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Liebe und dann tue, was du willst - Das höchste Gebot

Predigt über Mk 12,28-34 am 24.8.03 in der Galluskirche Tübingen-Derendingen und am 31.8.2003 in Öschingen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Mk 12,28-34 Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, daß er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5. Mose 6,4-5). Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Als Jesus aber sah, daß er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

 

Kanzelgebet

Herr,

Dein Wort

macht das unmögliche möglich.

Darauf vertrauen wir.

So segne Dein Wort an uns,

auch wenn es nur

durch meine schwache Stimme

weitergeben wird.

AMEN

 

Predigt

Liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus, wisst Ihr was KISS heißt? 'Keep it simple and short.' Fasse es einfach und kurz. Es ist ein Slogan unserer Fastfood-Gesellschaft, die immer mehr auf der Suche nach den kleinen, leicht fassbaren Häppchen ist: in der Werbung, in den Medien - und auch in der Kirche. Doch nicht nur diejenigen, deren ganzes Leben aus dem Schrei nach Fast-Food besteht, wollen es simpel und kurz. So fragte mich vor einiger Zeit jemand, der sich mit dem Islam intensiv auseinander gesetzt hatte, ob es denn im christlichen Glauben auch so eine einfache Antwort gibt wie im Islam:

 

Der Islam fasst in den so genannten fünf Säulen wie in einer Liste zum Abhaken zusammen, was ein guter Muslim unbedingt tun muss: Die fünf Säulen des Islam bilden den Rahmen des Lebens eines Muslim. Sie sind

- das Glaubensbekenntnis 'Es ist kein wahrer Gott außer Allah, und Muhammad ist der Gesandte Gottes.',

- das Gebet fünfmal täglich,

- die Unterstützung der Bedürftigen,

- das Fasten im Monat Ramadhan

- und einmal im Leben die Pilgerreise nach Mekka für diejenigen, die es sich leisten können.

 

Jeder dieser fünf Punkte lässt sich sehr einfach abhaken, auch wenn es natürlich Muslime gibt, deren Maßstäbe im Guten - oder leider auch im Schlechten viel weiter reichen.Doch in unserem heutigen Predigttext ist Jesus noch kürzer als die fünf Säulen:

 

Jeder der beiden Kernsätze des heutigen Predigttextes ließe sich mit dem Handy als SMS verschicken: 'Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften' hat 124 Buchstaben mit Leerzeichen, 'Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst' umfasst sogar nur 49 Zeichen. Doch simpel und einfach abhaken lassen sich diese 173 Buchstaben nicht.

 

Das fängt damit an, dass Jesus nicht nach einem Bekenntnis fragt, sondern nach einer Beziehung. Er fragt nicht nach einem Satz, den wir für wahr halten und der dann doch zum Lippenbekenntnis werden kann. Mit dem Ersten Testament bekennt der Jude Jesus, was das wandernde Gottesvolk zu allen Zeiten hören soll: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften.« Es ist leicht zu sagen, ich glaube an Gott. Es ist schwer zu sagen: Herz, Seele, Gemüt und Verstand richten sich alleine an Gott aus.

 

Doch ohne diese Ausrichtung fehlt der Grundmaßstab für unser Handeln und Leben in dieser Welt. Ohne diesen Grundmaßstab kann jede Regel ins Leere laufen. Dies gilt auch für den Anspruch der Bibel, den Nächsten zu lieben, wie sich selbst. Und dies gilt ebenso für den Versuch eine allgemeingültige Regel zu formulieren, die für jegliches menschliches Miteinander verbindlich sein soll. Bedeutendstes Beispiel dafür ist wohl der so genannte kategorische Imperativ des Philosophen Imanuel Kant: Im Alltagsdeutsch könnte dieser Satz lauten: 'Stell dir vor, alle wollten so handeln wie du jetzt - wären die Folgen erträglich?' Es ist eine Frage nach der Verantwortung, die der Kern der Frage nach der Liebe ist. Doch was ist, wenn ich Liebe falsch verstehe, etwa als ein den anderen besitzen wollen. Was ist, wenn ich die falschen Werte für erträglich halte, etwa Sexualität um jeden Preis oder den Grundsatz, dass nur die Stärksten überleben und dass deshalb Euthanasie, das Töten von Behinderten, schwer Kranken oder Alten ein Akt der Liebe sei? Nationalsozialismus, Kommunismus, Militarismus haben ebenso wie ein reiner Kapitalismus gezeigt, was man alles als gut bezeichnen kann. Und so ist der Versuch Weltverbesserung durch das, was jeweils als Vernunft bezeichnet wurde, ebenso gescheitert, wie der Humanismus, die grundlegende Menschenfreundlich oder der Liberalismus, der grundsätzliche Anspruch der Freiheit.

 

Alle diese klugen Gedanken haben vergessen, das nur dort aus Liebe verantwortlich und vernünftig gehandelt werden kann, wo ein Grundmaßstab außerhalb des Menschen besteht. Und wo können wir einen Grundmaßstab erhalten, außer bei dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat und der uns so eine Betriebsanleitung für uns und diese Welt geben kann. Wo können wir einen Grundmaßstab erhalten, außer bei dem Gott, der uns so liebt, dass er für uns ans Kreuz gegangen ist. Wo können wir einen Grundmaßstab erhalten, außer bei dem Gott, der in der Auferstehung den Tod überwindet und uns zum ewigen Leben einlädt.

 

Mit den Psalmen möchte ich bekennen: 'Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch. Ich kann Sie nicht begreifen.' Und doch ist sie Grundlage unseres Lebens. Deshalb betont Jesus diese alles umfassende Gottesbeziehung der Liebe wie zu einem Vater, dem ein Kind mit dem begeisterten Ruf 'Papi, Papi' entgegen rennt. Und er beschreibt in seinen Gleichnissen, Beispielen und mit seinem Leben, was und wie Liebe ist: Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles, wie es im Korintherbrief heißt.

 

Und erst mit dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter wird deutlich, das der Nächste eben nicht derjenige ist, der unserer Gemeinde, unserem Umfeld, unserer sozialen Schicht oder unser Nationalität angehört. Den Begriff des Nächsten können wir auch durch das Wort Mitmensch ersetzen.

 

Nur wo wir den Gott, dessen Wort Mensch geworden ist, lieben und uns an ihm ausrichten, haben wir die Grundlage, um dieses Liebesgebot recht zu verstehen. Aus der Beziehung zu ihm, aus dem Gebet, aus dem Hören des Wortes, aus der Gemeinschaft mit anderen Christen wächst das Handeln in seinem Namen. Und gerade in schweren Zeiten haben Christen so immer wieder neu eine Grundorientierung gefunden und durch Liebe Zeichen gesetzt.

 

Damit haben wir die Grundlage und der Rest ist dann ganz kurz und einfach, ganz KISS? 'Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst' - Oder? Die Fragen bleiben: Wann habe ich genug getan? Was muss ich beachten? Welche Maßstäbe der Verantwortung gibt es?

 

Wer kennt diese Frage nicht, etwa beim Verhältnis von Senioren zu ihren erwachsenen Kindern? Ist erst dann genug getan, wenn die Tochter oder Schwiegertochter zusammengebrochen und in psychologischer Behandlng ist? Oder reicht es, einen Platz in einem Pflegeheim zu suchen, um die pflegebedürftigen Eltern als versorgt abzuhaken? Wie weit reicht das gute Gebot der Bibel, die Eltern zu ehren, wo fängt der Auftrag Jesu an, Vater und Mutter um seinetwillen zu verlassen?

 

Die Bibel liefert keine Abhakliste. Die Bibel begrenzt Liebe nicht. Aber Jesus redet trotzdem von einem Interessensausgleich: Liebe Deinen Nächste, wie Dich selbst. Nimm Ihn genauso wichtig. Verlasse Dein ewiges Kreisen um den eigenen Bauchnabel. Aber eben auch: Achte auf Dich, denn wenn Du Dich bis zum Zusammenbruch verheizst, kannst Du den Nächsten nicht mehr lieben, wie Dich selbst: Denn Du zerstörst Dich und achtest Dich nicht mehr als Gottes geliebtes Geschöpf. Wie sieht die Praxis aus? Immer irgendwo im Zwischenfeld, das nach den Verhältnissen fragt: Wie stark, wie wenig sind die Kinder durch Beruf, Familie und Gemeinde belastet? Welche Leistungsfähigkeit zum Helfen aber eventuell auch mit Geld ist vorhanden? Wie weit Leben Senioren und ihre Kinder auseinander? Wo kann, wo muss welche professionelle Hilfe hinzugezogen werden? Was ist notwendig für ein würdevolles Leben, worauf muss verzichtet werden? Gerade in unserer heutigen Zeit mit Ihrer Mobilität und Kommunikation ist - je nach Entfernung - das regelmäßige Einander besuchen und Treffen ganz wichig. Und ergänzend dazu kann regelmäßiges Telefonieren Grundvoraussetzung sein. Doch auf der anderen Seite: Vielleicht muss im Garten das eine oder andere Gemüsebeet mit Gras eingesäht werden, vielleicht ist Essen auf Rädern und eine Putzhilfe sinnvoller als über zwanzig Kilometer zwei Haushalte zu führen. Und es gibt Situationen von Pflegebedürftigkeit, die ohne professionelle Hilfe nicht bewältigt werden könne - und sei dies nur, ein oder zweimal, damit die Pflegenden auch selber einmal Kräfte auftanken können.

 

Bei all dem hilft nur eines: In Liebe und Achtung voreinander die individuellen Möglichkeiten prüfen. Das setzt Liebe und Achtung und die Bereitschaft zur Flexibilität auf beiden Seiten voraus. Das Abschieben der Senioren ist ebensowenig eine Lösung wie die Pflege bis zum Zusammenbruch. Es gibt in einem Leben im Licht christlicher Nächstenliebe oft keine KISS-Antworten, gerade wenn wir über Bereiche nachdenken, die uns auf den Nägeln brennen.

 

Die gibt es auch nicht in der Politik. Natürlich freuen wir uns, das die 14 Geiseln aus der Wüste befreit worden sind. Und die Frage wer wie viel Geld gezahlt hat, soll hier außen vor bleiben. Wenn wir mit den Augen der Liebe nur auf diese 14 Menschen schauen, dann ist die Zahlung des Lösegeldes nur zu begrüßen. Doch es wird jetzt auch die Frage laut: Lädt die Zahlung des Lösegeldes nicht erst zu neuen Geiselnahmen ein? Werden dadurch andere Menschen nicht erst in Lebensgefahr gebracht? Und wie viele Menschen werden mit den Waffen ermordet, die mit dem erpressten Geld gekauft wurden? Ich kenne zu wenig Hintergründe, um hier Stellung zu beziehen. Eine Frage ist, ob diese Terroristen in absehbarer Zeit gefasst werden können, damit klar ist: Solche terroristischen Aktivitäten dürfen sich nicht lohnen - das ist die Politik künftigen Opfern schuldig. Wie gesagt, es ist nicht kurz und simpel sondern äußerst schwierig eine Antwort zu finden. Gerade wir Christen tun gut daran, Liebe im großen Zusammenhang zu sehen, statt uns vorschnell für die oberflächlich menschliche, schöne und bequemen Lösung zu entscheiden, auch wenn uns dies mancher als vermeintlich fehlende Nächstenliebe ankreiden wird: Nächstenliebe muss auch der Maßstab für potenzielle künftige Opfer sein.

 

Und wer heute nach der Anwendung unseres Predigttextes auf das Heilige Land und seine jüdischen, muslimischen und christlichen Bewohner fragt, der kann sich nur in die Nesseln setzen. Doch Predigt muss den Mut haben, sich in die Nesseln zu setzen. Denn wer nach der Liebe und eben nicht nach trügerischen Kuschelecken fragt, der muss um der Liebe Gottes und um der Nächstenliebe willen Spannungen und Disharmonien aushalten. So muss sich auch Israel die Anklage des Predigttextes zum Israel-Sonntag letzte Woche gefallen lassen, 2000 Jahre alt und doch an Aktualität kaum zu überbieten: 'Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient!' So der verzweifelte Ausruf von Jesus über Jerusalem in Lukas 19. Wie dringend bräuchte diese Region auf beiden Seiten Politiker, die um der Nächstenliebe willen - die ja die Feindesliebe mit einschließt - bereit sind, über Ihren Schatten zu springen. Doch beide Seiten lassen sich statt dessen wie dressierte Hunde von den Radikalen, den islamistischen Terroristen wie den radikalen jüdischen Siedlern, zu Instrumenten der Gewalt machen.

 

KISS - Keep it simple and short. Fasse es einfach und kurz: das ist die Anleitung zur Verantwortungslosigkeit, die nur Gesetze schnell abhaken will, um sich dann in der eigenen Selbstgerechtigkeit zu suhlen. Und doch: Wie können wir in einer so komplexen Welt Entscheidungen treffen und im Sinne christlicher Nächstenliebe handeln, wenn wir so oft nicht alle Grundlagen einer Entscheidung überblicken können?

Das eine ist das ständige Bemühen auch um Hintergründe.

Das andere ist unsere innere Ausrichtung an der Liebe:

 

'Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.' Dies gilt sowohl gegenüber meinen Mitmenschen als auch für den Umgang mit mir selbst.

 

Bei allem bleibt aber die Frage unseres Scheiterns bei Ringen um den rechten Umgang mit dem Doppelgebot der Liebe. Wo wir aber dabei scheitern, da dürfen wir aus dem Vertrauen leben, dass Gott uns zuerst geliebt hat und dass er diesen Weg bis ans Kreuz gegangen ist. Denn er hat uns zuerst geliebt, er steht für unsere Schwächen, Fehler und Sünden ein, wenn wir uns an ihm ausrichten. Und er führt uns trotz alle dem in ein Leben, das Bestand hat über die Grenzen dieser Welt hinweg. Das gibt uns Christen Freiheit, denn wir kennen unsere Schwächen und brauche trotzdem keine Angst vor dem Versagen zu haben. Wir sind durch Jesus Christus zur Liebe befreit - und das ist eine große Freiheit:

 

'Liebe - und dann tue, was Du willst', so schreibt Augustinus in seiner Auslegung des Johannes-Evangeliums. Und er fährt fort: 'Schweigst du, so schweige aus Liebe; schreist du, so schreie aus Liebe; weisest du zurecht, so weise aus Liebe zurecht; übst du Nachsicht, so übe sie aus Liebe. Die Wurzel deines Handelns bleibe innerhalb der Liebe. Aus dieser Wurzel kann nichts anderes als Gutes wachsen.'

AMEN


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