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Kurs halten im Glauben - Das Grundbekenntnis des ersten Bundes

Predigt über 5. Mose 6,4-9 am 2.6.02 in Öschingen

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. AMEN.

 

Schema' Jisrael, adonai elohenu, adonai ächad. Diese Worte haben im Mai 1945 einem späteren Fernsehstar das Leben gerettet. Ich weiß nicht, wer unter Euch sich noch an den 1987 verstorbenen Hans Rosenthal erinnert, den Fernsehmoderator von ‚Dalli Dalli' und anderen Radio und Fernsehshows. Mit über 3000 Sendungen war er einer der kreativsten, erfolgreichsten und populärsten Unterhalter im deutschen Funk und Fernsehen. Doch als Jude erlebte er die Jahre bis 1945 anders. Doch es gelang ihm, sich bei mutigen Menschen, meist Frauen, zu verstecken und er kam so nicht ins KZ. Er wurde nach dem Krieg ein Mann der Versöhnung, der den Deutschen trotz vieler bitterer Erfahrungen die Hand reichte.

 

Als Berlin im Mai 1945 von der Russen besetzt wurde, steckte er seinen Gelben Stern an, kam aus seinem Versteck und ging direkt zur Roten Armee. Sofort wurden die Maschinenpistolen auf ihn gerichtet und man wollte ihn erschießen. Denn es hatten wenige Juden mitten in Berlin überlebt. Umso größer war aber die Zahl früherer SS-Männer, die vorgaben, Juden zu sein. Auch ein jüdischer Offizier blieb skeptisch - bis Rosenthal das jüdische Glaubensbekenntnis auf hebräisch sprach: Schema' Jisrael, adonai elohenu, adonai ächad. "Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein!" Selbst als Jude aus einer sehr modernen Familie konnte er diese Worte auswendig. Denn jedes jüdische Kind sollten sie bereits mit drei Jahren kennen.

 

Dieses Bekenntnis steht im Mittelpunkt unseres heutigen Predigttextes aus dem 5. Buch Mose Kapitel 6 Verse 4-9.

 

Höre, Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein! Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein. Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, und du sollst davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du dich hinlegst und wenn du aufstehst. Und du sollst sie als Zeichen auf deine Hand binden, und sie sollen als Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore schreiben.

 

Liebe Geschwister im Herrn. Zentraler geht es nicht - zumindest für einen frommen Juden. Denn er hat den ersten Satz unseres heutigen Predigttextes bereits als kleines Kind gelernt. Er trägt diesen Satz in einem kleinen Kästchen auf der Stirn zwischen den Augen und am Handgelenk. Er schreibt diesen Satz an seine Haustür, spricht ihn - nicht nur - als Morgen- und als Abendgebet. Wenn wir einen einzigen Satz suchen, der Kern des ersten Testamentes ist, dann ist dies das "Schema' Jisrael".

 

Auch für Jesus war dieser Text der Tora zentral: Er beinhaltet auch für ihn das wichtigste Gebot, dem er den Anspruch aus 3. Mose 19,18 "Du sollst Deinen nächsten lieben wie dich selbst" gleichberechtigt an die Seite stellt. Und: Durch Jesus Christus hat Gott uns mit hineingenommen in das wandernde Gottesvolk. Er hat uns unmissverständlich in die Verbindlichkeit und den Segen unseres Predigttextes eingebunden. So kurz, knapp und prägnant kann das zentrale Gebot, das zentrale Bekenntnis, das grundlegende Zeugnis des Glaubens sein. Es ist die Kontrolle, ob der Kurs unseres Lebens stimmt:

 

Vor einiger Zeit bin ich mit Paddelkameraden am Bodensee vom Konstanzer Ufer nach Überlingen gepaddelt, mitten im Winter. Kein Boot war außer unseren drei Kanadiern unterwegs. Es herrschte dichter Nebel mit vielleicht 50 Meter Sichtweite und wir mussten rund zwei Kilometer über offenes Wasser. Während wir rundum von grauen Wänden eingeschlossen paddelten, kam plötzlich ein scharfer Schatten aus dem Nebel: Die Wasserschutzpolizei hatte uns auf dem Radar entdeckt. Sie wollten von uns nur eines wissen: Ob wir Kompasse haben und ob wir den richtigen Kurs kennen. Danach verschwanden sie mit einem freundlichen Gruß. Und eine halbe Stunde später waren wir sicher am anderen Ufer angelangt.

 

Liebe Geschwister im Herrn: Die Bibel ist der Kompass des Glaubens und unser heutiger Predigttext ist ein solcher Kurs, ist die Grundausrichtung für unser Leben: Ganz kurz und knapp - so wie die Polizei damals nur "51° Nordost" hören wollte. Und es ist ebenso katastrophaler Leichtsinn, wenn ich auf einer Bootsfahrt im Nebel den Kurs vergesse wie wenn wir auf dem Weg des Glaubens die Grundausrichtung verlieren.

 

So führt uns unser Predigttext vor Augen, wie ernst die Verankerung des Kurses im Glauben in uns gemeint ist: Gemeint ist die Ausrichtung auf den einzigen Gott JHWH mit unserer ganzen Existenz.

 

Das sind große Worte. Doch hören wir noch einmal hin: Herz, Seele und Kraft sind gefragt, und die Worte haben ihr Ziel auf der Stirn ebenso wie auf der Hand. Das heißt Verstand und Gefühl, Bewusstes und Unterbewusstes, Denken und Handeln sind der Ort dieses Bekenntnisses: "Der HERR ist unser Gott, der HERR allein!"

- Und das erreichen wir nicht durch Nachdenken alleine.

- Das erreichen nicht durch meditative Wiederholung alleine.

- Das erreichen wir nicht durch eine Gefühlswelt alleine.

- Das erreichen wir nicht durch unser Handeln alleine.

- Das erreichen wir nicht durch Gottesdienstbesuch oder Hauskreis oder Missionssonntag oder Diakoniekreis oder Taizé-Gebet oder Lobpreislieder oder politisches Engagement oder christliche Erziehung oder, oder, oder...

 

"Der HERR ist unser Gott, der HERR allein!" das soll die Grundausrichtung schlicht und einfach von allem an und in uns sein. Und da haben Predigt, Meditation, Lieder, Handeln, Kreise, Gottesdienste, Gefühle, Diakonie, Politisches Handeln alle ihren Platz - und noch vieles mehr.

 

Und wir sollen auf dieser Grundlage allem begegnen, was uns umgibt, was uns - ob nah oder fern berührt und so Zeugnis geben.

 

"Der HERR ist unser Gott, der HERR allein!" das umfasst alle Lebensbereiche zu Hause und wo immer wir sind, vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Was für ein Anspruch! Ein Anspruch, an dem wir zerbrechen müssten, wenn er ein zwingendes Gesetz wäre, über das Gott in jeder Sekunde unseres Lebens eine Strichliste führt. Doch wo wir diesen Grund-Kurs des Glaubens immer wieder neu entdecken, nicht als Gesetzt, sonder als Angebot eines Gottes der uns bis ans Kreuz liebt, da sind wir mit Gott unterwegs. So wie es in Psalm 1 heißt: "Wohl dem... der seine Lust hat an der Wegweisung des Herrn und sinnt über seiner Wegweisung Tag und Nacht."

 

Doch das befreit uns nicht davon, uns dieser Welt zu stellen: Ich bereite beispielsweise manche Predigt vor, wenn ich alleine hinterm Steuer sitze und Auto fahre. Doch das befreit mich nicht davon, auf den Verkehr zu achten und wo nötig meine Gedanken völlig darauf auszurichten. Wohl kein Richter würde mir die Entschuldigung abnehmen, ich hätte gerade über meine Sonntagspredigt nachgedacht, wenn bei einem Unfall etwa Menschen zu Schaden gekommen sind - zu Recht.

 

Und - ich habe meine Aufgaben in Familie, Beruf, Gesellschaft - in die Gott mich gestellt hat. Und doch - wir sollten uns selbst in aller Ehrlichkeit Fragen stellen: welche Einflüsse, welche Störungen sind nötig und wo stopfen wir uns mit Gefühlen, Informationen, Gedanken, Aufgaben, Tätigkeiten voll? Wo stopfen wir uns mit etwas voll, was uns vergessen läßsst, auf welchen Kurs des Lebens Gott uns geschickt hat.

 

Zurecht stehen hier an erster Stelle drei Klassiker: Sex, Reichtum, Macht. Doch es kommt manches hinzu - und es ist möglich, mit Sexualität, Besitz und Einfluss sinnvoll umzugehen. So bleiben Fragen. Fragen, die nur Beispiele sind und die jeden von uns vielleicht ein wenig anleiten, den Kurs nicht zu verlieren:

1. Ist mein Beruf für mich ein Weg, den Lebensunterhalt für meine Angehörigen und mich sicherzustellen und in der Gemeinschaft Verantwortung zu tragen - oder ist er ein Droge, die mich aufpeitscht und mit der ich letztlich vor den Maßstäben Gottes Sinnloses oder gar Schlechtes tue?

2. Sind meine Hobbys, ob ich nun paddle oder Obst anbaue, Überraschungseierfiguren sammle oder schnitze, Kegle oder Kochkurse besuche, eine sinnvolle Freizeitgestaltung - oder versuche ich durch sinnlose Aktivitäten die Inhaltsleere meines Lebens vor mir selbst und anderen zu verstecken?

3. Ist der Urlaub Erholung und Zeit für Gemeinschaft - oder ist es letztlich sinnentleerte Zeit, in der ich den Moden und Bedürfnissen des Zeitgeistes hinterher hechele?

4. Ist Sex etwas, was ich mit meinem Partner teile, ein Geschenk Gottes an die unzertrennbare Gemeinschaft von Mann und Frau - oder blockieren sexuelle Phantasien mein ganzes Denken?

5. Ist das Internet eine Informationsquelle und der Computer ein Arbeits- und/oder Freizeitgerät - oder drehe ich mich am Bildschirm nur noch um mich selbst und verstopfe meinen Verstand mit einer sinnlosen Informationsflut?

6. Ist mein Häusle für mich Ort zum Leben - oder kreisen meine Gedanken nur noch um Hypotheken, Baumärkte und Handwerker?

7. Sind meine Kinder eine Aufgabe, die Gott mir für eine gewisse Zeit gestellt hat oder sind sie mein einziger Lebensinhalt, den ich nicht loslassen kann?

8. Ist mein Konto für mich ein Werkzeug zum Leben in unserer Gesellschaft oder fesseln mich Börsenkurse und Kontostände so, dass sie zur Ersatzreligion werden?

9. Macht es mir Freude, etwas sinnvoll zu gestalten und mitzuarbeiten - oder strebt mein Denken nur nach Ruhm, Ansehen, Macht und dem Einsatz der Ellenbogen, um all dies zu erreichen?

10. Ist Fußball etwas, woran Menschen Spaß haben und womit sie sich körperlich fit halten, weil sie ihn spielen, etwa CVJM Öschingen gegen CVJM Derendingen - oder ist er ein Millionen schweres, verlogenes Geschäft, in dem sich der Nationalismus austobt. Ein Geschäft, das Ehen, Familien, Gemeinden spaltet, weil es Kult ist, die Beine vorm Fernseher auszustrecken und zuzuschauen - und nach dem 8:0 gestern gegen Saudi Arabien vielleicht sogar noch zu rufen: "Wir haben gewonnen" - im Sofa?

 

Diese Fragen stellen sich nicht mit erhobenem Zeigefinger. Doch wir müssen entscheiden, was wir in uns hinein lassen, immer mit der Grundfrage: "Was nimmt mich so gefangen, dass ich den Kurs vergesse." Dies ist nichts anderes als die Frage: "Was hat Macht über mich?"

 

Vor dieser Frage können wir nicht ausweichen, in dem wir uns von der Welt zurückziehen. Der Anspruch: "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst," den Jesus mit unserem Predigtext untrennbar verknüpft, weist uns deutlich darauf hin. Wir leben in dieser Welt, wir haben in dieser Welt zu leben, wir haben in dieser Welt unsere Aufgabe und trotzdem ist es an uns, Raum zu lassen für Gott. Trotzdem soll diese Welt nicht Macht über uns haben sondern die sichere Hoffnung auf die kommende Welt. Dabei kann uns das Bekenntnis "Der HERR ist unser Gott, der HERR allein!" leiten.

 

Damit Gott in uns Raum hat, leitet Jesus uns in der Bergpredigt an, uns von den oben genannten und anderen Fragen nicht aushöhlen zu lassen. Er ruft uns zu: "Sorge Dich nicht!"

 

Doch den entscheidenden Schritt tut Gott selber: In dem er durch Jesus Christus die Stossrichtung unseres Predigtextes umlenkt: Eben weg vom Zwang, buchstabengetreu eine Pflicht zu erfüllen - hin zum Weg auf dem Gott selbst uns leitet. Er tut dies, in dem er uns in Christus den Weg der Freiheit zeigt. Er tut dies, in dem er uns durch seinen Heiligen Geist füllt und führt. Wo wir Gottes Heiligen Geist nicht verdrängen sondern in uns wirken lassen, da spricht der Gott JHWH selbst in uns "JHWH ist unser Gott, JHWH allein!" Und er führt uns auf den richtigen Kurs in dieser und der kommenden Welt.

 

AMEN

 


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