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Gottes Reich braucht seine Zeit

Über den Mut zur Aussaat und die Geduld beim Warten auf die Ernte

Predigt über Markus 4, 26-29 am 30. Januar 2005 in Derendingen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Liebe Gottesdienstgemeinde,

Vor einiger Zeit rief mich bei der Arbeit ein Vertreter an, der für eine der größeren neuen Telefongesellschaften arbeitete. Er schaffte es, mich dazu zu bringen, ihm zuzuhören – das ist angesichts der vielen Werbeanrufe, die man als Verantwortlicher heute bei der Arbeit bekommt, gar nicht so leicht. Er überzeugte mich, dass es sinnvoll ist, mich näher mit seinem Angebot auseinander zu setzen, denn so preiswert ist unser derzeitiger Telefon-Anbieter gewiss nicht. Und schließlich sagte ich ihm: In 14 Tagen können wir einen Termin mit einem Außendienst-Mitarbeiter vereinbaren, jetzt nicht, der Schreibtisch und mein Kopf sind einfach zu voll. Er hatte fast einen neuen Kunden gewonnen. Doch fünf Minuten später flatterte mir ein Fax auf dem Schreibtisch, in dem stand: Unser Außendienst kommt dann und dann um die und die Uhrzeit. Ich versuchte, ein Fax zurückzusenden. Keine Reaktion. Den Außendienstler habe ich nicht ins Büro gelassen, weil ich mit einem Unternehmen, dass solche Methoden betreibt, nicht zusammenarbeiten möchte: Jener Telefon-Vertreter hatte sich um einen Auftrag gebracht, nur weil ihm die Geduld fehlte, auf den richtigen Zeitpunkt zu warten.

Von dieser Geduld und vom rechten Zeitpunkt handelt unser heutiger Predigttext. Nur – so wichtig ein Telefon ist – es geht um etwas viel Bedeutenderes: Um das Reich Gottes.

 

Wir hören auf Markus 4, 26-29

Und er (Jesus) sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

 

Liebe Gottesdienstgemeinde:

Was für ein Bild der Hoffnung, das uns unser heutiger Predigttext mitgibt: Auch wenn wir manchmal verzweifeln, weil es mit dem Reich Gottes –scheinbar oder wirklich- so langsam vorwärts geht, oder wir manchmal sogar den Eindruck haben, es gehe zwei Schritte vorwärts und drei zurück: Es geht vorwärts, das Reich Gottes wächst: Mitten unter uns im Verborgenen, versteckt wie das Wintergetreide, das jetzt unter der Schneedecke auf das Frühjahr wartet und Frucht bringen will. Allein der Blick, den wir mit unserem Predigttext auf ein solches Saatkorn werfen und der Vergleich, den Jesus mit dem Reich Gottes zieht, sind Grundlage für weit mehr als nur eine Predigt. Es geht zwar nur um den Samen, alles andere ist außerhalb des Bildes. Doch was für eine Hoffnung dürfen wir haben, gerade wenn der Blick in die Nachrichten, in unser Umfeld aber auch in uns selbst wenig Grund zur Hoffnung gibt: Gott lässt die Saat seines Reiches auf den Feldern dieser Welt TROTZDEM wachsen.

Es gibt viele Felder, auf denen sein Reich wächst, ja umgekehrt wird ein Schuh draus: Es gibt keinen Bereich, in dem Gott seine Saat nicht wachsen lassen will, wie es schon die Barmer Erklärung im Widerstand der Christen gegen Hitler formulierte: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herrschern zu eigen wären.“ So ist natürlich die Weitergabe des Glaubens, die Mission, ein zentrales Anliegen beim Wachstum des Reiches Gottes. Und es gibt den Glauben, durch den Gottes Reich in uns wächst. Es gibt den Wunsch nach Wachstum in Gemeinde und Kirche, in Gottesdienst und Hauskreisen. Es gibt die Hoffnung darauf, dass Gottes Reich in unserer Welt, in unserem Land, in unserem Ort sichtbarer wird. Und es gibt die Sehnsucht, dass jener Frieden wächst, der höher ist als alle Vernunft, ob in der Familie, an den Schulen, im Parlament, im Nahen Osten oder sonst wo in der Welt, wo Schuld und Streit mit dramatischen Folgen sichtbar werden. Doch das sind nur Beispiele.

Und in jedem dieser Bereiche mahnt uns unser Predigttext vor zwei Fehlern: Davor, mit der Ernte keine Geduld zu haben und so Wachstum zu zerstören. Und davor, nicht zu säen, weil uns die Hoffnung und der lange Atem fehlen, die ein Bauer oder ein Gärtner brauchen.

Ja: Wer im Reich Gottes sät, braucht den Mut zur Aussaat und die Geduld, auf die Ernte zu warten. Und er braucht ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt, denn wer im August Weizen sät, ist zu spät dran: Vor dem regnerischen Herbst wird das Getreide nicht mehr reif. Und wer Kartoffeln im Januar steckt, ist zu früh dran, denn Kartoffeln vertragen ja bekanntlich keinen Frost. Alles hat seine Zeit, gerade auch im Reich Gottes. Es hat die Zeit, die Gott gegeben hat. So bleibt letztlich immer etwas, was wir nicht verstehen: Auch ein noch so guter Bauer kennt das Geheimnis des Lebens nicht, ebenso wenig wie jene Genbastler, von denen einige noch nicht einmal davor zurückschrecken, bei Klon-Vesuchen mit menschlichem Leben zwecks wissenschaftlicher Selbstbefriedigung herumzuspielen. Wir kennen das Geheimnis des Lebens ebenso wenig wie das Geheimnis des Reiches Gottes. Doch wir wissen um unsere Begrenztheit und können so auch das Wachstum voll Vertrauen in Gottes Hand legen. Und wir dürfen uns aus diesem Vertrauen dazu anleiten lassen, zur rechten Zeit zu handeln und zur rechten Zeit zu warten. Denn er lässt sein Reich wachsen trotz Sturm und Hagel, trotz Dürre und Kälte.

Wir werden dabei immer wieder Fehler machen, wenn wir handeln und wenn wir warten. Erinnern wir uns an die Schriftlesung aus dem Buch des Predigers: Es gibt eine Zeit der Saat, es gibt eine Zeit des Wachsens, es gibt eine Zeit der Ernte. Es gibt den richtigen Zeitpunkt, den kairos und wir tun gut daran, nach diesem Zeitpunkt für Aussaat und Ernte zu fragen.

Doch von welcher Saat reden wir eigentlich, was ist das Reich Gottes, das Königreich Gottes, von dem unser Predigttext spricht? Wer nach jenem Reich Gottes fragt, das eine Wirklichkeit beschreibt, die weiter reicht als das Universum, der gelangt an die Grenze dessen, was mit menschlichen Worten aussprechbar ist. Genau deshalb bringt uns Jesus die Welt und die Sicht Gottes mit vielfältigen Gleichnissen und Bildworten, Geschichten und Vergleichen nahe. Denn es ist schwer nachvollziehbar, warum der Schöpfer des Universums sein Reich im Verborgenen wachsen lässt, wie einen Keim in der Erde, wie einen Schössling unter der Schneedecke, wie eine Wiese in einem heißen Sommer, gelbbraun – und doch nach dem ersten kräftigen Regen wieder in frischem Grün als Nahrung für die Tiere. Dies zeigt, dass Gottes Allmacht sich ihren Weg in diese Welt anders bahnt, als dies die Herrscher dieser Welt und die Bosse in Unternehmen, Gewerkschaften und Institutionen im Hauen und Stechen um ihr bisschen Macht tun. Gottes Reich in dieser Welt, das ist alles umfassende Macht, die im Verborgenen wirkt, weil sich Gottes Reich seinen Weg aus Liebe bahnt und nicht aus Gier nach Macht, Geld oder Ansehen. In den Worten und Taten von Jesus Christus ist die Gottesherrschaft schon spürbar. Aber die Jünger damals und wir heute leben in der Zeit des "verborgenen Wachstums". Die Ernte ist noch nicht da, aber ihr Kommen ist uns von Gott her zugesichert:

Das Reich Gottes will unter den Christen wachsen. Das geschieht aber nicht nach dem Motto: Packen wir's an, Ärmel hochkrempeln, Gottespaläste ausbauen, sichtbare oder unsichtbare Mauern der Macht errichten, Gesetze aufstellen und mit einer mentalen oder militärischen Kreuzzugsmentalität alle zu Christen machen. Am Anfang des Handelns stehen das Hören auf Gottes Wort, auf Gottes Geist und die Suche nach Gottes Spuren – gerade auch denen im Verborgenen. So sind die großen christlichen Hilfswerke entstanden, sind Gemeinden lebendig geworden, so entstanden die evangelische Allianz und die christliche Ökumene. So entstand der CVJM, der in diesem Jahr 150 Jahre Pariser Basis feiert, jene Aufgaben- und Ziel-Beschreibung, dass junge Menschen den Weg zu Jesus Christus finden, dass wir dazu beitragen, dass sich das Reich Gottes unter jungen Menschen seinen Weg bahnt.

Das Reich Gottes will in unseren Gottesdiensten wachsen: Wenn wir sehen, wie in manchen Gemeinden über Jahre nur wenige Menschen in den Gottesdienst kommen und dann plötzlich ein Aufbruch geschieht, dann ist das eines der eindrucksvollsten Beispiele für Wachstum im Verborgenen. 1984 waren meine Frau und ich mit Freunden aus dem kirchlichen Widerstand in der damaligen DDR unterwegs und besuchten erstmals die Gemeinde in Werningshausen. Wir trauten unseren Augen nicht: Mitten in der Grauen Republik ein Schmuckstück von Kirche und jeden Sonntag rappelvolle Gottesdienste. Dort war eine evangelische Mönchsgemeinschaft entstanden, die durch ihr Leben eine ganze Region geistlich neu bewegt hat. Doch welch ein Weg: Weil sie auch den Kirchenoberen Anfang der siebziger Jahre ein Dorn im Auge war und nach entsprechender Unterwanderung durch die Stasi wurden ihr Leiter, der Pfarrer Franz Schwarz, und die Gemeinschaft nach Werningshausen strafversetzt. Zwei Gemeindemitglieder kamen noch sonntags in die verfallene Kirche.

Die Brüder fingen an, die Kirche zu renovieren, und so stießen mehr und mehr Menschen dazu. Über 20 Kirchen wurde dann bis zur Wende Stück für Stück renoviert und bei der Arbeit entdeckten die Menschen, für wen diese Gebäude Zeugnis geben – und so wuchs das Reich Gottes nicht in den Gebäuden, sondern in den Herzen. In einer ganzen Region entstanden wieder Gottesdienst-Orte, die Sonntag für Sonntag voll Leben waren und Menschen fanden den Weg zu Christus.

Bis heute ist der Sonntags-Gottesdienst die Mitte der Gemeinde, weil er ein Ort für alle ist. Das ist den Aufwand wert! Und es kann sichtbar werden, dass das Reich Gottes für Jung und Alt, für Arm und Reich, für Alteingesessene und für Gäste eine Zukunft bietet. Das heißt aber Geduld mit dem Aufgehen der Saat zu haben. Denn mancher findet erst nach Jahren oder Jahrzehnten eine Heimat im Gottesdienst – und auch das oft nur deshalb, weil er vor langer Zeit einmal lebendige Gottesdienste kennen gelernt hat.

Die Gottesherrschaft will aber auch außerhalb oft allzu abgeschlossener christlicher Gemeinden wachsen: in der Welt, in unserem Land, in Tübingen und Derendingen. Denn es gibt keine Bereiche, für die Gott nicht seine guten Maßstäbe gibt. So gilt es beispielsweise, seinem Anspruch, dass menschliches Leben nicht zur Beliebigkeit freigestellt ist, eine Stimme zu verleihen. Welch ein Sieg der Herrschaft Gottes, wenn Christen eine Abtreibung oder eine Euthanasie verhindern, wenn eine Todesstrafe in lebenslage Haft umgewandelt wird, wenn die Unantastbarkeit der Menschenwürde immer wieder neu angemahnt wird. Welch ein Sieg des Reiches Gottes, wenn Christen Beiträge zum Frieden leisten: In Familien und Gemeinden aber eben auch zwischen den Nationen – wohl wissend, dass wir unsere Hände nicht in Unschuld waschen können, dass wir von einem Frieden reden, der höher ist als alle Vernunft. Gerade die Saat des Gottesfriedens braucht lange, lange Zeit und Geduld beim Wachstum. Wir müssen geduldig warten, warten, warten. Das schließt aber ein, nach Kräften zu verhindern, dass irregeleitete Herden die Saat zertrampeln. Gerade deshalb gelten unsere Gedanken und Gebete an diesem Morgen auch besonders der wieder aufkeimenden Hoffnung in Israel und Palästina - und den Wahlen im Irak, wo die Situation ebenso gnaden- wie hoffnungslos erscheint – gerade für die dort lebenden Christen, denen es noch nie so schlecht ging wie heute. Denn die Horden derer, die die Saat des Friedens zertrampeln, ist unabsehbar. Doch Gott will auch hier seine Saat ausbreiten und schützen.

Und Gott traut uns zu, dass auch wir etwas zum Wachstum seines Reiches beitragen: Zur Weitergabe des Glaubens will er uns benutzen. Und dabei gibt es viele Wege: Gerne erinnere ich an „neu anfangen“, das jetzt ja im Gäu stattfindet und wo unser früherer Vikar Michael Lang intensiv mitarbeitet. Andere Wege heißen Pro Christ, Christ werden, Christ bleiben, Alpha Kurs oder Zeltmission. Doch am wichtigsten ist das persönliche Zeugnis, das jeder von uns gibt, der Gott kennen gelernt hat.

Gerade hier stellt sich die Frage nach der rechten Zeit immer wieder neu: Gott will uns den Mut schenken, bei seiner Aussaat mitzuwirken. Doch allzu oft machen Christen den Eindruck, sie hätten einen Glauben, dessen sie sich schämen. Und oft genug wird über Mission geredet, als ginge es darum, verschimmeltes Brot zu verkaufen.

Doch ich möchte auch noch einmal an den Anfang dieser Predigt erinnern: der Pfarrer, der mich konfirmierte und der später als Leiter der einer Bibelschule viele junge Menschen auf die Verkündigung des Wortes Gottes vorbereitet hat, der hat es einmal so auf den Punkt gebracht: „Manche Christen sind missionarisch einfach übermotorisiert.“ Und ich möchte hinzufügen, mancher verhält sich so, als hätte er nicht genügend Zutrauen, dass Gott seine Saat wachsen lässt - so wie jener Telefon-Vertreter, der sich durch seine Ungeduld selbst um die Frucht seiner Arbeit gebracht hat. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Weitergabe der Guten Nachricht von Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi ist unsere Aufgabe, eine ganz zentrale Aufgabe. Doch manchmal könnte uns eine engagierte Gelassenheit hilfreich sein: Das Wissen darum, dass wir allen Grund haben, uns mit ganzer Kraft einzusetzen. Und das Vertrauen darauf, dass das Wachstum des Gottesreiches in Gottes Hand liegt und im Verborgenen geschieht.

Das gilt auch für das Wachstum des Gottesreiches in uns, ob wir nun gerade dabei sind, Gott zu entdecken oder wir schon lange mit Gott unterwegs sind: Das Reich Gottes wächst in uns, aber nicht auf Kommando und manchmal so schnell, wie der Spargel im Frühsommer, manchmal macht das Wachstum eine Pause, wie alle die Pflanzen, die jetzt unter der Schneedecke auf den Frühling warten. So bleibt der Auftrag an uns:

Nimm dir Zeit, damit Gott in dir wachsen kann, damit er dich mit seiner Herrschaft füllt.

Halte die Rindviecher davon ab, durch die Saat zu trampeln: turbulenter Alltag, Abhängigkeiten, Materielles, Macht, Information: So vieles kann Macht in uns gewinnen, die Saat am Keimen hindert. Doch das ist eine Frage nach unserer Verantwortung vor Gott, nicht nach Gesetzten.

Denn Gott lässt wachsen. Er hat uns davon befreit, durch unsere Leistungen den rechten Glauben zu produzieren. Deshalb ruft er uns zu

Entdecke das Reich Gottes

Lass das Reich Gottes in Dir wachsen

Bete für das Reich Gottes

Rede über das Reich Gottes

Lade zum Reich Gottes ein

Vor Gott hat alles seine Zeit: Lass Gott Zeit, denn er ist ein ewiger Gott

Und: Vertraue darauf, dass Gott Dir durch Jesus Christus einen Platz in seinem Reich geben will. Nicht wegen Deiner Leistungen. Sondern weil er Dich liebt.

AMEN

 

 


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