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Wir müssen vor Gott nicht zitternd in die Ecke kriechen - Vom Kommen des Menschensohns.

Predigt über Mt 25, 31-46 am 16.11.2003 über Mt 25, 31-46 in Bernhausen

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen, und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

 

Herr,

Dein Wort

macht das unmögliche möglich.

Darauf vertrauen wir.

So segne Dein Wort an uns,

auch wenn es nur

durch meine schwache Stimme

weitergeben wird.

AMEN

 

Liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus.

Ich weiß nicht, wer unter Euch bereits den Film 'Luther' gesehen hat? Für mich waren diejenigen Szenen besonders erschütternd, in denen Luther mit seiner Verantwortung vor Gott rang: Erst aus Angst vor der Verdammnis. Dann aber - auch nachdem er den gnädigen Gott erkannte - in dem Wissen um all die Schuld, in die er immer wieder durch seine Blindheit verstrickt war: Denn ein lichtstrahlendes Ereignis ohne Schatten war auch die Reformation nicht - so bitter nötig es war, die spätmittelalterliche Christenheit von Grund auf zu re-formieren:

Die Erkenntnis, dass Gott uns Menschen ohne Vorbedingungen liebt und uns in Jesus Christus die einzige Brücke aus dieser Schuld heraus gebaut hat, befreite ihn nicht von der Frage: Wo muss ich Handeln, wo nicht? Das Ringen um das richtige Tun und Lassen ist wesentlich - und darf uns nie dazu führen, die Hände in den Schoß zu legen - und zu rufen: 'Hier sitze ich, ich kann doch nichts ändern - Gott helfe Euch.' So führt uns unser heutiger Predigttext gerade als evangelische Christen zurück in eine heilsame Unsicherheit, die uns vor falscher Selbstgerechtigkeit bewahrt.

Es wäre unverantwortlich, unseren heutigen Predigttext einfach abzuhaken mit den Worten: 'Ich habe doch den Glauben.' Und wer sich bewusst macht, welches Engagement Martin Luther lebte, wie er seine ganze Existenz für Christus einsetzte, der kann sich nicht in seine klerikale Wohlfühl-Ecke zurückziehen, ob diese nun musikalisch, moralistisch oder fromm ausgestaltet ist. Und diese Anfrage kann einen pietistischen Hauskreis ebenso treffen, wenn er nur unter sich bleiben will, wie die Friedensgruppe, die letztlich nur das Ziel hat, sich die Hände in Unschuld zu waschen, koste es andere was es wolle. Dabei sind beide von ihren Anliegen her erst einmal wertvoll.

Wer das Opfer Ernst nimmt, das Jesus Christus als Zeichen Gottes am Kreuz gesetzt hat, der wird nicht die Hände - angeblich gläubig - in den Schoß legen, um seine Nabelschau zu betreiben. Wir werden bei der Frage nach unserem Handeln immer wieder bei der Frage nach der Verantwortung enden, die keine pauschalen Antworten kennt, die aber fragt: 'Warum bist Du blind gewesen?' Übrigens auch da, wo wir gutes getan haben. Verantwortung kennt die Frage nach Gottes guter Ordnung und nach einer möglichst realistischen Einschätzung der Wirklichkeit, durch die wir die Folgen unseres Tuns möglichst gut im Voraus abschätzen können - immer in dem Wissen um unsere Fehlbarkeit.

Liebe Geschwister im Herrn: Die Bibel beschreibt unser Leben als ein Leben in der Spannung des Heils: Wir dürfen wissen, dass die Sünde keine letztgültige Macht über uns hat, wenn wir eine Beziehung zu Jesus Christus haben und wir ihn als unsere Lebensmitte anerkennen. Gerade deshalb haben wir nie genug getan. Es gibt aber auch nie einen Grund, uns vor Gott selbst aufzugeben. Und doch: Wir können uns nicht auf den Lorbeeren unseren Tuns und Redens ausruhen, ob wir nun Martin Luther oder Mutter Theresa heißen. Am Rand bemerkt: Beide haben dies nie getan, weil Gottes Geist sie zur Tat trieb. Beide haben immer Zweifel gehabt, ob sie genug tun.

So ist Glaube: Er steht immer im Spannungsfeld zwischen der Gnade, die uns in Jesus Christus ein für alle Mal geschenkt ist, und den Ansprüchen, mit denen dieser Jesus Christus ernst macht. Ganz praktisch: 'Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.'

Wir können es ganz kurz sagen: Im Leiden eines jeden Menschen ist Christus gegenwärtig. Und unsere Hilfe zählt. Unsere Hilfe zählt, nicht unsere Gefühlsduselei zur Beseitigung eines moralischen Unwohlseins.

Doch was heißt dies ganz praktisch? Was mache ich, wenn mich in der Stadt ein Wohnsitzloser anhaut: Ham'se mal nen Euro für mich? Ist es da das einfachste oder das schwerste, sich von dem Euro zu trennen? Wie gehe ich damit um, dass das Geld zumindest von vielen in Alkohol oder gar in den nächsten Schuss Heroin umgesetzt wird? Verschaffe ich mir so vielleicht nur ein gutes Gefühl - nach dem Motto: 'Jeden Tag eine gute Tat', um mir auf die Schulter zu klopfen, obwohl mein Geld wohl gar nicht weiter hilft. Oder werfe ich das Geld in die nächste Sammlung der Diakonie oder der Bahnhofsmission - zurecht in dem Wissen, das die gerade solcher schwierigen Kundschaft professioneller helfen können - und ich habe mit dem Elend dieser Menschen überhaupt nichts mehr zu tun? Oder - dritte Variante - frage ich einfach: Wollen Sie etwas zu essen? Oder im Winter: Wollen Sie einen heißen Kaffee? Und dann gehe ich in die nächste Bäckerei - oder muss mich beschimpfen lassen: Das habe sie oder er ja nicht nötig?

Oder gehe ich vorbei, wie ich selber das auch oft tue, weil ich jede Mittagspause in der Reutlinger Innenstadt ein halbes Dutzend dieser Mitmenschen sehe, mich oft hilflos fühle und manchmal auch einfach abgestumpft bin?

Oder muss ich miterleben, wie es mir vor langem einmal in Irland ging, dass ein erbärmlich zerlumptes Kind, kaum hatte ich ihm ein paar Pence geschenkt, zu einem Erwachsenen in einer trüben Ecke rennt und sie abliefert: Zum Betteln dressiert. Oder hilft nicht manchmal ein netter Blick oder ein gutes Wort mehr, als eine überheblich weggeworfene Münze?

Ein anderes Beispiel: habe ich ein Patenkind in der Dritten Welt oder in Osteuropa? Wenn ja: Weil ich von dieser Art der Hilfe überzeugt bin? Oder weil es so anrührend ist, die Dankesbriefe zu lesen? Oder spende ich lieber an Brot für die Welt? Hoch professionell, recht effizient aber eben auch anonym: Ich gebe Geld, erhalte eine Spendenquittung und der Kittel ist geflickt.

Oder schließlich: Packe ich Päckchen für verfolgte Christen, und mache damit manches Mal eine oder einen zum Glücklichen, während andere zuschauen müssen? Schicke ich vielleicht Sachen, die vor Ort billiger zu haben sind oder deren Produktion die örtliche Wirtschaft stärken könnte. Oder bleibe ich wieder anonym mit meiner Spende an 'Hilfe für Brüder' und der obligaten Bescheinigung fürs Finanzamt?

Und es bleibt die Frage: Wo helfe ich persönlich? Helfe ich, da wo es wirklich brennt, in der Stuttgarter Innenstadt beispielsweise. Dort, wo die Irrlichter der Einkaufswelt nicht mehr scheinen? Oder helfe ich den Menschen, die mir gerade so begegnen, weil sie in meinem gut bürgerlichen Viertel leben, noch den Weg zur Haustür finden und irgendwo meine Lebenskreise berühren? Menschen, die aber eben auch da leben, wo ich wirklich helfen kann. Wo ich erreichbar bin. Wo das Wort von der offenen Tür nicht nur eine Phrase bleiben muss. Wo ich als Nachbar manchmal auch Menschen über Jahre begleiten und bewegen kann, die kein Pfarrer, kein Psychologe und kein Sozialarbeiter erreicht!

Ich möchte unser aller Engagement nicht zerreden. Nein! Wo wir als Christen helfen und Hilfe ankommt, da leben wir unseren Auftrag vor Gott, auch wenn dies manchmal ganz unbewusst nebenbei geschieht. Ich möchte nur selber sensibel werden und auch Euch sensibel machen, nicht den einfachsten Weg für uns selbst zu suchen. Dabei mögen, wenn ich in meinem leidenden Gegenüber Christus sehe, drei Maßstäbe hilfreich sein:

1. Persönliche Hilfe ist durch nichts zu ersetzen. Denn sie erreicht den ganzen Menschen.

2. Naives Gutmenschtum zur Vermeidung eigenen Unwohlseins ist Selbstbetrug - und keine Hilfe.

3. Ich habe Grenzen - doch in unserer heutigen Zeit wird oft jedes kleine Unwohlsein bereits als Grenze definiert. Ich kann vielleicht mehr, als ich mir zutraue.

Was also bleibt, ist unsere persönliche Verantwortung. Denn es gibt keine Pauschallösungen. Was bleibt ist Engagement, das nicht nur nach uns selber fragt. Was bleibt, ist manchmal auch Lebenserfahrung - aber wenn möglich ohne Vorurteile, die man und frau im Lauf der Jahre eben auch ansammeln. Was bleibt, sind Situationen, in denen wir geholfen haben, ohne es überhaupt großartig selber wahrzunehmen. Was bleibt ist die Schuld, wo wir unserer Verantwortung nicht gerecht geworden sind, insbesondere dort, wo wir nicht sehen wollten und wollen. Was bleibt, ist Christus, der uns in unserem Versagen trägt, wenn er unser Weg, unsere Wahrheit und unser Leben ist.

Dies alles gilt aber nicht nur in unserem Nahbereich. Die selben Fragen stellen sich, wenn es darum geht, unsere Stadt, unser Land und diese Erde mitzugestalten - jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten. So gedenken wir heute der Verantwortungslosigkeit und Blindheit, die unsere Welt so zernarbt. Wir gedenken an diesem Volkstrauertag auch noch heute, wo es für viele von uns nur noch unbekannte oder doch zumindest verschwimmende Gesicherter sind, der Toten zweier Weltkriege. Zweier Weltkriege, in denen Menschen zu oft meinten, fürs Vaterland zu sterben - und sie mussten ihr Leben doch für das Böse opfern, weil zu viele in diesem Land nicht sehen wollten oder konnten. Wir denken an die Opfer im früheren Jugoslawien, insbesondere bei Massakern wie Srebrenica, die auch deshalb sterben mussten, weil wir im Westen unter dem Einfluss der Friedensbewegung so um unsere persönliche Heile Welt besorgt waren, dass wir wegschauten. 'Stell Dir vor, es ist Krieg - und keiner geht hin', lautete ein Slogan Anfang der Achtziger. Realisten, die nach der Verantwortung und nicht nach der Gesinnung und dem eigenen Wohlgefühl fragen, müssen leider manchmal hinzufügen: 'Stell Dir vor, es ist Krieg - und keiner geht hin - Dann kommt der Krieg zu Dir'.

Gerade mit der Frage der versäumten Verantwortung denken wir jetzt aber auch an den Irak und das Versagen insbesondere der us-amerikanischen Regierung - nicht, weil sie einen Krieg gegen einen Despoten führte und führt. Sondern weil sie ihn mit Lügen und Drohungen gegen den Willen der Völkergemeinschaft vom Zaun gebrochen hat. Und: Weil die US-Regierung diesen Krieg in blinden Machtgier ohne politische Perspektive begonnen hat, ohne danach zu fragen, wie sie ihn beenden kann. Es sei nur daran erinnert, dass die UN unter der Führung der USA 1991 genau deshalb nicht in den Irak einmarschierte, weil absehbar war, dass die Verhältnisse durch den Einmarsch noch schlimmer werden:

Genau diese Situation haben wir heute: Jetzt sterben nach seriösen Schätzungen bei Gewalttaten im ganzen Irak wöchentlich bis zu 1000 Menschen. Jetzt haben die Terroristen ihr Aufmarschgebiet. Jetzt ist die Allianz gegen den Terror schwer beschädigt, weil Verbindungen Husseins zu Terroristen oder der Besitz von Massenvernichtungswaffen bis heute nicht bewiesen sind. Und der Massenmörder Saddam Hussein läuft weiterhin frei herum.

Mir geht es - das mag überraschen - aber nicht um Politik. Mir geht es um die Folgen verschlossener Augen: Weil wir nicht sehen - oder weil wir nicht sehen wollen. Es gehörte ebenso viel Blindheit dazu, auf dem Balkan Frauen und Kindern ihren Schlächtern zu überlassen - übrigens bei weitem nicht nur Serben - wie darauf zu vertrauen, dass die USA unter jeder Regierung ihrer Verantwortung als einzig verbliebener Weltmacht gerecht würden, nur weil Gott angeblich dieses Land segnet. Doch Jesus Christus sagt uns am jüngsten Tag, wenn alle Völker, die ganze Menschheit zu ihm kommt: Da bist Du gewesen - oder da hast Du gefehlt.

Und wo der Menschensohn selber diese Frage stellt, da schützen uns kein vermeintliches Vaterland und kein Patriotismus, da schützt uns keine Bewegung, da schützt uns keine Partei, da schützen uns keine schnell in den Klingelbeutel geworfenen Groschen, da schützen uns keine Heiligen, ja da schützen uns keine christlichen Konfessionen. Hinter all diesen Gebilden können wir uns nicht verstecken.

Wo wir vor Gott Rechenschaft geben müssen, weil wir blind waren, da rettet uns nur Gott selber. Weil er uns liebt, trotz all unserer Schwächen. Weil er uns so liebt, dass er für uns ans Kreuz gegangen ist. Weil er uns so liebt, dass er uns trotz unserer Blindheit in der Auferstehung den Weg in die kommende Welt öffnen will.

Deshalb müssen wir vor Gott nicht zitternd in die Ecke kriechen, wie Martin Luther es tat, bevor er entdecke: Die Liebe Gottes in Jesus Christus ist größer als unsere Schuld.

AMEN


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