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Ostern heißt die Flamme des Glaubens weiterzugeben ...

... und nicht die Asche verbrannter Osterkerzen anzubeten.

Osternachtspredigt über Apostelgeschichte 2, 22-32 am 27. März 2005 in Derendingen

Ist aber Christus nicht auferstanden,

so ist unsre Predigt vergeblich,

so ist auch euer Glaube vergeblich.

 

Liebe Ostergemeinde,

 

wie werden wohl vor 1300 oder 1400 Jahren die allerersten Christen hier in Derendingen die Auferstehung von Jesus Christus gefeiert haben? In grobe Leinwand gehüllt oder mit Fellen bekleidet? Trugen die Frauen den bunten Schmuck, für den die Alemannen bekannt sind, oder waren sie ganz schlicht und einfach gekleidet? Trugen reiche Gemeindeglieder Blechfibeln mit einem Kreuz, wie sie die Archäologie gefunden hat? Vieles können wir über jene Derendinger Urmütter und Urväter im Glauben nur erahnen. Doch auch damals stand eine Botschaft im Mittelpunkt: Die Botschaft des leeren Grabes, die Botschaft, dass der Tod seine letzte Macht verloren hat. Und auf diese Botschaft dürfen auch wir heute hören, in einer Tradition, die an diesem Ort weit, weit über 1000 Jahre zurückreicht. Und der Bogen, den der große Lobgesang am Anfang dieser Osternacht spannt, reicht noch weiter zurück: Sein Urheber Ambrosius starb vor über 1600 Jahren. So sind wir Teil jener Wolke von Zeugen, die auf das Zeugnis der Auferstehung hört, mit Worten, die uns auch heute im Zeitalter von Computern, Atombomben, Organtransplantationen, Gentechnik und Demokratie Leben schenken, das über diese Welt hinausreicht. Und wir wollen noch weiter zurückgehen: Zu den Worten jener ersten Predigt über Ostern, die Petrus wenige Wochen nach der Auferstehung gehalten hat: Vor beinahe 2000 Jahren.

 

Apostelgeschichte 2, 22-32: Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst - diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt und hat aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, dass er vom Tode festgehalten werden konnte. Denn David spricht von ihm: »Ich habe den Herrn allezeit vor Augen, denn er steht mir zur Rechten, damit ich nicht wanke. Darum ist mein Herz fröhlich, und meine Zunge frohlockt; auch mein Leib wird ruhen in Hoffnung. Denn du wirst mich nicht dem Tod überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe. Du hast mir kundgetan die Wege des Lebens; du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht.« Ihr Männer, liebe Brüder, lasst mich freimütig zu euch reden von dem Erzvater David. Er ist gestorben und begraben, und sein Grab ist bei uns bis auf diesen Tag. Da er nun ein Prophet war und wusste, dass ihm Gott verheißen hatte mit einem Eid, dass ein Nachkomme von ihm auf seinem Thron sitzen sollte, hat er's vorausgesehen und von der Auferstehung des Christus gesagt: Er ist nicht dem Tod überlassen, und sein Leib hat die Verwesung nicht gesehen. Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen.

 

Liebe Ostergemeinde! Es sind noch einmal 1000 Jahre mehr, die Petrus in seiner Predigt den Bogen spannt: Bis zu König David, der vor 3000 Jahren lebte. Und doch: Was nützt es in dieser Tradition zu stehen, wenn uns dies keine Antworten für heute gibt? Wenn wir jeden Dienstag das Nachtgebet aus dem Gesangbuch beten, dann leeren wir den Kasten mit den Gebetsanliegen: Welche Not bringen Gottesdienstbesucher vor Gott! Die Freundin, die Krebs hat, die Mutter nach dem Schlaganfall, all die persönliche Verzweiflung und Angst: Welche Antworten gibt Ostern auf die Verzweiflung der Menschen in der Welt 21. Jahrhunderts?

Eine erste Antwort gibt Jesus mit seinem Leben: Taten, Wunder und Zeichen sind geschehen, die eine Umkehr aller Werte glaubwürdig machen. So führt Jesus die Predigt der Propheten fort, fordert Recht, Gerechtigkeit und Solidarität anstelle des Haben-Wollens: Sei dies Macht, Geld oder Anerkennung. Er zeigt, dass sich Himmel und Erde berühren, dass im Vertrauen auf Gott das Unmögliche möglich wird. Er zeigt, dass Heilung geschieht, wo keiner sie mehr erwartet.

Er weist aber auch darauf, dass das Durchhalten von Leid keinen Sinn nur um des Leidens willen, wohl aber als Zeichen in der Welt haben kann. Wenn wir danach fragen, was der Weg heute bedeutet, der zur Auferstehung führt, dann gibt es kein Wellness-Ostern light. Vor Ostern steht die radikale Anfrage an all das, was uns so wichtig ist – auch jene Erwartung an Ärzte und Medizin: Der Tod und das Leiden sollen aus dieser Welt verdrängt werden – und doch wird das Siechtum oft nur ausgedehnt, wie zu wenig Butter die auf zu viel Brot verteilt wird. Und dieses wird dann noch hinter die Türen der Intensiv-Stationen verlagert, während unsere langsam vergreisende Gesellschaft dem Jugendwahn frönt. Doch unser Scheitern wird in aller Deutlichkeit sichtbar, etwa wenn wir jetzt den bitteren Streit um die Wachkoma-Patientin Terri Schiavo verfolgen: Er zeigt, wie leicht es ist, sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen, dass es leicht ist, zu ver-urteilen – und schwer ist zu urteilen. Und die ehrliche Antwort hören wir zu selten: Dass wir uns eingestehen müssen, dass wir in unserem Rausch der medizinischen Machbarkeit uns längst auf einem Terrain bewegen, das wir ethisch nicht mehr kontrollieren können – völlig unabhängig davon, welche Zukunft Frau Schiavo noch vor sich hat.

Denn das Leid ist peinlich, wo die Auferstehungshoffnung fehlt. Und das Kreuz ist heute mehr den je für die einen ein Skandal, für die anderen eine Narretei – auch in den christlichen Konfessionen.

Doch schon in der ersten Osterpredigt führt der Weg über die Auseinandersetzung mit den Mächten und den Mächtigen in dieser Welt und über die Notwendigkeit des Kreuzes zur Auferstehung – und stellt dies hinein in die Geschichte, die Gott mit den Menschen geht. Denn Ostern ist Höhepunkt und Wendepunkt auf dem langen Weg, auf den Gott schon im Ersten Testament die Menschen einlädt – die Lesungen der Osternacht zeigen ja gerade diese Zusammenhänge, die Petrus als gläubiger Jude zur Zeit Jesu noch viel besser kennt. Doch nicht das Vergangene bringt für ihn die Wende im Verhältnis von Gott und den Menschen:

„Diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen.“ Mit diesem Satz bringt Petrus die Grundlage aller Hoffnung auf den Punkt. Nicht eine wage Hoffnung auf irgendeine diffuse Wahrnehmung, irgendein Gefühl, irgendein „Es wird schon wieder gut“. In aller Selbstverständlichkeit kann er sagen: Dessen sind wir alle Zeugen – und Zeugenaussagen waren damals unter den Juden heilig! Und auch als Lukas die Apostelgeschichte schrieb, musste er damit rechnen, von jenen korrigiert zu werden, die sich noch an die Geschehnisse in Jerusalem erinnerten. So konnte die prophetische Hoffnung von David ihre Erfüllung finden. Und dieses Zeugnis „diesen Jesus hat Gott auferweckt; dessen sind wir alle Zeugen“ ist bis heute das Bekenntnis, mit dem die Kirche, die alles umfassende Gemeinschaft aller Christen, steht und fällt.

Hier wird der Urgrund aller Hoffnung sichtbar, dieses Zeugnis war der Ursprung des Osterjubels von Ambrosius und der rote Faden der Verkündigung in über 1300 Jahren hier in.

Doch - dies alles ist schön und richtig – aber keine Lebenshilfe, solange die Begeisterung fehlt. Es reicht nicht, Glaubenstradition fortzuführen, die nicht in uns lebendig ist. So kann die Feier der Osternacht mit ihrer im Lauf der Geschichte gewachsene Symbolik eben durch Zeichen in uns lebendig machen, was Gott mit seinem Wort in uns hineingelegt hat. All die Feierlichkeit will uns die Botschaft vom leeren Grab ganz, ganz nahe bringen: Ein erstes Mal – wo wir Christus suchen – und immer wieder neu, wenn wir mit Christus unterwegs sind.

Wir dürfen darauf vertrauen, dass die Botschaft des leeren Grabes nichts von Ihrer Aktualität verloren hat: Auch nach bald 2000 Jahren heißt das: Jesus hat unter Zeugen den Tod überwunden und uns versprochen, dass wir ihm auf dem Weg über den Tod hinaus nachfolgen dürfen. Er will Dir und mir – und auch Frau Schiavo - eine Zukunft bei Gott geben und führt damit fort, was schon bei David seinen Anfang nahm. Wo wir mit dieser Wirklichkeit rechnen, da verschwindet nicht das Leid, da macht der Tod auch weiterhin Angst und es bleiben die Situationen, in denen wir fragen: „Mein Gott, warum?“ Doch wir haben eine Gewissheit, die über alles Leiden und den Tod hinausreicht, sie kann auch ein sehr zartes, leises Licht in das Bangen um einen geliebten Menschen bringen oder um das eigene Leben bringen. Denn Christus geht uns voraus und wo wir diese Nachricht in und unter uns wachsen lassen und sie weitergeben, da wächst Hoffnung.

Es ist wie mit dem Licht der Osterkerze: Das Entscheidende ist die Weitergabe des Lichtes. Nur wenn wir uns von anderen mit der Osterbotschaft beschenken lassen, wird es hell. Und nur wenn wir anderen die Nachricht vom leeren Grab weitergeben, schenken wir ihnen etwas. Wenn wir unsere Kerze nicht anzünden lassen, wird es auch nicht hell. Und wenn wir dagegen das Licht für uns behalten, sitzen wir irgendwann vor einem Häuflein Asche. Doch jede Flamme ist etwas ganz Eigenes. Wenn ich in einen Bodensee aus reinstem Wasser einen Zuckwürfel werfe, kann ihn die moderne Chemie nachweisen – unglaublich, aber Fakt. Doch wenn wir eine Flamme weitergeben – vom Streichholz zum Feuer (eigentlich fehlt hier bei uns nur noch das Osterfeuer), vom Feuer zur Fackel, von der Fackel zur Kerze, dann lässt sich nicht nachvollziehen, woher die Hitze kommt. Doch sie hat angesteckt – im wahrsten Sinn des Wortes – und sie hat eine lange Vorgeschichte. So ist der Osterglaube die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche längst erloschener Lichter. Und doch: Wenn dann der aufkommende Ostermorgen in unsere Kirche hineinleuchten, vielleicht noch mit strahlender Morgensonne, dann ist das Licht, das wir mit unseren Kerzen weitergeben nur sehr blass. So ist es dann auch, wenn wir angesteckt durch die Osterbotschaft aus dem Mund anderer Menschen die Vorhänge in unserem Leben beiseite reißen und das Licht Gottes in unser Leben hinein lassen. Dazu will die Botschaft vom leeren Grab einladen: Die ganze Geschichte der Christen und der Kirche haben dieses eine Ziel: Die Botschaft des leeren Grabes so lebendig werden zu lassen, wie dies schon Petrus wenige Wochen nach der Auferstehung tat. Daran muss sich der Umgang mit der Tradition messen lassen. Und daran muss sich jede neue Form der Verkündigung in der Kirche messen lassen. Doch wer alle diejenigen ernst nimmt, die in den Jahrtausenden ihr ganzes Leben dafür einsetzten, die Botschaft vom leeren Grab und von der Auferstehung der Toten weiterzugeben, der hat allen Grund sich in die Reihe dieser Zeugen zu stellen.

Denn an Ostern beten wir nicht die Asche alter Osterkerzen an, sondern wir geben die Flamme der Auferstehungshoffnung weiter: Damit Gott es hell werden lässt in unserem Leben, und damit wir andere zum Licht einladen: Denn wir haben in Ostern eine neue Hoffnung für uns und für die Menschen, die Gott an unsere Seite gestellt hat – und diese Hoffnung reicht über den Tod und über diese Welt hinaus. So lasst es hell werden in unserem Leben. Und lasst uns die Flamme des Glaubens weiterreichen, wenn wir bekennen:

 

Der Herr ist auferstanden Halleluja!

Er ist wahrhaftig auferstanden Halleluja!

 


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