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In meines Vaters Wohnung - eine Einladung für alle

Teampredigt über Lk. 41-52 am 4.1.2004 in Bernhausen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Es geschah auf dem ökumenischen Kirchentag. Hunderttausende drängten sich in der Innenstadt Berlins, mitten unter ihnen Familie Zimmermann aus Castrop-Rauxel. Zum ersten Mal bei einem solchen Treffen war auch Joschi dabei, der mit Freunden aus der sechsten Klasse gemeinsam in einem Massenquartier übernachtete. Mit ihnen entdeckte er den Markt der Möglichkeiten. Auf der Rückfahrt wollten sich die Zimmermanns im S-Bahnhof Wannsee treffen, Samstag 14:00, um noch vor dem großen Run nach dem Abschluss-Gottesdienst Berlin zu verlassen. Denn der ICE Richtung Ruhrgebiet sollte um 15:23 abfahren.

 

14:15 Herr Zimmermann wird ärgerlich. Joschi ist doch sonst so pünktlich. 14:30 Frau Zimmermann fängt an sich Sorgen zu machen. 14:45 Herr Zimmermann fragt bei der Polizei, ob sein Sohn in irgendeinem Zusammenhang gemeldet wurde. 15:00 Die Platzkarten für den ICE haben Zimmermanns längst abgeschrieben. Sie fahren mit der S-Bahn wieder zum Messegelände. Vom S-Bahnhof Messe Süd eilen Sie zum Eingang und werden von einem Ordner an den zentralen Organisationsbereich verwiesen. Weil sie sowieso daran vorbeigehen, wirft Maria Zimmermann einen flüchtigen Blick in die Deutschland-Halle. Sie traut ihren Augen nicht: Ihr Joschi steht nach dem Ende einer Podiumsdiskussion im Kreis mit mehreren Bischöfen und Theologie-Professoren, die lebhaft mit ihm diskutieren. Entgeistert stürzt die Mutter in die hochkarätige Runde: 'Wie konntest Du uns das nur antun!' In diesem Satz schleudert sie ihrem Sohn Panik, Unverständnis und Erstaunen entgegen. Der antwortet nur verdutzt: 'Was habt ihr denn? Ich gehöre doch hierher!'

 

Liebe Geschwister im Herrn: Stellen wir uns dieses Situation knapp zweitausend Jahre früher vor, in einer Zeit ohne Handy, ohne Suchdurchsagen per Lautsprecher und ohne Bahnhofsmission: Dann kommen wir unserem heutigen Predigttext recht nahe. Er steht in Lukas 2,41-52:

Die Eltern von Jesus gingen jedes Jahr zum Passafest nach Jerusalem. Als Jesus zwölf Jahre alt war, nahmen sie ihn zum ersten Mal mit. Nach den Festtagen machten die Eltern sich wieder auf den Heimweg, während der junge Jesus in Jerusalem blieb. Seine Eltern wussten aber nichts davon. Sie dachten, er sei irgendwo unter den Pilgern. Sie wanderten den ganzen Tag und suchten ihn dann abends unter ihren Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie am folgenden Tag nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort. Endlich am dritten Tag entdeckten sie ihn im Tempel. Er saß mitten unter den Gesetzeslehrern, hörte ihnen zu und diskutierte mit ihnen. Alle, die dabei waren, staunten über sein Verständnis und seine Antworten. Seine Eltern waren ganz außer sich, als sie ihn hier fanden. Die Mutter sagte zu ihm: »Kind, warum machst du uns solchen Kummer? Dein Vater und ich haben dich überall gesucht und große Angst um dich ausgestanden.« Jesus antwortete: »Warum habt ihr mich denn gesucht? Habt ihr nicht gewusst, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?« Aber sie verstanden nicht, was er damit meinte. Jesus kehrte mit seinen Eltern nach Nazaret zurück und gehorchte ihnen willig. Seine Mutter aber bewahrte das alles in ihrem Herzen. Jesus nahm weiter zu an Jahren wie an Verständnis, und Gott und die Menschen hatten ihre Freude an ihm.

 

Liebe Geschwister im Herrn: Versuchen wir, uns die Situation einer jüdischen Familie zur Zeitenwende vorzustellen: Jesus ist ein Kind gesetzestreuer jüdischer Eltern. Sie ließen ihr Kind beschneiden, brachten es nach Jerusalem in den Tempel und opferten zwei Turteltauben. (Lukas 2) Zum rechten jüdischen Leben gehörte auch einmal im Jahr eine Pilgerfahrt nach Jerusalem: In der Regel reisten ganze Dorfgemeinschaften miteinander, oft getrennt nach Altersgruppen. So war es nicht verwunderlich, dass die Eltern Jesus erst abends vermissten. Jesus ging es wohl wie heutigen 12jährigen: Die Lust mit den Eltern zusammen etwas zu unternehmen nimmt ab. Gerade damals war man mit 12 Jahren schon fast erwachsen.

 

Bis jetzt ist alles noch ganz normal. Ein Jugendlicher nutzt seine Freiheiten aus und versucht Abstand von seinen Eltern zu gewinnen. Aber ein 12 jähriger ist noch nicht erwachsen und so wird er von Maria und Josef verzweifelt gesucht. Drei Tage lang. Und Jesus? Er sitzt seelenruhig im Tempel, als wäre es das normalste der Welt. Für ihn ja, aber seine Eltern sind fassungslos und machen ihm Vorwürfe. Für sie sieht es einfach nach der Eigenmächtigkeit eines kopflosen Teenagers aus. Sie verstehen Jesus nicht.

 

Jesus dagegen war weder kopflos noch unüberlegt. Er suchte die Nähe seines eigentlichen Vaters. Für ihn war es das Selbstverständlichste auf der Welt: seine Gottesbeziehung.

 

Eltern und Kind verstanden sich nicht, weil jeder die Welt mit anderen Augen sah. So geht es uns sicher auch heute mit unseren Kindern und Jugendlichen. Wie sprechen unterschiedliche Sprachen. Vielleicht nehmen wir gerade unsere Jugendliche in der Familie und in der Gemeinde zu wenig ernst. Wir können von einander lernen. Es ist keine Einbahnstraße.

 

Doch die durchaus rücksichtlose Selbständigkeit eines Teenagers ist nicht das Überraschendste an unserem Text. Ich habe versucht, es in der Einleitung deutlich zumachen: Jesus sitzt im Kreis der theologischen Elite Jerusalems und diskutiert, stellt Fragen und zwar auf Augenhöhe! Wenn wir uns bewusst machen, welchen Stellenwert die Alten und Weisen im Orient haben und noch mehr hatten, dann wird es deutlich: Jesus ist eben nicht nur auf dem Weg vom Windelpaket zum Kreuz, er ist auf dem Weg zum Lehrer der Lehrer. Schon sprengt er die Rolle eines Kindes an der damals wesentlich früheren Grenze von Kindheit zur Erwachsenen-Welt. Und seine besondere Rollte wird ernst genommen. Die Theologen und religiösen Führer gehen auf seine seine Fragen ein. Denn er profiliert sich nicht durch Glamour, Glitter und hohle Sprüche für die Show: 'Jerusalem sucht den Superstar'. Er lässt sich auf die bewusste Auseinandersetzung um Gottes Wort ein. Er fängt an, seine schärfste Waffe zu entwickeln, die später seine Gegner bis zur Weißglut reizt: Die Frage.

 

Als Journalist ist es für mich selbst der Alltag: Entgegen anders lautenden Gerüchten: Es gibt dumme Fragen. Doch intelligente Fragen sind gefährlich – so gefährlich, dass immer mehr Politiker versuchen, die Fragen im Vorfeld eines Interviews festzulegen und im Anschluss auch noch das Recht beanspruchen, nachträglich zu ändern, was sie gesagt haben.

 

Fragen betreffen auch die Seelsorge: Ein guter Seelsorger sagt nicht viel. Er leitet aber den Hilfesuchenden durch Fragen an, selbst zu erkennen.

 

Und auch uns als Christen begegnet Gott in Anfragen, wenn es um Schuld, Sünde und Verantwortungslosigkeit geht: Seit Gott Adam im Garten Eden fragte: 'Wo bist Du?' und der versuchte, sich damit herauszureden, Eva habe ihm nur den Apfelbutzen in den Mund geschoben - seit damals stellen Fragen den Sünder bloß.

 

Jesus betritt aber mit seinen Fragen auf Augenhöhe einen Weg, der ihn zum Lehrer der Lehrer machen wird. Wenn wir diesen Text mit Blick auf das Erscheinen Gottes in der Welt lesen, dann können wir wohl in keinem anderen biblischen Text so den Wandel vom Windelpaket zum Messias entdecken, wie in diesem Bericht über den pubertierenden Jesus.

 

In unserem Text ist davon die Rede, dass Jesus zuhörte und Fragen stellte. Auch da ist er uns Menschen gleich geworden. Er muss lernen wie wir alle. Auch ihm ist nicht alles gleich in den Schoss gefallen. Auch er stellt Fragen und hört zu. Er ist ganz und gar Mensch. Aber auch schon der 12jährige weiß, woher er kommt. 'Ich will in dem Haus meines Vaters sein.' Ich will die Beziehung zu meinem himmlischen Vater pflegen. Sie geht mir über alles, über alle menschlichen Beziehungen hinaus, selbst über die Beziehung zu meinen Eltern.

 

Diese Radikalität findet man bei Jesus auch noch an anderen Stellen. Eine derartige Radikalität stößt uns ebenso vor den Kopf wie seine Eltern damals. Seine Eltern verstehen nur 'Bahnhof'. Sie sind hilflos und ratlos. Maria hat vielleicht eine Ahnung. Auch diesmal bewahrt sie das Geheimnis in ihrem Herzen. Sie tastet sich heran an das Geheimnis von dem wir sprechen, wenn wir Jesus Christus als wahren Mensch und wahren Gott bekennen.

 

So steht dann auch die patzige Antwort Jesu in einem neuen Licht: Was wollt ihr denn – ich gehöre doch hierher, in meines Vaters Haus. Gott als Vater war den Juden dieser Zeit nicht fremd. Doch Jesus redet so vom Haus mit dem Allerheiligsten, das selbst der Hohe Priester nur einmal im Jahr betreten durfte. Er fragt und setzt allem die Krone auf: 'Wisst Ihr nicht, dass ich im Haus meines Vatis sein muss?'.

 

Wer darin nur den Anspruch eines heranwachsenden jüdischen Rabbis und Weisheitslehrers sieht, der wegen seiner politischen Provokationen sterben muss, der springt dramatisch zu kurz und endet im Schlamm des Zeitgeistes. Nur weil Gott uns in Jesus die wesentlichste aller Brücken baut, die zwischen Gott und Mensch, die zwischen Himmel und Erde, die zwischen dieser und der kommenden Welt, ist das Allerheiligste Gottes kein Platz mehr, an dem wir uns nur einmal im Jahr durch einen Hohen Priester vertreten lassen müssen.

 

Jesus Zuhause war der Tempel, das hat er deutlich gesagt. Da gehört er hin. Doch weil er ein gehorsamer Sohn war, ging er zurück mit seinen Eltern nach Nazareth und nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

 

Warum sind Sie heute in das Haus Gottes gekommen? Warum sind Sie heute zum Gottesdienst gekommen? Weil Sie wissen, dass oft zu diesem Gottesdienst Anfang Januar die Sternsinger kommen? Weil Sie sich alleine fühlen und hier nette Menschen treffen? Weil Sie heute eine Aufgabe haben? Weil Sie gelesen haben, dass wir für diesen Gottesdienst verantwortlich sind? Weil andere es von Ihnen erwarten? Alles Gründe, in das Haus Gottes und zum Gottesdienst zu kommen. Doch reicht das?

 

Jesus hat uns vorgelebt, dass wir zu seinem Vater eine neue Beziehung haben dürfen. Wir dürfen mit Jesus Abba, lieber Papi sagen. Deswegen ist es wichtig, in sein Haus zu kommen. Wir sind Töchter und Söhne Gottes und deswegen dürfen wir kommen, wie wir sind. Wir dürfen durch Singen, Loben, Danken, Klagen und Beten mit unserem Vater in Beziehung treten. In einem Lied von Manfred Siebald heißt es: 'In deinem Haus bin ich gern, Vater, wo du mein Denken füllst. Da kann ich dich hören, Vater, seh'n was du willst. In deinem Haus will ich bleiben, Vater; du weist mich nicht hinaus und nichts soll mich vertreiben Vater, aus deinem Haus.

 

So baut Jesus eine Brücke in das Haus seines Vaters. Diese Brücke baut er für jede und jeden von uns, ob wir nun noch junge Sternsinger sind oder ob wir eine großen Teil und die besten Jahre unseres Lebens schon weit hinter uns haben. Diese Brücke in Gottes Haus sollen wir aber auch für andere bauen und sie nicht nur für behalten, für uns und Menschen, die wir mögen. Dabei ist eines wichtig:

 

Gottes Haus, das ist nicht nur die Kirche, das ist nicht nur der Raum, in dem wir Gottesdienst feiern, das ist nicht nur ein Ort, den selbst viele regelmäßige Gottesdienst­besucher mit einer gewissen Scheu betreten: Weil Jesus Christus in die Häuser der Armen und Reichen ging, weil er Orte aufsuchte, die kaum einer betrat, Orte der Ausgestoßenen und Kranke, deshalb wissen wir: Gottes Haus kann überall sein, wo in seinem Geist gelebt und geglaubt wird – auch bei uns zu Hause. Auch in den Häusern, die wir besuchen.

 

Liebe Sternsingerinnnen und Sternsinger: Das gilt ganz besonders für Euch. Ich war in den letzten Jahren mit meinen Sternsinger-Gruppen in vielen Wohnungen und durfte oft erleben, wie Junge und Alte, Kranke und Gesunde gestrahlt haben, weil Menschen zu ihnen kamen. Manches Mal ergaben sich sogar wichtige persönliche Gespräche, die mir eines gezeigt haben: So wichtig die Spendensammlung ist, so schön es für Euch ist, mit Säcken voll Schleck Heim zu kommen: Das wichtigste ist, dass Kirche zu den Menschen ins Haus kommt und zeigt: Gott will in jeder Wohnung wohnen.

 

Das gilt auch für unsere Gemeinden und jeden von uns: Die Einladung in das Haus Gottes darf nicht bei uns stehen bleiben.

 

Wir können aber diese Einladung nur dann glaubwürdig aussprechen, wenn wir voll und ganz darauf vertrauen, dass wir selber eingeladen sind. Alle Feiern, Feste und Gottesdienste haben nur den einen Sinn: Uns deutlich zu machen: Wir sind eingeladen in Gottes Haus. Wir sind eingeladen zu Gott. Gott hat in dem Kind in Windeln, in dem pubertierenden Jugendlichen, in dem Mahner und Propheten, in dem Gekreuzigten und Auferstandenen eine Brücke zu uns gebaut. Jeder ist eingeladen, ob sie oder er ein junger Sternsinger ist, ob er oder sie ein Senior oder irgendwo dazwischen ist.

 

Das lasst uns glauben.

Daraus lasst uns leben.

Das lasst uns feiern.

Das lasst uns weitersagen!

AMEN


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