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Fürchte Dich nicht: Es wird regiert.

Teampredigt über Offenbarung 1,9-18 am 5.2.06 in Tübingen-Derendingen

Eine Annäherung an die Offenbarung des Johannes.

Jörg Beyer: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Offenbarung 1, 9-18 (Übersetzung Neues Leben)

Ich bin Johannes, euer Bruder. Wir sind in Jesus verbunden: Durch ihn leiden wir gemeinsam, hoffen auf das Reich Gottes und warten geduldig und standhaft darauf. Man hat mich auf die Insel Patmos verbannt, weil ich das Wort Gottes verkündet und von Jesus erzählt habe. Es war der Tag des Herrn, und ich betete im Geist. Plötzlich hörte ich hinter mir eine laute Stimme wie von einer Posaune. Sie sprach: "Schreibe, was du siehst, in ein Buch und schicke es an die sieben Gemeinden: Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea!" Als ich mich umdrehte, um zu sehen, wer zu mir sprach, sah ich sieben goldene Leuchter. Und mitten unter den Leuchtern stand der Menschensohn. Er trug ein langes Gewand mit einem goldenen Gürtel über der Brust. Sein Kopf und sein Haar waren weiß wie Wolle, so weiß wie Schnee. Und seine Augen leuchteten wie Feuerflammen. Seine Füße glänzten wie im Feuer gereinigtes Erz, und seine Stimme war wie das Tosen mächtiger Meereswellen. Er hielt sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Mund kam ein scharfes zweischneidiges Schwert. Und sein Gesicht strahlte wie die Sonne in ihrer ganzen Pracht. Als ich ihn sah, fiel ich wie tot vor seine Füße. Aber er legte seine rechte Hand auf mich und sagte: "Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot und bin lebendig für immer und ewig! Ich habe die Schlüssel des Todes und des Totenreichs. Schreibe auf, was du gesehen hast - das, was jetzt geschieht, und das, was später geschehen wird. Das ist die Bedeutung der sieben Sterne, die du in meiner rechten Hand gesehen hast, und der sieben goldenen Leuchter: Die sieben Sterne sind die Engel der sieben Gemeinden, und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden selbst.

 

Beate Beyer: “Der hat wohl einen Joint geraucht.“

Liebe Gemeinde, dies war die Reaktion eines Schülers, als ich mit einer Klasse an der Berufsschule diesen Text las. Mal ehrlich: Fällt es uns nicht auch schwer, mit solchen Bibelstellen umzugehen? Haben wir nicht auch manchmal unsere Zweifel an den Worten der Offenbarung?

Deshalb wollte ich es einmal wissen: Wie reagieren junge Menschen auf das letzte Buch des neuen Testaments. Wie reagieren Schüler, die es nicht gewohnt sind in der Bibel zu lesen. Die Antworten waren unterschiedlich:

Jesus ist doch seinem Jüngern öfters erschienen, warum nicht hier?

Er hat es geträumt.

Oder eben: er hat Rauschgift genommen.

Jörg Beyer: Wie können wir diesen Text und die Offenbarung entdecken? Der Blick auf die Theologie zeigt uns zwei Wege, die scheitern müssen: Da gibt es auch unter den Kirchenmitgliedern und Theologen die große Zahl jener, die mit der Offenbarung auch nicht viel anders umgehen, als die Schüler meiner Frau. Die dieses Buch als Phantasie abtun. Und es gibt die Schaar derer, die ganz genau zu wissen meinen: Das ist dieses Bild. Das ist jenes Bild. Dann und dann ist der Weltuntergang. Dabei ist die Sorge um das Ende der Welt sehr real, etwa mit Blick auf die zunehmende und immer unkontrolliertere Verbreitung von Atomwaffen, jetzt etwa im Iran. Und auch die Naturwissenschaftler bestätigen, dass Beispielsweise Meteoriten, Supervulkane oder neue Seuchen apokalyptische Vernichtungen auf der Erde anrichten können. Doch die Geschichte der Missdeutungen gerade der Offenbarung zieht tiefe Furchen in die Geschichte des Glaubens: Wie oft wurde mit allerlei Verweisen das Weltende vorausgesagt, zuletzt zum Jahresbeginn 2000: Als ob Gott sich an unsere Zahlenspiele halten würde. Noch viel problematischer waren jene, die die Offenbarung in direkte politische Aktionen umsetzen wollten, wenn wir nur an die Täuferbewegung oder die Bauernkriege erinnern.

Beate Beyer: Doch die Offenbarung wurde zuerst einmal in eine ganz bestimmte Zeit und Situation hinein geschrieben. Johannes war wohl der letzte Überlebende aus dem engeren Kreis der Jünger. Nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 hatte sich das Schwergewicht des christlichen Glaubens von der Urgemeinde in Jerusalem verlagert nach Antiochien in Syrien und später nach Kleinasien. Hier wirkte Johannes als Autorität unter den Christen. Die Christenverfolgung, die Ende des ersten Jahrhunderts verstärkt einsetzte, traf auch ihn. Er wurde auf die Felseninsel Patmos verbannt, wo er die Offenbarung schrieb. Aus gutem Grund ist diese Botschaft verschlüsselt: Sie sollte nur von den Christen verstanden werden, die in schwerer Bedrängnis lebten.

So ist diese Botschaft erst einmal nur an sieben Gemeinden vor über 1900 Jahren gerichtet. Sie sind die Zielgruppe dieser Botschaft. Diese verfolgten Christen will sie zur Hoffnung einladen und berufen. Deshalb müssen wir sehr genau zuhören und fragen, was diese Botschaft eigentlich uns zu sagen hat: Wo schlägt sie eine Brücke mitten hinein in unser Leben? Das aber ist das Ziel der Offenbarung! Sie ist Teil des unverzichtbaren Gotteswortes, das uns die Väter und Mütter des Glaubens in der Bibel mitgegeben haben. In einem abschließenden Feuerwerk im letzten Buch der Bibel leuchtet so noch einmal die ganze Herrlichkeit Gottes auf.

Jörg Beyer: Wie können wir unseren Text und das Buch der Offenbarung entdecken, neu entdecken? Vielleicht kann das Leitwort von ProChrist „Zweifeln und Staunen“ zu einem Schlüssel werden: Wir sind erst einmal zum Zweifeln gerufen: Zum Zweifeln an jeder voreiligen Auslegung genauso wie zum Zweifeln an einer schnellen Abwertung der biblischen Botschaft. Einer Abwertung, die oft genug ihren Grund in der Feigheit vor der Erkenntnis hat: Wir stehen klein und unwissend vor Gott, vor seiner Schöpfung und vor seinem Reich. Zweifeln aber auch mit der Frage: Kann Gott dieses Buch ernst meinen?

Ja, er meint es ernst. Gott will uns zum Staunen einladen: Denn Jesus Christus ist Erlöser, Jesus Christus ist Richter, Jesus Christus ist Sieger. Unser Text und die Offenbarung haben dieses Staunen mit vollmächtigen Bildern in einmaliger Weise zusammengefasst. Johannes gibt uns so ein Abbild des Unfassbaren mit, das seine Glaubwürdigkeit von Jesus Christus her bezieht.

Beate Beyer: Welcher Jesus zeigt sich hier in der Botschaft?

Ist es das Kind in der Krippe? Der heruntergekommene Gott, der in einem so unscheinbaren Anfang die Welt auf den Kopf stellte?

Ist es eine prophetische Rede, die den Christen zeigen soll, wo es lang geht, was sie tun oder lassen sollen?

Ist es der gekreuzigte, leidende Gott, der durch seine Tat uns einen neuen Weg zu Gott gezeigt hat?

Ist es der Auferstandene, der die Emmausjünger begleitete und mit ihnen das Brot brach?

Oder ist es ein sehr, sehr fremder, ja befremdender Jesus, der hier erkennbar wird?

Johannes schreibt: „Und mitten unter den Leuchtern stand der Menschensohn. Er trug ein langes Gewand mit einem goldenen Gürtel über der Brust. Sein Kopf und sein Haar waren weiß wie Wolle, so weiß wie Schnee. Und seine Augen leuchteten wie Feuerflammen. Seine Füße glänzten wie im Feuer gereinigtes Erz, und seine Stimme war wie das Tosen mächtiger Meereswellen.“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit dieser Beschreibung geht. Dieser Jesus scheint nichts gemeinsam zu haben mit dem Kind in der Krippe, mit dem Mann am Kreuz, mit dem Auferstandenen, der seine Jünger ermutigt. Es ist ein fernes, unnahbares und fremdes Bild, das uns da gezeigt wird. Das Priestergewand weist darauf hin, dass er die Verbindung herstellen kann zwischen den Menschen und Gott. Die Krone zeigt, dass er König über Himmel und Erde ist. Das zweischneidige Schwert, das Richtschwert, zeigt ihn als Richter der Welt - und das ist keine Beruhigung: Er wird kommen, „zu richten die Lebenden und die Toten“ wie wir es im Glaubensbekenntnis sprechen. Der Herr Jesus Christus, der sich Johannes offenbart, ist Grund zum Erschrecken.

Jörg Beyer: Am Abend vor seinem Tod, am 9.12.68, telefonierte der Theologe Karl Barth mit seinem Freund Eduard Thurneysen. „Ja, die Welt ist dunkel,“ sagte er und fügte hinzu: „Nur ja die Ohren nicht hängen lassen. Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern es wird regiert, und zwar hier auf Erden, aber von ganz oben, vom Himmel her! Gott sitzt im Regimente! Darum fürchte ich mich nicht. Bleiben wir doch zuversichtlich auch in dunkelsten Augenblicken! Lassen wir die Hoffnung nicht sinken, die Hoffnung für alle Menschen, für die ganze Völkerwelt. Gott lässt uns nicht fallen, keinen einzigen von uns und uns alle miteinander nicht. Es wird regiert!“ Das waren die letzten überlieferten Worte in seinem Leben.

Es gibt wenige Stellen der Bibel, die dieses letztgültige Regiment Gottes, die uneingeschränkte Gottesherrschaft, so in den Mittelpunkt stellen, wie dieser Predigtext und das Buch, das er einleitet. Dieses Regiment ist die Grundlage christlichen Vertrauens, dass der Tod überwunden ist. Letztes Regiment heißt aber auch: Letzte Gerechtigkeit! Gerechtigkeit heiß aber, das Recht Wirklichkeit wird. So lassen sich Gottes befreiende Herrschaft, seine Herrlichkeit und sein Gericht nicht von einander trennen. Sie lassen sich ebenso wenig trennen, wie sich christliche Hoffnung von der Frage trennen lässt: Wie stehe ich da vor dem Richter? Diese Frage kann uns nicht kalt lassen! Diese Spannung ist Teil des Christseins. Doch sie hat ihre Schärfe verloren. Denn es ist der Menschensohn, der kommt. So nannte sich Jesus auch selber, wohl mit Blick auf den Propheten Daniel. Der spricht von dem Menschensohn, der vom Himmel kommt. So kam Gott vom Himmel, um sich selbst hinzugeben, damit Recht geschieht: Das ist Grund aller Hoffnung vor dem Gott, der als Sieger im Regimente sitzt.

Beate Beyer: Jesus ist der Sieger: Er hat alle Macht, weil er den Tod überwunden hat. Dietrich Bonhoeffer, der gestern 100 Jahre alt geworden wäre, hat über diese Macht Gottes gesagt: «Der Glaubende kann kein Pessimist sein und kann kein Optimist sein. Beides ist Illusion. Der Glaubende sieht die Wirklichkeit nicht in einem bestimmten Licht, sondern er sieht sie, wie sie ist, und glaubt gegen alles und über alles, was er sieht, allein an Gott und seine Macht.»

Johannes weiß von dieser Macht. Vor den Mächtigen dieser Welt hat er nicht gekniet, deshalb wurde er in Verbannung geschickt. Aber vor Jesus Christus fällt er vor die Füße. Er ist überwältigt von der Macht Gottes. Auf dem Kirchentag in Düsseldorf brachte dies Ulrich Parzany so auf den Punkt: „Wer vor Gott kniet, kann vor den Menschen aufrecht stehen.“ Es ist einer der wenigen Sätze, die ich nach über zwanzig Jahren noch aus dem Gedächtnis zitieren kann.

Die Erscheinung von Jesus Christus zeigt Johannes ganz deutlich, dass trotz Verfolgung und Bedrängnis, Jesus Christus die Christen hindurch führen wird an das himmlische Ziel. Er ist der Sieger, denn er hat den Tod überwunden. Er kann vom Tod als etwas Vergangenem reden. Wir wissen, dass wir sterben werden, aber nicht ohne die Hoffnung, dass Jesus auch Sieger über unseren Tod ist. Mit Jesus hat seit Ostern das Leben die Macht, das unbegrenzte und unmittelbare Leben, das Leben in Gottes hellem Licht. In dieses Leben kann und will er uns mit hineinziehen.

Das heißt jetzt aber nicht, dass wir nur auf bessere Zeiten warten sollen. Gerade dieses Vertrauen auf eine andere Welt befreit uns zum Handeln nach Gottes Berufung auch in dieser Welt - egal in welchem Lebensabschnitt wir leben. Noch einmal Bonhoeffer: «Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.»

Jörg Beyer: Und doch hat unser Tun nicht das letzte Wort! Denn vor dem Christus, der uns begegnet wie die strahlende Sonne in ihrer ganzen Pracht, vor dem Gott, der im Regiment sitzt, zählt alleine die Gnade: Es ist die Gnade Gottes, die aus dem Zweifeln das grenzenlose Staunen macht – und das in die Nachfolge, zur Anbetung und zur Hoffnung ruft; Es mag ohne längeres Nachdenken überraschend klingen: Doch unser Predigttext wie die ganze Offenbarung rufen uns zu: Fürchte Dich nicht!

Am Freitag war ich mit einer guten Freundin in dem Film: „Die große Stille“. Er zeigt Ausschnitte aus dem Leben der schweigenden Mönche des Karthäuser-Ordens in den französischen Alpen. Der Film selbst, der radikalste Dokumentarfilm, den ich je gesehen habe, kennt keine Worte. Er hat mich tief bewegt – auch wenn einzelne Fragen bleiben. Über 2 ½ Stunden dauert er, ohne dass gesprochen wird, mit einer Ausnahme. Ein alter, blinder Mönch gibt Antwort auf die Frage nach der Bedeutung, die der Tod für ihn hat. Seine Antwort: „Je stärker man sich Gott nähert, desto glücklicher ist man.“ Und dabei strahlt er einen unbeschreiblichen Frieden aus. Zu diesem Frieden in Gott lädt uns unser Predigttext ein. Trotz aufwühlender Worte in einer aufgewühlten Welt, damals wie heute.

Doch in guten und schlechten Tagen und insbesondere in unseren Nöten, Sorgen und Zerrissenheiten dürfen wir wissen: In jedem Fall liegt das Beste noch vor uns – bei Gott. Das heißt auch, die Verantwortung vor dem Richter. Doch es ist ein Richter, der uns zur Erlösung führen will. Damit wir mit dabei sind, wenn er regiert: So siegt er über den Tod und alles Leid dieser Welt. Auch wenn wir so vieles nicht begreifen können: Johannes schenkt uns Hoffnung in dieser Welt, weil wir auf Gottes kommende Welt in ihrer ganzen Herrlichkeit vertrauen dürfen.

AMEN


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