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Eins plus eins plus eins ist eins - Oder warum es trotzdem nötig ist, den dreieinigen Gott zu predigen.

Predigt über Johannes 14, 6-26 am 14.6.92 (Trinitatis) in der evangelisch-methodistischen Friedenskirche Tübingen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

 

"Während in Jugoslawien die Menschen ermordet werden, während die Umweltkonferenz von Rio praktisch scheitert, während Deutschland durch die Wiedervereinigung in die größte Wirtschaftskrise seit dem II. Weltkrieg schliddert, haben die Christen nichts besseres zu tun, als ihre geistige Gespaltenheit zu feiern. Denn Sie wissen wohl nicht ob Sie einen oder drei Götter haben." So ungefähr stelle ich mir den Kommentar im Übrigens vom Schwäbischen Tagblatt vor, falls man dort überhaupt weiß, welchen Tag wir Christen heute bedenken und uns Christen überhaupt noch eines Kommentares selbst im Lokalteil für würdig hält.

 

Liebe Schwestern und Brüder, eine Woche nach Pfingsten feiern wir ein Fest, daß vielen Christen nur noch geläufig ist, weil es das halbe Kirchenjahr über heißt: Heute ist der soundsovielte Sonntag nach Trinitatis, nach dem Dreieinigkeitsfest. Ist es vielleicht deshalb so an den Rand gedrängt, weil hier eine der größten Zumutungen an den Menschen von heute gestellt wird, wenn er sagen soll "Eins plus Eins plus Eins ist gleich Eins"?

 

Es ist schon ein Brocken, zu sagen: Ich glaube an den einen Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Oder haben wir oft genug diese Grundaussage der Kirchengeschichte als über 1500 Jahre alt und veraltet zu den verstaubten Akten gelegt? Also was nun? Einer oder Drei? Als klassische Diskussion überlasse ich das Thema einem Gespräch mit anderen Theologen, die bei einem Glas Wein eine kirchengeschichtliche Denksportaufgabe suchen.

 

Auf der Suche danach, was uns dieses Bekenntnis zu sagen hat, bewegt mich aber eine Frage: Was hat die Christen knapp vierhundert Jahre nach der Kreuzigung und der Auferstehung Christi bewegt, jeden aus der Glaubens- und Christengemeinschaft auszuschließen, der nicht sagt: Ich glaube an Gott, den Vater, den Sohn und den heiligen Geist. Eine zweite Aussage, die von den Christen in dieser Zeit gemacht wurde, gehört übrigens auch zum heutigen Tag: Jesus Christus, ganz Gott und ganz Mensch.

 

Eine solche harte Reaktion, wie sie der Ausschluß aus der christlichen Gemeinschaft ist, hatte keine philosophische Denksportaufgabe, sondern konkrete Probleme als Ursache. So wurden in den ersten Jahren der Christenheit praktisch alle denkbaren Kombinationen einer Auflösung der Dreieinigkeit diskutiert und im Glaubens- und Gemeindeleben mit den entsprechenden Folgen praktiziert. Es kam zur Zersplitterung, weil die einen in Gott und Jesus zwei zerstrittene Götter sahen, weil die anderen in Jesus nur einen Scheinmenschen sahen und damit sein Handeln an den Mitmenschen vergaßen. Es kam zum Streit, weil einige in Jesus einen adoptierten Menschen sahen, aber damit oft das Kreuz und die Auferstehung vergaßen. Und dann noch der Streit um den Geist Gottes, der bereits im Korintherbrief anfängt.

 

Lang, Lang ist her, werdet Ihr zurecht sagen. Doch der Streit um Pfingstler und Charismatiker, der Streit ob der Glaube und Theologie jetzt 'senkrecht von oben' oder ganz von unten anzugehen sind, ob Jesus nur ein vorbildlicher Mensch war oder ob es da einen 'Weltgeist' gibt, der in allen Menschen gegenwärtig ist, dieser Streit kommt mir sehr bekannt vor. Zu dieser Frage gibt Johannesevangelium mit dem heutigen Predigttext wichtige Antworten:

 

Johannes 14, 6 bis 26

Jesus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Wenn ihr mich erkannt habt, so werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Und von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.

Spricht zu ihm Philippus: Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns.

Jesus spricht zu ihm: So lange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht, Philippus? Wer mich sieht, der sieht den Vater! Wie sprichst du dann: Zeige uns den Vater?

Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir? Die Worte, die ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir selbst aus. Und der Vater, der in mir wohnt, der tut seine Werke.

Glaubt mir, daß ich im Vater bin und der Vater in mir; wenn nicht, so glaubt mir doch um der Werke willen.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue; denn ich gehe zum Vater.

Und was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, damit der Vater verherrlicht werde im Sohn.

Was ihr mich bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun.

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.

Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit:

den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch.

Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.

An jenem Tage werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch.

Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist's, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

Spricht zu ihm Judas, nicht der Iskariot: Herr, was bedeutet es, daß du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt?

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.

Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.

Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin.

Aber der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

 

Es sind geheimnisvolle Worte, die uns Johannes hier von Jesus berichtet. Ich möchte Sie als Wort Gottes stehen lassen und mit Paulus sagen, "nicht daß ich's schon ergriffen habe". Es wäre Größenwahn, mit solchen Worten oder mit denen eines Glaubensbekenntnisses Gott erfassen zu wollen. Aber: Jesus hat uns diese Worte mitgegeben als Maßstab für unseren Glauben. Und die Christen sahen sich bald gezwungen, dies neu in kurze Worte zu fassen, weil die Gemeinden nicht genügend intensiv in der Bibel lasen und weil sie eine einfache Lösung suchten, die Gott auf einen einfachen Nenner bringt.

 

Unser Predigttext und die Glaubenssätze die hinter dem heutigen Tag stehen, wollen uns dagegen eines sagen: Du sollst Dir kein Bildnis machen, Gott ist vielfältiger als Du es Dir vorstellen kannst. Und: So vielfältig Gott ist, als mächtiger Schöpfer des Himmels und der Erde, als drohender, ja als strafender Gott, als solidarischer Mensch, der anderen hilft und das Unrecht brandmarkt, als leidender Mensch unter Menschen am Kreuz und als Geist der in uns wohnt und lebendig macht: Er ist immer derselbe. Ein weiteres wird uns gesagt: Gott ist, wenn er uns begegnet, der große allmächtige, eben Gott, der Herr. Er ist in Jesus Christus Mensch und tut nicht nur so. Er ist voll und ganz in uns mit seinem Geist und schickt uns nicht nur irgendwelche Botschaften, die wir empfangen.

 

Das Dreieinigkeitsfest, das wir heute feiern, zeigt uns so Gott wie er uns begegnet: Immer wieder neu, immer wieder anders. Und es ist doch derselbe Gott. Dieses Fest lädt uns ein, noch offener für Gott zu werden, ihn auch dort zu erwarten, wo wir eine Begegnung mit Ihm bislang nicht zugelassen haben. Denn gerade als das, was man gestandene Christen nennen kann, suchen wir Gott gerne da, wo wir ihm immer begegnet sind und werden dadurch auch oft im Glaubensleben einseitig. Wenn wir Gott einmal erfahren haben, dann suchen wir ihn immer am selben Ort.

 

Aber Gott ist nicht so lang, so breit, so hoch, und nur das was so lang, so breit und so hoch ist, das ist Gott. Oder um es mit dem katholischen Theologen Karl Rahner zu sagen: "Gott sei Dank gibt es das nicht, was sich 60 bis 80% unter Gott vorstellen." Ich möchte hinzufügen: Vielleicht sind es auch 99% und ich möchte nicht so größenwahnsinnig sein, das eine Prozent für mich in Anspruch zu nehmen.

 

Vater, Sohn und Heiliger Geist bedeuten deshalb, mit dem beten anfangen, wenn wir nur sozial handeln. Und: Mit dem Einsatz für den Nächsten anfangen, wenn wir nur beten.

 

Vater, Sohn und Heiliger Geist heißt, den strengen, strafenden Gott erkennen, wenn wir nur vom lieben Gott reden. Und: Gottes Liebe wirklich annehmen, wenn wir uns ständig von einem strengen Gott verfolgt fühlen.

 

Vater, Sohn und Heiliger Geist heißt in unser Christenleben eine Ordnung zu bringen, wenn wir vor lauter Geistergriffenheit die Welt, in der wir leben, vergessen. Und: In unserem Leben sowie in der Gemeinde auch einmal plötzlich alles anders zu machen, wenn das Glaubens- und Gemeindeleben nur aus einem festen Ablauf besteht und Gottes Geist einmal unerwartet - ich möchte fast sagen - zuschlägt.

 

Liebe Schwestern und Brüder, diese Liste läßt sich beliebig lange fortsetzen. Wenn wir auf Gottes Wort hören, werden wir immer neue Begriffspaare finden, die beide zum Glauben gehören, bei denen wir immer aufs neue fragen müssen: Leben wir die ganze Vielfalt des Glaubens? Denn Christsein ist immer ein Weg von dem man nach zwei Seiten abkommen kann, mal der bekannte schmale Pfad, ein andermal eine breite Straße, oft auch eine Gratwanderung, bei der wir mit einem falschen Schritt nach zwei Seiten abstürzen können:

 

Wir können vor lauter Geboten die Gnade vergessen, wir können vor Gnade die Gebote vergessen. Wir können vor lauter Kummer um das Kreuz Christi und unsere Sünden die österliche Freude vergessen. Und wir könne die verhängnisvolle Abkürzung vom Leben Jesu direkt zur Auferstehung nehmen und dabei übersehen, daß vor der Auferstehung unser Versagen und das Kreuz stehen. Wir können vor lauter Warten auf das Jenseits vergessen, daß wir in dieser Welt verantwortlich für unser Tun und Nichttun sind. Wir können vor lauter Sorgen um die Welt oder vor Gier nach möglichst viel Erfüllung in den Jahren, die wir leben, vergessen, daß dies nicht alles ist.

 

Um bei dem Bild der Gratwanderung zu bleiben: wir sind aber auf diesem Grat nicht alleine. Jesus Christus geht uns mit seinem Leben, Sterben und Auferstehen voran, wie der erste Bergsteiger in einer Seilschaft, der die Hinteren sichert. Er geht uns aber auch voran mit der Erfahrung, daß der Christ, der diesen Grat findet, oft von beiden Seiten bedrängt wird.

 

Hätte sich Jesus den Revolutionären seiner Zeit, den Zeloten angeschlossen, hätte er Freunde gehabt, die für ihn kämpfen, die ihn vor den Mächtigen schützen. Hätte er sich den Mächtigen angeschlossen, so wäre er vielleicht an Altersschwäche gestorben. Das Ende seiner Gratwanderung kennen wir - in zweifacher Weise, in seinem grausamen Foltertod, als Mensch von allen Menschen verlassen. Und: In der Auferstehung hat er erfahren, daß Gott gerade deshalb zu Ihm Ja sagt, daß er zugleich genau dieser Gott ist.

 

Oder um auf die von mir erfundenen Schlagzeile zu antworten, mit der ich diese Predigt begonnen habe: Weil wir beides zugleich glauben, weil wir nicht meinen, mit unserem Verstand alles logisch einordnen zu können, weil wir Gott so nehmen, wie er uns als Vater, Sohn und Heiliger Geist begegnet und ihn nicht nach unserem Verstand maßschneidern, können wir auch den Fragen unserer Welt anders begegnen. Nämlich ohne zu resignieren.

 

Denn die Antwort der Welt auf die Fragen der Schlagzeilen ist Resignation: In Jugoslawien wird verzweifelt zugeschaut. In den neuen Ländern stehen ratlose Politiker neben ratlosen Gewerkschaftsfunktionären und ratlosen Wirtschaftsspezialisten. Und sie tarnen Ihren Ratlosigkeit allesamt mit starken Sprüchen und Schuldzuweisungen an die jeweils anderen. In Sachen Umwelt tut langsam jeder ein bißchen, weiß genau, daß die Zahl der Tropfen nicht reicht um den heißen Stein abzukühlen und hofft im Stillen, daß er die kommenden Katastrophen nicht mehr erlebt oder sie an einem sicheren Ort übersteht.

 

Damit wir uns nicht falsch verstehen, wir haben als Christen keine Patentlösung für alle diese Fragen. Und wir sollten uns hüten, als größte Senffabrik auf diesem Planeten selbigen überall dazu zu geben. Aber wir können handeln, weil Jesus uns mit seinem Beispiel als Handelnder und Helfender vorangeht. Und wir können gelassen bleiben, ohne Resignation leben und damit fertig werden, wenn wir nicht alles ändern, weil Gott mit seinem heiligen Geist in uns wohnt, weil Gott, der Herr und Vater uns mit neuem Leben beschenkt, daß nicht in der Hoffnungslosigkeit dieser Welt endet.

 

Diesen dreieinigen Gott feiern wir heute, wir wollen ihn in die Vielfalt unseres Glaubens- und Gemeindelebens aufnehmen und anderen Schwestern und Brüdern im Glauben diese Vielfalt zugestehen, ja sie für uns als Bereicherung erfahren. Wir können mit ihnen in dem einen Leib Christi vereint bekennen, damit die ganze Welt in den Jubel mit einstimmt und voll Freude bekennt: "Ich glaube an Gott den Vater, den Sohn und den heiligen Geist."

 

Amen

 


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