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Das Ende der Kuschel-Muschel-Wohlfühlkirche

Predigt über 2. Kor. 1,3-4 gehalten gehalten am 19. März 2000 in Eckenweiler und Ergenzingen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

 

Predigttext: 2. Kor. 1,3-4

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal(1) sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.

 

Kanzelgebet

Herr, tue meine Lippen auf, lass meinen Mund Deinen Ruhm verkündigen, Herr, lass uns hören, wie die Jünger

 

Predigt

Das ist das Ende, liebe Schwestern und Brüder im Herrn. Das ist das Ende, was Paulus in unserem heutigen Predigttext schreibt. Es ist das Ende, das Ende der Kuschel-Muschel-Wohlfühlkirche. Denn wenn die Leiden Christi über uns kommen, wenn sie ihren Platz in unserem Leben als Christen haben, dann ist Gemeinde, dann ist Kirche als Gemeinschaft der Christen, davon nicht ausgenommen.

 

"Die Herrschaft soll sein inmitten deiner Feinde. Und wer das nicht leiden will, der will nicht sein von der Herrschaft Christi, sondern er will inmitten von Freunden sein, in den Rosen und Lilien sitzen, nicht bei bösen, sondern bei frommen Leuten sein. O ihr Gotteslästerer und Christi Verräter! Wenn Christus getan hätte, wie ihr tut, wer wäre selig geworden?" So schreibt es der große Reformator Martin Luther, den Bonhoeffer in seinem Buch 'Gemeinsames Leben' zitiert. Wir könnten es mit den Worten unserer Zeit auch so formulieren: "Hätte sich Jesus so unter seine Freunde zurückgezogen, so wie wir es zu oft tun, er wäre wohl im Altersheim gestorben und nie der Retter gewesen."

 

Deshalb, so das Fazit Bonhoeffers, gehören Christen unter ihre Feinde - und nicht in die Abgeschiedenheit eines Klosters - oder einer Gemeinde, die nur unter sich sein möchte und sich selbst genügt.

 

Liebe Geschwister im Herrn: Gerade in unserer Zeit scheint unser Predigttext weit entfernt vom normalen Gemeindeleben. Mitten im Deutschland im ausgehenden 20. Jahrhundert scheinen Todesnöte, die um des Glaubens willen begegnen, fern, scheinen wir Christsein nur noch in den Rosen und Lilien heiler Gemeinden leben zu können.

 

Gewiss lässt sich unser Predigttext nicht auf ein 'nun leidet mal schön' eindampfen. Doch genauso billig wäre es, gleich mit dem Trost anzufangen. Auch wenn uns die Wohlfühlkultur unserer Tage vom Fitness-Studio bis zu Flieges Fernsehplattheiten unter dem Motto 'passen Sie gut auf sich auf' in einen süßen Wohlfühlsabber packen möchte: Wenn wir mit Paulus fragen, was Gemeinde eigentlich ist, dann erreichen wir schnell den Punkt, an dem wir uns ausgesprochen unbehaglich fühlen. Denn Trübsaal ist kein allgemeiner Begriff für irgendwelche Leiden. Der Text des Korintherbriefs hat ein eigenes Wort für die Leiden um des Glaubens willen, das Luther mit Trübsal übersetzt

 

Sie kann auch heute als ganz konkrete Lebensbedrohung plötzlich sehr nahe sein, wenn Menschen mit der Nachfolge Jesu Christi ernst machen. Ich denke da an den Bericht einer jungen Frau aus unserer Derendinger Gemeinde, die als Hebamme im Sudan war und von Soldaten überfallen wurde. Und für manchen Spätaussiedler ist die alltägliche Trübsal durch den Glauben an Christus noch sehr gegenwärtig. Doch wir müssen nicht in ferne Länder gehen: Was die Lutherbibel mit Trübsal übersetzt, ist ein sehr weit gefasster Begriff für alles, was ein Christ aushalten muss, was eine Gemeinde aushalten muss, was Kirche aushalten muss. Wir können dem ausweichen oder uns in Gottes Namen stellen.

 

So möchte ich mit Euch drei Leitgedanken verfolgen, die sich aus unserem Text und den Berichten des Paulus über die Gemeinde in Korinth ergeben. Erstens: Christsein heißt, sich der Welt auszusetzen. Zweitens: Das meiste muss ein Christ oft wegen anderer Christen aushalten. Drittens: Ein Christ hat trotzdem Grund zur Hoffnung in dieser und der kommenden Welt. Und all dies ist in der Tat das Ende der Kuschel-Muschel-Wohlfühlkirche.

 

Eines gilt dabei vorweg: Wer wie Paulus den Weg des Leidens wählt, wer wie Dietrich Bonhoeffer oder Alfred Delp oder auch die Zeugen Jehovas im Dritten Reich in den Tod geht, wer im Widerstand gegen den Kommunismus die Existenz - auch seiner Familie - riskiert, der kann dies nur aus eigener Überzeugung. Es wäre billig, von oben herunter zu sagen: Du oder du sollst gehen. Es wäre Zynismus, zu sagen: Nun leidet mal schön. Dererlei Rede hat das Gerede der Christen zurecht manches Mal in Verruf gebracht. Was uns aber allen gilt, ist offen sein. Offen sein für einen Weg, der mich als einzelnen und uns als Gemeinde in massive Unbehaglichkeiten, ja in den Tod führen kann. Wir haben manche und manchen, der damit sehr ernst macht.

 

Denn Erstens: Christsein heißt, sich der Welt aussetzen. Es gibt in England eine christliche Gemeinschaft, die hat eine ganz besondere Lebensregel: Ihre Mitglieder verpflichten sich, außer dem Sonntagsgottesdienst nur einen Tag pro Woche in der Gemeinde und in kirchlichen Kreisen zu verbringen. Das ist keine Gesetzlichkeit, kein Anpassen an die Welt. Es ist ein ganz bewusster Ansatz der Mission. Nur wenn ich mit der Welt in Berührung komme, kann ich als Sauerteig des Glaubens leben. So mag meine Mitgliedschaft bei der Feuerwehr oder im Albverein, in einer politischen Partei oder einem Sportverein, einer Elterninitiative oder einem Umweltschutzverband, mehr Gottesdienst sein, als manches fromme Programm. Bedenken wir dabei, dass die wenigsten Menschen durch die klassischen Evangelisationsveranstaltungen den Weg zu Christus finden. Die meisten finden ihn durch das persönliche Lebenszeugnis anderer Christen. Es mag sogar sein, dass wir - wo immer wir gerade in der Welt sind - erst einmal lange nicht über unseren Glauben reden. Doch ein Maßstab mag gerade dort zum Tragen kommen: Charles de Foucault, nach seiner Bekehrung im Oktober 1886 katholischer Missionar bei den Tuareg in der Sahara, missionierte unter dem Anspruch: Rede nicht, ohne gefragt zu sein - aber lebe so, dass du gefragt wirst. Er hat dafür mit dem Leben gezahlt: de Foucault wurde 1916 von einem Tuareg erschossen, nachdem er viele zum Glauben geführt hat.

 

Natürlich dürfen die Ansprüche, nur einen Tag in der Gemeinde zu verbringen oder nur gefragt zu reden, nicht zum Gesetz werden. Sie können aber eine Anregung sein, wenn wir damit Ernst machen wollen, auch Trübsal auf uns zu nehmen, in die Welt zu gehen. Dabei darf das Leben in der Welt aber nicht zur Ausrede werden, sich billig in die Welt abzuseilen und sich vor der verbindlichen Gemeinschaft der Christen zu drücken.

 

Eines ist aber sicher: Der Anspruch 'Do hocket die, wo immer do hocket' mag vielleicht ein Zeichen sein, dass ein Stammtisch funktioniert. Wo er in der Kirche gilt, zeigt er, dass wir Christen versagt haben. So haben wir durchaus, jeder nach seinen Gaben, die Pflicht und Schuldigkeit, uns in die Welt hinauszuwagen, uns aus dem Fenster zu lehnen, auch wenn wir dabei nass werden.

 

Wir leben doch nicht auf einer kleine, heilen Insel. Und doch: Wie oft erzählen Hauskreise, dass alles nach festem Ritual abläuft, weil seit Jahren kein neuer mehr dazu gestoßen ist. Wie oft hält man - ich möchte mich davon gewiss nicht ausschließen - an Gewohnheiten fest, weil sie so behaglich sind. Wie oft bruddeln wir über die ach so böse Welt, vom Sonntagsverkauf von Brötchen bis hin zur Arbeitslosigkeit, von der Spendenaffäre bis zur Abtreibung, von der Todesstrafe in den USA bis hin zu allem Elend auch hier, statt dass wir anfangen, miteinander Stellung zu beziehen. Stellung zu beziehen, wenn jetzt auch noch mit einem Osterkalender das Warten auf den Osterhasen versüßt werden soll und auch noch der Karfreitag seinen Schokoladenguss erhält. Stellung zu beziehen, auch wenn die Öffentlichkeit vielleicht einmal über uns herzieht. Auch das mag Trübsal sein. Auch wenn die Kollegen, die Nachbarn, die Kommilitonen, die Mitschüler über uns herziehen. Auch das mag Trübsal sein. Auch wenn in unserem Verein gespottet wird: Du mit Deiner Kirche. Auch das mag Trübsal sein. Wobei wir feststellen werden, dass diese Trübsal wesentlich seltener eintritt als wir meinen. Unser bestes Zeugnis ist es dabei, glaubwürdig zu leben und zu reden. Und darauf zu verzichten, gleich mit dem Holzhammer zu missionieren und die Mitmenschen zu verschrecken: Denn alles ist mir erlaubt, aber nicht alles nützt.

 

Auch bei Jesus stand konkretes Handeln oft vor der Verkündigung, stand die Frage des Zuhörers vor der Antwort. Eine Anregung kann uns hier de Foucault sicher geben: "Rede nicht ohne gefragt zu sein, aber lebe so, dass du gefragt wirst." Wenn wir dann allerdings gefragt werden, dann gilt es, in aller Deutlichkeit und Liebe mit den Worten der Menschen von heute zu bekennen: Leben, Tod und Auferstehung sind die Maßstäbe unseres Lebens. - und das kann für uns erst einmal Leid und Trübsal bedeuten.

 

Bei den Ansprüchen Deutlichkeit, Liebe und zeitgemäße Worte werden wir allerdings auf eines stoßen, was auch für Paulus eine Erfahrung war, die er nie von der Trübsal der Welt trennen konnte: Das meiste muss ein Christ oft wegen anderer Christen aushalten. Es ist der zweite Hauptaspekt für den heutigen Sonntag.

 

Franziskus, Luther, Zinsendorf, Wesley, Bonhoeffer: Die großen Beweger in der Kirche machten eine Erfahrung: Sie litten zuerst einmal an den Mitchristen. Franziskus wurde verachtet, Luther für gottlos erklärt, Zinsendorf als frömmelnder Spinner abgetan, Wesley als Methodist beschimpft und Bonhoeffer war der einzige im Gefängnis, für den die bekennende Kirche nicht offiziell gebetet hat.

 

Doch auch hier müssen wir nicht weit gehen, um die Orte der Trübsal zu entdecken: Die einen leiden daran, dass nicht alles so bleibt, wie gewohnt, die anderen daran dass sich alles ändert. Für die einen gibt es im Gottesdienst viel zu viele wirbelnde Veränderungen, für die anderen ist ein klassischer Sonntagsgottesdienst tot. Der eine bezeichnet freies Beten als frommes Gestöhne, der andere bezeichnet ein geschriebenes als totes Gelaber.

 

Es gibt Pfingstler und Pietisten, Lutheraner und Reformierte, Katholiken und Baptisten. Und wir können entweder uns in einen möglichst kleinen Kreis optimal Gleichgesinnter zurückziehen oder uns freuen, dass die Gemeinschaft der Menschen so groß ist, deren Lebensmaßstab Leben, Tod und Auferstehung Christi ist. Damit ist die Kuschel-Muschel-Wohlfühlkirche geschlossen. Aber eines wird in allem Leiden aneinander deutlich: Wir dürfen das wandernde Volk Gottes sein, wir sind miteinander unterwegs. Wir dürfen einander in allem Leiden aneinander neu fragen: "Wo ist unser Ziel?" "Wohin sind wir unterwegs?" Und wir können damit die Frage "Wo stehen wir" überwinden. Denn wenn zwei Autofahrer hier vor der Kirche hintereinander stehen, kann es immer noch sein, dass der eine nach Hamburg und der andere nach Neapel fährt. Ein anderes Auto steht vielleicht gerade in Helsinki an der Ampel - und es hat auch das Ziel Hamburg. Wer hat wohl mehr gemeinsam?

 

Wenn wir aber zum Ziel einladen wollen, dann müssen wir bekennen: Wir sind miteinander unterwegs. Gott hat uns mit Christus ein Ziel vor Augen gegeben, dass das Unwohlsein wert ist: Das Unwohlsein eines Zeugnisses in der Welt, das Unwohlsein, weil wir aneinander leiden. Aber das Ziel ist dies alles wert, ja die Trübsal führt zum Ziel.

 

Denn drittens: Ein Christ hat trotzdem Grund zur Hoffnung in dieser und der kommenden Welt. Gerade das Ziel gibt Hoffnung, gibt Trost. Denn wir wissen uns in Gemeinschaft mit dem Gott, der mitten unter Menschen lebte, mit dem Gott, der gelitten hat, mit dem Gott, der für uns ans Kreuz genagelt wurde, mit dem Gott, der in der Auferstehung dem Tod die Allmacht genommen hat.

 

Das dürfen wir gemeinsam entdecken. Das dürfen wir gemeinsam leben. Daraus können wir gerade in der Passionszeit die Kraft bekommen, uns auch einmal in Gottes Namen in die Nesseln zu setzen: In der Welt und in der Kirche. Wenn wir dazu bereit sind, wann immer Gott uns ruft - dann können wir uns auch freuen, wenn eine umfassende Gemeinschaft der Christen wächst, in der wir zu Hause sind, die uns in Gebet und Gemeinschaft trägt, wenn wir kämpfen müssen. Denn auch Paulus stand gewiss in der vordersten Front der Weitergabe des Glaubens. Aber er war kein Einzelkämpfer. Er wusste sich mit Gemeinden verbunden. Auch das gab ihm Kraft. So kann auch für uns die Gemeinde zur Basis des Handelns in der Welt und in der Kirche werden.

 

Wenn wir dabei Christus als Ziel haben, dann haben wir die Kuschel-Muschel-Wohlfühlkirche auch gar nicht mehr nötig. Denn dann kennen wir eine andere, die wahre Kirche: Die Gemeinschaft mit Jesus Christus, die Gemeinschaft, die Leiden, Tod und aber auch Auferstehung einschließt - statt sie zu verdrängen. Zu der wir aber auch dann einladen können, wenn wir einmal nicht in Rosen und Lilien gebettet sind. Es ist die Kirche, die echt ist.

 

In dieser Kirche ist der auferstandene Christus mit seinem Geist lebendig. In dieser Kirche ist der Tröstergeist gegenwärtig, der uns auch dann nicht alleine lässt, wenn die Trübsal zum Tod wird. So tröstet uns der Herr, damit auch wir trösten können, damit wir Zeichen der Hoffnung setzten.

 

So wollen wir uns miteinander über alle gute Gemeinschaft in unserer Gemeinde freuen, ohne schlechtes Gewissen. Aber immer so, dass wir in die Welt hineinleben,

 

- dass wir die Welt einladen und herzlich bei uns aufnehmen, auch wenn uns das belastet.

 

- dass wir jeden als Schwester und Bruder annehmen, der mit uns bekennt, dass Leben, Tod und Auferstehung Jesus Christi Maßstäbe seines Lebens sind, auch wenn wir uns dabei manchmal nicht ganz wohl in unserer Haut fühlen.

 

Denn wir dürfen gewiss sein: Der Tröster Geist lässt uns nicht alleine, er verbindet uns zu der Gemeinschaft der wirklich Getrösteten. Zur Gemeinschaft, die end-gültigen Trost hat - in dieser und der kommenden Welt.

 

AMEN


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