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Deutschland im Krieg? Andacht zum Kosovo-Krieg

Andacht über Mt. 27,17-27 am 30.3.1999 nach Ausbruch des Kosovokrieges in Derendingen

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

 

Verkündigung: das heißt die zeitlose Botschaft unseres Herrn in einer bestimmten Zeit auszulegen. So kann ich, wenn ich mit Euch nach Leiden und Tod Jesu Christi frage, heute nicht die selben Worte wählen, die ich noch letzten Dienstag plante. Ich kann es in Verantwortung vor Gott weder als Theologe noch als Journalist. Denn letzten Dienstag herrschte das, was wir seit einem halben Jahrhundert unter Frieden verstehen, heute leben wir, auch wenn sich unser Alltag praktisch nicht geändert hat, im Krieg.

 

Ich möchte Euch deshalb einladen, auf das Evangelium nach Matthäus zu hören und lese aus Kapitel 27 Vers 17-27: Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überantwortet hatten. Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen. Aber die Hohenpriester und Ältesten überredeten das Volk, dass sie um Barabbas bitten, Jesus aber umbringen sollten. Da fing der Statthalter an und sprach zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen von den beiden soll ich euch losgeben? Sie sprachen: Barabbas! Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Sie sprachen alle: lass ihn kreuzigen! Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie schrien aber noch mehr: lass ihn kreuzigen! Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu!

 

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, was ist eigentlich letzten Mittwoch Abend passiert? Das Wasser, in dem wir unsere Hände in Unschuld gewaschen haben, ist über uns gekommen – und siehe es war Blut. Denn wer heute nach Krieg und Frieden fragt, wer nach unserem Weg vor Gott fragt, darf nicht so tun, als ob sich die Frage nach einem Beitrag der Christen zum Balkankonflikt erst seit letztem Dienstag stellt. Zu lange haben wir gemeint, wir könnten in Frieden leben, wenn es nur in Deutschland alle wollen und alle eine friedliche Gesinnung haben. Eine Gesinnung, die unserem Gewissen ein gutes Ruhekissen bietet, weil wir unsere Hände in Unschuld waschen können. Doch der Anspruch der Friedensbewegung, die gewiss einen wertvollen Beitrag zur Politik in Deutschland geleistet hat, er hat sich selbst überholt: “Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin – dann kommt der Krieg zu Dir” so hat es mal einer gesagt. Und spätestens seit den Massenmorden von Srebrenica bleibt uns der vermeintliche Friede für uns bitter im Hals stecken. Und auch wenn jetzt das Abschlachten eines Volkes voll ausbricht, es hat doch nicht erst letzten Dienstag angefangen. Dieses Vertreiben und Schlachten begann kurz nach der politischen Neuorientierung am Anfang dieses Jahrzehnts und wurde seit letztem Sommer systematisch betrieben, auch in den Verhandlungspausen bei den Friedensgesprächen. Der Völkermord war gut vorbereitet. Dort aber, wo ein ganzes Volk ethnisch gesäubert, das heißt so lange ermordet und gequält wird, bis es die Flucht ergreift, dort kann der Satz “Krieg ist keine Lösung” eine Halbwahrheit, eine wahrhaft mörderische Halbwahrheit sein, die die schwächsten ihren Schlächtern ausliefert: Wer sich in dieser Situation die Hände in Unschuld waschen will, der hat in der Tat das Kreuz als Brücke der Vergebung, die Gott uns baut, nicht begriffen. Er will sich selbst erlösen – und wenn er dabei über Leichen geht. Hier gilt der Anspruch Dietrich Bonhoeffers: Wenn ein Betrunkener den KU-Damm herunter fährt, reiche es nicht die Verletzten zu verbinden, vielmehr müssen wir Christen ihm das Steuer aus der Hand reißen.

 

Heißt das nun, Krieg nach Stammtischart um jeden Preis, nur wenn uns etwas nicht pass? Heißt das, jeden als Nicht-Christen zu beschimpfen, der gegen diesen Krieg ist? Heißt das, dass die NATO Gottes Willen tut?

 

Es gibt manche, die gerne solche oder aber die entgegengesetzten Antworten hätten, damit sie selbst nicht mehr denken müssen. Doch wir müssen in Verantwortung vor Gott nachdenken. Denn das eine ist das Ziel, das vom Evangelium klar vorgegeben ist: Es ist unser Auftrag, den geschundenen Menschen, den Opfern – nicht nur - im Kosovo zu helfen und wir müssen Verhältnisse schaffen, die völkermordende Gewaltherrscher nicht auch noch ermutigen, sich zu nehmen, was sie wollen. Wer sich an den Maßstäben Jesu ausrichtet, kann leicht zu diesem Ziel kommen. Doch der zweite Schritt in Verantwortung vor Gott heißt, Sachfragen beantworten, konkret fragen, welche Folgen hat nach menschlichem Ermessen ein Angriff, welche hat ein weiteres Abwarten, welche hat der Einsatz von Bodentruppen, welche Alternative gibt es zur Spirale der Gewalt. Genau an diesem Punkt werde ich hier keine Antwort geben, auch wenn ich eine persönliche Meinung habe: Denn ich bin weder Experte für Außenpolitik im Balkan noch für Militärtechnik. Der letzte Schritt aber ist konsequent Handeln und ausdauernd beten, auch wenn dieses Handeln ‚nur‘ darin besteht, dass wir Christen uns mit klaren Zielen und mit Sachverstand an den politischen Diskussionen beteiligen. Wir werden dabei in vielen Situationen unterschiedliche Positionen vertreten. Denn was objektiv falsch war, werden vielleicht die Historiker in 50 Jahren sachgemäß beantworten. Was richtig gewesen wäre, darüber kann nur der Eine richten. Was bleibt, ist Schuld. Immer. Denn die Kehrseite der Freiheit, die Gott uns gibt, ist die Schuld.

 

Und was wir hier für die große Politik überlegt haben, das läßt sich auch auf den Alltag übertragen: Auch bei einem Streit in der Familie, bei einer schwierigen Situation im Beruf, bei Auseinandersetzungen in der Gemeinde kann ich in Verantwortung vor Gott

 

- Ziele bestimmen

- Sachfrage beantworten

- Wege suchen

- Beten und Handeln.

 

Doch auch hier bleibt die Schuld als Kehrseite der Freiheit, Schuld, die der Versuch nur vertieft, sich die Hände in Unschuld zu waschen oder sich angewidert von der Welt abzuwenden, die uns angeblich nichts angeht. Beides sind Wege, sich selbst zu erlösen, koste es die anderen, was es wolle.

 

So bleibt die Frage: Traue ich Gott zu, dass er mir am Kreuz eine Brücke baut, um die Scherben meiner Freiheit zu überwinden? Dies kann nur dort geschehen, wo wir erkennen, dass Gott über diesen Menschen vor Pilatus sagt: Das bin ich. So können wir am Kreuz stehen bleiben und es als brutales Ärgernis anerkennen, das für uns lebensnotwendig ist. Denn Gott hat diesem: Das-bin-ich in der Auferstehung die Macht gegeben. So bleiben - auch wenn wir an diesem Dienstag die Frage nach Krieg und Frieden stellen - solidarisches Leben, ohnmächtiger Tod und alles überschreitende Auferstehung untrennbar miteinander verbunden. Jesu Leben gibt uns die Maßstäbe unseres Lebens, Jesu Tod stellt uns in Frage und bietet uns eine Brücke zu Gott, die Auferstehung zeigt uns, wer letzten Endes regiert und die Macht hat.

 

Dies ist das Geheimnis dieser Passionszeit inmitten der Schuldverstrickung des Krieges, die jeden von uns trifft: Wir dürfen betend vor dem Kreuz stehen bleiben und in der sicheren Hoffnung auf Ostern das Kreuz aushalten. Denn im Kreuz ist die Vergebung für all das, was wir an Schuld auf uns geladen haben, weil wir die von Gott geschenkte Freiheit in Verantwortung genutzt und dabei geirrt haben. Im Kreuz ist Vergebung, wo wir an unsere Grenzen gestoßen sind und nicht mehr gehandelt haben. Und wir dürfen selbst da auf die Gnade hoffen, wo wir meinten, wir könnten wie Pilatus unsere Hände in Unschuld waschen – durch Wegsehen in der Familie oder im Beruf, auf der Straße oder in der Kirche, in den Abtreibungskliniken oder im Hungerselend anderer Länder, im Sudan oder im Kosovo. Denn das Kreuz ist um unseretwillen die Brücke zu Gott, es ist die Brücke zum Leben in dieser und der kommenden Welt. AMEN

 


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