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War am Anfang die Tat?

Predigt über Rö. 15,4-13 am 13.12.99 in Bernhausen

Römer 15,4-13

Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.« Und wiederum heißt es (5. Mose 32,43): »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!« Und wiederum (Psalm 117,1): »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker!« Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): »Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.« Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

 

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

Glaube: das ist Hoffnung auf diese und die kommende Welt. Doch was ist eigentlich der Ausgangspunkt dieses Glaubens? "Alle Menschen können etwas in sich spüren", so lautet eine gängige Antwort unserer Tage. Und dann werden Duftlämpchen aufgestellt, dann säuseln Sphärenklänge aus den Lautsprechern, ein Dinkelkissen wird im Möbelhaus mit dem Aufdruck angeboten: Nutzen Sie die magischen Kräfte der Natur. Und Kristalllampen liefern plötzlich Strahlen, die dem Körper übernatürlich Kräfte geben. Und bei magischen Hexenriten oder im Steinkreis von Stonehedge in England: Da ist er dann ganz da: Der Wohlfühlsabber, in den man oder frau so richtig eintauchen können. Auch in der Kirche gibt es das: Ob nun Kirche nur da ist, wo der vermeintlich Heilige Geist für genügend Hochgefühl sorgt oder nur dort, wo mit liturgischen Tänzchen und einer gefühlsechten Körperlichkeit eine ganzheitliche Körpererfahrung gemacht wird. Hauptsache, dieser vermeintliche Glaube ist möglichst leicht, billig und seine Effekte sind auf Kommando wiederholbar.

 

Oder ist Glaube etwa ein Zeichen verächtlicher Schwäche, nach der Volksweisheit: Glauben heißt: nicht wissen. Muss nicht alles erklärbar, logisch angegangen werden - und was nicht in unseren Kopf hineinpasst, das gibt es nicht? Auch das gibt es in der Kirche: Alles Mythos, alles Psychologie. Es gilt Glaube und Bibel auf das einzudampfen, was über den Verstand und vermeintlich wissenschaftliche Erkenntnis belegt werden kann. Und im Endeffekt wird alles in Frage gestellt - nur nicht die eigene theologische Methode.

 

Oder ist Glaube Flucht vor der Gegenwart. Ist es nicht besser, heute zu genießen, Sex, Essen, Geld zu haben und Wellness, das wohlfühlen des eigenen Bauchnabels, zum Lebensprinzip zu machen? Denn was schert mich das Morgen? Selbst hier finden sich Parallelen in der Kirche, wenn es etwa heißt, Christen sollten alleine Anleitung zum diesseitigen Leben geben und wenn der Inhalt der Verkündigung auf ein "passen Sie gut auf sich auf" beschränkt wird. Ist es da nicht naiv, Menschen mit der Botschaft der Bibel heute einfach so direkt anzusprechen? Ja, es ist naiv! Und doch schreibt Paulus in unserem heutigen Predigttext, dass das geschriebene Wort, das vor-geschriebene Wort, das vor und für uns geschriebene Wort Ausgangspunkt ist für Geduld, Trost, Hoffnung. Das ist allerdings typisches Theologen-Kauderwelsch. Und mit Blick auf die Schriftlesung eine Zumutung: Das Wort an den Anfang zu stellen. Als ob wir mit Worten nicht Tag und Nacht zugemüllt würden: Von Politikern und der Werbung, von überquellen Briefkästen und einer wachsenden Informationsflut, von den Medien und den Theologen. Geredet wird viel, rechtes getan wird wenig, so könnte ein schnelles Stammtischurteil lauten. Schon Goethes Dr. Faustus tritt in diese Falle:

 

Wir lernen das Überirdische schätzen,

wir sehnen uns nach Offenbarung ,

die nirgends würd'ger und schöner brennt

als in dem Neuen Testament.

mich drängt's , den Grundtext aufzuschlagen,

mit redlichem Gefühl einmal

das heilige Original

in mein geliebtes Deutsch zu übertragen.

geschrieben steht : "Im Anfang war das Wort"

hier stock' ich schon - Wer hilft mir weiter fort?

ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,

ich muss es anders übersetzen,

wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.

geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.

bedenke wohl die erste Zeile,

dass deine Feder sich nicht übereile

ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?

es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft

doch, auch indem ich dieses niederschreibe,

schon warnt mich was

dass ich dabei nicht bleibe.

mir hilft der Geist, auf einmal seh' ich Rat

und schreib getrost : Im Anfang war die Tat.

 

So menschlich und ehrenhaft, moralisch und anständig dieses Anliegen ist, gerade heute in einer Welt,

- in der Russland in Tschetschenien unter Drohung mit den Atomwaffen mal eben ein ganzes Volk abschlachtet, weil sie auf das Öl dort scharf sind,

- in der im wirtschaftsstärksten Land der Erde vier Millionen Kinder unter zwölf Jahren hungrig zu Bett gehen, weitere 9,6 Millionen Menschen vom Hunger bedroht sind, wie das Food Research and Action Center nach Berichten von FAZ und Spiegel meldet,

- in der die Politik nur noch als Selbstbedienungsladen erscheint,

- in der in Deutschland Selbstmord zu einer immer normaleren Todesursache wird

ist diese Auslegung des Faust nicht von der Hand zu weisen. Und doch: Paulus besteht auf dem Wort: Zuvor geschrieben als Lehre, also erst einmal als Anweisung und nicht als frömmelde Zeilen, bei denen wir uns wohlfühlen. Muss soviel Nüchternheit, ja Zumutung sein? Für den, der glaubt, Ja. Gerade, wenn wir auf die Gemeinschaft der Christen schauen, ist ja die Lehre oft äußerst dünn gegenwärtig. Doch eine grundlegende Aufgabe im Glauben besteht darin, sich nicht nur wohl zu fühlen, sondern auch Hintergründe zu kennen: Jene Stellen, die uns auch unangenehme Fragen stellen, wie die nach unserer Schuld, nach unserer Verantwortung, nach unserem Glauben, nach unserem Leben in dieser Welt, nach unserem Zeugnis. Danach, dass wir einander ermahnen.

 

Das ist leicht von der Kanzel gesagt, wo normaler Weise nur die Insider zuhören. Doch wie können wir zum Glauben an Jesus Christus einladen und dabei einem kirchenfernen Mitmenschen zugleich deutlich machen, dass wir nicht an einen Happy-Peppy Jesus glauben, sondern dass derjenige, der im Glauben mit Jesus Christus unterwegs ist, auch seine Ohren zum Hören und den Kopf zum Denken braucht.

 

Auch hier antwortet Paulus ungewohnt: Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

 

Gott gibt uns Geduld und Trost, damit wir ohne Streit als Gemeinschaft leben können und zu einander ohne Wenn und Aber Ja sagen, eben weil wir wissen, dass Christus zu uns Ja gesagt hat. Das Wort der Bibel, das Wort Gottes führt uns also in die Gemeinschaft durch Trost und Geduld. Denn was könnte tröstlicher sein, als die Gewissheit: Gott hat zu uns Ja gesagt und verbindet uns zu seinem Volk. Dieses Volk Gottes besteht aus Juden und den anderen Völkern, aus denen die das JA in Jesu Leben, Tod und Auferstehung anerkennen. Sie sind kein neues Volk: Das Volk Gottes zieht sich von Abraham über Mose über Jesus bis heute durch die Geschichte und über unseren blauen Planeten. Es hat eine lebendige -Hoffnung, die ihren Anfang im Wort Gottes hat. Denn das Wort Gottes ist der Anfang der Hoffnung.

 

Diese gemeinsame Hoffnung macht uns fähig, einander annehmen: Denn Leben, Tod und Auferstehung Jeusu Christi sind unser Maßstab und Hoffnung. Wo wir diese Grundlage gemeinsam haben, da können wir Christus gemäß in Einheit leben. Wo aber diese Grundlage besteht, da kann gehandelt werden. Denn Gottes Wort führt zur Tat, Gottes Wort lässt geschehen: In den Schöpfungsberichten ebenso wie im Text unserer Schriftlesung. So heißt es: "Alle Dinge sind durch dasselbe - also das Wort - gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist."

 

Bei denen, die Christus nachfolgen, führt das Wort zum rechten Handeln. Gerade Paulus hat dies erfahren: Jesu Worte "Warum verfolgst Du mich" waren der Anfang der wohl bedeutendsten missionarischen Aktivität in der gesamten Kirchengeschichte. Und so führt auch uns das Wort zu Geduld, zu Trost, zur Einheit und damit zu den Grundlagen des Handelns.

 

Aber das Wort, die Lehre steht am Anfang, gerade als Schutz vor Rattenfängerei - auch innerhalb der Kirche, wo Methoden und Modernismen mit Glaubensinhalten verwechselt werden, etwa wenn bei Zeiten der Stillen die Methode wichtiger ist, als Gott, der zu uns spricht. Oder wenn - um meine eigene Branche aufzugreifen - in der Öffentlichkeitsarbeit der Kirche die Devise ausgeben wird, nur noch schmackhafte, leichtverdauliche Wohlfühlhäppchen zu verteilen, statt den Menschen Jesus Christus zuzumuten. Oder wenn bei mancher charismatischen Gruppe das Hirn an der Garderobe abgegeben werden muss, weil nur so der Geist wirkt. Wo ich aber mein Hirn an der Garderobe abgeben muss, um den Geist zu erfahren, kann ich sicher sein, dass dies kein Heiliger Geist ist. Oder wenn mal schnell ein paar Erklärungen verfasst oder Hilfsaktionen gestartet werden, die letztlich nur in sich selbst kreisen. Oder wenn plötzlich die Natur als Quelle göttlicher Offenbarung betrachtet wird, bis hin zu dem Argument, man könne Gott nur in der Natur finden. Wer Gott nur in der Natur sucht, der kann sich auch gleich vom Oberförster beerdigen lassen. Das göttliche in der Natur suchen, das war eine gute Grundlage für den selbstherrlichen Größenwahn Goethes, Nietzsches und Hitlers, die ich in diesem Zusammenhang sehr wohl in einem Atemzug nenne. Nein: Im Anfang steht das Wort Gottes, erst daraus kann gelebter christlicher Glaube folgen. Denn nur durch die Lehre, die Gott uns mitgegeben hat, können wir entscheiden, ob wir unseren Gefühlen nachgehen oder aber Gott folgen: Etwa, wenn wir darüber entscheiden, ob wir einen Tannenbaum aufstellen oder eine Krippe. Der Tannebaum mag unglaublich gefühlsbeladen sein. Aber Jesus wurde in der Krippe geboren, nicht unter dem Tannenbaum. Oder, wenn wir Silvester und Neujahr angehen: Das Kirchenjahr fängt mit dem 1. Advent an. Wir haben also nicht nur historisch das Jahr 2.000 längst hinter uns, sondern auch noch Neujahr. Neujahr ist ein Tag dieser Welt, nicht anders als der Tag der Arbeit oder der Tag der deutschen Einheit. Er ist eigentliche keinen Glockenton, keinen Orgelklang wert und schon gar nicht eine besonderen Beachtung. Und das Wort, die Lehre kann uns davon abhalten, nur Harmonie für uns in dieser Welt zu suchen, statt uns mit Tätern auseinander zusetzen und die Opfer zu stärken: Ob dies nun die Menschen in Grosny, die Hungernden in den USA, oder bei uns die Arbeitslosen und die abgetriebenen Kinder sind. Denn genau so führt das Wort unbedingt zur Tat, zur Tat im Namen Gottes.

 

Und dieses Wort braucht den Geist Gottes, um richtig verstanden zu werden. Sonst bleibt es ein Ärgernis und eine Torheit. Wo aber Gottes Geist gegenwärtig ist, da haben wir allen Grund zum Lobpreis. Recht verstanden haben charismatische Gruppen gut daran getan, eine oft allzu staubige, knochentrockene Kirche zu kritisieren. Ein Kirche, in der Gottes Geist, weil er weht wo er will, draußen zu bleiben hat. Denn er könnte ja Wort der Torheit und des Ärgernisses sein, das vielen Theologen -ob progressiv oder konservativ - die Gewissheit nimmt, sie hätten's schon ergriffen. Selbst Paulus bekennt, "Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin." Ich möchte selber hinzufügen "In dem Wissen, dass ich es nicht ergreifen werde, bevor ich nicht vor Gottes Angesicht stehe."

 

Bis dahin begleitet mich aber der Gott, der von Anfang an Ja zu den Menschen sagt, so sehr, dass er selbst in die Welt kommt. Wir dürfen dem Wort vertrauen, dass uns als Lehre mit auf den Weg gegeben ist: »Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.« Das gilt gerade in der Adventszeit, die uns Friede, Freude und Hoffnung mitten in einer rauhen Welt geben will. Das ist der Inhalt unsreres Glaubens, das dürfen wir auch dann wissen, wenn unser Glaube zu schwach ist.

 

Deshalb möchte ich uns allen den abschließenden Segenswunsch des Paulus zurufen, mitten hinein in einen Advent, der durch Komerzialisierung und ich greife hier bewusst ein historisches, veraltetes Wort aus der 68ziger-Zeit auf, auf, vom Konsumterror geprägt ist. Dieser Terror ist nur allzu gegenwärtig, Doch der Herr kommt trotzdem:

 

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

AMEN


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