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Gott gibt was wir brauchen - eine Predigt zwischen Wirtschaftsjournalismus und Heilszuspruch

Predigt über 5. Mose 16 am 14.7.02 in Bernhausen

Ein kurzes Vorwort:

Diese Predigt ist eine Ausnahme-Predigt. Dies betrifft Länge, Inhalt und Stil. Ohne die Gemeinde der evangelischen Petrus-Kirche in Berhausen wäre sie nicht entstanden. Sie ist als Gemeinde des Stuttgarter "Speckgürtels" sehr stark von Christen aller Altersgruppen geprägt, deren Berufsalltag in der Wirtschaft liegt. Es ist außerdem eine Gemeinde, die lange Predigten gewohnt ist und noch die Fähigkeit hat, lange und konzentriert zuzuhören. Ich wurde immer wieder vom Kirchengemeinderat und von Gemeindemitgliedern gebeten, nicht nur meinen Glauben und mein theologisches Wissen, sondern auch meine Berufserfahrung in der Wirtschaft ganz bewusst in meine Predigten einzubeziehen. In dieser Predigt hat mich der vorgegebene Predigttext dazu veranlasst, dies in sehr starkem Maß zu tun. Außerdem habe ich den Text nach einem Bandmitschnitt überarbeitet: Diese Predigt ist also geschriebene Rede und nicht geredete Schreibe, was sich natürlich im Stil auswirkt. Schließlich enthält diese Predigt ein weites Themenfeld und spannt einen weiten Bogen. Damit bleibt Sie eine Skizze. Ich sehe die Aufgabe dieser Predigt aber vor allem darin, einen Gesamtzusammenhang von Leben und Glauben in dieser Welt deutlich zu machen. Ich bete darum, dass dies Gott zur Ehre geschieht.

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

"Die Tragik des 20. Jahrhunderts liegt darin, dass es nicht möglich war, die Theorien von Karl Marx zuerst an Mäusen auszuprobieren", so sagt es der polnische Literat und Satiriker Stanislaw Lem. Hätten wir am Anfang des 21. Jahrhunderts nicht diese Erfahrung hinter uns, dann wäre es leicht, aus unserem heutigen Predigttext eine Anleitung zum Sozialismus abzulsen. Er steht im Buch Exodus, dem Buch des Auszugs Israels aus Ägypten, im 2. Buch Mose, Kapitel 16,1-2 und 11 - 21.

 

Predigttext

"Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst."

 

"Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sage ihnen: Gegen Abend sollt ihr Fleisch zu essen haben und am Morgen von Brot satt werden und sollt innewerden, dass ich, der HERR, euer Gott bin. Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das ganze Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. Und als der Tau weg war, siehe, da lag's in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat. Das ist's aber, was der HERR geboten hat: Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelte. Und die Israeliten taten's und sammelten, einer viel, der andere wenig. Aber als man's nachmaß, hatte der nicht darüber, der viel gesammelt hatte, und der nicht darunter, der wenig gesammelt hatte. Jeder hatte gesammelt, soviel er zum Essen brauchte. Und Mose sprach zu ihnen: Niemand lasse etwas davon übrig bis zum nächsten Morgen. Aber sie gehorchten Mose nicht. Und etliche ließen davon übrig bis zum nächsten Morgen; da wurde es voller Würmer und stinkend. Und Mose wurde zornig auf sie. Sie sammelten aber alle Morgen, soviel ein jeder zum Essen brauchte. Wenn aber die Sonne heiß schien, zerschmolz es.

 

 

 

 

Kanzelgebet

Herr,

Dein Wort

macht das unmögliche möglich.

Darauf vertrauen wir.

So segne Dein Wort an uns,

auch wenn es nur

durch meine schwache Stimme

weitergeben wird.

AMEN

 

 

Nein, liebe Geschwister im Herrn. Nein! Ich möchte nicht in der Haut des Volkes Israel vor über 3000 Jahren stecken: Auf der Flucht mitten in einer grausamen Wüste. Hungrig. Verzweifelt. Verängstigt. Kaum mehr, als ein paar Kleider auf dem Leib dieser Nomaden. Und doch - Sie machten eine ganz, ganz grundlegende Erfahrung: Gott gibt ihnen, was sie brauchen. Gott gibt jeden Tag, was jeder braucht - trotz des verzweifelten Aufbegehrens: Ach wären wir nur in der Sklaverei geblieben, in Unfreiheit gestorben, wo wir satt waren. Gott gibt jeden Tag, was wir brauchen - und was zuviel gesammelt wird, wo überflüssig gehortet wird, gerafft wird, da verrotten all das, was in den Augen Gottes überflüssige Vorsorge ist. Eine Erfahrung, die weit weg von uns liegt? Ich denke nicht!Nein, liebe Geschwister im Herrn. Nein! Ich möchte nicht in der Haut des Volkes Israel vor über 3000 Jahren stecken: Auf der Flucht mitten in einer grausamen Wüste. Hungrig. Verzweifelt. Verängstigt. Kaum mehr, als ein paar Kleider auf dem Leib dieser Nomaden. Und doch - Sie machten eine ganz, ganz grundlegende Erfahrung: Gott gibt ihnen, was sie brauchen. Gott gibt jeden Tag, was jeder braucht - trotz des verzweifelten Aufbegehrens: Ach wären wir nur in der Sklaverei geblieben, in Unfreiheit gestorben, wo wir satt waren. Gott gibt jeden Tag, was wir brauchen - und was zuviel gesammelt wird, wo überflüssig gehortet wird, gerafft wird, da verrotten all das, was in den Augen Gottes überflüssige Vorsorge ist. Eine Erfahrung, die weit weg von uns liegt? Ich denke nicht!

 

Am 18.6. dieses Jahres veröffentlichte die Bundesbank eine erschreckende Zahl: 160 Milliarden Euro haben die Privatanleger in Deutschland durch den Verfall der Aktienkurse verloren. Die globale Pokerpartie hat sich gewendet: Pro Bürger dieses Landes vom Säugling bis zum Greis, vom Bettler bis zum Aufsichtsratsvorsitzenden waren es 2000 Euro, knapp 4000 Mark.

 

Es war ein Problem von "besoffenem Geld", wie es mir Herbert Kircher, Geschäftsführer der IBM Deutschland Entwicklung GmbH, in einem Interview fürs Handelsblatt gesagt hat. Wir haben uns ebenso auf trügerische Werte verlassen, wie jene Israeliten, die sich mit Vorräten krampfhaft absichern wollten. Wir haben uns auf falsche Werte verlassen und jener Prozess, den wir Globalisierung nennen, hat bis jetzt sein Versprechen "Wohlstand für alle" leider nicht erfüllt. Denn bis jetzt ist er viel zu sehr der Versuch, ein globales System mit nur einem Maßstab zu einzurichten: Haben. Besitz. Geld - und dem daraus abgeleitete Gefühl der Sicherheit. Jene Fleischtöpfe Ägyptens, nach denen sich auch die Israeliten gesehnt haben.

 

Doch Gott gibt andere Maßstäbe: Vom Weg dieser Nomaden-Mütter und -Väter im Glaubens über die sozialen Propheten des Alten Testaments bis hin zu Jesus Christus: Die Mahnung der Gerechtigkeit und Gemeinschaft, des Miteinander Teilens und der Nächstenliebe: Das zieht sich durch die ganze Bibel. Insofern war der Kommunismus nur der billige Abklatsch christlicher Grundlagen, aus denen ein Gesetz gemacht wurde. Er hatte eigentlich nur zwei wirklich neue Sachen zu bieten: Den Glauben daran, dass der Mensch gut ist - was zu seinem erbärmlichen wirtschaftlichen Scheitern des real existierenden Sozialismus führte. Und den Glauben daran, dass der Zweck jedes Mittel heiligt, was zu Orgien der Gewalt führte, deren Opfern noch die Opfer des Nationalsozialismus zumindest der Zahl nach, bei weitem übertreffen.

 

So ist heute das Scheitern beider Ideologien klar erkennbar: Es ist ebenso irre, dem Menschen zuzutrauen, allein aus eigener Einsicht gerecht zu leben, gerecht miteinander umzugehen, zu verteilen, wie es untragbar ist, Geld zum alleinigen Weltmaßstab zu machen - zum alleinigen: Der soziale Ausgleich, Umweltschutz und Menscherechte bleiben zusehends außen vor. Und der Nationalismus wird neu entdeckt, statt echtes Miteinander auf dieser Erde zu betreiben: So schreibt die christliche Gemeinschaft �Kingdom now' in den USA: "Die Tragödie des 11. September schmerzt nicht nur wegen der Leben, die die Terroristen zerstört haben, sondern auch, weil die Nachwirkungen machtvoll offenbaren, dass wir, die Kirchen in den Vereinigten Staaten, uns vor dem Götzenbild unserer Nation niederwerfen." Ein Götzenbild, das zugleich der Tanz ums Goldene Kalb ist: So hat der US-Präsident George W. Bush in seiner Rede gegen Korruption und Bilanzfälschung am letzten Dienstag �Kapitalismus' als ausdrückliches Staatsziel benannt - und dabei Verhaltensweisen gebrandmarkt, die er früher selber praktizierte. Ein Ziel, dem sich derzeit in den USA alles unterzuordnen scheint: Wenn internationale Umweltschutz-Protokolle sabotiert werden, wenn über eine Blockade-Politik im Weltsicherheitsrat verhindert werden sollte, dass sich auch US-Soldaten vor internationalen Gerichtshöfen verantworten müssen: Mit ihrer Politik globaler Erpressung haben die USA zumindest Teilerfolge erzielt.

 

Ein Alles-Laufenlassen in der Hoffnung, Geld als universeller Maßstab würde es schon richten - wir haben das erlebt in den letzten Jahren, ist ebenso verheerend wie die Hoffnung auf menschliche Einsicht.

 

Auch das durch die Wüste wandernde Gottesvolk - das ist ja diesen Weg nicht aus Einsicht gegangen - sondern weil es von Gott auf diesen Weg geschickt wurde. Es ist den Weg des Miteinander-Teilens nicht freiwillig gegangen. Doch Gott hat ihnen immer wieder neu gewiesen, wie sie miteinander teilen können. Und er hat die Grunderfahrung vermittelt: Ich sorge für Euch, ihr müsst nicht raffen aus der Angst, zu kurz zu kommen.

 

So ruft vielleicht mancher: Haltet die Welt an, ich will aussteigen! Und dann wendet er sich von der ach so bösen Welt ab, flüchtet in vermeintliche Schutzräume und lässt die Welt, die Gott liebt, vor die Hunde gehen - während er sich in die Selbstgerechtigkeit eines isolierten Lebens flüchtet. Und dann wird davon geredet: �Die Welt geht ja eh unter.' Das tut sie! Natürlich, das tut sie. Das ist unser Bekenntnis als Christen. Nur: es steht nicht unserer Weisheit zu, zu wissen, wann. Zu viele Christen haben schon den Tag des Weltuntergangs genau vorhergesagt, sich selbst blamiert und der Glaubwürdigkeit des biblischen Glaubens aufs Schwerste geschadet.

 

Und die Bibel redet auch nicht davon, dass dies durch menschliches Tun geschieht, dass wir selbst den Untergang auslösen. Schon eher gibt uns die moderne Kosmosforschung so eine gewisse Ahnung von den Dimensionen, die sich abspielen könnten. Doch wann auch immer nach Gottes freier Entscheidung das Ende dieser Welt kommt: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!" Dieser Satz aus der Zeit des zweiten Weltkriegs - er stammt nicht von Martin Luther - mag uns daran erinnern, dass wir bis zum Ende dieser Welt oder zu unserem eigenen Ende in dieser Welt dafür verantwortlich sind, mitgestalten sollen, als Teil dieses durch alle Zeiten wandernden Gottesvolkes, das miteinander mit Gott unterwegs ist. Das Haben-wollen unserer Gesellschaft wird sonst zum Gericht!

 

Es war leicht, vor zweieinhalb Jahren das Ende der Pokerpartie an den Börsen vorauszusagen. Dazu gehörten eigentlich nur offenen Augen und offenen Ohren, die den Sirenenklängen des Zeitgeistes kritisch gegenüberstehen. An letzterem hat es auch unter uns Christen oft gefehlt. Doch auch jetzt ist noch nicht klar, ob der Tiefpunkt schon erreicht ist, ob es ein kurzes Zwischenwachstum gibt, ob der Wirtschaftsabschwung noch weiter geht oder - auch das ist nicht völlig auszuschließen - ob der eigentliche Zusammenbruch noch ins Haus steht.

 

So kann uns der abnehmende Wert der Arbeit zum Gericht werden: Unternehmen treiben sich in einem grenzenlosen Wettbewerb zu immer mehr Produktivität, denn jedes kämpft um Überleben und Gewinn, jedem Vorstandsvorsitzenden hocken die Aktionäre im Rücken. Nein, die Zahl der Arbeitsplätze wird zumindest nicht so steigen, dass wir in absehbarer Zeit in ganz Deutschland von Vollbeschäftigung reden können. Und zugleich reden die einen Politiker entweder von längerer Lebens- und Wochenarbeitszeit, also mehr Arbeit pro Kopf, was heißt, das noch weniger Köpfe arbeiten. Ober es wird von Arbeitszeitverringerung geträumt, natürlich bei vollem Lohnausgleich. Woher im internationalen Wettbewerb das Geld dafür kommen soll - ich weiß es nicht.

 

Die Folgen von beidem lassen sich abstecken: Noch mehr Arbeitslose, noch mehr Defizite fürs Sozialsystem, sinkende Leistungen der Arbeits- und Sozialämter, zunehmende Verelendung, Verzweifelung und Gewaltbereitschaft, sinkender Konsum, weiteres Abwärts - und dann wieder echtes Massenelend, das wir zumindest in Deutschland besiegt glaubten.

 

Die Alternativen? Miteinander Teilen: die Arbeitszeit. Ich habe genügend Einblick in die Industrie, um zu sagen: Wenn jemand zumindest als Arbeitnehmer langfristig 60 Stunden pro Woche arbeitet, dann ist es mit höchster Wahrscheinlichkeit so, dass entweder er etwas falsch macht oder der Arbeitplatz ist falsch organisiert ist. Das selbe gilt auch, wo nur Überstunden anfallen und nicht durch Freizeit ausgeglichen werden. Arbeit lässt sich teilen, verteilen. Nur kann so etwas nicht verordnet, nicht verwaltet werden: Es muss gelebt und gewollt werden, von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Und dabei kann uns die Erfahrung, die das Volk macht, das mit Gott unterwegs ist, ermutigen: Gott gibt, was wir brauchen - wir haben durch einen solchen Tausch vielleicht weniger, aber wir sind vor Gott mehr, weil wir beispielsweise mehr Zeit für das Leben mit Gott haben, mehr Zeit für unsere Familien haben.

 

Auch die Frage nach den Maßstäben unserer Gesellschaft kann uns zum Gericht werden: Es kann nicht angehen, dass der kurzfristige Wert eines Unternehmens für Aktionäre Grundmaßstab allen wirtschaftlichen, allen politischen Handelns ist: So hat eine Umfrage der Zeitschrift �Produktion' unter Managern eines gezeigt: Die meisten sagten� die langfristige Zukunftsplanung entscheidend, ist wichtig. Und gleichzeitig gaben sie zu, dass sie immer kurzfristiger handeln, weil der Druck der Börsenkurse, der Druck schnelle Gewinne zu machen, immer höher wird- bis hin zu den Bilanzskandalen der letzten Wochen - so wie das Volk Israel nur noch schnell satt sein wollte und dabei das große Ziel der Freiheit aus den Augen verloren hat.

 

Schließlich bleibt die Frage der Gemeinschaft: Gott sorgt gegenüber dem Volk Israel dafür, dass jeder genug hat. Tut dies unsere Gesellschaft auch? Wir haben ein umfangreiches Sozialsystem und es steht am Rand des Zusammenbruchs. Dabei gibt es zwei Strömungen zugleich: Es gibt den Missbrauch von Sozialleistungen. Wie es mir gestern eine Bekannte erzählt hat, die für die Abrechnung von ABM-Stellen, also vom Arbeitsamt finanzierten Stellen, zuständig ist: In einen Abrechnungszeitraum von 9 Monaten hatten die Mitarbeiter einen durchschnittlichen Krankenstand von 30 Arbeitstagen, also von sechs Wochen, die Spitze lag bei 56 Arbeitstagen, also fast bei fast einem Vierteljahr.

 

Andererseits werden auch bei uns zunehmend Menschen gezwungen, sich neben Ihrer Arbeit noch zusätzlich einen Job zu suchen, weil die Reallöhne gerade für die unteren Einkommensgruppen sinken. Kommen dazu noch Kinder, ist der soziale Abstieg sicher. Denn hierzulande sind Kinder das größte Armutsrisiko - und das für diejenigen, die doch die Zukunft der Gesellschaft sichern.

 

Doch durch die Medien werden die Love Parade oder der Christopher Street Day zum Leitbild unserer Gesellschaft gemacht, nicht der Kreissaal. Und gleichzeitig ist es nicht nur ein us-amerikanisches Phänomen, dass gerade in den obersten Führungsetagen die Gehälter steigen - für gute wie für schlechte unternehmerische Leistungen. So greifen die Vorschläge der Riester-Rente und der Hartz-Kommission zu kurz: Eine alleinerziehende Arbeiterin fragte kürzlich einen Kollegen von mir: "Und von welchem Geld soll ich bitte in die Riester-Rente einzahlen?"

 

Und auch der Vorschlag, Langzeitarbeitslose möglichst aus der Arbeitslosenhilfe auszugliedern und zum Fall für die Sozialhilfe zu machen, der führt zum Zynismus: In vielen - gerade auch einfacheren Berufen - hat ein Arbeitnehmer über 50 kaum eine Chance mehr, kaum eine Chance, wieder Arbeit zu finden. Soll jemand, der über 30 Jahre hart in einem Beruf gearbeitet hat, der es ihm nicht ermöglichte, Rücklagen anzulegen, im Endeffekt bis zum 80. oder 90. Lebensjahr von der Sozialhilfe leben?

 

Gewiss müssen Maßstäbe geändert werden. Doch die kann nicht durch Verwaltung, durch Hauruck-Verfahren, durch Verordnung von oben, durch Vorschriften geschehen. Es kann nur da geschehen, wo wir miteinander Verantwortung ergreifen, Verantwortung für unser Miteinander ergreifen, so wie e das Volk Israel von Gott geschickt unter der Anleitung von Mose und Aaron doch letztlich auch immer wieder geschafft hat - mit vielen, vielen Problemen zwischendrinn. Und die biblische Botschaft stellt uns klar das soziale Miteinander vor Augen, nicht das Neben- oder Gegeneinander. Wo wir dies nicht annehmen, wird auch der Zusammenbruch des Sozialsystems zum Gericht für viele - und sei dies indirekt durch Kriminalität und Gewalt in einer Gesellschaft der Verzweifelung - wie etwa in Argentiniern, wo dies heute passiert. Wo inzwischen selbst weite Bereiche des Mittelstands so verelenden, dass die Menschen oft nicht mehr wissen, wovon sie satt werden sollen.

 

Was können wir als Christen tun? Was können wir tun?

 

- Wir haben die Pflicht, den Maßstäben Gottes, die uns die Bibel mitgibt, immer wieder neu Gehör zu verschaffen: In der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule, in Kirchen- und Ortsgemeinde, aber auch in der Politik.

 

- Dann haben sachkundige Menschen die Aufgabe, Tatsachen zu erfassen und Vorgehensweisen vorzuschlagen, wie die Maßstäbe Gottes erreicht werden können. Hoffentlich haben wir im ganz kleinen oder auch im großen genügend Informationen, Erfahrungen, Wissen, die wir einbringen, statt um die Lufthoheit an den Stammtischen zu kämpfen.

 

- Schließlich heiligt der Zweck für Christen nicht jedes Mittel. So ist es unsere Aufgabe, mögliche Folgen abzuwägen und so Vorgehensweisen als sinnvoll zu erkennen oder nicht.

 

Wie das Volk Israel stehen wir aber immer in der Gefahr des Hochmuts: Wir meinen, wir könnten alles selbst erreichen, aus eigener Kraft. Wir könnten alles so erreichen, dass es Spaß macht. Als ob wir genau wüssten, wie alles abläuft und wie was gesteuert ist. Selbst die Industrie, die hohe Politik oder die Wirtschaftswissenschaft hat gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung nur bruchstückhaft unter Kontrolle. Sonst stände es mit der Wirtschaft derzeit nicht so schlecht. Und auch mir fällt es viel leichter, die Fragen unserer Zeit zu stellen als sie zu beantworten. Niemand überblickt alles, was abläuft. Und wenn etwas schief läuft, dann liegt das normalerweise nicht an einer Verschwörung der Kapitalisten oder an der angeblichen Unterwanderung der Gesellschaft durch Linke, durch Rechte oder Ausländer. Es liegt an Größenwahn, Dummheit, Ignoranz und hemmungslosem Haben-Wollen - ganz oben und ganz unten und überall dazwischen. Das sind die Ursachen der recht bedenklichen Situation unserer Gesellschaft und der Weltwirtschaft. Es sind die selben Probleme, mit denen schon Moses in der Wüste zu kämpfen hatte.

 

Noch einmal: Was sollen wir tun? Vielleicht auch einzelne Punkte herausgreifen und uns für Sie einsetzen. Arbeit neu verteilen. Spekulation nicht zum alles überragenden Gestaltungsmittel der Gesellschaft werden lassen. Missbrauch von Sozialleistungen bekämpfen. Wirkliche Armut erkennen und helfen.

 

Aber auch die Globalisierung kann zu einem sehr positiven Prozess werden, wo sie mehr ist, als die Ausbreitung - insbesondere des amerikanischen - Radikal-Kapitalismus. Wo wir Globalisierung als umfassenden Prozess behutsam vorantreiben, als einen Prozess vorantreiben, der alle Bereiche umfasst, Umweltschutz wie Materielles, Frieden wie den einzelnen Menschen, da kann er zur Überwindung der Sünde von Babel einen wichtigen Beitrag leisten. Denn nach dem Zeugnis der Bibel ist die Spaltung in Völker mit verschiedenen Sprachen die Strafe für den Hochmut der Menschen. Und es gibt kaum ein Wort, das der Menschheit so zum Fluch und zum Gericht geworden ist, wie "Vaterland", ob ich das jetzt auf Englisch, Deutsch, Französisch benenne oder ob ich das sozialistische Vaterland meine. Es gab Abermillionen Tote, hunderte Millionen Tote in den letzten 150 Jahren für dieses Wort und wir haben die Chance, mit einem weltumfassenden Gemeinschaftsprozess dies zu überwinden. Das sollten wir uns vor Augen halten. Und Nationen sind immer ein notwendiger Ort der Ordnung, aber eben nur etwas Vorläufiges. So bleibt für uns die Hoffnung auf eine umfassende Gemeinschaft und auf ein Vaterland, das wir bei unserem Vater haben, bei Gott: So könnte die christliche Vision der Globalisierung darin bestehen, den Erdkreis umfassend wie das Volk Israel in der Wüste miteinander unterwegs zu sein. Das ist eine Vision, wir sind heute weit weg davon. Aber es gehört dazu, dass wir so etwas verfolgen.

 

Statt dessen haben wir in unsere Gesellschaft heute nur auf �Haben-Wollen' des Einzelnen. �Haben oder Sein', so fragte es ein Philosoph in den siebziger Jahren, Erich Fromm: Zu recht, denn die Orientierung am Haben ist die niedrigste Form wie ein Mensch leben kann, wenn wir nur besitzen wollen, nur uns an den materiellen Gütern ausrichten: Ob sich das nun in Spaßkultur, Wellnes, Kapitalismus oder ganz klassisch abgehoben, in einem sogenannten Epikurertum ausdrückt, das Lust und Unlust zum Wahrheitskriterium hochstilisiert. Am Ende seines Buches ruft Fromm damals gerade die Christen auf, sich neu zum Geist des Evangeliums zu bekehren, um durch die Besinnung auf die Grundlagen unserer Existenz aus grundlegenderen Werten Gemeinschaft zu leben, statt in der Gier nach dem Materiellen zu vereinzeln. Er beschreibt aus humanistisch-sozialistischer Sicht den Weg vom Haben zum Sein: Aus innerer Überzeugung und Wandlung.

 

Doch Gott weist uns noch einen entscheidenden Schritt weiter und das soll am Ende dieser Predigt stehen: Das wir es uns noch einmal ganz bewusst machen, wo Gott uns hinweist, nachdem uns bewusst machen, wo wir in unserer Gesellschaft leben und welche Aufgabe wir haben. Wir dürfen uns an der Quelle allen Seins ausrichten, an der Quelle des Schöpfers, an dem, der alles gemacht hat, uns und alles, was uns umgibt. Was dies heißt, hat er uns in Jesus Christus gezeigt: Dasein für und in dieser Welt - weil wir in ihm den Zugang zur kommenden Welt haben. Denn er ist für uns auferstanden. So können wir im Kleinen oder Großen aus Überzeugung, aus Verankerung in Christus, aus seinem Heiligen Geist ein Leben leben, vorleben und anregen, das es nicht nötig hat, nur haben zu wollen. Dies darf nicht nur beim Einzelnen stehen bleiben, sondern muss auch Politik werden, Grundlage der Gesellschaft. Um Realpolitik mit der Erfahrung dieses wandernden Gottesvolkes zu machen - also Politik, die nicht nur Ideen hat, sondern diese auch umsetzt, gibt es eine allergrundlegendste Grundlage: Denn gute Vorsätze, Gesetze, Parteiprogramme: Die reichen nicht aus. So braucht unsere Welt Jesus Christus nicht als eine Art persönlichen Meister Propper, der alles sauber macht, dass man sich drin spiegeln kann, egal wie viel Dreck man gegenüber seinen Mitmenschen und der Welt täglich neu vorsätzlich am Stecken sammelt.

 

Wir brauchen einen Jesus Christus, der uns die Schuld nimmt, der uns zugleich zu rechten Tun anleitet, der in uns ist - und das will Jesus. Doch wo Menschen Jesus Christus in Ihrem Leben zulassen, da ändern sie sich und die Gesellschaft in der sie leben: Sie ändern eine Gesellschaft von einer Gesellschaft des Habens zu einer Gesellschaft, die vom Schöpfer her lebt. Die von dem her lebt, der alles gemacht hat. Der eine Anleitung geben kann, wie wir in dieser Welt leben können. Von einer Gesellschaft des Habens zu einer Gesellschaft, die aus der Quelle lebt. Weil sie die Erfahrung des Volkes Israel in der Wüste macht: Gott gibt genug für alle, wo das Volk Gottes gemeinsam unterwegs ist. Er gibt Dir genug: Der Schlüssel dazu ist Jesus Christus: Entdecke ihn für Dich selber und gib ihn weiter.

 

AMEN


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