Konfessionsverbindende Ehen und Familien sind kein Problem - Sie sind die Lösung

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  • Prof. Dorothea Sattler: Welche Wege führen zur Einheit

    Vortrag von Frau Prof. Dr. Dorothea Sattler auf der Jahrestagung des Netzwerks konfessionsverbinder Ehen und Familien

    Braunfels, 7. Februar 2004


    ... Nie war eine/r allein vor Gott (Silja Walter)

     

    I. BESINNUNG

    1. ... auf die Lebensfragen

    2. ... auf die Mitte des Glaubens

    3. ... auf die Nöte um uns und vor uns

     

     

    II. ERINNERUNG

    1. ... an die Anfänge

    2. ... an die Grundgestalt

    3. ... an die offenen Fragen

     

     

    III. AUSSCHAU

    1. ... nach Antworten

    2. ... nach Mitlebenden

    3. ... nach letztem Halt

     

     

    ... Es könnte viel bedeuten (Ingeborg Bachmann)

    Welche Wege führen zur Einheit?

     

    Sehr verehrte Anwesende, Schwestern und Brüder in der Suche nach Gott -

     

    darf ich so sagen, möchten Sie es? Welche Gestalt soll diese Rede haben - eine mehr fachliche oder auch eine persönliche? Ich versuche - Sie werden es merken - eine Verbindung; und wir haben dann im Gespräch Zeit die unerfüllten Erwartungen auszutauschen ...

     

    Gerade in Ihrem Kreis lag es mir nahe, so zu beginnen, wie es die Themenübersicht ankündigt: mit einem literarischen Text der Schweizer Ordensfrau Silja Walter. Sie erinnert auf ihre Weise an die immer kommuniale, gemeinschaftliche Gestalt der Glaubensexistenz. Alles Nachdenken über die Kirche hat darin seinen Grund: in der Erfahrung so vieler, nur miteinander, nicht ohneeinander Deutungen des im Leben Widerfahrenden im gläubigen Vertrauen wagen zu können - und diese Deutungen miteinander im Leben durchzuhalten, was auch immer je geschieht. Die eheliche Gemeinschaft kann ein solcher Ort des Miteinanders im Glauben sein. Gefährdet bleibt diese Gemeinschaft immerzu - manche unter uns werden es sehr intensiv erfahren haben.

     

    Nie war eine/r allein vor Gott - so beginnt Silja Walter ihre Besinnung auf den Weg des Glaubens - Sie können den Text mitlesen ...

     

    Nie war einer allein vor dir.

    Wir aßen schon vom Totenbaum zu zweit.

    Wir wurden alle vertrieben

    und rannten zusammen hinaus.

     

    Es ging auch nicht einer allein unter,

    als die Flut kam.

    Gleich eine ganze Verwandtschaft

    hast du auf das Schiff gebracht,

    das unter dem Regenbogen

    durchfahren durfte.

     

    Ich meine, Herr,

    wir waren alle schon von Anfang an

    beisammen,

    und du siehst nie einen an,

    ohne uns alle zu sehen

    mit ihm.

     

    Es marschierte auch nicht nur einer

    mit der Teigschüssel auf dem Kopf in die Wüste,

    und keiner ging für sich allein

    zu Fuß durch das Rote Meer.

     

    Du gabst auch keinem

    ganz privat

    dein Gesetz

    am Bundesberg.

    Die Hochzeit war mit der ganzen Gemeinde,

    als Braut.

    Unter Feuerregen und Donner,

    du erinnerst dich.

     

    Es blies auch keiner allein die

    Stadtmauern von Jericho um.

    Man sollte klar sehen.

    Wir waren schon immer zusammen

    unterwegs

    hinter der Lichtsäule her

    in die neue Hochzeit

    auf Golgotha.

     

    Da waren wir wieder alle die Braut,

    unterm Feuerzungenregen und Sturm

    deines Geistes.

    Und da wurden wir endlich,

    was wir immer schon waren.

    Seither bleiben wir,

    zusammen mit dir,

    Herr,

    deine Kirche.

     

    Amen (Silja Walter)

     

    Kirchenerfahrung ist Gemeinschaftserfahrung. Von daher ist es naheliegend, wenn die theologische Tradition von Beginn an die dichte Gestalt menschlicher Gemeinschaftserfahrung in der Ehe als Grundgestalt der Kirche betrachtet hat - als Kirche im Kern, als Kirche im Kleinen, Kirche im Ursprung - Leitbild und Vorbild.

     

    Wir alle wissen, dass die konfessionenverbindende Ehe noch nicht von allen Kirchen als eine Gestalt der Glaubensgemeinschaft betrachtet wird, die dazu berechtigte, alle Bereiche des Glaubenslebens miteinander - offiziell - zu gestalten. Welche Wege führen zur Einheit? Aus meiner Sicht die Wege der Besinnung auf das Wesentliche, der Erinnerung an den Grund der Kirche und der Ausschau nach Zielperspektiven, von denen aus auch die Gegenwart Gestalt annimmt. Besinnung im Augenblick - Erinnerung an Vergangenes - Ausschau nach Zukünftigem: Es ist gewiss nicht zufällig, dass ich bei der Vorbereitung auf diese Rede an die dreifache Dimension menschlicher Zeiterfahrung dachte. Möglicherweise erleben Sie es in den konfessionsverbindenden Ehen, da sie nach einer überzeugenden Gestalt christlicher Glaubensgemeinschaft suchen, besonders stark: Die Lebenszeit ist kurz. Dringlich sind die Fragen. Wahrnehmung der Zeitlichkeit der Existenz bedeutet immer auch Gewahrwerden der eigenen Sterblichkeit.

     

    Welche Wege führen zur Einheit: I. Wege der

     

    I. BESINNUNG

     

    1. ... auf die Lebensfragen

     

    Was sind die Lebensfragen der Menschen? Gibt es überhaupt gemeinsame, universale Fragen des Lebens?

    Ich möchte diese Frage mit den Gedanken eines Menschen beantworten, an den viele Theolog/inn/en im Jahr 2004 anlässig seines 100. Geburtstag erinnern: Karl Rahner. Die von ihm vollzogene anthropologische Wendung der Theologie hat auch in der Ökumene Frucht getragen. Wir gehen gemeinsam von den Fragen der Menschen aus - doch was bewegt Menschen im Tiefsten, wenn sie sich der religiösen Dimension ihres Lebens öffnen?

    Mehrfach kam Karl Rahner in späteren Beiträgen auf sein erstmals Mitte der 60er Jahre formuliertes Wort vom Mystiker als dem Christen der Zukunft zurück. Er erläuterte seine Rede von mystischer Erfahrung als Rede von der "Erfahrung Gottes, seines Geistes, seiner Freiheit, die aus dem Innersten der menschlichen Existenz aufbricht und da wirklich erfahren werden kann, auch wenn diese Erfahrung nicht adäquat reflektiert und verbal objektiviert werden kann. Geistbesitz ist nicht bloß eine Sache, deren Gegebenheit uns von außen lehrhaft indoktriniert wird, sondern die von innen erfahren wird. Der einsame Christ im schweigenden Gebet in der letzten, von niemandem mehr belohnten Gewissensentscheidung, in der unbegrenzten Hoffnung, die sich an keine einzelne, kalkulierbare Versicherung mehr halten muß, in der radikalen Enttäuschung des Lebens und der Ohnmacht des Todes, die willig vorgelassen und angenommen werden, in der Nacht der Sinne und des Geistes (wie die Mystiker sagen) usw. macht die Erfahrung Gottes und seiner befreienden Gnade, vorausgesetzt nur, daß er diese (eben nur angedeuteten) Erfahrungen annimmt und ihnen nicht in einer letztlich schuldhaften Angst davonläuft, selbst wenn er diese Erfahrungen Gottes und seiner Gnade in seiner Transzendenz über alles Einzelne hinaus nicht noch einmal interpretieren und theologisch etikettieren könnte. Aus solcher Einsamkeit ursprünglicher religiöser Erfahrung muß heute der Christ leben"* .

    Der Glaube erwächst aus den Fragen: Welche Voraussetzungen hat das Handeln eines Menschen, wenn dieser etwa zugunsten eines Anderen auf etwas verzichtet, was ihm zumindest im Augenblick einen Lustgewinn bereiten könnte? Was motiviert uns zum Verzicht? Warum erfüllen wir unsere Pflicht? Warum sind wir einander treu? Warum lassen wir uns unsere Lebensmöglichkeiten beschneiden, damit Andere leben können - warum, da wir doch wissen, dass unsere Tage gezählt sind und keine Stunde, kein versäumter Genuß sich uns in derselben Weise wieder bietet?

    Rahner beantwortet diese Frage so: "Der Akt personaler Liebe zum menschlichen Du ist (...) der umfassende, allem anderen Sinn, Richtung und Maß gebende Grundakt des Menschen"** . In der Liebe, in der Offenheit für das Du begegnet der Mensch sich selbst in seiner ganzen Fraglichkeit. Rahner formulierte den Gedanken, Gott habe den Menschen als ein Wesen erschaffen, das sein eigenes Dasein angesichts seiner Endlichkeit und seiner zugleich gegebenen Offenheit auf das Du hin als fraglich erfährt, als in sich nicht lösbar, als Rätsel, das tödlich ist, und als solches eine Suchbewegung auslöst. Gott ist es, der den Menschen als ein solches Wesen erschafft, das auf der Suche ist nach dem Sinn von allem, was ist. Gott legt in den Menschen die Frage nach dem Sinn der Liebe hinein. Gott gibt sich selbst als Antwort auf diese Frage. Gott selbst ist die Liebe: Er selbst ist offen für das Andere. Gott will das Dasein der Geschöpfe. Er genügt zwar sich selbst, will aber das Andere teilhaben lassen an seinem Leben. Menschen vollziehen in ihrem liebenden Dasein die Bewegung Gottes mit, das heile Dasein des Du, des Anderen, zu ersehnen.

     

    Glaubenserfahrungen werden nach dieser mystischen Tradition am intensivsten Liebenden zuteil. Eine Wende ins Existentielle steht in der ökumenischen Theologie an. Und Liebende sind die Vorfühler dieser Wende.

     

     

    BESINNUNG

     

    2. ... auf die Mitte des Glaubens

     

    Die ökumenische Bewegung ist Suche nach der Mitte des Glaubens - miteinander; wenn wir als Getaufte jeder und jede von ihrem Ort aus auf die einende Mitte zuschreiten, dann kommen wir einander näher.

    Auf welche Mitte hin bewegen sich die christlichen Kirchen - wer ist die Mitte? Das 2. Vatikanische Konzil hat einen Weg zur Einheit der Kirchen vorgezeichnet, der sich von dem in der Zeit zuvor leitenden Gedanken der Rückkehr der anderen Christen zur einen röm.-katholischen Kirche deutlich unterscheidet, nämlich den Weg der eigenen Bekehrung, der inneren Erneuerung aller Kirchen in Gestalt einer gemeinsamen Hinkehr zur Mitte des christlichen Bekenntnisses.*** Umkehr der Kirchen. Identität und Wandel im Vollzug der Kirchengemeinschaft, Frankfurt 1994. Die Einheitsvorstellung, die im Hintergrund dieser konziliaren Lehre steht, wurde erstmals 1925 bei der Weltkonferenz für Praktisches Christentum in Stockholm formuliert: Je näher die Christen dem gekreuzigten Christus kommen, desto näher kommen sie auch einander. In den Worten des Konzils lautet diese Vorstellung vom Weg zur Einheit: "Alle Christgläubigen sollen sich bewußt sein, daß sie die Einheit der Christen um so besser fördern, ja sogar einüben, je mehr sie nach einem reinen Leben gemäß dem Evangelium streben" (UR 7).

    Als ausdrücklich von ökumenischer Relevanz werden die Prozesse der geistlichen Erneuerung getrachtet, in denen die röm.-katholische Kirche sich bereits befindet: "die biblische und liturgische Bewegung, die Predigt des Wortes Gottes und die Katechese, das Laienapostolat, neue Formen des gottgeweihten Lebens, die Spiritualität der Ehe, die Lehre und Wirksamkeit der Kirche im sozialen Bereich" (UR 6). Die Forderung nach einer geistlichen Erneuerung der eigenen Kirche ist verbunden mit dem Aufruf, "daß die Katholiken die wahrhaft christlichen Güter aus dem gemeinsamen Erbe anerkennen und hochschätzen (...) Es ist billig und heilsam, die Reichtümer Christi und das Wirken der Geisteskräfte im Leben der anderen anzuerkennen, die für Christus Zeugnis geben, manchmal bis zur Hingabe des Lebens (...). Man darf auch nicht übergehen, daß alles, was von der Gnade des Heiligen Geistes in den Herzen der getrennten Brüder gewirkt wird, auch zu unserer eigenen Auferbauung beitragen kann" (UR 4). Einen besonderen Akzent setzen die Konzilsväter mit ihrem Aufruf zum gemeinsamen sozialen Dienst in den Krisenregionen der Erde im Kampf gegen den Hunger, die Armut, die Wohnungsnot, den Analphabetimus und die ungerechte Verteilung der Güter: "Durch die Zusammenarbeit der Christen kommt die Verbundenheit, in der sie schon untereinander vereinigt sind, lebendig zum Ausdruck, und das Antlitz Christi, des Gottesknechtes, tritt in hellerem Licht zutage" (UR 12).

     

     

    BESINNUNG

     

    3. ... auf die Nöte um uns und vor uns

     

    Es gibt in der ökumenischen Theologie zwei unterschiedliche methodische Ansätze, die beide ihr eigenes Recht haben.

     

    Es ist zum einen wichtig, die "Wunden" anzuschauen, die im geschichtlichen Prozeß der konfessionellen Spaltung gerissen worden sind. Die Fragen, die sich am Anfang stellten, gehen mit durch die Zeit und bleiben bedeutsam: etwa die Christologie im Gespräch mit den altorientalischen Kirchen, die Bedeutung des Bischofs von Rom bei den Dialogen mit der byzantinischen Orthodoxie und mit der Altkatholischen Kirche, die Rechtfertigungslehre im evangelisch-katholischen Dialog. Bei der Behandlung solcher Fragestellungen spielen auch nicht-theologische Faktoren eine wichtige Rolle.

     

    Es ist zum anderen wichtig, gemeinsam nach vorne zu schauen und die Aufgaben anzugehen, die vor uns liegen. Alle Kirchen sind gefordert, sich den Herausforderungen unserer Zeit zu stellen: Wie können die Lebensgrundlagen für alle gesichert werden? Wie ist es möglich, Versöhnung und Frieden unter den Völkern zu erreichen? Warum gelingt es nicht, die Arbeit gerecht zu verteilen? Wer stillt den Hunger und Durst der Bedürftigen? In welcher Weise lassen sich die Verstrickungen lösen, die viele Menschen im Blick auf ihr Leben in Beziehungen empfinden?

     

    Welche Wege führen zur Einheit? Konsensökumene in Lehrfragen oder sozialpolitische Ökumene angesichts der weltweiten Hearusforderungen? Ist es überhaupt angemessen, eine solche Frage alternativ zu stellen?

     

     

     

    II. ERINNERUNG

     

    1. ... an die Anfänge

     

    Die Gemeinschaft der Jünger und Jüngerinnen Jesu findet am Ostermorgen zu einem neuen Bewußtsein ihrer gemeinsamen Identität. Die Zeuginnen und Zeugen des lebendigen Christus befolgen den Auftrag Jesu, sie laufen aufeinander zu und lassen einander teilhaben an der ihnen widerfahrenen Freude. In den Erzählungen von den Erscheinungen des Auferweckten vor den Frauen am Grab (Mk 16), bei Maria aus Magdala (Mk 16; Joh 20), den beiden Gefährten auf dem Weg nach Emmaus (Lk 24), den Jüngern, die sich hinter Türen verborgen hatten (Joh 20) oder zu ihrer ursprünglichen Tätigkeit als Fischer an den See Genesaret zurückgekehrt waren (Joh 21), kommt die Bedeutung, die die Erlebnisse einzelner Menschen für die gesamte Glaubensgemeinschaft haben, eindrücklich zur Sprache. Die kirchliche Tradition hat vor allem in der Gestalt der Maria von Magdala ein Gedächtnis der unlöslichen Verbindung zwischen dem Geschehen der Erwählung zum österlichen, christlichen Glauben und der Sendung zur Verkündigung des Evangeliums bewahrt. Maria wird als die "Apostelin der Apostel" bezeichnet, da sie von dem Auferweckten zu den Jüngern gesandt wurde, um von ihrer Begegnung mit dem auferweckten Christus Zeugnis abzulegen (Joh 20,17f).

    Die rückblickend, im Licht der Ostererfahrung, in den Evangelien überlieferte Gemeinschaft, die Menschen mit Jesus lebten, stellt sich vor allem als Teilhabe an seiner Gottespredigt und an seinem heilenden Wirken dar. Die Jünger und Jüngerinnen begleiten Jesus an die Orte seiner Wirksamkeit und erleben ihn in seiner Bereitschaft, in Taten und Worten das Bild Gottes zu zeichnen, mit dem er sich in tiefster Tiefe vertraut und verbunden weiß. In der Mitte der Botschaft Jesu steht die Rede von Gottes unergründlichem Erbarmen und von seiner unbedingten Forderung der achtsamen Liebe zu allen Mitgeschöpfen. Jesu Gerichtspredigt ist verwandt mit derjenigen des Täufers Johannes. In Jesus war jedoch die Gewißheit groß, Gott werde seine Geschöpfe niemals dem Unheil der völligen Gottesferne preisgeben. In diesem Vertrauen hat Jesus auch seinen Tod mit hoffender Zuversicht annehmen können.

    In zeichenhaften Handlungen stellte Jesus den Menschen vor Augen, daß Gott ganzheitliches Heilsein seiner Geschöpfe möchte.

    Besonders achtsam ging Jesus mit Menschen um, die wenig Anerkennung von ihren Mitmenschen erfahren haben, weil sie durch ihren Beruf oder durch ihr öffentlich bekanntes Fehlverhalten als Sünder und Sünderinnen galten. Jesus hat gerne mit ihnen Mahl gehalten, mit ihnen gesprochen, sich ihnen zugewandt. Er ließ die, die ihn auf seinem Weg begleiteten, an diesem Geschehen teilhaben. Gemeinsam erlebten sie die Mahlgemeinschaft als ein Zeichen der Versöhnung, als Beginn einer neuen Zeit, in der aus der Erfahrung der Anerkenntnis der eigenen Person und ihrer Lebensgeschichte die Kraft erwachsen konnte, eine entscheidende Umkehr im Leben zu vollziehen.

    Viele, die Jesus auf den Wegen durch Galiläa begleitet haben, verloren angesichts des in Jerusalem drohenden Todesurteils den Mut, sich zu ihm zu stellen. Im Sterben durchlitt Jesus die Tiefe der menschlichen Einsamkeit. Gott allein hatte er noch als Vertrauten. Seine Liebe zu den Menschen gab er dennoch nicht auf. Die zeichenhafte Deutung seines blutigen Lebensendes als Stiftung des unverbrüchlichen Bundes zwischen Gott und seinen Geschöpfen ist der Erweis des Vertrauens Jesu, Gott werde seine Bereitschaft, den Menschen selbst in dieser Not liebend verbunden zu bleiben, anerkennen. Jesus stirbt als ein gottesfürchtiger Gerechter, der sein Leiden nicht zum Anlaß nimmt, den Menschen feindschaftlich gegenüberzutreten. Sein bis in die tiefste Tiefe des Todes hinein gemeinschaftstreues Leben ist der personale Erweis, daß die Hoffnung auf Gott, der sich seiner sündigen Schöpfung erbarmt, nicht trügerisch ist.

     

    ERINNERUNG

     

    2. ... an die Grundgestalt

     

    Darin sind sich alle christlichen Kirchen einig: Die Kirche Jesu Christi ist die eine, heilige, katholische und apostolische Gemeinschaft der Getauften. Miteinander sprechen alle Christen mit den Worten des Glaubensbekenntnisses von Konstantinopel (381) von diesen vier Wesenseigenschaften der Kirche: Die Kirche ist eins in ihrem göttlichen Grund, heilig in ihrem Streben nach einem gottgefälligen Leben, katholisch in der Ausführung ihrer gottgewollten Sendung in alle Welt und apostolisch in ihrem Zeugnis für die Wahrheit des Osterglaubens: Gott hat Christus Jesus von den Toten erweckt.

    Einheit: Vielfalt in Gemeinschaft

     

    Es ist ein Verdienst der Ökumenischen Bewegung, bei ihrer intensiv betriebenen Suche nach dem rechten Verständnis der christlichen Einheit zu erkennen, daß mit ihr nicht "Einheitlichkeit", nicht "Uniformität" in den Ausdrucksgestalten des Glaubens gemeint ist. Die Vielfalt birgt einen großen Reichtum: Die Sprachen, die Gesänge und die Bewegungsformen in den Gottesdiensten können unterschiedlich sein. Es gibt mehrere, gleichberechtigte Wortgestalten, in denen der eine christliche Glaube zum Ausdruck kommen kann. Legitim ist die Vielfalt der kirchlichen Lebensformen, solange diese als kulturspezifische, situationsbezogene, aktuelle Darstellungen des Wesens der einen Kirchen zu erkennen sind. Aber die Kirche darf sich nicht in eine unverbundene Vielheit auflösen. Welche Gestalt der Einheit darf nicht preisgegeben werden?

     

    Heiligkeit: Berufen zu einer besonderen Liebe

     

    Heilig ist die Kirche durch ihre Erwählung durch den heiligen Gott zu einem heiligen, zu einem besonderen Dienst. Der Verfasser des 1. Petrusbriefes sagt es im Sinne Gottes so: "Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat" (1 Petr 2,9). "Heilig" ist nicht einfach ein Gegenbegriff zu "sündig". Heilig werden in den biblischen Schriften diejenigen genannt, die Gott teilhaben läßt an der Erkenntnis der tiefen Andersartigkeit seines Wesens: an der Erkenntnis von Gottes Liebe zu den Sünderinnen und Sündern, seinem Erbarmen für die Schwachen, seiner Treue zu den Bundesbrüchigen. Heilige werden von Gott dazu berufen, lebendige Zeugen, sichtbare Zeichen seiner eigenartigen, besonderen Liebe zu den Geschöpfen zu sein.

     

    Katholizität: Sendung in alle Welt

     

    Der Begriff "katholisch" wird von vielen Christen als eine Konfessionsbezeichnung wahrgenommen. Um dieses Mißverständnis zu vermeiden, ist es in ökumenischen Gesprächen üblich, von der römisch-katholischen Kirche zu sprechen, wenn der Teil der Christen benannt werden soll, der sich in besonderer Weise mit dem Bischof von Rom verbunden weiß. Vor allem die orthodoxen Kirchen legen großen Wert darauf, daß ihnen "Katholizität" zugesprochen wird, dieser Würdename der Kirche also nicht von der römisch-katholischen Kirche allein beansprucht wird. Die "Katholizität" der Kirche (von griechisch "katholos" - "allumfassend", "für alle" und "mit allen") besteht in ihrer an allen Orten des Erdkreises von Gott gewünschten Präsenz zur Erfüllung ihrer universalen Sendung zur Verkündigung des Evangeliums in aller Welt.

    Der Grund der Sendung der Kirche in alle Welt liegt in Gottes universalem Heilswillen, der schöpfungstheologisch begründet ist: Der Schöpfer von allem, was ist, trägt selbst Sorge dafür, das alles zu seiner Erfüllung finden kann. Die ersten Kapitel der Bibel lassen Gott als ein Wesen in Erscheinung treten, das alles im Guten begonnen hat und dann bitter erfahren muß, daß Mißtrauen, Angst und Neid Menschen in die Sünde treiben. Gott hält trotz seiner inneren Anfechtung, ob er nicht besser das gesamte Menschengeschlecht wieder vernichten solle (Gen 6,5-7), daran fest, seinen Geschöpfen das Leben zu erhalten.

     

     

    Apostolizität: Dem Anfang treu bleiben

     

    Die Zeit der Apostel ist die Zeit des Ursprungs des christlichen Bekenntnisses. Mit der Kennzeichnung der Kirche als "apostolisch" bringt das Glaubensbekenntnis zum Ausdruck, das der biblisch bezeugte Anfang der Kirche ihr in aller Zeit wirksames Leitbild bleibt, das sie sich beständig zu vergegenwärtigen hat. Alle christlichen Kirchen streben danach, das Zeugnis der Apostel zu bewahren. Die christliche Glaubensgemeinschaft beruft sich auf die Glaubwürdigkeit dieses Zeugnisses - des Osterzeugnisses.

    Das Neue Testament kennt unterschiedliche Verwendungsweisen des Begriffs "Apostel". Engere und weitere Begriffsbestimmungen werden vorgenommen : Paulus bezeichnet all diejenigen als Apostel, die dem auferstandenen Christus begegnet sind. Auch er ist ein Apostel, selbst wenn er Jesus zu seinen Lebzeiten nicht kannte. Apostel sind im weitesten Sinn auch die Frauen und Männer, die Paulus aussendet, um vor Ort beim Aufbau der Gemeinde behilflich zu sein durch ihre Gnadengaben, ihre Charismen. Der Evangelist Lukas identifiziert die Apostel mit den zwölf Jüngern Jesu. Er betont damit den engen Zusammenhang zwischen dem Wirken Jesu vor seinem Sterben und dem Verkündigungsdienst der nachösterlichen, apostolischen Glaubensgemeinschaft. Gemeinsam ist allen Gestalten des neutestamentlichen Apostolats eine dienende Existenzweise: Apostel sind "Gesandte", zu den Menschen Gesandte, um ihnen das Evangelium Gottes zu verkündigen.

     

     

    ERINNERUNG

     

     

    3. ... an die offenen Fragen

     

    ... im Kirchenverständnis

     

     

    Die erste offene Frage:

     

    (1) Ist die bewußte Gemeinschaft der Getauften an ihren Lebensorten für die Bewahrung des Glaubensleben so wichtig, daß ein Nebeneinander christlicher Gemeinden in versöhnter Verschiedenheit bei den liturgischen Feiern, im Verständnis der Diakonie und der Katechese oder Mission nicht die letzte Zielgestalt der Ökumene sein kann?

     

    Die zweite offene Frage:

     

    (2) Werden zu den amtlichen Diensten in der Gemeinde solche Menschen unmittelbar berufen, die sich als begabt für die Bewältigung der gerade anstehenden Aufgaben erwiesen haben oder gibt es so etwas wie die bleibende Berufung, die feste Bereitschaft und die von Gott zugesagte dauerhafte Befähigung zu einem Leitungsdienst auch im Gegenüber zur christlichen Gemeinde? Leiten sich die Dienstämter allein von den wechselnden Erfordernissen einer konkreten Gemeinde ab oder gibt es eine göttliche Sendung berufener Menschen zur erinnernden Vergegenwärtigung des Christus-Ereignisses auch in Gestalt einer Zurechtweisung, Korrektur, Mahnung und Neuorientierung der Glaubensgemeinschaft?

     

    Die dritte offene Frage:

     

    (3) Welche Aufgabe hat das überregional tätige Aufsichtsamt, die episcopè, das Bischofsamt, wenn es nach dem Leitbild der neutestamentlichen Schriften gestaltet wird? Sind einzelne Menschen in der Gesamtheit der Glaubensgemeinschaft von Gott berufen, die Kirche in ihrer Einheit zu bewahren - nicht nur über die Räume hinweg, sondern auch durch die Zeiten? Wer ist berufen, das Christusgedächtnis authentisch zu bewahren? Genügt es, sich auf die Wirksamkeit des Geistes Gottes im je aktuellen Moment der Wortverkündigung zu verlassen? Wer prüft die Schriftgemäßheit der evangelischen Lehre vor Ort in den Gemeinden?

    Die vierte offene Frage:

     

    (4) Was geschieht, wenn ein einzelner, berufener, gewählter Mensch vor der Welt für das Evangelium im Namen aller eintritt? Soll es möglich sein, daß einem einzigen Menschen von Gott zugesagt sein könnte, die Schrift für die gesamte Glaubensgemeinschaft verbindlich auszulegen? Oder gibt es eine irreduzible Subjektpluralität, die unaufgebbare Notwendigkeit einer Gemeinschaft bei der Suche und beim Finden der für alle verbindlichen Wahrheit des Evangeliums? Läßt sich die Wahrheit nur in Gemeinschaft finden und bewahren - auch in Krisensituationen, in denen die Identität der Gemeinschaft in Frage steht? Oder gibt es Momente, in denen es wertvoll ist, daß einer für alle Glaubenden spricht, ausspricht - öffentlichkeitswirksam - hörbar, was alle Christen glauben? Braucht es ein personales Zeichen der bereits bestehenden Einheit aller Getauften oder ist es angemessener, darauf zu hoffen, daß sich die eine Wahrheit Gottes in der Vielgestalt der Stimmen immer wieder wirksam zu Gehör bringt?

     

     

     

    III. AUSSCHAU

     

    1. ... nach Antworten

     

    Ich bin der tiefen Überzeugung, daß wir über die Bedeutung der Ortsgemeinden für das Glaubensleben weiterhin sprechen müssen. In vielen Beiträgen zur Frage der Eucharistie- und Abendmahlsgemeinschaft ist nach meiner Wahrnehmung die Lebenssituation der getauften Christinnen und Christen "vor Ort" wenig im Blick. Auch das in evangelischen Überlegungen oft favorisierte Modell der "eucharistischen Gastfreundschaft" geht von der fortbestehenden Existenz mehrerer Gemeinschaften von Getauften "vor Ort" aus. In Achtung der biblischen Tradition ist es jedoch anzuzielen, daß Menschen, die sich zu Christus Jesus bekennen und in der Taufe an der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott Anteil haben, an ihren jeweiligen Lebensorten alle Gestalten des kirchlichen Daseins teilen: einander dienen, einander Zeugen sind und miteinander Gottes Gedächtnis feiern. Die Kirche ist Gemeinschaft der Getauften an den Lebensorten - und dann erst, dann gewiß auch Gemeinschaft der Gemeinschaften - der ortskirchlichen Gemeinschaften.

    Erfahrbar - sichtbar - wirksam kann die Kirche nur in einer Gemeinschaft von Menschen werden, die sich im Raum - an den Lebensorten - begegnen. Bliebe die Kirche rein "unsichtbar" - bestünde sie nur in geistlichem Sinn, wäre sie nie leibhaftig erfahrbar, nie konkret, dann wäre sie unwirksam. An ihren Lebensorten suchen Menschen nach Trost, nach Rat und nach einem Halt in den Abgründen der zeitlichen Existenz. In den überschaubaren Lebensräumen, die Menschen in ihrem Alltag erfahren, auf immer mehrere Varianten des Christlichen zu leben und keine Versammlung an einem Ort zu einer Gemeinschaft des Erzählens, des Suchens, des Fragens, kein gemeinsames Gedächtnis der Großtaten Gottes anzustreben - das kann meines Erachtens nicht das letzte Ziel der Ökumene sein.

     

    Die Confessio Augustana - der viel besprochene Artikel sieben dieser lutherischen Bekenntnisschrift - sagt, Kirche sei dort, wo das Wort Gottes rein - lauter - verkündet werde, und die Sakramente in rechter Weise gefeiert werden - dies genüge, satis est. Manche Ausleger dieses Textes ziehen daraus die Konsequenz, das kirchliche Amt gehöre aus reformatorischer Sicht nicht zu den Wesenskennzeichen der Kirche. Wer aber wacht über die Lauterkeit der Wortverkündigung? Wer entscheidet, ob die Sakramente - Taufe und Eucharistie - dem Evangelium gemäß gefeiert werden?

     

     

    Viele römisch-katholische Theologinnen und Theologen betrachten es als ein Zeichen der Hoffnung, daß seit vielen Jahren - vor allem in Europa und in den USA - auch innerreformatorische Bemühungen um die Wiedergewinnung des biblisch begründeten, altkirchlich geformten, dreigestaltigen Amtes zu erkennen sind. Auch in der schwierigen Frage der "apostolischen Sukzession" im Bischofsamt zeichnen sich Lichtpunkte am ökumenischen Horizont ab: Gemeinsam sind wir der Überzeugung, daß Gottes Geist der Garant der Verbindung zwischen der apostolischen Zeit und der Gegenwart der Kirche ist; ge-meinsam sprechen wir von der Kette der Handauflegungen als einem sichtbaren Zeichen für das Bemühen um die Apostolizität der Kirche; wir alle wissen darum, daß die Berufung auf eine lückenlose, episkopale Sukzession bereits im Altertum der Verteidigung der Rechtmäßigkeit der eigenen Position diente - historisch ist sie nicht gesichert; gemeinsam sind wir daher der Überzeugung, daß die Lösung dieser Problematik in einer theologischen Argumentation zu suchen ist. Und das heißt aus römisch-katholischer Sicht: Wir müssen über die Bedeutung des Bischofsamtes im Geschehen der Überlieferung des apostolischen Erbes nachdenken - gemäß der Heiligen Schrift und in anerkennender Achtung der Erfahrungen in der kirchlichen Tradition.

     

    Die Wahrnehmung der Lebensgestalt der Christen ist nicht unerheblich für die Frage, wer "Kirche im eigentlichen Sinne" ist. Zur Kirche als Zeichen des Reiches Gottes gehört nicht nur die Zeichenhaftigkeit ihrer Institutionen, sondern auch die des Lebenszeugnisses ihrer Glieder. Der Erweis der Wahrheit der Kirche durch die Praxis, durch das Handeln kann nicht übergangen werden. Die Bestreitung der Apostolizität eines bis zum Martyrium bereiten evangelischen Dienstamtes - mir scheint, mit dieser Argumentation kommen wir in der Ökumene auf Dauer nicht durch...

     

    Die wohl bedeutenste Annäherung der Konfessionen, die durch eine Besinnung auf die eine Wirksamkeit des Geistes Gottes erreicht werden konnte, ist die im Schriftverständnis und bei der Schriftauslegung. Gemeinsam beschreiben wir heute die Bibel als schriftgewordene Überlieferung; die Schrift ist selbst Tradition - geistgetragene Deutung der geschichtlichen Widerfahrnisse zum Zeugnis für Gott. Gemeinsam vertrauen wir auf die Gegenwart des Geistes in dem nie abgeschlossenen Prozeß der Auslegung der Schrift. Die Einsicht in die unlösliche Verbundenheit von Schrift und Tradition trennt uns nicht mehr - wohl aber die Frage, nach welchen Kriterien, durch welche Instanzen zu prüfen wäre, ob die kirchliche Traditionsbildung schriftgemäß geschieht. Nicht eine Mehrheit oder Minderheit kann entscheiden, was wahr ist - so sieht es auch Martin Luther; Christus allein und sein lebendiges Wort sind das Kriterium der Wahrheit. Aber wer erkennt die Wahrheit? Die Synoden der Landeskirchen? Zumindest haben in ihnen alle Menschen eine mitverantwortliche Stimme, über die entschieden wird - Männer und Frauen, die getauften Gemeindemitglieder auch ohne kirchliches Amt.

     

    Das Vertrauen, das die römisch-katholische Kirche in diesem Geschehen auf die Wirksamkeit des Geistes Gottes in einer Person - dem Bischof von Rom - setzt, bedarf eines Grundes, eines Erweises, einer Absicherung durch Argumente und auch durch den Verweis auf Erlebnisse. Wer wollte bestreiten, daß dem Papst als dem Sprecher der Christenheit mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als irgendeinem anderen einzelnen Christenmenschen? Johannes Paul II. hat alle Christinnen und Christen mehrfach dazu eingeladen, über die künftige Gestalt seines Dienstamtes nachzudenken. Wir sollten sein Anliegen aufgreifen.

     

     

     

     

     

     

    AUSSCHAU

     

    2. ... nach Mitlebenden

     

    Viele in der ökumenischen Bewegung engagierte Theologinnen und Theologen schöpfen ihre Kraft zu diesem Dienst aus der Quelle erlebter geistlicher Gemeinschaft. In immer wieder überraschender Form wird in der gottesdienstlichen Feier die bereits bestehende geistliche Gemeinschaft der Christen erlebbar. Das Gedächtnis des göttlichen Grundes der Suche nach theologischer Erkenntnis wird bei ökumenischen Begegnungen in menschlichen Worten ausdrücklich.

    Ich erinnere an ein eigenes Erlebnis: An einem Morgen im April 1999 trafen wir uns in Frankfurt, um in einem Kreis evangelischer und katholischer Theologinnen und Theologen die letzten Vorbereitungen für ein ökumenisches Forum zur Frage der kirchlichen Ämter auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag im Juni desselben Jahres in Stuttgart zu treffen. Wir begannen mit Liedern und Gebeten. Unter diesen war eines, das mich in besonderer Weise anrührte. Gemeinsam sprachen wir Gott an mit den Worten: "Du hast das Leben allen gegeben, gib uns heute dein gutes Wort. So geht dein Segen auf unsern Wegen, bis die Sonne sinkt, mit uns fort. Du bist der Anfang, dem wir vertrauen, du bist das Ende, auf das wir schauen. Was immer kommen mag, du bist uns nah. Wir aber gehen, von dir gesehen, in dir geborgen durch Nacht und Morgen und singen ewig dir. Halleluja"****.

    Im Gebet geschieht Gedächtnis der in Gottes schöpferischem Wirken gegründeten Zeit der Menschen. Am Morgen und am Abend wird die Bedrohung des Daseins durch den Tod besonders bewußt. Diese Zeiten laden dazu ein, sich gemeinsam des Ursprungs und des Ziels des Daseins zu vergewissern. Gottes Weggeleit in seinem Wort ist Trost und Mahnung zugleich. Die Versammelten wissen sich für ihr Handeln verantwortlich vor Gott. Die in der Anrufung des göttlichen Namens erfahrene Gegenwart Gottes verwandelt die Anwesenden: aus Streitbaren werden Versöhnliche, aus Resignierenden werden Mutige, aus Ungeduldigen werden Zuhörende.

    Es spricht manches dafür, daß Menschen, die sich einmal entschieden haben, ihr theologisches Wirken in den Dienst der Förderung der Einheit der Christen stellen zu wollen, diesem Entschluß treu bleiben, weil bei ökumenischen Begegnungen oft auf erschütternd eindrückliche Weise bewußt wird, welches Geheimnis die Mitte der christlichen Glaubens bildet: Gottes Gutheißung des Lebens - des Lebens selbst der Sünderinnen und Sünder. Der oft mit großer Heftigkeit ausgetragene kontroverse Streit um theologische Einzelpositionen findet im gemeinsamen Gotteslob immer wieder zu einer Ruhe, die neue Tatkraft weckt.

     

     

     

    AUSSCHAU

     

     

    3. ... nach letztem Halt

     

     

    Ausschau nach letztem Halt bedeutet aus meiner Sicht, die österliche Mitte des Glaubens zu vergegenwärtigen. Wir könnten uns verstärkt um eine gemeinsame christliche Feier des Ostergeheimnisses bemühen, konkret: Riten, Gebräuche, Gebete, Liturgien, Zeichenhandlungen kennenlernen, die christliche Glaubensgemeinschaften in den österlichen Tagen leben; Initiativen fördern, gerade in der Passions- und Fastenzeit sowie in den Kar- und Ostertagen ökumenische Begegnungen zu gestalten; das Taufgedächtnis in der Feier der Osternacht in besonderer Weise hervorheben; im Bildungsbereich Fragen der Erlösungslehre in ökumenischer Gemeinschaft bedenken; den Dienst der Versöhnung und der Sündenvergebung als gemeinsames ökumenisches Anliegen ausgestalten; aufmerksam werden darauf, wie groß die Suche der Menschen ist, in der Erwartung des Sterbens den Trost des Evangeliums von der Auferstehung der Toten zugesprochen zu bekommen; ökumenische Initiativen fördern, die sich dieser Herausforderung stellen (z.B. Trauerräume für früh verwaiste Eltern, Hospizarbeit, Gespräche mit Beerdigungsinstituten). Ich meine, wir brauchen einen neuen Aufbruch zu einer paschatischen Ökumene, die den Menschen in ihren existentiellen Nöten mit Gottes Verheißung unverlierbaren Lebens - in Sünde und Tod - begegnet.

     

     

     

    ... Es könnte viel bedeuten (Ingeborg Bachmann)

     

    Die Dichterin Ingeborg Bachmann***** umschreibt diese existentiellen, uns umtreibenden Fragen mit folgenden Worten:

     

    Es könnte viel bedeuten: wir vergehen,

    wir kommen ungefragt und müssen weichen.

    Doch daß wir sprechen und uns nicht verstehen

    und keinen Augenblick des andern Hand erreichen,

    zerschlägt so viel: wir werden nicht bestehen.

    Schon den Versuch bedrohen fremde Zeichen,

    und das Verlangen, tief uns anzusehen,

    durchtrennt ein Kreuz, uns einsam auszustreichen.

     

    Zwei Fragen bewegen die Menschen: Woher kommen wir und wohin gehen wir? Und: Wie gelingt menschliches Verstehen, Zueinanderstehen, Anerkenntnis des Daseinsrechts der Anderen? Ingeborg Bachmann ist skeptisch. Wir sprechen und verstehen uns nicht, in keinem Augenblick erreichen wir die Hand der Anderen; das Verlangen, tief uns anzusehen, geht oftmals ins Leere - wird bedroht von der Neigung zur Selbstnichtung, dem Kreuz, sich einsam ausstreichen zu wollen, die Unzulänglichkeit des eigenen Daseins einzig durch Selbstabwertung als erträglich zu gestalten.

    Christen geben auf diese Fragen eine andere Antwort. Christen sprechen gemeinsam Gottes Antwort nach; Gott sagt in Christus Jesus: Du - Du Welt und Du Mensch - Du sollst sein auf ewig. Du - jeder und jede von euch - ihr seid nicht zufällig da. Du bist gewollt und Du bleibst bestehen. Ich, Gott selbst, reiche Dir meine Hand. Wenn Du glaubst, wenn Du mir vertraust, wirst Du auf ewig leben. Nun geh' und zeige den Anderen Dein Verlangen nach tiefem Verstehen! Reich' ihnen Deine Hand! Schau sie an und achte sie! Anfanghaft wird es gelingen - hier und heute bereits. Gottes Reich ist gegenwärtig. Da ist Kirche - Kirche erfahrbar immer in Beziehungsgestalt.

     

    * Karl Rahner, Zur Theologie und Spiritualität der Pfarrseelsorge, in: ders., Schriften zur Theologie 14 (1980) 148-165, hier 161f.

    ** Karl Rahner, Über die Einheit von Nächsten- und Gottesliebe, in: ders., Schriften zur Theologie 6 (21968) 277-298, hier 288.

    *** Den konziliaren Gedanken der Frderung der christlichen Gemeinschaft durch eine Hinkehr zur Mitte des Glaubens hat die Groupe des Dombes in einer 1991 im französischsprachigen Original erschienenen Studie entfaltet: Vgl. Gruppe von Dombes,

    **** Gottesklang. Das kleine Liederbuch zum Kirchentag Stuttgart 1999, Stuttgart 1998

    ***** Ingeborg Bachmann, Werke. Hg. von Christine Koschel u.a., Bd. 1 (München 1978)

     

     

    Literaturhinweise

     

     

    Taschenlexikon Ökumene. Im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) herausgegeben von Harald Uhl gemeinsam mit Athanasios Basdekis, Dagmar Heller, Klaus Lefringhausen, Konrad Raiser, Barbara Rudolph, Dorothea Sattler, Hans Jörg Urban und Klaus Peter Voß (Frankfurt / Paderborn 2003)

     

    Christoph Dahling-Sander / Thomas Kratzert (Hg), Leitfaden Ökumenische Theologie (Wuppertal 1998)

     

    Peter Lüning, Ökumene an der Schwelle zum dritten Jahrtausend (Regensburg 2000)

     

    Peter Neuner, Ökumenische Theologie. Die Suche nach der Einheit der Christen (Darmstadt 1997)

     

    Konfessionskundliches Institut (Hg), Was eint? Was trennt? Ökumenisches Basiswissen. Arbeitshilfe für evangelische Gemeinden (Göttingen 2002)

     

    Michael Meyer-Blanck / Walter Fürst (Hg), Typisch katholisch - typisch evangelisch. Ein Leitfaden für die Ökumene im Alltag (Rheinbach / Freiburg 2003)

     

    Thomas Gerlach, Evangelischer Glaube. Basisinformationen und neue Zugänge (Göttingen 2002)

     

    Reinhard Frieling, Der Weg des ökumenischen Gedankens (Göttingen 1992)

     

    Georg Hintzen / Wolfgang Thönissen, Kirchengemeinschaft möglich? Einheitsverständnis und Einheitskonzepte in der Diskussion (Paderborn 2001)

     

    Ferdinand R. Gahbauer, Der orthodox-katholische Dialog (Paderborn 1997)

     

    Konrad Raiser / Dorothea Sattler (Hg), Ökumene vor neuen Zeiten. FS Theodor Schneider zum 70. Geburtstag (Freiburg-Basel-Wien 2000)

     

    Michael Kappes / Michael Faßnacht (Hg), Grundkurs Ökumene. Ökumenische Entwicklung - Brennpunkte - Praxis. 2 Bde. (Kevelaer 1998)

     

    Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Dominus Iesus. Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche (6. August 2000) = Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 148

     

    Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis. Ein Votum zum geordneten Miteinander bekenntnisverschiedener Kirchen. Ein Beitrag des Rates der EKD (Hannover 2001) = EKD Texte 2001







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