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An Weihnachten Karfreitag, Ostern und Pfingsten bekennen?

Gottesdienst über 1. Jh. 3,1-6 am 25.12.99 in Bernhausen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

 

Predigttext

1.Joh 3,1-6 - Die Herrlichkeit der Gotteskindschaft

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.

 

Kanzelgebet

Herr tue meine Lippen auf,

lass meinen Mund Deinen Ruhm verkündigen

Herr, lass uns hören, wie die Jünger

 

Predigt

Typisch evangelisch, liebe Schwestern und Brüder. Da gibt es so ein schnuckeliges Familienfest wie Weihnachten, bei dem jedem vor Rührung unterm Tannenbaum die Tränen kullern und unter denen, die keinen Tränenkullerbaum mit Familienanschluss haben, eine hohe Selbstmordquote herrscht. Und zu einem solchen o Du fröhlichen Fest fällt der Predigtordnung der evangelischen Kirche schon wieder nichts besseres ein, als über die Sünde zu reden. Soll an Weihnachten etwa die Rede von Karfreitag sein? In der Tat, heute soll die Rede von Karfreitag sein, aber auch von Ostern und Pfingsten.

 

Was ist Weihnachten

Als diese Predigt während mehrerer Dienstreise in den letzten Tagen zwischen Tübingen, Jena und Hamburg in Zug und Flieger entstand, wurde mir beim Blick auf die verschneiten Landschaften die wichtigste Frage an Weihnachten deutlich: Gibt es weiße Weihnachten oder nicht. Zumindest könnte man angesichts der Schlagzeilen in den Medien zu dieser Antwort kommen. Und doch, selbst wenn ich aus den Fichten mit ihren schneeweißen Zipfelmützen Palmen werden lasse, wenn ich statt schmucker Krippen mit einem heiligenscheingeschmückten Kindchen aus der Milupawerbung einen Felsnische werden lasse, in der es eiskalt und zugig ist, in der zerlumpte Gestalten in einem elenden Gestank aus Rauch und Tierdung hocken, wenn ich ein Neugeborenes vor Augen habe, das in schmuddelige Stofffetzen gewickelt ist, dann habe ich das Christfest nur mit einem Blick gestreift. Dies alles ist nichts besonderes. In Grosny, im Kosovo wie in Serbien, im Sudan und im Kongo, in den Slums von Buenos Aires und New York kommen Kinder unter ähnlichen oder schlimmeren Verhältnissen zur Welt. Auch bei uns kommt manches Kind unter Verhältnissen zur Welt, die letztlich elender sind: Sei es nun unter der Vorgabe Arbeitslosigkeit oder Sozialhilfe, denn der Aufenthalt in Bethlehem war ja nur auf Zeit. Oder sei es in einer zerrütteten Familie, in einer von Alkohol, Drogen oder Lieblosigkeit geprägten Umwelt - ganz abgesehen von jenen Kindern, die nie geboren werden.

Und selbst die Boten Gottes, die Engel, die vielen Menschen, die plötzlich zur Geburtsstätte des Sohns eines ganz gewöhnlichen Zimmermanns kommen, geben diesem Ereignis sowenig Bedeutung, dass nur zwei der vier Evangelien jeweils an einer Stelle darüber berichten. Ansonsten herrscht im NT Fehlanzeige. Und daraus machen wir in Gesellschaft wie Kirche das religiöse Großereignis des Jahres, denn auch in den meisten christlichen Gemeinden ist der Terminkalender in der Adventszeit im Vergleich zur Passionszeit ebensoviel voller wie die Gottesdienste an Heilig Abend im Vergleich zu Karfreitag oder Ostern. Trotzdem bleibt die Frage: Endlich haben wir einmal so ein richtig unbefangenes Fest und ausgerechnet da ist schon wieder von Sünde die Rede: Das ist doch typisch protestantische Lebensferne, immer mit eingekniffener Schulter und dem arme-Sünder-Blick herumzulaufen.

 

Kinder Gottes

Wenn wir mit den beiden Fragen was ist eigentlich Weihnachten und warum der arme-Sünder-Blick auf unseren heutigen Predigttext hören, werden wir überraschende Antworten erhalten: Erst einmal ist von Weihnachten, ja von der Menschwerdung Gottes überhaupt nicht die Rede. Es geht nicht darum, dass in diesem Menschenbündel in den schmutzigen Stofffetzen Gottes Sohn zur Welt kommt, sondern darum, dass wir Gottes Kinder sind, Kinder die nicht distanziert, streng Vater sagen, sondern die wie ein vorbehaltloses, kleines Kind Papi sagen dürfen. Damit wird deutlich, von was unsere Gottesbeziehung geprägt sein soll: Nicht von der Angst vor einem überstrengen, bedrohlichen Vater sonder von kindlichem Vertrauen. Erst wenn wir fragen, woher dieser Wandel, woher dieses Vertrauen kommt, streifen wir Weihnachten. Um es mir unseren Maßstäben auszudrücken:

Wir dürfen entdecken, dass Gott nicht nur der ist, der sozusagen senkrecht von oben kommt, sondern dass uns Gott so sehr von unten entgegenkommt, dass Tränen und Freude, Streit und Liebe, Umarmung und Handgreiflichkeiten, Windeln und Hinrichtung göttliche Zeichen, ja Wegeweisung sind. Das hat allerdings seinen Anfang in jenem für unsere heutigen Empfinden etwas derben, dafür umso treffenderem "vom Weibe geboren", mit dem uns die Bibelübersetzung Luthers begegnet. Nur in der Menschwerdung Gottes können wir ihn als den erkennen, der JA zu uns sagt und nur unser Vertrauen will, sonst nichts. Der uns alles andere schenkt.

 

Erkenntnis

Wer dieses Vertrauen gibt, weil er dem vertraut, der uns so nahe kommt wie ein Kind in Windeln, der bleibt aber nicht nur bei der Froschperspektive von unten stehen. Er vergisst die Sicht von unten nicht, da Gott sie selbst eingenommen hat. Er hat aber zugleich eine Sicht von oben, die Johannes mit dem Begriff Erkenntnis beschreibt, am anderen Orten ist von Licht die Rede. Erkenntnis im Sinn von Licht ist ein Wort, zu dem wir im Zeitalter der Halogenscheinwerfer und Lichtorgeln dass rechte Verhältnis ein wenig verloren haben. Wer hoch oben in den Bergen oder weit weg von jeder Zivilisation in einer wolkenverhangenen Nacht im Zelt die Augen öffnet und mit offenen Augen wirklich genauso wenig sieht wie mit geschlossenen; wer dann bald panisch tastend die Taschenlampe sucht, weil der Wind brutal am Zelt zerrt und man wirklich gar nichts sieht und schließlich - ich verwende das Wort hier bewusst - erlöst feststellt, dass die Batterie noch nicht leer ist, der kann erahnen, wie scharf der Begriff der Erkenntnis vor 2000 Jahren gemeint war. Er kann sich ausmalen, was, um im Bild zu bleiben, die Erkenntnis bringt, welcher Hering locker ist, von wo der Wind kommt, wo welcher Griff nötig ist, damit das schützende Zelt nicht zusammenbricht. Es bleibt das Stammeln über diese Erkenntnis, dieses Licht, wie weit uns Gott über unseren Horizont, ja über den Horizont dieses Universums, dieser Welt hinausnehmen will. Wie ein Vater, der aus Liebe seine Kinder an Geschehnissen teilnehmen lässt, die eigentlich völlig jenseits Ihres Horizonts liegen und sie Dinge lehrt, ihnen anvertraut, weil er sie konsequent begleitet. Und doch ahnen wir nur und wissen nicht. Wir ahnen aber im Vertrauen, dass Gott auch nach unserem Leben in dieser Welt eine andere Welt für uns öffnet, in der aus dem Ahnen Erkenntnis, aus unvollkommener volle Gemeinschaft mit Gott wird, ja dass wir, wie Johannes schreibt, mit ihm eins werden.

 

Missverständnisse

Das aber führt dahin, dass die anderen uns schon heute oft nicht mehr verstehen. So kann ein Nichtchrist, der vor unserem Predigttext steht, nur die Einladung hören, sich als Kind Gottes zu entdecken, eine Einladung zu Gott, die ich auch hier in seinem Namen aussprechen möchte. Damit sind Missverständnisse vorprogrammiert: Wenn wir etwa einer Zeit widersprechen, die Shopping, Genuss, Wellnes zu den höchsten Werten erklärt und darauf hinweisen, wie bedauernswert primitiv und inhaltsleer solche Menschen und eine solche Gesellschaft sind. Ich lerne in der Unternehmensberatung nur allzu viele kennen, die sich wie ein Hamster im Laufrad selbst zu Tode hetzen, weil sie versuchen, durch berufliche Erfolge fehlende Lebensinhalte zu ersetzen. Wir dürfen für unser Leben andere Prioritäten setzen als Karriere und Geld, als Aktienspekulation und Gesundheitsbauchpinselei, als all die Vorsorgen, mit denen wir so tun, als hätte das Leben in dieser Welt kein Ende. Wir dürfen als Christen eine andere Wirklichkeit erkennen und aus ihr unsere Lebensmaßstäbe beziehen, immer in dem Wissen, dass diese Erkenntnis Geschenk ist. Diese Wirklichkeit wurde vor etwa 2005 Jahren erkennbar.

 

Sünde

Schön und gut: Was kann ich mir davon kaufen, mag der Skeptiker fragen. Doch die von Gott geschenkte Erkenntnis verändert den Menschen: Sie schafft neue Beziehung zu Gott und den Mitmenschen. So setzt unser Predigttext Sünde und fehlende Gottesbeziehung gleich und er setzt Sündlosigkeit und vorhandene Gottesbeziehung gleich. Er stellt fest, dass Sünde die direkte Folge mangelnder Gotteserkenntnis ist, während Gotteserkenntnis zur Sündlosigkeit führt. Begehen Christen dann keine Sünden? Die Geschichte wie das Leben jedes einzelnen von uns beweisen das Gegenteil! Wir sind keine Teflon-Christen, an deren Antihaftbeschichtung die Welt abprallt. Wir leben als Christen in gebrochener Gotteserkenntnis, weil wir eben noch nicht eins mit ihm sind und werden daraus mit all unseren Tun und Wirken, mit allem guten Willen und guten Werken keinen Ausweg finden. Wie intelligent, gefühlsvoll, esoterisch, begeistert wir auch sind, wir fallen immer wieder heraus aus der Erkenntnis, weil wir eben noch Teil dieser Welt sind. Damit tun wir Unrecht. Und doch wissen wir, dass wir aus der Gotteserkenntnis uns neu ausrichten können auf ihn und so die Sünde hinter uns lassen können.

 

Karfreitag

Und hier kommen wir in der Tat an Weihnachten zu Karfreitag. Denn da wo wir auch als Christen aus der Gotteserkenntnis herausfallen, wo so das Böse über uns Macht gewinnt, da baut Gott für uns an Karfreitag eine tragfähige Brücke zurück zur Erkenntnis, die zu einem gerechten Leben gegenüber Gott und den Mitmenschen führt. Karfreitag ist ein wirksames Zeichen, das sagt: Das hat Gott für uns getan. Es erinnert uns immer wieder neu daran, wer dieser Gott ist: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einziggeborenen Sohn gab, damit alle die an ihn glauben dass ewige Leben haben. Doch auch an Karfreitag bleibt die Frage, worin unterscheidet sich dieser Tod von den unzähligen anderen Gekreuzigten, von den Opfern in KZ und Gulag, von den Opfern ethnischer Säuberungen und der Todesstrafe, die ja auch immer wieder unschuldige trifft, von den Menschen, die unter noch weit grausameren Verhältnissen ermordet wurden, als Jesus.

 

Ostern

Wenn wir den Bogen so weiterspannen, kommen wir an Weihnachten nicht um Ostern herum. Nur wo der Tod wirklich überwunden ist, kann der ebenso wirkliche, grausame, barbarische Tod einen Sinn haben. Und wer das Zeugnis der Bibel liest, wird erkennen, dass damit kein intellektuell rückversichertes psychologisches, soziologisches, moralisches oder kulturelles Ereignis gemeint ist. Wer Jesus Kommen als mehr feiert, als die Geburt eines Kindes in ärmlichen Verhältnissen, dass später ein politischer Störfaktor war, der kommt um Ostern nicht herum Und wer kein Interesse an der Auferstehung hat, ist kein Christ. Er ist höchsten ein Jesuloge, weil ja alleine das Wort Christus schon die Einmaligkeit eines Menschen betont, der in einem unwiederholbaren Verhältnis zu Gott steht, ja in dem Gott selbst in die Welt gekommen ist.

 

Pfingsten

Doch auch die Auferstehung liegt rund 1970 Jahre in der Vergangenheit. So bleibt die Frage, wie wir Gott heute erkennten, welche Quelle der Erkenntnis es für uns heute gibt. Gott schenkt uns auch hier und heute und - ich bete darum - auch in diesem Gottesdienst am 25.12.1999 Erkenntnis in uns. Er schenkt uns, um einen anderen Begriff zu gebrauchen, seinen Heiligen Geist. Denn Gott ist gegenwärtig. So endet unsere Frage nach der Bedeutung von Weihnachten an Pfingsten.

 

Das wahre Christfest

Für uns bleibt der Auftrag, diese Erkenntnis zu leben, gerade auch am Christfest und in der Vorbereitung darauf, im Advent. Das wahre Weihnachten lässt denen, die aus dem Christfest eine Konsumorgie machen, das goldlackierte Hazzibuzzi-Jesulein im Hals stecken bleiben, eben weil es um Sünde und Kreuz geht und nicht um rosa Himbeersauce auf unseren Alltag. So ist unser Auftrag der, in der Welt Weihnachten zurückzuerobern, statt uns mehr oder weniger von der Perversion mitreißen zu lassen, zu der unsere Gesellschaft Weihnachten gemacht hat. Dabei können wir Zeichen setzen.

 

Folgen

Auch wenn Luther in seiner Zeit den Weihnachtsbaum eingeführt hat, ich könnte mir, so wie ich Luther mit seiner Theologie und seinem Leben kennen- und als die für mich bedeutendste Figur der gesamten Kirchengeschichte achten gelernt habe, ihn mir gut mit einer Motorsäge in Kaufhaus und Kirche vorstellen, um Weihnachtsbäume abzusägen: Wohl gemerkt heute, 1999. Ich rede nicht von 1540, nicht von 1648, 1871 oder 1945. Denn Zeichen sind immer Zeichen in ihrer Zeit. Wenn wir aber das Christfest zurückerobern wollen, dann ist es wichtig, Zeichen zu setzen. So ist heute eine schlichte Krippe, vielleicht nur mit einer brennenden Kerze geschmückt, Zeichen der Christen, der Weihnachtsbaum Zeichen der Welt. So ist für Christen die Adventszeit eine der beiden Fastenzeiten, also Zeit des Verzichtens, für die Welt ist die Adventszeit eine Orgie der Prasserei und der Verschwendung. So ist für die Christen Weihnachten ein Fest der Gemeinschaft, für die Welt ist es ein Fest in der vermeintlich heilen Welt abgeschlossener Wände. Und: ein möglichst gottloses Weihnachten ist das Fest dieser Welt, Karfreitag, Ostern und Pfingsten sind unsere höchsten Feste. So lassen sich Zeichen fortführen.

Es geht dabei nicht um einen dumpfen Fanatismus sondern darum, wie wir unserer Umwelt Zeichen setzen, dass wir aus einer anderen Erkenntnis leben, dass eigentlich jeder Tag unseres Lebens davon gezeichnet ist, dass Gott uns als seine Kinder angenommen hat, weil er uns liebt. Diese Liebe ist am Christfest in der Welt besonders sichtbar geworden. Deshalb ist es eben der Wegweiser zu den Festen, die uns wirklich wichtig sind: Karfreitag, Ostern und Pfingsten.

 

Denn Gott ist so sehr Mensch geworden, dass er in Windeln in einem zugigen Stall lag. Ihn dürfen wir erkennen, damit wir neues Leben haben.

Hallelujah.


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