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Hat die Reformation überhaupt stattgefunden?

Reformationstags-Predigt über Rö. 8,1-14 am 31.10.1999 in Bernhausen

Nachdem ich von verschiedener Seite angesprochen wurde, habe ich mich entschieden, diese Predigt auf Papier zu bringen. Sie bleibt aber Predigt, das heißt gesprochenes Wort. Ich habe auf der Kanzel zu dieser schriftlich komplett vorbereiteten Verkündigung manches hinzugefügt, geändert und weggelassen: Es ist eben eine Predigt und keine Vorlesung. So habe ich diese Predigt nach einem Tonbandmitschnitt überarbeitet. Da sie angesichts der Vorgaben Reformationstag und Verabschiedung der gemeinsamen Erklärung in Augsburg ganz bewusst inhaltlich wie in ihrer Länge einen sehr weiten Bogen spannt, wird manches als notwendiger Zusammenhang angerissen, aber nicht detailliert ausgeführt. Hier möchte ich in der schriftlichen Fassung durch Fußnoten einige Spuren für ein differenzierteres Verstehen insbesondere durch theologisch Interessierte legen. Denn eine Predigt kann in 20 Minuten keinen kompletten theologischen Entwurf erörtern, auch nicht mit Fußnoten. Ein solcher liegt aber diesen Zeilen zugrunde. Ich hoffe, dass mir Gott die Zeit und die Worte gibt, um diesen in einigermaßen absehbarer Zeit mit einem umfassenderen Konzept vorzulegen.

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

 

Predigttext: Römer 8,1-14

So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch, damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist. Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag's auch nicht. Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen. Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein. Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt. So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, daß wir nach dem Fleisch leben. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist die Taten des Fleisches tötet, so werdet ihr leben. Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

 

Kanzelgebet:

Mit Martin Luther möchte ich beten: Herr, Du hast die Sache angefangen, du hast mir Dein heiliges Wort gegeben und mich angenommen unter die, die Dein Volk sind, die Dich erkennen, loben und preisen. So gib nun Gnade, dass ich bei deinem Wort bleibe und mich niemals von Deiner Christenheit scheide... und Dein Wort verkünde. AMEN

 

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn, ja wir feiern heute Reformationstag. Wir feiern heute, dass am 31. Oktober 1517 Martin Luther 95 Sätze veröffentlicht hat, die einen grundsätzlichen Neuanfang in einer von Selbstgerechtigkeit, Macht- und Geldgier zerfressenen Kirche bedeutet haben, ein Neuanfang, der der Beginn unserer evangelischen Konfession war.

 

Hat die Reformation stattgefunden?

Unser heutiger Predigttext war dabei eine Schlüsselstelle der Erkenntnis Luthers. Doch wenn ich einen Blick auf die evangelische Konfession unserer Tage werfe, dann bleibt mir die Frage: Hat die Reformation überhaupt stattgefunden? Ist die Reformation für uns als ganze Konfession mehr als ein geistig-moralisches Schmusekissen, mit dem wir begründen, dass wir nicht römisch-katholisch sind? Und das, ohne eigentlich zu wissen, was wir sind? Gleicht der Antikatholizismus, den wir vielfach in unserer Konfession finden, nicht am ehesten einem Land, dass nach außen Krieg anfängt, um von den Konflikten in den eigenen Grenzen abzulenken?

 

Eine Zumutung

Vor dieser Frage bleibt mir nichts anderes übrig, als Euch einiges zuzumuten. Ich werde nicht, wie es der Zeitgeist erwartet, kleine, schmackhafte Häppchen verteilen, kleine Wohlfühlhäppchen verabreichen. Ich lade Euch vielmehr ein zum Nachdenken und zum Nachleben einer manchmal recht schwerverdaulichen Botschaft. Und ich möchte das ernst nehmen, was ganz unerwarteter Weise von Politikern, bei denen man es gar nicht denkt, von unserer Konfession erwartet wird: "Ein wenig religiöse Unduldsamkeit würde der evangelischen Kirche nicht schaden", so sagt es beispielsweise Kulturminister Naumann. Und der Grüne Rezzo Schlauch mahnt die Kirche, sich nicht zu sehr in einen "Main-Stream-Zeitgeist" verwickeln zu lassen. Ich weiß nicht, wie viel die beiden von Kirche verstanden haben, wie viel die beiden aus dem Glauben nachvollziehen können, aber ich denke, es sind Worte, die wir ernst nehmen können.

 

Die Botschaft der Reformation ist nötig

So ist die Botschaft der Reformation, auch wenn sie bald 500 Jahre alt ist, bitter nötig. Auch mit Blick auf die römisch-katholische Konfession. Wenn ich jetzt das Gerede vom Ablass 2000 höre, wenn ich die Auseinandersetzung um die Abtreibung sehe und den Druck erlebe, dem viele katholische Hauptamtliche ausgesetzt sind, dann kann ich nur bekennen: Die biblische Botschaft der Reformation ist bitter nötig: So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, der hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes - und so möchte ich im Geiste Luthers hinzufügen: Das macht frei von der Macht von Päpsten, Kardinälen, Bischöfen und dem Machtgespinst der Kurie. Und dies gilt auch, wenn heute die gemeinsame Erklärung in Augsburg gefeiert wird, in der manches verschwommen bleibt.

 

Reformation bei uns entdecken

Doch wenn ich mir die drei genannten Beispiele vor Augen führe, dann haben wir allen Grund, die Notwendigkeit der Reformation erst einmal in unserer Konfession einzuklagen. Einzuklagen, dass wir wieder zu unseren Wurzeln zurückfinden: Wenn Christ-Sein etwa wieder zunehmend daran festgemacht wird, eine bestimmte Partei zu wählen, egal welche, ob jemand eine bestimmte Gesinnung hat, sei sie kulturell, ökologisch oder pazifistisch, dass Gemeinschaft eher daran fest gemacht wird, das man gemeinsame Interessen verfolgt, als dass man einem gemeinsamen Herrn folgt, dann ist dies auch nichts anderes als ein Ablasswesen, bei dem nur mit anderer Münze zahlt, nicht mit Geld. Und wer dem Papst und einem Teil der deutschen Kardinäle und Bischöfe vorwirft, sich in der Frage der Abtreibung die Hände in Unschuld waschen zu wollen, hat Recht. Aber wenn ich sehe, dass die evangelische Konfession zumindest als ganzes letztlich zu feige ist, überhaupt etwas zur Abtreibung zu sagen, dann muss auch diese Frage nach innen gekehrt werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Konfession zu nahezu nichts mehr Stellung bezieht, was christliches Anliegen ist. Dies gilt nicht für einzelne Gemeinden, nicht für einzelne Gemeinderäte, nicht für einzelne Gruppen, aber als Ganzes. Und wer das Papstum in seiner heutigen Form zu Recht als ungeistig beklagt, sollte fragen, ob eine Synode, die noch nicht einmal in der Lage ist, gemeinsam den christlichen Glauben zu bekennen - in dem sie gemeinsam Kreuz und Auferstehung als verbindliche Botschaft unserer Konfession feststellt - , der muss wirklich fragen, ob wir Reformation leben oder ob wir in einer Kirchensteuereinzugs-Behörde leben. Dass Luther in seinen 95 Thesen zu Kreuz und Auferstehung wenig sagt, das liegt einfach daran, er sich in seiner wohl gar nicht vorstellen konnte, dass sich etwas Kirche nennt, was nicht an diese Grundlagen glaubt. Katholiken erkennen Befreiung an Denn der Zuspruch unseres Predigttextes : Er hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes, der ist bei unseren römischen Schwestern und Brüdern durchaus anerkannt, auch wenn er beispielsweise durch den Ablass 2000 in Weise interpretiert wird, die sich nicht mit dem Zeugnis der Bibel deckt.

 

"Das Ärgernis des Kreuzes"

Wer aber mitverfolgt, welche minimale Bedeutung der Ablass heute noch in der katholischen Konfession hat, der sollte nicht zu scharf urteilen, wenn er in der Veröffentlichung unserer Landeskirche �das Ärgernis des Kreuzes' erkennen muss, dass es bei uns nicht einmal mehr die kleinste Gemeinsamkeit über das Kreuz und damit über die Frage der Rechtfertigung gibt, über die Grundfrage der Reformation gibt. Hier stehen zwei Aussagen auf der einen Seite, eine Aussage auf der anderen Seite, die in keiner Weise miteinander vereinbar sind. Ich kann nur jedem empfehlen, sich diese Veröffentlichung beim Büro der Landessynode zu bestellen und herein zu schauen. Es tut einfach weh. Und damit stellt sich die Frage, ob das Erbe der Reformation in unserer Konfession nicht weit beliebiger gehandhabt wird, als bei unseren römisch-katholischen Schwestern und Brüdern. Falls die Schrift �das Ärgernis des Kreuzes' das einzige ist, was die evangelische Landeskirche in Württemberg als Glaubensbeliebigkeit zu verkünden hat, dann ist dies die Bankrott-Erklärung der Reformation in Württemberg.

 

Allein der Glaube

Darum ist es umso dringlicher, auf die Worte unseres Predigttextes mit den durch die Reformation geschärften Ohren zu hören. Knapp zusammengefasst, wie es nahezu jeder von uns schon gehört hat: Allein der Glaube entscheidet über unser Verhältnis zu Gott. Allein der Glaube. Weil Gott gnädig ist, weil er in Jesus Christus Wegweisung für uns gegeben hat, weil er mit dem Kreuz ein einmaliges, wirksames Zeichen gegeben hat, weil er mit seinem Geist in uns wohnt und so die materielle Welt nicht das letzte, tödliche Wort hat. Die Dinge dieser Welt haben angefangen bei Einkommenssteuererklärung, Häusle, Sorgen mit den Kinder und aufgehört bei unserem Körper mit all seinen Unzulänglichkeiten nicht das letzte Wort. Denn Gott befreit uns vom Blick auf uns selbst, von der ewigen Nabelschau, von der Sucht nach Erlebnis, Erfolg, Sensation. Weil wir nicht nur von dieser sondern gerade von der kommenden Welt etwas erwarten dürfen. Etwas erwarten dürfen, was jenseits aller unserer Vorstellungen liegt: Leben über den Tod in dieser Welt hinaus - allein aus Glauben.

 

Auch Werke sind gefragt

Doch was ist mit den Stimmen der Bibel, die sehr wohl nach unseren Tun und Handeln fragen, etwa Jesus in den Evangelien oder Jakobus im zweiten Kapitel seines Briefes, den wir als Schriftlesung gehört haben, der vielleicht manchen von Euch überrascht hat. Diese Spannung der Bibel ist auch die Spannung zwischen reformatorischer und römisch-katholischer Theologie unserer Tage.

 

Gemeinsamkeiten

Die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die heute in Augsburg feierlich unterschrieben wird, zeigt viele Gemeinsamkeiten. Mehr Gemeinsamkeiten, als wir innerhalb unserer eigenen Konfession haben, wo Teile des sozialen Flügels ausschließlich nach den Werken fragen. So wird heute unter anderem folgendes verabschiedet: "Es ist unser gemeinsamer Glaube, dass die Rechtfertigung das Werk des dreieinigen Gottes ist. Der Vater hat seinen Sohn zum Heil der Sünder in die Welt gesandt. Die Menschwerdung, der Tod und die Auferstehung Christi sind Grund und Voraussetzung der Rechtfertigung. Daher bedeutet Rechtfertigung, dass Christus selbst unsere Gerechtigkeit ist, derer wir nach dem Willen des Vaters durch den Heiligen Geist teilhaftig werden. Gemeinsam bekennen wir: Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht aufgrund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken." Das ist arges Theologendeutsch und trotzdem ein bemerkenswertes, wichtiges Zeichen gewachsener Gemeinschaft zwischen evangelischen und katholischen Christen.

 

Unschärfen

Es folgen hintendrein eine Reihe sprachlicher Überbrückungen, die eher verschleiern, es werden nicht alle Fragen geklärt, Fragen nach dem Amt gerade in der Verbindung mit der Abendmahls- und Kirchengemeinschaft beispielsweise bleiben offen. Ja es bleibt auch weiterhin der Beigeschmack, die katholische Kirche betreibe eine Art "Heim-ins-Reich"-Ökumene. Somit ist die Erklärung sicher nicht das theologische Jahrhundertereignis, als das sie gefeiert wird. Aber sie ist ein Schritt in die richtige Richtung.

 

Einander anerkennen

Und Trotzdem: Wenn wir es mit soviel Unglauben in der eigenen Konfession aushalten können oder müssen, dann sollte es doch wohl trotz aller verbleibender Unterschiede möglich sein, einander als Schwesterkonfessionen anzunehmen. Und das heißt, dass wir erst einmal nicht mehr auf Kosten des jeweils anderen profilieren, um von den eigenen Konflikten abzulenken: Die evangelische Konfession von ihrer völligen Unverbindlichkeit in Glaubensfragen, - die römische, die ablenkt, von dem Ersticken an den eigenen Amtsstrukturen, daran, dass Gemeinden eher ausdörren, als dass man zum Beispiel über das Priestertum in seiner heutigen Form nachdenkt: Die Priester verzweifeln, die Gemeinden auch.

 

Die Gegner

Vor diesem Hintergrund hat die Anfrage jener Professoren, die eine Erklärung gegen die Gemeinsame Erklärung unterschrieben haben und mit theologischen Weltuntergangsszenarien operieren, schon beinahe etwas gespenstisches an sich. Mit einem plumpen nachbeten machen wir Luthers aus dem Römerbrief abgeleiteten Anspruch: "Allein der Glaube" zu einer Phrase, ein Fehler den auch die gemeinsame Erklärung macht. Ein Nachbeten von Luther verneint Luthers Ansatz einer Kirche, die sich immer wieder und ständig erneuert. Kirche ist nichts, was stehen bleibt. Sondern Kirche ist etwas, was sich ständig aus dem Geiste Gottes weiterentwickelt. Auch über Luther hinaus, über jeden Theologen hinaus, weil jeder Theologe nur Mensch ist: In seiner Begrenztheit, in seiner Zeit, im allem Glauben mit all seinen Grenzen.

 

Nachdenken über Glauben

Nur über ein neues Nachdenken über das, was eigentlich Glauben ist, kann die Botschaft der Reformation neu lebendig werden, können wir Rechtfertigung neu verstehen, lernen und begreifen, wie weit in dieser Frage - noch einmal - in dieser Frage die Gemeinsamkeit von evangelischen und katholischen Christen geht. - Es gibt andere Fragen - So betont die Gegenerklärung: "Glaube ist Heilsgewissheit." PUNKT. Etwas spöttisch möchte ich hinzufügen: "Das hielt er mit seinem Kopf für wahr, setzte sich in den Sessel, ließ sich füttern, wartete auf den Tod und darauf, dass er endlich das Heil bekam." Das greift dramatisch zu kurz. Das hat mit Glauben sehr wenig zu tun. So, wie es vielfach verstanden wird, wir damit die biblische Aussage über den Glauben völlig auf ein verkopftes Nachdenken verkürzt. Es ist eine Verstümelung von dem, was etwa in Hebräer 11,1 so beschrieben wird: Der Glaube ist ein Festsein des Erhofften und ein Beweis der unsichtbaren Dinge.

 

Glaube ist Bewegung

Doch Glaube, der aus dem heiligen Geist kommt, in dem Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi uns als Wirklichkeit geschenkt werden, der ist immer Bewegung. Der sitzt nicht auf seinem Sessel. Der wartet nicht ab. Der hält nicht nur etwas für wahr. Denn Glaube trifft nicht nur den Verstand, er trifft nicht nur das Gefühl, er trifft nicht nur die Seele. Glaube ist das Ergriffen-Werden, da Gepackt-Werden von Gott, das sich im Vertrauen von allem in uns, Verstand, Gefühl und Seele ausdrückt. Glaube ist eine ganz vielschichtige Antwort auf Gott. Da ist vom Verstand die Rede. Da ist von Gefühl die Rede. Und da ist auch von Dingen die Rede, die jenseits unseres Verstandes liegen, die wir erfahren dürfen. Glaube ist aber auch ein Für-Wahr-Halten, bei dem ich handele. Ein reines intellektuelles Abhaken: "Das ist richtig" das reicht eben nicht.

Wenn wir Lehre der Bibel und die Berichte der Bibel über Menschen des Glaubens anschauen, dann ist eben Glaube nie etwas, was nur im Kopf stattfindet. Es gibt keinen gläubigen Menschen in der Bibel, der nicht auch handelt. Aber! Dieses Handeln entzieht sich unseren Strichlisten. Es entzieht sich dem Gesetz. Wir können uns eben nicht neben einen Menschen stellen, abhaken, sagen, Du musst das und das tun oder leisten oder machen, dann ist das mit dem Glauben in Ordnung. Sondern: Allein durch die Gnade Gottes kommt da, wo wir die Dinge nicht so machen, wie es dem Glauben entspricht, immer wieder Ordnung in unser Glaubensleben. Nicht weil wir das dank irgendwelcher Regeln, Leistungen oder Vorschriften könnten. Das ist die Botschaft der Reformation.

 

Der Geist

Gerade mit Blick auf den heutigen Predigttext heißt das: Geistliche Gesinnung, befreit sein, der Heilige Geist in uns, Christus in uns, all dies ist Glaube, ist Leben, ist Bewegung. Denn der heilige Geist er treibt uns, er beschränkt sich nicht auf ein Für-Wahr-Halten. Dieses Getrieben-Sein durch den Heiligen Geist ist die Gottes-Kindschaft der Gläubigen. Aber - da Gott bewegt und befreit - wir können es nicht nachmessen. Wir können es nicht nachmessen. Es liegt nicht in unserer Hand. Und wir können auch nicht erzwingen, das etwas vor Gott in Ordnung kommt. Das tut Gott alleine durch den Weg den er uns in Christus geöffnet hat.

 

Gott richtet und spricht frei

Denn Gott richtet und spricht frei, in dem er Glauben als den Weg des Lebens gibt, auf dem wir mit Gott unterwegs sind. Mit Gott unterwegs sein zum Leben, das heißt aber: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Er schenkt uns Leben. Er schenkt uns einen Lebensweg über unseren leiblichen Tod hinaus. Wie dieser Lebensweg aussieht, der von Gott getrieben ist, das gehört heute nicht hierher. Das würde den Rahmen dieser Worte sprengen. Aber dieses Vertrauen auf den Lebensweg des Glaubens, den Gott mit uns gehen will, das gehört hierher. Es ist die Grunderfahrung die Martin Luther mit seinem Leben gemacht hat, als Gott ihn aufrief, umzukehren. Als Gott den aufrief, der mit aller Kraft, zu der ein Mensch in der Lage ist, versuchte, sich vor Gott gerecht zu machen, in dem er sich ungeheure Lasten auferlegte. Aber Nein! Darum geht es nicht, denn Gott befreit.

 

Ökumenischer Fortschritt

Die gemeinsame Erklärung zeigt, dass in diesem Punkt die biblische Botschaft der Reformation, die wir heute feiern, ein ganzes Stück weit vorgedrungen ist. Dies ist ein Schritt in der Nachfolge der Bitte Jesu, dass Sie alle eins seien. Aber nur ein Schritt, zumal diese Erklärung letztlich nur halboffiziell entstanden ist. Die entsprechenden Gremien haben dann nach vielem Hickhack mehr oder weniger brummend zugestimmt. Und die ganze Diskussion ist an der Basis der Christen noch lange nicht angekommen.

 

Es bleibt viel zu tun

Es bleibt viel zu tun: das Abendmahl wird noch nicht gemeinsam gefeiert, das Kircheverständnis ist für die jeweils andere Seite kaum zu ertragen und das Amtsverständnis bleibt der große Stolperstein der Ökumene. Hier liegt auch für uns selbst in der evangelischen Landeskirche der eigentliche Knackpunkt: Denn bei der Rechtfertigungslehre gilt es, das Leben, das uns die Reformation gebracht hat, wiederzuentdecken. Beim Amtsverständnis dagegen hat die Reformation bis heute nicht stattgefunden. Oder wie sonst ist es zu erklären, das es bis heute in vielen Gemeinden heißt: Der Pfarrer muss, der Pfarrer muss, der Pfarrer muss und alles andere ist egal. Ich weiß nicht, wie es hier bei Euch ist, aber in vielen Gemeinden ist es so: Wenn an einem Geburtstag �nur' der Besuchsdienst kommt und nicht der Herr Pfarrer, dann �isch des net rächt'. Das hat mit der Reformation nichts zu tun. Und solange wir dies nicht ändern, können wir uns unsere Theologie schenken, weil die Praxis der Theologie Hohn spottet. Und das ist ein Aufruf an uns Christen, dass wir uns in Bewegung setzen und im Geist Luthers zu entdecken, wo ist unsere Aufgabe in unserer Kirche, um auch als Laien die Botschaft, dass Jesus Christus uns frei gemacht hat, weiterzutragen - und das nicht nur den Hauptamtlichen zu überlassen.

 

Die Botschaft der Reformation

So bleibt die reformatorische Botschaft erst einmal Anspruch an uns, an unsere Konfession, an unsere Gemeinden, an unsere Gemeinschaft. Anspruch und Zuspruch. Sie ist eine Botschaft für die ganze Kirche mit all ihren Konfessionen, denn eine Spaltung wollte Luther nie. Halten wir es noch einmal fest: Dieser Anstoß richtet sich zuerst einmal an uns nach innen und eignet sich an der Schwelle zu 21. Jahrhundert nicht für den Kampf der Konfessionen. Diese Botschaft lädt uns vielmehr miteinander zu neuem Glauben, zu neuer Reformation, Erneuerung ein: Wir können gemeinsam mit Paulus, gemeinsam mit dem großen Reformator, aber auch mit den Glaubenszeugen aller Konfessionen entdecken, dass wir miteinander Gottes Kinder sind, welche der Geist Gottes treibt: Denn er hat uns durch den Glauben frei gemacht.

 

AMEN

 


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