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Erfahrungen mit der Stille vor Gott

Eine Einladung

Stille stand für mich am Anfang meines Wegs mit Gott. 1972 war ich als dreizehnjähriger Schüler das erste Mal in Taizé und durfte dort in der Gebetsstille wie Elia entdecken, dass Gott mich nicht in den lauten Sensationen, im Lärm unserer Zeit oder auch im Aktionismus mancher Evangelisation ansprechen wollte. Es war die Begegnung jenes sanften Hauchs der Stille (1. Kö. 19), in der ich erfahren habe: ER will mich als Teil seines großen Volks, als Teil des Leibes Christi.

So wurden Tage oder Wochen der Stille zu einer zentralen Lebensquelle für mich und sind es bis heute. Und aus dieser Erfahrung lade ich Christinnen und Christen zum still werden ein. Zur morgendlichen oder abendlichen Zeit der Stille komme ich persönlich allerdings durch den familiär-beruflich-chaotischen Lebensalltag praktisch nie. Doch ich bin überzeugt, dass es nicht um die Frage geht, wann oder mit welcher Technik wir schweigen. Entscheidend ist, dass wir im Schweigen Raum zulassen für das Wort von Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi, das Gott mit seinem Geist in uns lebendig werden lässt.

Wer sich so mit einem Bibelwort auf den Weg mit Gott macht, der kann stehen, sitzen, knien, liegen, wandern, singen oder ein einzelnes Bild betrachten. Wir können Entspannungs- oder Konzentrationstechnik nutzen. Jeder und jede darf eigene Methoden entdecken.

Aber entscheidend ist es, Anstöße biblischer Texte mitzunehmen. Denn ohne Inhalt wird Schweigen zum Selbstzweck, zu Selbstversenkung und Weltflucht. Dabei mag uns Dietrich Bonhoeffer einen Anstoß geben: "Es ist nicht nötig, dass wir in der Meditation darum bemüht sind, in Worten zu denken und zu beten. Das schweigende Denken und Beten, das nur aus dem Hören kommt, kann oftmals förderlicher sein." Das heißt aber auch, dass wir immer wieder feststellen werden: Meine Gedanken schweifen ab. Das macht nichts, solange es Punkte gibt, an denen ich mich wieder mit Hilfe des Bibeltextes sammele. Wer anfängt, solches Abgleiten durch systematisches Denken zu verhindern, der fixiert sich auf sein Denken und nicht auf Gott. Wir dürfen aber - geleitet von Gottes Wort - sein wie wir sind. Und das heißt in unserer Welt für die meisten: Aufgewühlt, mit Informationen und Aufgaben überflutet. All das dürfen wir vor Gott legen, im Vertrauen darauf, dass er das Gefäß der Stille füllt.

Wo wir so Raum schaffen für Gottes Geist, da geschieht auch immer wieder die Begegnung mit dem Unberechenbaren, mit dem Ungeahnten, mit dem Unfassbaren. Und das kann brutal sein. Es kann zutiefst alles erschüttern, wenn in einer Zeit der Stille alles seinen Wert verliert, was mir so wichtig scheint. Und doch: Gott will uns in solchen Zeiten neu auf sich ausrichten. Das erschüttert und zerbricht alte Krusten, damit neues geistliches Leben in uns aufbrechen kann.

Während meines Studiums stieß ich in Bibel und Kirchengeschichte immer wieder auf die Früchte der Stille: Elia am Horeb, Jesus in der Wüste, in Gethsemane und an vielen anderen Bibelstellen, Paulus im Gefängnis. Und auch die wichtigen Anstöße der Kirchengeschichte kamen von einzelnen aus ihrem Glauben: Oft war die Stille der Ausgangspunkt des geistlichen Neuanfangs: Luthers Turmerlebnis, bei dem ihm die Rechtfertigungslehre im Kloster bewusst wurde, war das Ergebnis der Anfechtung und des Wortes Gottes in der Stille. Es war der Anfang der Reformation. John Wesley nahm sich jeden Morgen eine Stunde Zeit der Stille. Bonhoeffers wichtigste Anstöße entstanden in der Stille des Gefängnisses. Die Beispiele lassen sich über Benedict, den Begründer des Benediktiner-Ordens, die pietistischen Väter mit ihrer Zeit der Stille, Roger Schütz, den Begründer von Taizé und Mutter Theresa fortführen. Sie alle durften in der Stille die Gegenwart Gottes und seine Berufung entdecken.

So sind Orte der Stille und des Zuhörens gerade in einer Zeit des Internet, der Events, der Medienflut dringend nötig. Mit Schweigetagen oder Wochenenden wie am 17. und 18. November 2000 und mit der Komplet, die wir nach Abschluss der Kirchenrenovierung und nach den Sommerferien wieder jeden Dienstag um 21:30 Uhr in der Galluskirche beten, hat das Schweigen vor Gott seinen festen Platz in unserer Galluskirche. Jede und jeder - ob jung oder alt - ist herzlich eingeladen.

 

Jörg Beyer








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