evangelisch, katholisch, orthodox oder freikirchlich – leiden Christen am meisten an anderen Christen. Sie leiden aneinander, weil sie den jeweils eigenen Weg, den Jesus mit ihnen gegangen ist, für den einzig möglichen halten. Und sie leiden an all jenen, die Kirche als ein Vehikel für Moral, Sozialismus, Kultur oder sonst was nutzen, ohne an die Auferstehung zu glauben.

 

Mutet es da nicht schon beinahe weltfremd an, wenn uns Paulus zu herzlichem Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld aufruft. Ja, ja, schon richtig. Aber grau ist alle Theorie.

 

Wenn ich auf alle die Gemeinden zurückblicke, die ich seit meiner Konfirmation vor über dreißig Jahren intensiv oder nur am Rand kennen gelernt habe – seien sie nun evangelisch, katholisch, methodistisch, baptistisch, griechisch-orthodox oder ganz fromm und frei: Die Erfahrung ist allzu selten Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld! Offener Streit ist zwar nicht der Normalfall, mann oder frau ist ja schließlich fromm! Was aber unterschwellig läuft, spricht Bände: Denn normalerweise erfährt man nur über ein bis drei Ecken, wer etwas an wem auszusetzen hat. Nein! Wir streiten nicht. Aber gebruddelt wird doch – statt dass man miteinander um Lösungen ringt und einander in Weisheit ermahnt.

Wie schön ist es da, wenn einer nach der Predigt kommt und sagt: Ich bin mit Ihrer Predigt aus diesem oder jenen Grund nicht einverstanden. Oder: Mit dieser Musik oder jener Liturgie, mit der Wortlastigkeit oder den vielen Anspielen kann ich nichts anfangen; wenn einer sagt, dieses Thema ist mir wichtig, jenes nicht. Und wo im Gespräch keine Einigkeit erreicht werden kann, ist es christlich, darüber zu reden, statt nur zu bruddeln. Aber immer mit dem Ziel, das Gemeinsame zu finden: Nicht in uns, sondern in Christus.

 

Bleiben wir nicht bei uns stehen, denn die Quelle all dieser Störung im Miteinander kommt oft aus dem Gefühl: Die oder der ist im Glauben und/oder im Leben anders als ich – ohne dass sich damit geistlich ein Fehler begründen ließe. Trotzdem: Die oder der ist doch nur verklemmt, der oder die sind so liberal oder fundamentalistisch, der oder die sind so seltsam, weil sie nicht leben, wie ich. Denn ich bin – vielleicht auch noch in aller Demut - Maßstab – statt dass der Christus Maßstab ist, der Pharisäer und Zöllner, Terroristen und Kapitalisten, Zauderer und Aktivisten, die Leisen und die Lauten in seinem Gefolge hatte: Er nahm jeden an, zeigte jedem in Weisheit, wo er sich ändern kann und trug trotzdem die Schwächen und Sünden jedes Einzelnen auf seinen Schultern bis ans Kreuz. So ist Gemeinde die Einheit der Sünder mit all Ihren Schwächen, ob nun einer Konfirmand, Gemeindeglied, Pfarrer, Mönch, Bischof oder römischer Papst ist.

 

Liebe Geschwister im Herrn: Das ist keine X-Beliebigkeit: Wir können unter Christen nicht darüber streiten, ob der Glaube an Leben, Kreuz und Auferstehung Jesu Christi in Kirche und Gemeinde verbindlich ist. Wo diese Verbindlichkeit nicht besteht, existiert keine Kirche, sondern nur austauschbare menschliche Organisation. Denn christliche Kirche und Gemeinde hören auf, wo dieser Glaube aufhört. Da wird auch Paulus deutlich, wie einer nur deutlich werden kann. Über solche Fragen ist Streit in Weisheit und Liebe gewiss nötig, nicht aber über die ganzen Belanglosigkeiten, mit denen Kirchengemeinderäte, Gremien und Synoden viel zu viel Sitzungszeit verbringen.

 

Doch was ist nun? Drei grundlegende Fehler machen Christen immer wieder bei dem Versuch, der Bruddler-Mentalität in unseren Gemeinden zu entkommen:

1. Manche Christen beißen sich auf die Zunge. Paulus fordert die christlichen Gemeinden nicht auf, mit verkniffenem Gesicht alles herunterzuschlucken. Denn irgendwann bricht sich all das herunter Geschluckte die Bahn. Irgendwann platzt die aufgestaute Enttäuschung. Oder aber die Enttäuschung lähmt uns bis hin zur Depression oder zur Glaubenskrise.

2. Manche Christen sagen zu allem "Ja", aber nicht "Amen". Auf gut schwäbisch „Scho recht“. Natürlich müssen wir auch nachgeben, um Gemeinschaft zu erhalten: Entweder weil wir nicht recht haben oder aber – was viel häufiger ist – weil es mehrere Wege gibt und nicht alle gleichzeitig gegangen werden können. Doch das „scho recht“ ist oft der Anfang der geistlichen Kündigung, eines Rückzugs aus dem Engagement in der Gemeinde. Oder es kann auch der Anfang der X-Beliebigkeit sein.

3. Schließlich gibt es noch die Streitlustigen. Es ist ein Unterschied, ob einer streitfähig ist, also die Fähigkeit besitzt, in einer geistlich guten Weise einen Streit auszutragen, oder ob einer streitlustig ist, also den Streit um des Streites oder aber um der Selbstbestätigung Willen sucht. Doch Streit ist immer Ausdruck der Sünde, er ist Notwendigkeit, darf aber nie Selbstzweck sein, weil er sonst zu unnötigen Verletzungen und zum ungeistlichen Leiden aneinander führt.

 

Doch welche Voraussetzungen gibt es dann, um einerseits einander voll Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld zu tragen, um andererseits einander in aller Weisheit zu ermahnen?

 

Entscheidend ist es, dass ich mich selbst loslasse und Jesus Christus ergreife, denn Christus ist die Mitte, nicht ich. So sollten wir vor unserem Herrn und Erlöser zuallererst einmal nicht im Glashaus sitzen und mit Steinen werfen. Wo ich nach den Fehlern des anderen frage, habe ich meine Fehler in die Waagschale zu werfen und mich zu fragen: Warum habe ich mit diesem und jenen ein Problem – weil es ungeistlich ist – oder weil es meine Gewohnheiten stört – oder bin ich gar selber von einem Verhalten oder einem Wort getroffen, weil es mich in Frage stellt? Versuche ich mit einer Anfrage nur, eine ungeistliche Schutzmauer um mich aufzubauen.

 

Christus, der alle einlädt, der gnädig mit den Fehlern derer umging, die an ihn glaubten, der vor Splittern und Balken warnt, kann der einzige Maßstab sein:

- Nur vor diesem Maßstab können wir Kritik üben – dann aber bitte in Liebe und mit der Bereitschaft zur Vergebung.

- Nur mit diesem Maßstab können wir Kritik annehmen und entscheiden, wo einer nur bruddelt oder wo einer ein geistliches Anliegen hat, das ernst genommen werden muss. Auch für denjenigen, der angefragt wird, sind damit gewisse Grundhaltungen ausgeschlossen:

 

1. Nicht jede Kritik ist berechtigt, nicht jeder Wunsch ist erfüllbar. Wer in Verantwortung vor seinem Herrn Jesus Christus einen Weg erkennt, der muss auch einmal Nein sagen. Jeder Kritik, jeder Anfrage und jedem Wunsch zuzustimmen, ist kein Zeichen der Stärke, sondern Zeichen der Orientierungslosigkeit. Und: Allen Leuten recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.

2. Wir dürfen das, was uns nicht persönlich und geistlich gesagt wird, nicht zu ernst nehmen. Wo in Gemeinden nur um die Ecke herum gebruddelt wird, da kann eine Kritik oft gar nicht ernst genommen werden. Denn was ankommt sind häufig Gerüchte und keine klaren Aussagen. Es wird nicht klar, wer aus welchen Gründen eigentlich was erwartet. Eine Alternative können Personen sein, die damit beauftragt werden, in einem Konflikt eine Brücke zu sein. Aber auch hier müssen Anfrage und Begründung klar ausgesprochen werden.

3. Kein Christ kann sich hinter einer Mauer vor Anfragen verschanzen. Jede und jeder muss sich in Verantwortung vor Gott Anfragen durch Schwestern und Brüder im Glauben gefallen lassen, die in Liebe und Freundlichkeit, im Hören auf Gottes Wort, gestellt werden. Irgend ein Theologiestudium ist dazu nicht nötig. Dies gilt umsomehr, wenn ein Christ eine Leitungsaufgabe hat: Kein Jungschar- oder Hauskreisleiter, kein Pfarrer, Kirchengemeinderat oder Prediger, kein Organist oder Chorleiter, kein Bischof, Kirchenrat oder Papst darf sich mit dem Verweis auf seine Leitungsfunktion für unkritisierbar erklären. Wer nicht zumindest bereit ist, eine in Liebe vorgebrachte Kritik aufmerksam und selbstkritisch anzuhören, hat in seinem Amt schon versagt, der ist in großer Gefahr zum Irrlehrer zu werden. Wer so handelt, der hat keine Autorität, denn Autorität kann mit Kritik umgehen und sie ins rechte geistliche Licht setzen. Wer keine Anfragen zulässt, der hat keine Autorität, er ist höchtens autoritär.

So bleibt der Anspruch: Christus muss die Mitte sein. Er schafft Raum für Vielfalt und ermöglicht Kritik in Liebe. Dieser Maßstab gilt für jeden Einzelnen und für das Miteinander all derer, die Gemeinde Christi sind. Dieser Maßstab gilt auch für all die verschiedenen Gruppen, Kreise und Richtungen in der einen Kirche Jesus Christi: In der Kirche, die Paulus als den Leib unseres auferstandenen Herrn beschreibt.

 

Wir waren letzte Woche auf dem Kongress für 2000 Verantwortliche, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von christlichen Bewegungen, Gemeinschaften, Werken und Initiativen unter dem Leitwort „Miteinander für Europa". Es ist ein Projekt, dass auf evangelischer Seite sehr intensiv vom CVJM getragen wurde. Bewusst evangelische, katholischen und freikirchliche Gruppen aus ganz Europa waren zusammen gekommen, um zu entdecken, wie Christus sie verbindet. In einer Arbeitsgruppe entstand eine Art Checkliste, wie wir auch da, wo wir uns sehr fremd sind, das Gemeinsame entdecken können. Diese Punkte sind auch eine gute Antwort, auf den Auftrag des Miteinanders, den uns unser Predigttext gibt:

 

1. Einheit in der Mitte des Glaubens

Wo wir einander als Christen fremd sind, da hilft es nicht, darauf zu hoffen, dass die Schwester oder der Bruder in Christus endlich meine Position einnimmt. Nur wenn wir gemeinsam im Beten, Reden und Handeln Jesus Christus als die gemeinsame Mitte entdecken, können wir entdecken, wie er uns verbindet: Durch seine Vergebung und in dem er uns gemeinsam Leben und Gemeinschaft sogar über diese Welt hinaus schenken will.

 

2. Beziehung in Demut und Liebe

Eine solche Gemeinschaft kann nur gegenseitig von Liebe und Demut bestimmt sein – und nicht davon, dass wir etwas von einander fordern. Dies ist nicht die routinierte Katzenbuckelei, bei der sich jeder ein Schild umzuhängen scheint, auf dem steht: „Ich bin ja so demütig“. Es ist vielmehr das aus der Gewissheit der Auferstehung getragene Loslassen aus der Erfahrung von Paulus: „Nimm Dich selbst nicht so wichtig“. Diese Erfahrung kommt aber aus der Freude über Jesu Auferstehung.

 

3. Gemeinsame konkrete Ziele entdecken

Wo wir aber so das Gemeinsame in Jesus Christus erkennen, da können wir gemeinsame Berufungen durch Gott entdecken und so einzelne konkrete Ziele miteinander festlegen, anstreben und mit Gottes Hilfe erreichen. Gemeinsame Ziele können vieles sein: Das Gebet oder das Glaubensgespräch, das Handeln an den Schwachen oder das Engagement in der Gesellschaft, das gemeinsame Zeugnis oder so vieles andere, was unser Auftrag von Gott her sein kann. Es ist nicht nötig, gleich alles gemeinsam zu tun, sondern an einem Punkt, der uns nahe liegt, gemeinsam anzufangen.

 

4. Vielfalt in der Einheit

Dies führt zur Einheit, nicht zum Einheitsbrei. Denn Gott verbindet uns in der Gemeinde und der Kirche trotz all unserer Vielfalt. Wir Christen sollten uns über jede und jeden freuen, mit dem uns Gott verbindet, auch wenn die Geschwister im Herrn andere Gaben und andere Schwächen haben. Der Glaube an Jesus hilft uns, dass wir nicht länger nur nach denen suchen, die uns möglichst ähnlich sind. So ist Gottes Volk durch Jesus Christus eine Einheit, aber dies in der großen Vielfalt, die bereits in Jesu Jüngerschaft angelegt war.

 

5. Den anderen fördern und frei setzen

Wo wir uns so in Jesus Christus lieben und einander annehmen, da können wir einander fördern und bei einander frei setzen, was an Gaben vorhanden hat. Gerade die Begegnung mit Christen, die ganz anders sind, als wir, wird so zum Segen. Denn gerade in der Vielfalt kommt der ganze Reichtum von Gottes Volk zum Tragen.

 

Vielleicht klingt das erst einmal beängstigend, weil uns das Fremde auch – oder gerade – wenn es von Gott kommt erschreckt und ängstigt. Doch unser Predigttext steht sehr bewusst in der Osterzeit: Denn Paulus will uns keinen neuen Vorschriften-Katalog mit auf den Weg geben. Er will vielmehr dem Auferstandenen einen Weg bahnen, einen Weg, auf dem Jesus Christus uns miteinander verbindet: Als Auserwählte Gottes, als Heilige, als Geliebte des Auferstandenen. In der Auferstehung wächst eine neue, alles umfassende Zukunft, die uns in allen nötigen Auseinandersetzungen verbindet und uns die unnötigen, nur verletzenden Streitereien um Unwichtiges erspart:

 

Es ist das Leben der Kinder Gottes im Licht der Auferstehung von Jesus Christus: Er gibt uns Leben und Gemeinschaft in dieser und der kommenden Welt.

 

AMEN


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